Ausgabe 06/2014 - Schwerpunkt Geld

Branko Milanović: Robin Hood Minor Asset Management

Der Trittbrettfahrer

Genie oder Performance-Künstler? Akseli Virtanen bekämpft die Finanzmärkte auf eine sehr eigene Weise...

• Was ist davon zu halten, wenn ein blasser Akademiker aus Lohja im Süden Finnlands verkündet, er verfüge über eine Software, die den Finanzmarkt versteht? Und wenn dieser Unbekannte namens Akseli Virtanen dann in die Vermögensverwaltung einsteigt und verspricht, das elitäre Wissen der Wall Street all jenen zur Verfügung zu stellen, die bislang allenfalls Opfer des Spekulantentums gewesen sind? Ist das eine Kunstperformance? Scharlatanerie? Oder ist es schlicht genial?

„Früher hat Robin Hood das Geld der Reichen verteilt. In der Wissensgesellschaft nimmt er ihnen das Wissen, um es zu verteilen.“ Akseli Virtanen

Er selbst behauptet Letzteres. Andere halten Virtanen freilich für gefährlich und warnen vor seinem Robin Hood Minor Asset Management.

Denken allein reicht nicht

Fest steht: Am 27. Juni 2012 wurde im finnischen Handelsregister unter der Nummer 2476214 -9 eine Genossenschaft namens Robin Hood Minor Asset Management eingetragen. Sie hat eine Internetseite, auf der Schaubilder zu sehen sind, die die Wertentwicklung des verwalteten Vermögens zeigen. Auch das Geschäftsmodell wird erklärt. Es besteht aus zwei Teilen: dem Computerprogramm, das den Fonds mithilfe von Data Mining steuern soll. Und einem Mechanismus, der den mit Softwarehilfe erwirtschafteten persönlichen Gewinn in gemeinsam verfügbares Kapital verwandeln soll: „Sie behalten 50 Prozent des Gewinns, die anderen 50 Prozent kommen Robin-Hood-Projekten zugute.“ Was genau ein Robin-Hood-Projekt ist, ist nicht zu erfahren. Es ist nur vage von Stipendien für Kreative und zinslosen Darlehen die Rede „oder irgendetwas anderem“.

Die Firmenanschrift immerhin gibt es. Die im Handelsregister angegebene Straße führt nach einer einstündigen Busfahrt ab Helsinki zu abgelegenen Häusern zwischen einem Bergwerk und einem See. Im neuesten, einem flachen Nachkriegsbau mit großen Fenstern, wohnt der Ökonom Akseli Virtanen mit seiner Familie. Er spricht sehr leise, als er zunächst durch den Garten führt und den Spargel zeigt. Auf die Bitte hin, die Geschichte von ganz vorn zu erzählen, verschwindet er erst einmal für mehrere Minuten. Dann breitet er ein Dutzend Bücher auf dem Tisch aus – Texte, die er und seine Kollegen von der Aalto Universität herausgegeben, übersetzt oder geschrieben haben. Darunter ein Werk über Terrorismus des französischen Soziologen Jean Baudrillard sowie ein „Wörterbuch der neuen Arbeit“ verschiedener Autoren, Studien zum veralteten Arbeitsbegriff der Linken und zum Irrationalen auf dem Finanzmarkt.

Virtanen, der sich beim Reden gern an die Stirn fasst, referiert dann über die Arbeiten von linken Vordenkern wie Christian Marazzi und Franco „Bifo“ Berardi, setzt sie in Beziehung zu dem Machtbegriff Michel Foucaults und Gilles Deleuzes sowie den Studien des Psychoanalytikers Félix Guattari und den Überlegungen von Keynes zu den Konventionen auf dem Kapitalmarkt.

Seine Themen sind das Ende der Industriegesellschaft, die Aufwertung des Immateriellen, der Einstieg in die Wissensgesellschaft und das Schicksal derjenigen, die in ihr abgehängt werden. Er sagt: „Es gibt heute zwei Gruppen von Menschen. Eine Gruppe, die Zugang zum Kapitalmarkt hat und zu Geld kommt, ohne arbeiten zu müssen. Und eine andere, die nur über Arbeit zu Geld kommt und keine Möglichkeit hat, es in Finanzkapital zu verwandeln. Wobei diese Arbeit immer weniger abwirft und immer kräftezehrender wird.“

Wie kann auch diese zweite Gruppe vom Kapitalismus profitieren? Wie kann man dem „prekären Arbeiter“, wie Virtanen es sagt, ebenfalls Zugang zu den notwendigen Geldtöpfen „und damit etwas Freiheit“ verschaffen? Das sind die Fragen, über die Virtanen forscht, debattiert und schreibt.

Die Antwort fand er erst, als ihm beim Badminton ein Programmierer über den Weg lief.

Den Feind umarmen

Dieser Programmierer ist ein freundlicher Eigenbrötler mit wachen Augen und müdem Gesicht: Sakari Virkki. Er wollte eigentlich Pilot werden, die Ausbildung nach den ersten Flugrunden gegen ein Mathematikstudium eintauschen, als IT-Experte für eine Bank arbeiten und schließlich, von Helsinki und Malaga aus, etwas Geld als Vermögensverwalter machen – von dem er allerdings auch viel wieder verlor.

Virkki besteht auf ein Restaurant in Helsinki als Treffpunkt, er möchte seine Privatadresse nicht preisgeben, wo seine Rechner stehen. Vielleicht hatte er auch einfach Sorge, einen falschen Eindruck zu hinterlassen – die Bilder von seinem Arbeitsplatz, die er schickte, zeigen Räume von großer Schlichtheit. Jedenfalls sitzen Virtanen und Virkki nun im „Elite“ gemeinsam an einem Tisch. Die beiden könnten zwei Kumpels sein, die, lässig gekleidet, von ihrem Start-up berichten. Oder nur so tun, um diesen Eindruck zu vermitteln.

Virtanen bemerkt die Zweifel. „Warum glaubst du uns nicht? Würdest du uns glauben, wenn deine Freunde aus dem Finanzsektor an uns glauben würden?“ Und erzählt dann von jenem Tag, an dem er die Aktien einer finnischen Papierfabrik kaufte, weil sein Vater in der Branche arbeitete und ihm die Aktien empfohlen hatte. Als er ihn fragte, weshalb, erzählte der Vater von einem Bekannten, dessen Rat er bei Aktien sehr schätze. Und der Bekannte wiederum von einem anderen, dessen Gespür er vertraue. „An der Börse“, sagt Akseli Virtanen, „weiß niemand genau, was zu tun ist, es wird fast nur imitiert und das Risiko über eine breite Streuung der Investments ausgeglichen. Der Markt verhält sich wie ein Schwarm, der seinen Leitvögeln folgt.“

Hier kommt Sakari Virkki ins Spiel. Kurz nach der finnischen Bankenkrise Anfang der Neunziger machte die Börse von Helsinki für einige Jahre öffentlich, wer welche Aktien abstieß oder kaufte und ermöglichte es allen Interessenten, diese Transaktionen per Rechner abzurufen. Virkki erzählt, wie er in dieser Zeit eine Software entwickelt habe, die diese Schwarmbildung analysieren konnte und in der Lage gewesen sei, herauszufinden, welche der Leitvögel in der Vergangenheit bei welchen Investments erfolgreich gewesen seien und bei welchen nicht. Das Programm habe „die Herausbildung eines Konsenses unter den Kompetenten“ registriert und dann Möglichkeiten aufgezeigt, das Handeln dieses Schwarms erfolgreicher Händler zu imitieren. „Kompetenz-Kartierung“ nennt Virkki das. Er bediente sich bei den zur Verfügung gestellten Daten und ließ sie von seiner Software so sortierten, dass er die Deals einzelner Händler erkennen, bewerten und kopieren konnte. Das habe ihm, sagt er, bei der neuen Arbeit als Vermögensverwalter geholfen.

Ähnlich machte er es, als die amerikanische Börsenaufsicht ihr Register der Käufe und Verkäufe auf ein digitales Format umstellte und im Internet zugänglich machte. Nur wurde die Sache jetzt komplex. Virkkis Rechner waren überfordert. Sie brauchten Wochen, um die Datenmengen von der Wall Street zu bearbeiten. Als sie dann schneller liefen und die Software patentiert war, glaubten die Banken, denen Virkki seine Entwicklung anbot, nicht an sein Data Mining nebst der Möglichkeit der Imitation. Sie hatten selbst ihre hoch spezialisierten, gut vernetzten Analysten, die in den Metropolen der Welt saßen und im Auftrag ihrer Klienten verfolgten, was sich auf den Märkten tat.

Akseli Virtanen hingegen war damals von der Software wie berauscht. Ihre Nutzung koste einen Bruchteil dessen, was die Banken für die Marktbeobachtung in die Hand nehmen müssen. Im Grunde seien nur die Daten und Virkki zu bezahlen, der die Empfehlungslisten der Software verstand und genug Erfahrung besaß, um das Geld als Fondsverwalter auf dieser Grundlage in 20 oder 30 empfohlene Aktien zu stecken – oder sie zu verkaufen. Sogar gegen Manipulationen sei man dank der Händler-Analyse und der angelegten Profile ein wenig besser gefeit als andere.

„Und das Schönste daran ist“, sagt Virtanen und strahlt, „dass die Elite nicht einmal mitbekommt, dass wir in ihren Hirnen hocken und die Besten von ihnen kopieren. Sie arbeitet nun für uns und die anderen gewöhnlichen Menschen, die Mitglieder einer Robin-Hood-Genossenschaft sein möchten.“ Er hatte das Gefühl, über eine Geldmaschine zu verfügen.

Sie nannten das Programm den „Parasiten-Algorithmus“. Er soll schon während der Testphase in den Jahren 2003 bis 2009 für ordentliche Gewinne gesorgt haben. Das müsse zwar nicht immer so sein, sagt Virkki. Es gibt keine Gewinngarantie. Aber die Imitation derjenigen Händler, die sich laut Software bei ihren Investments als kompetent erwiesen haben, laufe gut. „Hello Robins!“ schrieb er im Mitgliederbericht im März 2014 über den Erfolg seit dem offiziellen Geschäftsstart 2012. „Seit Beginn ist das Robin-Portfolio um 37,2 Prozent gewachsen. Der SPX (Standard & Poor’s 500 Index) stieg um 32,55 Prozent. Das bedeutet, dass wir nun zu den fünf Prozent der besten Fonds in den USA zählen. Happy investing!“

Beifall bekommt er genug – Geld nicht

Trotzdem sollten die selbst ernannten Nachfolger Robin Hoods vielleicht noch einige Reiche zur Abtretung des überflüssigen Kleingelds bewegen. Zwar hat die Genossenschaft in den finnischen Medien bereits viel Aufmerksamkeit erhalten, und auch auf Veranstaltungen wie dem Europäischen Trendtag des Gottlieb Duttweiler Instituts in der Schweiz, auf dem Virtanen seine Vision einer „Investmentbank des Prekariats“ präsentierte, spendeten die Zuhörer amüsiert Beifall, als habe Virtanen die Wall Street im Namen der Armen gehackt.

Ohne Geld jedoch, das man investieren kann, bringt alles Herrschaftswissen nichts ein. Bislang haben die 200 Genossenschaftler lediglich eine halbe Million Euro in den Fonds investiert. Viele von ihnen wollten kaum mehr als einige Hundert Euro lockermachen.

Virtanen sagt dazu: „In den ersten zwei Jahren haben wir die Gewinne in einen Fonds für Projekte und nicht in Projekte gesteckt. So richtig interessant wird unser Geschäft erst ab etwa 10 oder 20 Millionen.“ Deshalb hätten sie nun eine weichere, etwas freiere Variante des Fifty-fifty eingeführt. Aber das heißt eben auch: Sie brauchen dringend Investoren, die mehr in den Pott werfen als die 30 Euro, die mindestens in Genossenschaftsanteilen anzulegen sind. Oder einen Massenansturm des „Prekariats“, das etwas Geld zur Seite legen kann.

Die Kapitalismuskritiker, die Virtanen eigentlich für natürliche Verbündete gehalten hätte, sind allerdings skeptisch. Sie werden mit dem Gedanken nicht warm, dass Virtanen „das System mit den Mitteln des Systems“ bekämpfen will, dass er sich gegen Transaktionssteuern ausspricht und jeden Glauben an eine wirksame Kontrolle des Finanzmarktes für eine Illusion hält. „Ich habe das Projekt auf der documenta in Kassel vorgestellt“, sagt er. „Das Ergebnis war, dass ich wie ein Verräter behandelt wurde, der gemeinsame Sache mit den gierigen Bankern macht.“

Sie müssen es sogar aushalten, dass im Namen der Genossenschaft Aktien des Waffenherstellers Sturm, Ruger & Co. ins Portfolio gelangen, wenn die Software das empfiehlt. Das hier ist kein Ethikfonds.

Die Interessierten, die für das Experiment auf 50 Prozent ihrer Gewinne verzichten würden, schrecken wiederum auf, wenn Virtanen sein Projekt als konstruktive Alternative zu „Occupy Wall Street“ beschreibt und sagt, es sei einem Gedicht manchmal näher als einem althergebrachten Geschäftsmodell. Immer wieder wird er nach Beweisen dafür gefragt, dass das Robin Hood Minor Asset Management echt ist und der „Parasite Algorithm“ tatsächlich existiert.

Die Eintragung im Handelsregister, das online gestellte Gutachten eines Wirtschaftsprüfungsunternehmens, die Nummer von Virkkis Patenten – alles wird angezweifelt – und daran haben „die Robins“ sicherlich auch ihren Anteil. Schließlich treten manche von ihnen selbst schon mal mit bunten Video-Installationen in Erscheinung und geben dann verwirrende Interviews: „Wir haben sogar eine Firma gegründet“, erzählte eine Aktivistin in einem Arte-Bericht über die Performance, „aber es bleibt ein Kunstprojekt.“

Einige kalifornische Geschäftsleute aus dem Silicon Valley und Vertreter von Stiftungen empfehlen Virtanen: „Sie müssten professioneller auftreten.“ Oder aber, so hieß es, er müsse zugeben, dass das Ganze in erster Linie ein Kunstprodukt sei, um eine neue Diskussion über die Verteilung des Wohlstands anzuregen und über den blinden Glauben an die Macht der Finanzwelt und die experimentelle „Suche nach einem Ausweg aus einer ausweglosen Situation“.

Fragt man Akseli Virtanen, ob das alles nun Kunst sei, Business oder Aktivismus, sagt er: „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es dieses Paradoxe, Unbestimmbare und Grenzenlose ist, das stets den Beginn von etwas Neuem charakterisiert.“

Groß denken für große Pläne

Dass die Investoren zögern, obwohl Akseli Virtanen die Echtheit des Geschäftes beteuert, hat einen weiteren Grund. Mit einer kleinen Ausnahme, einem zinslosen Darlehen für einen Esten, der für eine Aufenthaltsgenehmigung etwas Kapital nachweisen musste, hat sich die Genossenschaft bislang noch nicht über konkrete Projekte verständigen können, die sie fördern mag. Sie wollen, sagen die Genossenschaftler, die Diskussion dem Kollektiv überlassen, wenn es so weit ist. Der angemessene Entscheidungsweg werde sich wie alles entwickeln.

„Die Projektseite wird schon bei der nächsten Mitgliederversammlung konkreter werden“, verspricht der niederländische Theatermacher Jan Ritsema, der eine alte Klosterschule in Nordfrankreich besitzt, in der sich Künstler, Philosophen und Wirtschaftstheoretiker begegnen. Er übernahm den Genossenschaftsvorsitz, weil er Robin Hood als „alternativen Investmentfonds“ betrachtet: „Ich persönlich könnte mir vorstellen, dass wir ein Magazin fördern oder eine Website oder eine Bücherreihe, Projekte also, die ihrerseits etwas anstoßen. Das ist realistisch.“

Andere träumen von Entschuldungen, Mikrokrediten und der Forschungsfinanzierung. Oder wie Sari Stenfors, eine finnische Wissenschaftlerin, die an der Universität Stanford arbeitet und das Projekt als „disruptive Finanzdienstleistung“ beschreibt, von einem Pensionsfonds für jene, die keinen festen Job und keine Altersvorsorge haben.

Akseli Virtanen wiederum, der im Sommer nach Kalifornien ziehen wird, um für die Initiative Rethinking Capitalism zu ar-beiten, spricht unterdessen vom ganz großen Wurf: einem bedingungslosen Grundeinkommen für all jene, die in der post-industriellen Gesellschaft keinen gesicherten Platz mehr haben oder erschöpft sind, weil ihre Arbeit nicht ausreichend Geld zum Leben einbringe.

„Wissen Sie, dass die großen Investmentbanken in manchen Quartalen mehrere Milliarden Euro Profit machen? Das sind Summen, die sich die Staaten gerade mühsam mit Kürzungen im Sozial- und Bildungssystem absparen. Mit diesem Geld hätte man die griechische Schuldenkrise lösen können.“ ---

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