Ausgabe 12/2014 - Schwerpunkt Genuss

Genuss-Verzicht

Stufen der Askese

Christentum

Moderne Christen haben sich an vergleichsweise wenige Regeln zu halten. Die wichtigsten beinhalten die Zehn Gebote. Sie untersagen unter anderem Lügen, Stehlen, Töten und Ehebrechen. Auch sollen sich Christen auf die Anbetung eines einzigen Gottes beschränken. Das Zinsverbot des Alten Testaments hat heute keine Bedeutung mehr; es wurde zuletzt im Kirchlichen Gesetzbuch von 1917 erwähnt.

Buddhismus

Die fünf Sittenregeln der Buddhisten verbieten ebenfalls Diebstahl, Mord und Sex außerhalb der Partnerschaft. Außerdem sind berauschende Substanzen zu meiden. Strengeres gilt für Novizen: Ihnen sind unter anderem Schmuck, Parfüm, Gesang, Tanz, Abendessen und Sex im Allgemeinen verboten. Ordinierte Mönche haben sich an 227 Vorschriften zu halten.

Judentum

Wie für Christen gelten die Zehn Gebote auch für Juden. Dazu kommen die Regeln des Talmuds, der Grundlage des jüdischen Rechts. Dort wird beispielsweise die alttestamentarische Weisung „Du sollst ein Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen“ wörtlich ausgelegt, woraus sich die jüdischen Speisegebote ableiten. Insgesamt werden im rechtlichen Teil des Talmuds, der Halacha, 365 Verbote und 248 Gebote aufgeführt.

Islam

Die beiden wichtigsten Quellen des islamischen Rechts, Koran und Sunna, haben einen umfassenden Regelungsanspruch. Entsprechend lang ist die Liste der Verbote. Neben Alkohol, Blut, Schweine- und Raubtierfleisch sind auch Nebenprodukte vom Schwein wie die Gelatine zu meiden. Das Zinsverbot wird im Islam heute streng ausgelegt. Doch es gibt bewährte Umgehungsgeschäfte wie den Sukuk, die sogenannte Islamische Anleihe.

Vegetarismus

Vegetarier verzichten auf jede Art von Lebensmittel, bei dessen Herstellung Tiere sterben. Ihre Motivation ist vielfältig und reicht von der Gesundheit über die Ökologie bis zur Moral. Etwas weniger streng leben Lakto-Vegetarier, die sich Milchprodukte zugestehen, Lakto-Ovo-Vegetarier, die zudem Eier essen, und Pescetarier, bei denen auch mal Fisch auf den Teller kommt.

Veganismus

Veganer sehen das strikter. Sie verzichten auf jegliches Produkt vom Tier. Das reicht vom Lederschuh über Kosmetik aus Tierversuchen bis zum Medikament mit Gelatine-Anteil.

Fruganismus

Frutarier essen nur, was geerntet werden kann, ohne die Stammpflanze zu verletzen: also Nüsse und Früchte. Knollen, Blätter und Wurzeln sind verboten. Mancher Frutarier beschränkt sich auf Fallobst, weil das nicht gepflückt werden muss. Als Motivation nennen viele die gesteigerte Naturverbundenheit. Allerdings ist es nicht leicht, auf diese Art satt zu werden.

Straight Edge

Anhänger dieser Lebensform richten sich nach einer Strophe der Punk-Band Minor Threat: „Don’t smoke / don’t drink / don’t fuck / At least I can fucking think.“ Das Revolutionäre dieser Regeln ist weniger ihr Inhalt als das Umfeld, dem sie entspringen: der Punk-Szene der Achtzigerjahre. Zu deren herausstechenden Merkmalen zählten Trunkenheit, Drogenrausch und häufig wechselnde Partner. Mit ihrem Verzicht auf Exzess wollten die Straight Edger zurück zum politischen Inhalt.

Salafismus & Co.

Im Gegensatz zu den übrigen islamischen Rechtsschulen erkennen Salafisten nur den Lebenswandel des Propheten Mohammed, seiner Gefährten und der folgenden drei Generationen als rein an. Nur wer heute genauso lebe wie sie damals, handle im Sinne Gottes. Dazu zählt unter anderem das Essen mit nur drei Fingern, das dreimalige Absetzen des Wasserglases beim Trinken und das Zähneputzen mit einem Zweig des Miswak-Baumes. Koran und Sunna werden wörtlich ausgelegt. Ähnlich fortschrittsablehnend lebt die christliche Glaubensgemeinschaft der Amischen, die vorwiegend in Nordamerika siedelt und die, weil sie technischen Fortschritt kritisch sieht, zum Beispiel auf die Gummibereifung ihrer Kutschen verzichtet.

Jainismus

Zu den Grundregeln dieser indischen Religion gehört die Gewaltlosigkeit gegenüber allem Lebendigen. Jeder Verstoß verunreinigt die Seele. Die Gewaltlosigkeit beginnt schon bei Kleinstlebewesen, weshalb mancher Jain Mundschutz trägt und bei jedem Schritt den Boden vor sich kehrt, um keine Mikroben zu verletzen. Selbstverständlich essen Jains vegetarisch; da aber auch Pflanzen leben, besteht die höchste Form der Askese im reglosen Dasitzen bis zum freiwilligen Verhungern in Leidenschaftslosigkeit. ---

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