Ausgabe 12/2014 - Blick in die Bilanz

Tesco Geschäftsbericht

Kassensturz

Über viele Jahre konnten deutsche Handelsketten von Gewinnen, wie Tesco sie einfuhr, nur träumen. Die Briten wiesen bis Ende vergangenen Jahres regelmäßig eine operative Gewinnmarge (operativer Gewinn im Verhältnis zum Umsatz) von rund fünf Prozent aus. Hierzulande sind zwischen zwei und drei Prozent üblich – und so machten sich Lidl und Aldi daran, den lukrativen britischen Markt zu erobern, mit einigem Erfolg. Sie halten gemeinsam mittlerweile einen Anteil von acht Prozent. Dass Tescos Gewinnmarge unverändert blieb, wunderte viele. Im September stellte sich heraus: Sie war geschönt.

Um 263 Millionen Pfund mussten die Briten die jüngsten Halbjahreszahlen korrigieren: Um 118 Millionen Pfund geringer fiel der Bruttogewinn (Gross Profit) nach korrekter Anwendung der Bilanzierungsvorschriften aus, hinzu kamen Korrekturen in Höhe von 70 und 75 Millionen Pfund für die Vorjahre. Zudem sank der Umsatz auf 30,5 Milliarden Pfund, sodass unterm Strich nur noch ein Gewinn von gerade sechs Millionen Pfund bleibt. Um der Finanzwelt eine bessere Marge vorzugaukeln, hatte man bei Tesco offenbar über Jahre zu einem alten Buchhaltertrick gegriffen: dem freizügigen Umgang mit der zeitlichen Zuordnung von Erträgen. So wurden Rabatte des Großhandels offenbar verfrüht als Einnahmen verbucht, obwohl erkennbar war, dass Tesco die vereinbarten Verkaufsziele gar nicht erreichen würde.

Der Verkauf bei Tesco stottert schon länger, das Umsatzwachstum im jüngsten vollen Geschäftsjahr betrug gerade 0,3 Prozent – wenn man dem Unternehmen glauben darf. Im Geschäftsbericht 2013 verwiesen PricewaterhouseCoopers (Abschlussprüfer von Tesco seit 30 Jahren) bereits auf ein „risk of manipulation“ bei Rabattzahlungen, weil Tesco die relevanten Zahlen nicht aufschlüsseln wollte – eine Praxis, die in Europa an der Tagesordnung ist, in den USA hingegen nach mehreren milliardenschweren Skandalen verboten wurde. Auch bei Tesco könnten die Summen, um die es geht, noch steigen. Mittlerweile ermittelt das Serious Fraud Office, die für schwere Betrugsdelikte zuständige britische Behörde.

Was auch immer die Ermittler herausfinden, fest steht: Das mittlerweile ausgetauschte Tesco-Management verfolgte schon lange eine riskante Strategie. Um sich Geld für die Expansion zu beschaffen, verkaufte die Firma in großem Stil Supermärkte und leaste sie zurück. Die Leasing- und Mietkosten verzehnfachten sich in den vergangenen zehn Jahren. Solange die deutschen Discounter noch nicht in Großbritannien aktiv waren, konnte Tesco die steigenden Kosten durch hohe Preise auffangen, ohne Kunden und damit Umsatz zu verlieren. Doch die Zeiten sind lange vorbei. Der operative Cashflow sank unter die für Investitionen nötigen Mittel. Trotzdem wurden die Aktionäre weiter mit einer hohen Dividende bei Laune gehalten.

Es wird schwierig Tesco zu sanieren. Einerseits wollen die Briten künftig mehr Qualität liefern, das Personal in den Läden aufstocken, die Produktqualität verbessern; andererseits müssen sie die Preise senken, wollen sie wettbewerbsfähig bleiben. Beides gleichzeitig können sie sich eigentlich nicht leisten, denn es bedeutet steigende Kosten bei zunächst geringeren Erlösen. Diese Konstellation kann bei einem ohnehin ertragsschwachen Unternehmen wie Tesco leicht zu Verlusten führen, was wiederum die schlechte Bonität der Kette weiter angriffe. Sie hat 7,5 Milliarden Pfund Nettoschulden. Die Zinskosten von 301 Millionen Pfund fressen schon jetzt 87 Prozent des Betriebsgewinns von 347 Millionen auf. Ein Trost ist einzig der immer noch hohe Marktanteil von 29 Prozent in Großbritannien. Für manche ist das zu wenig. Großaktionär Warren Buffet hat alles verkauft. ---

Der Ursprung von Tesco ist ein Marktstand im Londoner East End, mit dem Gründer Jack Cohen 1919 begann. Das erste eigene Produkt war eine Teemischung, die er Tesco Tea nannte, eine Kombination aus den Initialen seines Lieferanten T. E. Stockwell und dem eigenen Namen. Cohen baute eine Ladenkette auf, brachte sie 1947 an die Börse und stellte ein Jahr später als einer der ersten Händler auf Selbstbedienung um. Heute ist Tesco mit einem Jahresumsatz von mehr als 70 Milliarden Pfund nach Wal-Mart die zweitgrößte Supermarktkette der Welt. Der Konzern beschäftigt 530 000 Mitarbeiter in 12 Ländern.

Mehr aus diesem Heft

Genuss 

Schnell noch ein Schiff bauen

Kreuzfahrtunternehmen fragen sich, was ihren Passagieren übermorgen gefallen wird. Hier einige Antworten.

Lesen

Genuss 

Kindergeburtstag für Manager

Wenn Firmen heute feiern, soll sich das morgen amortisieren. So artet Spaß in Arbeit aus.

Lesen

Idea
Read