Ausgabe 06/2014 - Schwerpunkt Geld

Wuppertaler SV

Ganz normaler Wahnsinn

 

 

• Velbert, Langenberger Straße 32. Ein Büro mit Blick auf Fabrik- und Lagerhallen. Friedhelm Runge wirft eine Magnesiumtablette ins Wasserglas und mäandert durch das Who is Who des deutschen Fußballs. Rudi Assauer, sein Freund. Rudi Völler, ein guter Bekannter. Felix Magath, toller Typ. Über den Innenhof dröhnen schwer beladene Lastwagen. Und, sagt Runge, das wolle er unbedingt loswerden: „Der Uli Hoeneß, der hat mich immer unterstützt, wenn ich ihn brauchte.“

Runge, 75, ist geschäftsführender Gesellschafter der Emka Beschlagteile GmbH & Co. KG. 1972 kam er als achter Mitarbeiter des Unternehmens nach Velbert. Heute beschäftigt Emka 1400 Menschen in weltweit 25 Niederlassungen, Jahresumsatz 240 Millionen Euro. Leute, die ihn kennen, umschreiben ihn gern mit Attributen wie knorrig, hemdsärmelig, eigenwillig. Vor allem aber fußballverrückt. Weshalb Runge 21 Jahre lang versucht hat, sein kaufmännisches Talent auf einen Sportverein zu übertragen. „Ich wollte“, sagt er, „dem WSV helfen, ich wollte ihn zum Erfolg führen, damit solch ein Traditionsverein wieder nach oben kommen kann.“

Wuppertal, Am Clef 58 – 60, 7. Stock, die Dachterrasse eines Penthouse. Alexander Eichner steckt die Hände in die Hosentaschen und referiert über die Geschichte der Stadt. Das deutsche Manchester. Geburtsort von Friedrich Engels, der Bayer AG und Pina Bauschs Tanztheater. Über die Wupper rumpelt die Schwebebahn. „Wenn man jemanden fragt, was er von Wuppertal weiß“, sagt Eichner, „kommt zuerst die Schwebebahn, dann Pina Bausch.“ Man kommt zunächst nicht darauf, was an dritter Stelle steht.

Eichner, 55, ist ein kräftiger Mann mit kahl geschorenem Kopf. Sein Vater Opernregisseur, die Mutter Schauspielerin, er selbst hat Betriebswirtschaftslehre und Politologie studiert. Nach Anstellungen bei unter anderem Bertelsmann, Sony und KPMG macht er sich 1989 selbstständig. Seine Firma nennt er Transition-Manager. Die Verwandlung eines Unternehmens, informiert seine Website, sei ihm besonders beim Wertpapierhändler Spütz AG gelungen, aus dem Eichner eine Beteiligungsgesellschaft machte, aber auch bei der Sanierung und dem Verkauf des Bankvereins Werther. Ein Wegbegleiter aus der Zeit bei Bertelsmann lobt Eichners Talent als Netzwerker, seine „zupackende Art“ und „hohe Durchsetzungskompetenz“. Dass auch er fußballverrückt ist, dokumentieren in seinem Penthouse zahlreiche Vitrinen mit Zinnfiguren, alten Stollenschuhen, Lederbällen. An den Wänden Plakate, eine gerahmte Eintrittskarte des WM-Finales von 1954. Und so landet auch Eichner da, wo Runge vorher schon war: „An dritter Stelle der Dinge, die man über Wuppertal weiß, steht der WSV.“

WSV steht für Wuppertaler Sportverein. Der WSV ist, was zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, zusammenbringt. Oder besser gesagt trennt. Runge ist ein impulsiver Erzähler, der schon mal den Faden verliert und dem Kraftausdrücke nicht fremd sind. Eichner ist ein eloquenter Dozent, der es geschickt versteht, zum Punkt zu kommen, wenn es sein muss mit Charts auf seinem Laptop und Zitaten des Philosophen Ernst Bloch.

Der eine, Runge, war bis Januar vergangenen Jahres Präsident des WSV. Der andere, Eichner, ist seit Mai 2013 Sprecher des neuformierten dreiköpfigen Vorstands des WSV. Und weil dieser als eine seiner ersten Amtshandlungen ein Insolvenzplanverfahren beantragte, ist dies mehr als eine Geschichte über Gewinnen und Verlieren, was im Sport immer dazugehört. Es ist eine Geschichte über Eitelkeiten, Schuldzuweisungen und Streitigkeiten, die inzwischen auch die Gerichte beschäftigt. Es ist aber vor allem ein Lehrstück über den Umgang mit Geld im Fußballgeschäft.

Fußball ist teuer, und das Geld ist schnell weg

Wenn Friedhelm Runge über das Geld spricht, das er dem WSV hat zukommen lassen, kann einem schwindlig werden. 300 000 Mark Spende hier; eine Bürgschaft über einen hohen sechsstelligen Betrag dort; 200 000 Euro für den Umbau des Stadions; 200 000 Euro ans Finanzamt; 900 000 Euro Bürgschaftskredit, um die Lizenzvergabe nicht zu gefährden. Und so weiter. Mindestens eine Million jährlich, schätzt Runge, hätten er und seine Freunde jährlich in den Verein gesteckt. Nicht ganz freiwillig, wie er versichert. „Ich habe immer gesagt, wenn es jemand besser macht, trete ich zurück, aber außer Wichtigtuern und Lautsprechern, die sich mit meinem Geld profilieren wollten, habe ich keine Interessenten getroffen.“

„Ohne die Finanzierung von Herrn Runge“, sagt Alexander Eichner, „hätte der WSV die vergangenen 20 Jahre vermutlich nicht überlebt.“ Allerdings mit ambivalentem Ergebnis. Der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Lothar Stücker musste, nachdem er 2011 Finanzvorstand wurde, feststellen, „dass der Verein bilanziell massiv überschuldet war und nur aufgrund der Sicherheiten durch Herrn Runge kein Insolvenzfall vorlag“. 80 bis 90 Prozent des Budgets, sagt Stücker, seien von Runge, Emka und mit Emka verbundenen Firmen oder Runges Freunden finanziert worden. Es sei daher unvermeidlich gewesen, das Insolvenzplanverfahren zu beantragen, nachdem Runge ausgeschieden war und seine Zahlungen einstellte.

„Wir müssen jetzt auf null stellen“, sagt Eichner, „und von vorn anfangen.“ Wenn es nach ihm geht, könnte dieser Weg sogar vorbildhaft sein für die Branche. „Unser Ziel ist, anhand des WSV zu zeigen, dass eine solide gemanagte Planinsolvenz im Rahmen eines klaren Restrukturierungsplans auch bei Fußballvereinen funktioniert.“ Der WSV, so Eichner, wäre damit der erste Fußballverein Deutschlands, dem das gelänge. Die Wuppertaler Lokalausgabe der »Westdeutschen Zeitung« sprach bereits vom „Wunder von der Wupper“.

Der Wuppertaler SV, Vereinsfarben Rot-Blau, wurde 1954 gegründet und entwickelte sich schon bald zum Stolz des Bergischen Landes. 1972 stieg der Verein in die Bundesliga auf, erreichte in der darauffolgenden Saison Platz vier und qualifizierte sich damit für die Teilnahme am Uefa-Cup. Doch schon 1975 folgte der Abstieg. Danach ging es im Zickzack durch die Spielklassen, wenngleich mit unaufhaltsamer Tendenz nach unten. Der letzte Abstieg aus der dritten Liga liegt vier Jahre zurück. Seit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens, das einen Zwangsabstieg nach sich zog, spielt der WSV in der fünftklassigen Oberliga Niederrhein. Die Gegner dort heißen SV Hönnepel Niedermörmter, TuS Bösinghoven oder SC 1911 Kapellen-Erft.

Der WSV ist kein Einzelfall. Traditionsclubs in Not gibt es viele im deutschen Fußball. Wer einmal oben war, will wieder dorthin zurück. Koste es, was es wolle. Und sei es die Existenz. Zuletzt gerieten Alemannia Aachen, Kickers Offenbach oder der MSV Duisburg durch ihre finanzielle Schieflage in die Schlagzeilen. Rot-Weiß Essen, Rot-Weiß Oberhausen oder der SSV Ulm sind ebenso im sportlichen Niemandsland verschwunden wie Viktoria Köln oder der KFC Uerdingen, der vor seinen wiederholten Insolvenzen noch Bayer Uerdingen hieß. Und man muss nicht lange spekulieren, was aus dem VfL Osnabrück geworden wäre ohne das Millionendarlehen der Stadt.

„Das Phänomen ist bekannt“, sagt Peter Frymuth, Vizepräsi-dent des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), „nur die Gründe sind bei jedem anders.“ Hier verschuldet sich ein Verein mit dem Bau einer kostspieligen Arena. Dort häufen sich die Schulden, weil wahllos Spieler gekauft, horrende Gehälter gezahlt werden und die Verantwortlichen vor lauter Wunschdenken die Kalkulation aus den Augen verlieren. Und selbst wer solide wirtschaftet, ist abhängig vom sportlichen Erfolg, der sich nur bedingt planen lässt. Ohne sportlichen Erfolg keine Zuschauer, keine Sponsoren, kein Fernsehgeld. Wenn das alles fehle und dazu nach einem Abstieg der halbe Kader ausgewechselt werden müsse, so Frymuth, „wird es ein harter Weg zurück“.

Frymuth weiß, wovon er spricht. Als Vorstandsvorsitzender von Fortuna Düsseldorf, einst einer der klangvolleren Namen hierzulande, hat er den Weg von der Oberliga bis in die Bundesliga begleitet. Acht Jahre hat das gedauert. Er sagt: „Man braucht eine starke Fanbasis, viele freiwillige, engagierte Helfer, Bescheidenheit, Sparsamkeit, man braucht die richtigen Leute in den entscheidenden Positionen, den richtigen Trainer, den richtigen Manager, und diese brauchen bei ihren Entscheidungen auch Glück.“

Ein Club ist kein Unternehmen

Neulich war er in Wuppertal bei einem Länderspiel der U-19-Auswahl des DFB. Dabei hat er Eichner getroffen. Frymuth sagt: „Ich kann die Situation des WSV im Detail nicht einschätzen, aber man kann Wuppertal und Düsseldorf nicht eins zu eins vergleichen, da in Düsseldorf im Hinblick auf Einzugsbereich und Sponsorenpotenzial sicherlich bessere Rahmenbedingungen bestehen.“ Mal abgesehen davon, dass die Stadt Düsseldorf dem Verein auch mit dem Bau eines neuen, mehr als 50 000 Zuschauer fassenden Stadions entgegenkam.

Dinslaken, Am Freibad 14. Es ist Sonntag, früher Nachmit-tag. Frank Niederhoff steht in der Veilchen-Arena, einem Sportplatz zwischen Einfamilienhäusern und Wanderwegen. Um 15 Uhr beginnt das Spiel des WSV beim TV Jahn Hiesfeld. Niederhoff, gelernter Maschinenschlosser, hat sein erstes Fußballspiel mit sieben Jahren gesehen. Das war, als der WSV noch in der Bundesliga spielte. Sein Vater hatte ihn mitgenommen. Die halbe Stadt pilgerte damals zum Stadion am Zoo. Niederhoff schwärmt noch heute von diesem Erlebnis, zu dem ein Spieler namens Pröpper maßgeblich beitrug. 21 Tore erzielte „Meister Pröpper“ in der Saison 1972 / 73; nur Gerd Müller und Jupp Heynckes trafen öfter. „Einer wie Pröpper“, sagt Niederhoff, „würde heute in der Nationalmannschaft spielen und Millionen verdienen.“

Grauer Himmel, Nieselregen. Niederhoff ist dem WSV treu geblieben über die Jahre, auch wenn die Stadien kleiner wurden, die Niederlagen häufiger. Jetzt also Hiesfeld. Bemooste Parkbänke. Pfützen auf der Aschenbahn. Bratwurst vom Grill. Rhabarberkuchen zu einsfuffzig. Niederhoff drapiert mitgebrachte Fanartikel auf einem Verkaufsstand. Schals, Flaschenöffner, Zahnbürsten. Schnickschnack in Rot-Blau. Der Erlös geht zur Hälfte an den WSV, zur Hälfte an den Verein Ein Dach für die Nord e. V. Der will dafür sorgen, dass die Tribüne, auf der die treuesten Fans in Wuppertal stehen, überdacht wird. Was noch dauern könnte. Sieben Euro Reingewinn bleiben von jedem verkauften Schal.

Auf der Autobahn zwischen Wuppertal und Dinslaken hat Niederhoff seine Version der Geschichte erzählt. Sie beginnt 1991 mit Friedhelm Runges Amtsantritt. Potenter Unternehmer. Verspricht, den WSV zu neuer Glorie zu führen. Die Fans sind begeistert. Aus der Begeisterung wird Euphorie, als der WSV zwei Jahre später in die zweite Liga aufsteigt. Doch schon bald entpuppt sich der Präsident, wie Niederhoff meint, „als Alleinherrscher, der keinen neben sich duldet“. Der Sponsoren, die mitreden wollen, konsequent vergrault habe. Den Staubsaugerhersteller Vorwerk. Den Tapetenhersteller Erfurt. Lokale Größen, dem Verein traditionell gewogen. „Runge“, so Niederhoff, „sagte: Was wollt ihr? Ich bezahle hier alles!“ Regelmäßig wechselnde Trainer, ständig neue Sportdirektoren. Alternde Stars wie der ehemalige Nationalspieler Roland Wohlfahrt werden verpflichtet. Ein Argentinier, der angeblich 30 000 Euro im Monat verdient haben soll. Niederhoff: „Es gab kein Konzept, keine Nachhaltigkeit, alles war auf den schnellen Erfolg ausgerichtet.“

Er wolle, sagt Niederhoff, dem Präsidenten Runge nicht den guten Willen absprechen. Aber warum habe der die Finanzen des Vereins nicht lückenlos offengelegt? „Sein Standardsatz lautete: Der Verein hat keine Schulden, außer bei mir.“ Warum hätten im Verwaltungsrat nur Vertreter von Firmen gesessen, die mit Emka verstrickt gewesen seien? Oder Angestellte von Emka. Selbst den kaufmännischen Leiter des WSV habe Emka gestellt. Niederhoff sagt: „Irgendwann waren Runges Entscheidungen nicht mehr nachvollziehbar.“ Einmal habe er sich geweigert, Berufsgenossenschaftsbeträge zu bezahlen, was den Zwangsabstieg nach sich zog. Einmal habe er mitten in der Saison der gesamten Mannschaft freigestellt zu kündigen. Runge bestreitet beides nicht. Bei allem Verständnis, so Niederhoff: „Das kam nicht gut an.“

All das wäre irritierend, wäre Mäzenatentum nicht tief verwurzelt im deutschen Fußball. Männer wie der Bekleidungshersteller Klaus Steilmann (Wattenscheid 09), der Teppichhändler Michael Roth (1. FC Nürnberg) oder Jean Löring (Fortuna Köln), der mit Elektro- und Rohrleitungsbau reich wurde, verstanden ihr Engagement als Lebensaufgabe.

Auch wenn sie heute nicht mehr in ähnlich dominanter Form auftreten, sind da, wo der Ball rollt, mittelständische Unternehmer allgegenwärtig. In der Bundesliga trifft man auf einen Fleischfabrikanten (Schalke 04), einen Hörgerätehersteller (Hannover 96), einen Autozulieferer (Borussia Mönchengladbach) und den Gründer von SAP, der einem Dorfverein zu nationaler Berühmtheit verholfen hat (TSG Hoffenheim). Unterhalb der Bundesliga ist so ziemlich alles vertreten, von einem Schrotthändler (VfR Aalen) über einen österreichischen Brausehersteller (RB Leipzig) bis zu einem Immobilienhändler (KFC Uerdingen), gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt, die Spieler klagen und die Fans rebellieren.

Ab 2010 formiert sich auch in Wuppertal Widerstand gegen den Präsidenten. Um Achim Weber, einst Mittelstürmer beim WSV und später im Sportmarketing tätig, bildet sich eine sogenannte Freundes- und Wirtschaftsgruppe, die als Losung ausgibt: „Der WSV nach Runge.“ Weber war schon in seiner kurzen Ägide als Sportdirektor nicht mit dem Unternehmer klargekommen. Die Aktion verläuft im Sande. Doch als ein Fan Anfang Januar 2013 in einer Online-Petition Runges Rücktritt fordert, unterschreiben binnen weniger Tage mehr als 300 Fans. Das sind in etwa so viele, wie der WSV zu diesem Zeitpunkt noch Zuschauer hat. Kurz darauf kapituliert Runge mit den Worten: „Die Form der Anfeindungen und öffentlichen Beschimpfungen übersteigt ein Maß, das ich für mich persönlich nicht mehr akzeptiere.“

Drei Monate später präsentiert sich die Initiative WSV 2.0. Sie wirbt mit einer Broschüre in den Vereinsfarben, deren Titelblatt Günter Pröpper ziert, der inzwischen in Rente ist und seine Wochenenden gern in einem Wohnwagen am Rhein bei Düsseldorf verbringt. Pröpper sagt: „Was diese Leute vorschlugen, hat mich von Anfang an begeistert.“

Auf einer außergewöhnlichen Mitgliederversammlung am 24. Mai 2013 werden 13 Personen in den Verwaltungsrat gewählt, darunter ortsansässige Geschäftsleute, Vertreter von öffentlichen Einrichtungen. Kurz darauf werden die Protagonisten der Initiative WSV 2.0 als neue Vereinsführung installiert. Eichner, Stücker und Weber bilden den Vorstand. Niederhoff sagt: „Es war wie eine Befreiung, endlich hatten wir unseren Verein wieder zurück.“

Seriosität. Kontinuität. Transparenz. Ordnung. Unternehmerisches Handeln. Vertrauensbildende Maßnahmen. Zukunft durch Tradition. Es sind griffige Vokabeln, die Eichner nutzt, wenn er über die Strategie der neuen Führung spricht. „Am liebsten“, sagt er, „würde ich in jedem Artikel über den neuen WSV zehnmal die Formulierung ,solides und zielgerichtetes Managementsystem‘ lesen.“

Die Mannschaft soll in den kommenden Jahren behutsam erneuert werden, überwiegend mit jungen Spielern, vorzugsweise aus der Region. Unterstützung bei Ausbildung und Arbeitsplatzsuche soll als Anreiz für Neuzugänge dienen. Das 1. Bergische Sport- und Wirtschaftsforum, das Ende Mai veranstaltet wurde, sollte Sponsoren auf den WSV aufmerksam machen. Gemeinsame Aktionen mit der Stadt sollen den Verein wieder näher an die Wuppertaler heranführen. Und vor allem der Jugendbereich, dessen A-Junioren in der Bundesliga spielen, soll künftig professioneller geführt werden. Sportvorstand Weber sagt: „Man kann auch mit geringen Mitteln viel erreichen.“ Als Vorbild diene der Bundesligist SC Freiburg.

„Von mir werden Sie dazu nichts Negatives hören“, sagt Friedhelm Runge. Aber wer ihn erlebt in seinem Büro, glaubt zu spüren, was er denkt. Was verstehen die schon von Fußball? Er wisse doch, was die können. Besser: nicht können. Hat er nicht mit Stücker und Weber zusammengearbeitet? Und Eichner? Taucht vor einem Jahr in Wuppertal auf. Warum? Läuft plötzlich mit WSV-Schal herum. Will der sich nicht auch nur profilieren im Interesse seiner Firma? So viel sagt Runge dann doch noch: „Ich halte nicht viel von den Leuten in der neuen Führungsriege.“

Sollte hier Verbitterung mitschwingen, sie wäre nachvollziehbar. Kurz nach Runges Rücktritt ging bei den Finanzbehörden eine anonyme Anzeige ein. Es wurde behauptet, er habe einen Angestellten des WSV schwarz bezahlt. Runge: „Völliger Quatsch.“ Razzien bei ihm zu Hause, bei Emka und in der WSV-Geschäftsstelle gab es dennoch. Sein Angebot, die Jugendarbeit des Clubs weiter zu unterstützen, so Runge, sei vom Insolvenzverwalter zurückgewiesen worden. Inzwischen hat Runge Mobiliar aus dem Stadion abholen lassen. Und gegen den stellvertretenden Vorsitzenden des neuen Verwaltungsrats wurde aus dem Umfeld Runges Strafantrag wegen vereinsschädigender Aussagen zur Finanzlage des Clubs gestellt.

Dass die Fronten verhärtet sind, hat auch Auswirkungen auf das Insolvenzverfahren. Zwar ist dieses nicht öffentlich, doch der Lokalpresse ist zu entnehmen, dass es um Forderungen von 4,6 Millionen Euro gehen soll. Neben den Finanzbehörden und einer Vermarktungsagentur, deren Vertrag von Runge vorzeitig gekündigt wurde, und zwei Geldinstituten tritt Runge als größter Gläubiger auf. Die Rede ist von Darlehen in Höhe von 2,5 Millionen Euro, für die er allerdings Rangrücktritt erklärt habe und als Gläubiger, wenn überhaupt, an letzter Stelle stünde. Runge sagt: „Ich werde von meiner Forderung Abstand nehmen, wenn sicher ist, dass weder der WSV noch ich steuerlich dafür eintreten müssen, diese Aufgabe hat der jetzige WSV respektive der Insolvenzverwalter zu erledigen.“

Entscheidende Bedeutung kommt offenbar der Frage zu, ob und in welcher Höhe die Zahlungen Runges an den WSV als Darlehen, Entgelt für Sponsorenleistung oder Spenden gebucht wurden. Da Spenden an Vereine in der Höhe begrenzt sind, könnte bei einzelnen Zahlungen Schenkungssteuer fällig werden. Hinzu kommt, dass Runge eine Patronatserklärung abgegeben haben soll. Damit wäre er verpflichtet, alle Forderungen gegenüber dem WSV zu übernehmen. „An der Patronatserklärung kann es keine Zweifel geben, da dies so gelebt wurde“, sagt Stücker. „Herr Runge hat über die jeweiligen Geschäftsfälle von der Entstehung bis zum finanziellen Ausgleich alleinverantwortlich entschieden, Liquiditätsengpässe wurden immer von ihm ausgeglichen.“

Der WSV, so Stücker, „wurde geführt wie eine Einzelfirma“. Runge sagt: „Wenn die Herren sich so sicher sind, war die Beantragung der Insolvenz aus meiner Sicht juristisch falsch, und die Gläubiger wurden bewusst benachteiligt.“ Entwirren könnte diese Gemengelage der Insolvenzverwalter, der sich jedoch nicht äußern will. „Hintergrund ist“, schreibt Rechtsanwalt Jörg Bornheimer, „dass derzeit die entscheidende Phase des Insolvenzverfahrens ansteht und Aussagen, die ich heute treffe, bereits morgen überholt sein können.“

Tore sind nicht alles

Bei all dem könnte man glatt vergessen, dass der WSV immer noch Fußball spielt. 607 Zuschauer sind in die Veilchen-Arena von Hiesfeld gekommen. Mindestens die Hälfte aus Wuppertal, die meisten sogenannte Ultras, die ordentlich Lärm machen und riesige Fahnen schwenken. Angefeuert werden sie von einem Mann mit Megafon, der seinen umfangreich tätowierten Oberkörper zur Schau stellt. Heja, heja, We-Ess-Vau. Dummerweise steht es nach zehn Minuten 2:0 für den Gegner. Wenig später wird ein Wuppertaler des Feldes verwiesen, begleitet von wüsten Schiedsrichterbeschimpfungen. Am Ende steht es 4:1. Dass die WSV-Fans sich mit Sprechchören bis zum Schlusspfiff selbst feiern, ändert nichts an ihrem Ruf. Auftritte des Vereins werden als Sicherheitsspiele eingestuft. Bedeutet verstärkter Polizeieinsatz, Taschen- und Personenkontrolle. Vor Kurzem wurde durch einen Böllerwurf eines Wuppertaler Fans ein Linienrichter verletzt.

Der Trainer des WSV sagt nach dem Spiel: „Wir werden mit dieser Niederlage umgehen.“ Er heißt Thomas Richter und kam 1992 als Torhüter nach Wuppertal. Ruhiger, besonnener Typ. Er sagt, man müsse verstehen, dass die Mannschaft nach dem Zwangsabstieg kurzfristig zusammengestellt werden musste. Viele neue Spieler. Fast alle unerfahren, wenige älter als 23. Nun fehlten sieben wegen Verletzungen. Doch in der Truppe stecke Potenzial. Nächstes Jahr drei, vier neue Spieler, sagt Richter, drei, vier aus der eigenen A-Jugend. „Das ist der richtige Weg, wo er endet, weiß man nie, aber das ist auch das Spannende im Leben.“

Die neue Vereinsführung konnte verschmerzen, dass in Hiesfeld die letzte Chance auf den Aufstieg verspielt wurde. Eichner zählt ohnehin nicht nur Punkte und Tore. Etwa 800 Mitglieder habe der WSV seit Juni 2013 dazugewonnen. Der Zuschauerschnitt bei Heimspielen sei von 750 auf knapp 2000 gestiegen, die Zahl der verkauften Dauerkarten von 400 auf 1000. Der Verkauf von Fanartikeln habe sich auf über 60 000 Euro verzehnfacht. Der Etat von 900 000 Euro sei nicht überzogen worden. Und das sportliche Ziel eines einstelligen Tabellenplatzes habe man auch erreicht. „Das soll nicht heißen, dass wir nicht aufsteigen wollen“, sagt Eichner, „Tradition ist toll, aber es ist gefährlich, sich allein auf sie zu berufen.“

Es gibt ein Bild, auf dem Eichner zu sehen ist mit einem Pappschild, auf dem steht: „Wir wollen den WSV wieder in der Sportschau sehen.“ Irgendwann kann man sich genau dieses Bild auch mit einem älteren Herrn mit weißem Haar und Schnauzer vorstellen: mit Friedhelm Runge. ---

Das Insolvenzplanverfahren

ist eine Möglichkeit innerhalb des Insolvenzverfahrens. Es ist eine Art Vergleich zwischen Schuldner und Gläubiger, erläutert Patric W. Naumann, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Insolvenzrecht bei Schultze & Braun in Mannheim. Der Schuldner bietet einen Betrag an, mit dem zumindest ein Teil der Verpflichtungen getilgt wird. Dieser Betrag wird entweder über einen bestimmten Zeitraum erwirtschaftet, oder ein Sponsor stellt den Gläubigern einen Betrag einmalig zur Verfügung. Die Gläubiger verzichten im Gegenzug auf den Rest ihrer Forderungen.

Der Vorteil dieser Vorgehensweise: Wird der Plan angenommen und durch das Gericht bestätigt, kann das Verfahren zügig beendet werden. Auch erhalten die Gläubiger in der Regel eine bessere Quote. Ferner bleibt bei einem Insolvenzplan der Rechtsträger erhalten, ein Sportverein wird also nicht aus dem Vereinsregister gelöscht und kann sich um Lizenzen bemühen.

Wichtig ist es, den Gläubigern zu zeigen, dass die Ursache der Insolvenz erkannt und beseitigt wurde und dies eine bessere Lösung ist als die Zerschlagung des Unternehmens. Das Ziel soll in jedem Fall die bestmögliche Befriedigung der Gläubiger sein.

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