Ausgabe 12/2014 - Korrespondentenbericht

Genuss in Frankreich

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag

• Ich lasse mich häufig einladen. Zum Beispiel dazu, an der Endstation einer Metrolinie auszusteigen. In Frankreich legt man großen Wert auf höfliche Umgangsformen. Wenn sich in Paris die U-Bahn der Endstation nähert, flötet deshalb aus den Waggon-Lautsprechern eine freundliche Frauenstimme: „Les passagers sont invités à descendre.“ Wörtlich übersetzt werden wir also eingeladen, die Bahn zu verlassen. Ein simples „Endstation. Bitte alle aussteigen!“ würde als ausgesprochen ruppig empfunden.

In Hochgeschwindigkeitszügen führen jedes Jahr viele Tausend Geschäftsreisende dienstliche Telefonate notgedrungen auf der Toilette. Ein Verbot, die Gespräche in den Waggons zu führen, würde den Staatsbahnern nie über die Lippen kommen. Die „Einladung“, es zu unterlassen, ist aber unmissverständlich.

Solche Floskeln sind Teil des französischen Savoir-vivre. Im Ausland verwendet man diesen Begriff häufig – und fälschlicherweise –, um eine in erster Linie auf Genuss ausgerichtete Lebensart der Franzosen zu beschreiben. Gern auch verknüpft mit der Vorstellung von einem Überfluss, wie er einst am Hof der Könige gepflegt wurde. Der Ausdruck „Leben wie Gott in Frankreich“ ist im so gepriesenen Land selbst gänzlich unbekannt.

Geradezu höfisch aber sind die Benimmregeln geblieben. Tatsächlich ist Savoir-vivre eine Art französischer Knigge für gute Manieren im täglichen Umgang miteinander. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass es dem Genuss höchst abträglich ist, einen „guten Appetit“ zu wünschen. Denn das wäre ja so, als würde man den Umsitzenden eine gute Verdauung mit dem entsprechenden Resultat wünschen. Man wartet einfach, bis die Dame des Hauses zum Besteck greift und beginnt dann auch zu essen.

Auch junge Männer halten einer Frau in Frankreich – wieder – die Türen auf, lassen ihr beim Betreten des Aufzugs den Vortritt und finden es eher ungewöhnlich, wenn ein aus Deutschland eingereistes Exemplar im Restaurant mit ihnen halbe-halbe machen will oder gar sagt: Heute bin ich mal dran mit Zahlen. „Frauen ließen sich gern hofieren“, schreibt Laurence Caracalla in ihrem Ratgeber „Le Savoir-vivre Pour les Nuls“ (Savoir-vivre für die Nieten). Das Buch ist von 2011, also kein Schinken von anno dazumal. Das war allerdings nicht immer so. Nach 1968 wurde solches Gebaren als Zeichen männlichen Dominanzstrebens gebrandmarkt. Schon in den Achtzigerjahren setzte aber eine Rückbesinnung auf die alten Werte ein. Seither ist die Galanterie erneut Teil von Benimmkursen.

Seit einer solchen Unterweisung, die mein Leben in Frankreich erleichtern sollte, leite ich Telefongespräche mit der standardmäßigen Frage ein, ob ich auch bestimmt nicht störe. Wenn ich mich auf der Straße nach dem Weg erkundige, mache ich das nicht mehr nach guter deutscher Art mit einem „Entschuldigung, wissen Sie vielleicht …“, sondern schicke eine Begrüßung voraus. Gerade wenn der Gefragte ein Polizist ist, kann es mir nämlich sonst leicht passieren, dass er mir erst einmal unverkennbar vorwurfsvoll ein „Bonjour“ entgegenschmettert.

In Zeiten von E-Mail und SMS wird auch in Frankreich so manche Höflichkeitsform bis zur Unkenntlichkeit verkürzt. Je ranghöher oder älter der Adressat, desto wichtiger ist es dennoch immer noch, Sätze zu drechseln, die einer gewissen Unterwürfigkeit nicht entbehren. Ein „Ich bitte Sie, mein Herr /meine Dame, meine vorzügliche Hochachtung anzunehmen“ als Grußformel am Ende eines Briefes kann Türen öffnen.

In den vergangenen Jahren habe ich aber auch französische Firmenchefs erlebt, die allseits einen guten Appetit wünschen, und Parteivorsitzende, die ihren Teller schräg stellen, um die Soße bis auf den letzten Tropfen auszutunken, oder den Wirtschaftsminister einen „Schweinehund“ nennen – mit der Begründung, das bringe etwas Menschliches in die demokratische Debatte.

Einen Fehltritt von präsidialem Ausmaß erlaubte sich der amtierende Staatschef François Hollande: Am Tag der Amtsübergabe im Mai 2012 verabschiedete er sich am Eingang des Élysée-Palastes brüsk und verschwand ins Innere, noch ehe sein Vorgänger Nicolas Sarkozy und dessen Ehefrau Carla Bruni vom Hof gefahren waren. Bruni hat inzwischen mehrfach versichert, dass sich ihr Chanson über den „Pinguin, der nicht die Manieren eines Schlossherrn hat“, nicht auf Hollande beziehe. Ihr Nicolas, der einen pöbelnden Besucher einst bei der Landwirtschaftsmesse mit einem „Hau ab, du armer Depp“ von dannen schickte, war auch kein Leuchtturm des Savoir-vivre.

Im Frankreich der Krisenjahre ist es eben auch um die Sitten nicht mehr immer gut bestellt. Contenance bewahrt, wer eine wütende Debatte mit einem „Je vous souhaite une bonne journée“ beendet. Je nach Tonlage wünscht man seinem Gegenüber damit nämlich keinen schönen Tag, sondern die Pest an den Hals.

Ich habe mir jedenfalls angewöhnt, etwas dicker aufzutragen und überschwänglicher zu formulieren, weil allzu deutsche Sachlichkeit leicht als kühles Desinteresse interpretiert werden könnte. Mein Gegenüber genießt es einfach, gebauchpinselt zu werden. Dann bin ich eben begeistert, glücklich oder jemandem zu unendlichem Dank verpflichtet.

Umgekehrt ist es aber auch ganz ratsam, nicht jeden Begeisterungsausbruch und jedes Kompliment für bare Münze zu nehmen. Selbst einer Liebeserklärung kann bald der Bruch folgen – formvollendet, versteht sich. „Die Kraft meiner Gefühle ist erschöpft“ wäre dann eine passende Schlussformel. Oder auch „Es fehlt der Funke, der alles zum Einsturz bringt“. Zum Glück, könnte der schnörkellose Deutsche ironisch entgegnen, wenn er sich das Szenario bildlich vorstellt. Aber der Franzose genießt das Savoir-vivre eben bis zum letzten Akkord. ---

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