Ausgabe 03/2014 - Schwerpunkt Beobachten

Der Sichtwechsel

1. Wie das Private wirklich politisch geworden ist oder: die Kowalski, die NSA und ich

Es heißt, Selbsterkenntnis sei der beste Weg zur Besserung. Klar, weiß jeder. Nur was genau bedeutet das? Wie wäre es damit: Erkenntnis ist, wenn man genau beobachtet, wie die Dinge funktionieren. Selbsterkenntnis ist, wenn man für sich das Beste daraus macht. Dieser Weg beginnt mit dem, was die alte Kowalski aus dem ersten Stock Tag und Nacht tut: alles beobachten. Ganz genau. Warum? Weil sie sonst nichts zu tun hätte.

Beobachten, die Voraussetzung fürs Wissen, ist aber eher unpopulär, nicht nur wenn es um das Tagesgeschäft der alten Kowalski geht. Und das ist verständlich. Denn noch nie zuvor, so scheint es, haben so viele so genau hingesehen, um Erkenntnisse zu gewinnen. Die Welt ist schlecht, der Mensch ist übel, und überall wird man ausgeschnüffelt, um danach belogen, betrogen, kontrolliert und gesteuert zu werden. Niemanden würde es wundern, wenn demnächst bei Amazon wie auch im gehobenen Buchhandel George Orwells düsterer Zukunftsroman „1984“ umsortiert wird – von der Science Fiction in die Sachbuchabteilung.

Die Linke glaubte, dass das Private auch politisch sei, wobei politisch immer auch öffentlich bedeutet. Dass ausgerechnet biedere und schlecht bezahlte Beamte in einer staatlichen Behörde, der NSA, diese Phrase zur Praxis machen würden, ist eine feine Ironie der Geschichte. Es hat auch mit Politik nichts zu tun, sondern dient der Eigenversorgung. Für die Staatsdiener, die nach dem Ende des Kalten Krieges niemand mehr brauchte, sind Terror und digitale Schnüffelei die Grundlage eines ganz neuen New Deals in eigener Sache: Wer an Geheimdienstbürokraten spart, gefährdet die öffentliche Sicherheit. Abhören für die Festanstellung – das ist eine perfide Logik, die Big Brother als kleines Licht erscheinen lässt. Es passt aber in eine Welt, in der ständig Notwendigkeiten erfunden werden, damit man eine einträgliche Versorgungsstruktur drum herum etablieren kann.

Das Private ist politisch geworden, und die alte Kowalski regiert, weil wir nicht gelernt haben, aus der Welt, digitale Abteilung, das Beste zu machen. Die Selbsterkenntnis lautet: selber schuld.

2. Die Beobachtungsgesellschaft. Was tun wir so?

Die Kowalski regiert auch, weil wir ihr so ähneln. Was treiben wir denn so den ganzen Tag? Wir beobachten andere, etwa die Konkurrenz, alle also, mit denen wir uns vergleichen wollen. Dafür gehen in den meisten Unternehmen und Organisationen mehr Geld und Zeit drauf als für die Beachtung der eigenen Kunden und Mitarbeiter. Wir sind daran interessiert, was „die anderen“ sagen, machen, tun. Was denken sie? Was haben sie vor? Und was machen wir dann?

Wir sind eine Beobachtungsgesellschaft. Und ob das gut ist oder schlecht, liegt immer an den Motiven. Warum wollen wir’s wissen? Die NSA würde sagen: damit kein Unglück passiert. Und damit ist sie nicht allein. Das Argument, dass man andere nur aus besten Motiven beobachtet, trägt jeder vor: Wir gucken ja nur, sind wachsam. Merke: Die Spitzel sind immer die anderen.

Dieselben Leute, die sich darüber empören, dass Geheimdienste heimlich Telefone abhören und E-Mails scannen, finden es total okay, den Müll ihrer Nachbarn auf der Suche nach unerlaubten Beigaben zu durchwühlen – ist etwa Plastik in der Biotonne, gar Papier im Restmüll? Skandal! Planetenmörder, Umweltsau!

Wir alle sind gegen den orwellschen Überwachungsstaat, aber wir finden es schon in Ordnung, wenn Behörden stichprobenartig, also ohne Anhaltspunkte und konkrete Verdachtsmomente, unsere Mitbürger observieren und kontrollieren, weil sich darunter Ausländer ohne Papiere, Schwarzarbeiter oder Steuersünder aufhalten könnten.

Der Duden liefert die ganze Bandbreite des Begriffs: Beobachten, das bedeutet eben einerseits „belauern“, „inspizieren“, „überwachen“, „spannen“ und „bespitzeln“, andererseits aber auch „bemerken, entdecken, erblicken, erkennen, feststellen, registrieren, sehen, wahrnehmen, beachten und respektieren“. Von Gut und Böse ist nicht die Rede.

Beobachten an sich ist wertneutral.

Doch wer das nüchtern feststellt, wie der Jurist und Journalist Philipp Otto von iRights, muss mit Gegenwind rechnen. Nur ändert das, sagt er, auch nichts daran, „dass es gut ist, wenn man den Verkehr kontrolliert, wenn man versucht, Straftaten im Vorfeld zu verhindern, Tsunamis bei ihrer Entstehung und Patienten bei ihrer Genesung in der Klinik zu überwachen und zu beobachten, so gut das geht“. Und: „Es ist gut, wenn die Regierungen Bevölkerungsdaten erheben, um Infrastruktur besser planen zu können.“ Für solch einen Spruch hätte es in den Achtzigerjahren Hausverbot im Bioladen gegeben. Otto hat natürlich recht. Beobachten ist eine Kulturleistung. Ohne sie wären wir nichts geworden, keine Kowalskis, keine NSA-Schergen, aber auch sonst nichts. Alles, was wir erfunden, entdeckt und verstanden haben, begann mit einer Beobachtung.

In der Wohlstandsgesellschaft aber weiß jeder Bescheid, noch bevor er etwas gesehen hat, von verstanden erst gar nicht zu reden. Alle Beobachtung ist Kowalski. Verzweifelt und pessimistisch aber heißt: auf beiden Augen blind.

3. Gesehen werden – der Preis der offenen Gesellschaft

Der Sinn aller Vernetzung besteht im Austausch von Wissen. Der Austausch von Wissen ist nur möglich, wenn man das Recht auf freie Beobachtung hat. Solange die Staaten (und damit Parteien) die technische Kommunikation regulierten, war das anders. Es war bis Anfang der Neunzigerjahre sogar verboten, sich seinen Anrufbeantworter frei auszusuchen. Überall kontrollierte der Staat das Recht auf Beobachtung und Wissenserwerb. Die Auflösung der staatlichen Kontrollmonopole – die man zu flapsig und zu kurz gegriffen als „Privatisierung der Telekom“ bezeichnet – fiel in eine Zeit, in der die technische Infrastruktur reif war und an noch isolierten Personal Computern an Wissensaustausch interessierte Benutzer saßen. Die Mauer fiel auch in den Köpfen der Menschen, die über ihren Schreibtisch hinauswollten.

Und damals gab es, die ganzen Achtzigerjahre waren voll damit, Ängstliche, Unbelehrbare, Schrebergärtner und Unsichere, die sofort Großalarm gaben, als man an den Türen und Toren der digitalen Welt zu rütteln begann.

Als Timothy Berners-Lee im Jahr 1990 seine Hypertext Markup Language (HTML) schrieb, tat er das, damit man wissenschaftliche Erkenntnisse leichter über Computernetzwerke austauschen konnte. Das hatte enorme Vorteile: Man sah, woran andere arbeiteten, konnte sich einbringen, Wissen transferieren und schnell auf den neuesten Stand kommen. HTML war eine Sehhilfe für Wissensarbeiter, eine Brille für eine neue Welt.

Damit konnte man sich an ein zentrales Projekt der Wissensgesellschaft heranwagen: Informationen wurden so leicht beobachtbar, handelbar und damit nutzbar wie nie zuvor in der Geschichte. Damit verbunden waren auch Hoffnungen, dass ein neues, interdisziplinäres Denken ohne Begrenzungen und blinde Flecken wachsen könne. In den Neunzigerjahren war deshalb oft vom Ideal der „Einheit des Wissens“ die Rede.

Diese Idee traf auf eine Welt, in der sich im Kalten Krieg zwei Lager hermetisch voneinander abgeriegelt hatten und sich stets bei jeder Gelegenheit argwöhnisch beobachteten. Eine Welt des Verdachts und des Misstrauens sollte nun durch eine neue Kultur des freien, offenen Beobachtens abgelöst werden.

Alles war super. Alles gut. Zumindest, solange das Web nur einigen wenigen Angehörigen einer Avantgarde, einer informatischen Elite, offenstand. Das änderte sich zur Mitte der Neunzigerjahre schlagartig. Die Begeisterung über das Beobachten wurde von der Sorge abgelöst, ausgespäht, manipuliert und betrogen zu werden.

Noch viel stärker aber war die Angst vor dem Fremden. Da mussten nun Wissenschaftler und Programmierer, politisch bewegte Computerfreaks und Journalisten ihre technischen Privilegien mit jedem dahergelaufenen User teilen. Dazu kam, dass sich im Laufe der Zeit das herausbildete, was man später Web 2.0 nannte, ein kommerzielles, unternehmerisches Internet, in dem es nicht mehr um geförderten Wissenstransfer ging, sondern um Märkte, auf denen die Teilnehmer ihre Interessen, Waren und Ideen tauschten. Für die meisten alteingesessenen Internet-Bewohner war das völliges Neuland. Sie stammten fast ausnahmslos aus einem Milieu, in dem öffentliche Förderungen wirtschaftliches Handeln ersetzten.

Jetzt erst wurde immer öfter die Kehrseite der Medaille der totalen Transparenz beklagt. Man konnte alles sehen.

Aber im Umkehrschluss bedeutet das immer auch, von allen gesehen zu werden. Das ist der Preis, der für eine offene Gesellschaft zu zahlen ist. Das kann man blöd finden, wie etwa, wenn ein Wahlergebnis nicht so ausgeht, wie es einem passt. Demokratie ist eben kein Wunschkonzert. Man muss einen Konsens finden – die alten Web-Eliten haben sich zu Tode gesiegt.

Das Internet ist so verbreitet, so normal, dass sich darin alle Realität spiegelt – und damit haben die alten Eliten ihre Deutungshoheit verloren. Damit haben sich Teile des Establishments bis heute nicht abgefunden. Ihr schönes Internet ist kaputt. Sie wollten etwas Neues, also genau genommen das, was sie schon hatten, die Macht im Netz. Früher war alles besser – das ist die geheime Botschaft vieler, die vom „Neustart“ reden.

4. High Definition oder: Die Auflösung entscheidet, auch bei Big Data

Neustart klingt nach Befreiung, ist aber genau betrachtet das Gegenteil davon. Ein Neustart bedeutet, dass man mit demselben alten Computer und demselben alten Betriebssystem dieselben alten Daten noch einmal aktiviert. Man will also nochmals tun, was man bereits getan hat und was zum Systemabsturz geführt hat. Ein Neustart ist eine Endlosschleife und gleichzeitig eine Entschuldigung dafür, nicht mit etwas wirklich Neuem anfangen zu müssen. Neustarts sind etwas für Leute, die gar nicht erst anfangen wollen.

Denn das ist, ohne Zweifel, viel Arbeit. Es reicht nicht, ein paar Strukturen zu reformieren, sondern man muss neue ausprobieren, Versuch und Irrtum akzeptieren, ein Risiko eingehen und mit dem ungewissen Ausgang von all dem leben. Man müsste neu denken, nach neuen Kooperationen und Verbindungen Ausschau halten. Perspektivwechsel sind eine Mordsarbeit.

Die Forderung nach einem erweiterten Blick hat ganz praktische Auswirkungen: Die Auflösung steigt, von einem grob gerasterten Schwarz-Weiß-Blick hin zu High Definition. Beobachten in HD führt dazu, dass man mehr Details sieht.

Klar, man braucht natürlich wieder mal neue Empfangsgeräte: „Man kann heute nicht mehr mit der Logik der alten Rationalität auf die Welt schauen, wenn man sie verbessern will, man braucht eine neue Rationalität.“ Der Mann, der uns die nahebringen will, heißt Viktor Mayer-Schönberger, hat in Harvard und an der London School of Economics studiert und ist einer der weltweit führenden Internet-Rechtsexperten. Mitte der Achtzigerjahre gründete er seine erste Firma, die Ikarus Security Software, die Antivirenprogramme für die damals in Mode kommenden Personal Computer entwickelte.

Das war eine Zeit, in der der Computer und die Netzwerke nicht nur freundlich begrüßt wurden. In Deutschland gab es massive Proteste gegen die rechnergestützte Volkszählung und einen maschinenlesbaren Personalausweis. Computer galten als Instrument der Herrschenden, als orwellsche Überwachungsmaschinen, jedenfalls einer akademischen Elite, die die volle Aufmerksamkeit der Medien hatte (siehe Peter Glaser, Seite 72) „Der gläserne Mensch“ wurde zum Schlagwort. Hatten die damals alle einen Sprung in der Schüssel?

Mayer-Schönberger sieht das nicht so.

Er kann das Misstrauen verstehen. „Seit es Menschen gibt und Macht, wurde das Beobachten immer missbraucht – um Kontrolle auszuüben und die, die man beobachtete, auszunutzen und zu hintergehen. Diese kollektive Erfahrung kann man nicht ungeschehen machen“, sagt Mayer-Schönberger – und fügt hinzu: „Wir müssen uns dennoch ganz bewusst von dieser Einstellung trennen, damit wir unsere Zukunft neu gestalten können.“ Das Zeitalter der Synthese, des neuen Blicks, das verlangt eben diese „neue Rationalität“, eine neue Vernunft, die nicht abwehrt, verweigert, sondern gestaltet und den eigenen Horizont erweitert. Mayer-Schönberger, Professor am Oxford Internet Institute, hat im vergangenen Frühjahr mit dem Journalisten Kenneth Cukier ein Buch veröffentlicht, das in seinem englischen Originaltitel „Big Data – A Revolution That Will Transform How We Live, Work and Think“ heißt. Big Data ist mehr als ein Geschäftsmodell, mehr als eine bedrohliche Technologie, mehr als simples, altes Sammeln und Messen von Daten. Auch wenn es heute meist noch so betrieben wird.

„Stellen wir uns vor, was Big Data bedeuten kann, wenn es um den Kampf gegen Krankheiten geht. Stellen wir uns vor, was man mit dem großen Beobachten anstellen kann, wenn es darum geht, auf soziale und ökonomische Veränderungen schnell und angemessen zu reagieren, weil man ausreichend Daten hat, um das zu können. Und stellen wir uns vor, dass wir diese Welt, in der Zusammenhänge schneller und klarer deutlich werden als je zuvor, für uns nutzen“, zählt Mayer-Schönberger auf. Um das zu können, brauche man diese „neue Rationalität“, eine neue Vernunft, bei der aus Passivität, aus Angst das Bewusstsein wird, dass man nicht einfach ein hilfloser Idiot ist, mit dem Big Brother machen kann, was er will. Sondern dass man gestaltet – Big Data is Your Data.

Der Mensch wird vom Opfer zum Nutzer. Vom Beobachtungsobjekt zum Beobachter.

5. Beobachten heißt versuchen. Ausprobieren. Nur so kann man begreifen

Mayer-Schönberger denkt an Unternehmen wie 23andMe, wo seit Dezember 2007 die Gene von fast einer halben Million Menschen auf der ganzen Welt analysiert wurden – für den Preis von heute gerade noch 99 Dollar pro Test. Dafür erhalten die Kunden unter anderem eine genaue Vorhersage von rund 200 genetisch bedingten Krankheiten. 23andMe bittet die Kunden darüber hinaus, via Web noch weitere Informationen zur Verfügung zu stellen. Je mehr Daten vorliegen, desto genauer können die Analysen sein – und umso besser können sich die Kunden auf ihre genetischen Rahmenbedingungen einstellen. Das könnte das Gesundheitssystem revolutionieren, nicht nur die Kosten dämpfen, die in allen Ländern steigen.

Es sorgt auch für Demokratisierung und mehr Eigenverantwortung – denn wen, wenn nicht den Träger genetischer Merkmale, geht an, was er mit sich so an Genpool herumträgt?

Und das fängt bei ganz einfachen Dingen an: Meine Gene gehören mir. Und nicht Behörden, Pharmaunternehmen und der Krankenkasse. Klar, in den USA laufen genau diese drei Sturm gegen 23andMe. „Aber die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen“, weiß Mayer-Schönberger. So führt das genaue Hinsehen, das gute Beobachten, zu mehr Wissen über sich selbst – und damit zu mehr Möglichkeiten, sein Leben zu verbessern. Wie alles, was man sich ohne Vorurteile ansieht, birgt auch Big Data mindestens so viele Chancen wie Risiken.

Nach der Computerangst in den Achtzigerjahren haben sich PC und Internet schließlich doch durchgesetzt, weil Menschen gelernt haben, die Technik für sich zu entdecken und zu nutzen. Beobachten heißt versuchen. Ausprobieren. Nur wer sich die Welt ansieht, kann sie begreifen – und damit gestalten. Philipp Otto nennt diese Alternative zum Tunnelblick „digitalen Optimismus“.

So einfach ist das. Beobachtung führt zu Veränderung. Im Guten. ---

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