Ausgabe 12/2014 - Korrespondentenbericht aus Südafrika

Jugendorchester El Sistema

Der Heilige der Hedonisten

• Ein strahlender Sonntagnachmittag im Frühlingsmonat Oktober. Von der Veranda des Nachbarhauses dringt schallendes Gelächter zu mir herüber: Ricky Mdlalo hat mal wieder Gäste eingeladen. Er ist, was man in Südafrika einen „schwarzen Diamanten“ nennt: ein gut betuchter dunkelhäutiger Regierungsbeamter, der ein feines Haus mit atemberaubendem Rundblick bewohnt und eine silberne Limousine fährt. Hätte sie damals wählen können, sagt meine Tochter, hätte sie sich dunkelhäutige Adoptiveltern ausgesucht: „Die wissen besser zu leben.“

Da hat sie recht. Wenn ihr protestantisch erzogener Vater ans Genießen denkt, sieht er sich im heimischen Sessel mit einem Glas Rotwein Felix Mendelssohn Bartholdy hören oder bei einem Tête-à-Tête in einer Bar. Auf alle Fälle aber im Privaten – als ob es sich beim Genießen um etwas Verbotenes handelte.

In Afrika wird dieser Impuls sogar noch verstärkt. Schließlich lebt die Mehrheit der Bevölkerung in Armut: Genuss scheint es hier nur in Verbindung mit Scham zu geben. Im Urlaub treibt es die bleichen Kapbewohner Hunderte von Kilometer weit mit ihren SUVs in den Busch, um dort die Freude am Leben wieder zu entdecken. Im Geheimen.

Erreicht dagegen ein schwarzer Südafrikaner ein fürs Dolce Vita nötiges Existenzniveau, will er das auch zeigen. Das beginnt bei der Wahl des Beförderungsmittels, gern ein BMW, auch Black Men’s Wish genannt. Ein beliebtes Urlaubsziel ist der Lido in Durban, den man sich gern mit zehntausend Gleichgesinnten teilt. Und das Dinner nimmt man in einem angesagten Restaurant ein, wo man ohne zu murren stundenlang an der Bar auf einen Platz wartet – und von allen gesehen wird. Das wird auch „conspicious consumption“ genannt. Und der nationale Champion des „auffälligen Konsumierens“ heißt Kenny Kunene.

Dafür, dass er drei Tage lang durchgefeiert hat, sieht der Playboy bei unserem Treffen im „News Café“ noch sehr aufgeräumt aus. Neben ihm hat seine Freundin Platz genommen, die seine Tochter sein könnte und die kommenden zwei Stunden mit ihrem Spielzeug, einem diamantenbesetzten Handy, beschäftigt ist. Kunene hat in den vergangenen vier Tagen seinen 44. Geburtstag gefeiert, und zwar – wie er seinem Spitznamen Sushi King schuldig ist – mit seinen Lieblingsgerichten: Lachs-Maki, Thunfisch-Sashimi und Garnelen-Nagiri. Die Leckerbissen naschte Kunene der japanischen Nyotaimori-Tradition folgend von den entblößten Körpern zweier Models: Im Nachtclub „Taboo“, zu dem das Geburtstagskind im goldenen Rolls-Royce vorgefahren war, floss dazu der Moët & Chandon in Strömen. Wie jedes Jahr berichtete die Presse in aller Ausführlichkeit über die extravaganten Eskapaden des Neureichen: Kenny Kunene ist zweifellos der bunteste Vogel im südafrikanischen Celebrity-Zirkus.

Der Lebemann wurde in einem Provinznest von seiner bettelarmen Mutter allein aufgezogen. Bereits als Schüler war er in den illegalen Goldhandel verwickelt, später tüftelte er sogenannte Pyramiden-Modelle aus, die ihm zwar kurzfristig Geld, aber längerfristig eine Haftstrafe wegen Betrugs eintrugen. Im Gefängnis lernte er mit dem Bankräuber Gayton McKenzie einen ähnlich ehrgeizigen Ganoven kennen. Nach ihrer Freilassung verdingten sich die beiden erst als Motivationsredner und später als Berater von Bergbaugesellschaften. Damals hatten die Konzerne mit der Umsetzung der Black-Empowerment-Gesetze zur bevorzugten Berücksichtigung schwarzer Miteigentümer, Manager und Zulieferfirmen Schwierigkeiten. Dank seiner Cleverness und seiner Beziehungen zur Regierungspartei manövrierte Kunene die Firmen aus der Gefahrenzone. Dafür wurde er großzügig entlohnt – die Grundlage für sein heutiges Playboy-Leben war gelegt.

Bei der Frage, ob er angesichts der allgegenwärtigen Armut im Land kein schlechtes Gewissen verspüre, gerät Kunene erst richtig in Fahrt. Warum ich diese Frage nicht Japanern stelle, bei denen der Genuss von Sushi-Häppchen auf nackten Frauenkörpern gang und gäbe sei, kontert er. Auch ich sei offenbar der Meinung, Schwarze dürften ihr Leben nicht genießen. Er habe es satt, sich von anderen vorschreiben zu lassen, wie er mit seinem Wohlstand umzugehen habe. „Ich habe meinen ersten Geburtstag mit 40 gefeiert. Und ich hoffe, noch viele andere so ausgelassen wie möglich zu zelebrieren.“

Seine armen schwarzen Mitbürger haben jedenfalls nichts dagegen: Wo auch immer Kunene in seinem Porsche oder Lamborghini auftaucht, wird er jubelnd und mit Autogrammwünschen empfangen. „Ich bin ihr Held“, sagt er, „ich lebe ihren Traum und mache ihnen Hoffnung.“ Der „Meister des Blings“ hat das ostentative Genießen zum politischen Programm erhoben. Sein Vorbild ist weder Nelson Mandela noch Barack Obama, sondern der Playboy-Gründer Hugh Hefner. Man kann Kunene verachten, wenn er sagt, dass die Bekämpfung der Armut nicht seine, sondern die Aufgabe der Regierung sei. Doch warum ihm mehr Verantwortung zukommen soll als etwa dem zurückgezogen lebenden weißen Diamantenkönig Nicky Oppenheimer, einer der reichsten Männer am Kap, muss man sich als Gegenfrage gefallen lassen.

Im Gefängnis habe er gelernt, dass das Wichtigste im Leben der Genuss desselben sei, sagt Kunene: „Warum haben wir schwarzen Südafrikaner für unsere Freiheit gekämpft, wenn wir sie jetzt nicht genießen sollen?“ Mein protestantisches Über-Ich flüstert mir zu, dass mit Mendelssohn-Bartholdy genossener Rotwein moralisch höherwertiger sei als von nackten Frauenbäuchen aufgepickte rohe Lachs-Scheibchen. Doch einen Beweis dafür habe ich in meiner Luther-Bibel bisher nicht gefunden. ---

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