Ausgabe 03/2014 - Schwerpunkt Beobachten

Jonathan Nolan

Der Seher

• Das Faszinierende an Science-Fiction ist die Freiheit zu spekulieren: Wie werden wir in Zukunft reisen? Kommunizieren? Essen? Lieben? Kämpfen? Laserschwert, lichtschnelle Raumschiffe, Beamen – alles wird möglich sein in ein paar Hundert Jahren. Doch als Jonathan Nolan 2009 eine Science-Fiction-Serie an amerikanische Fernsehsender verkaufen wollte, schien die Prämisse seines Projektes den Programmplanern zu versponnen. „Die Leute fanden unsere Idee absolut unrealistisch und politisch zu provokativ für eine abendfüllende Serie“, erinnert er sich.

Seine Serie „Person Of Interest“ kreist um ein geheimes Computersystem der amerikanischen Regierung, das weltweit alle E-Mails, Telefonate, SMS, Überwachungskameras und andere Formen der elektronischen Kommunikation filtert, speichert und auf terroristische Bedrohungen hin analysiert. Als Abfallprodukt produziert dieses System allerhand Informationen über Nicht-Terroristen. „Ich hörte immer wieder: Diese Geschichte funktioniert nicht, weil uns das niemand abnimmt“, sagt Nolan. „Jetzt wissen wir, was die NSA treibt, und unsere Show gehört nicht mehr in das Genre ‚Science-Fiction‘, sie ist ‚Science-Fact‘.“

Nach zähen Verhandlungen feierte „Person of Interest“ 2011 Premiere auf CBS. Die ersten Sätze in der Pilotfolge, gesprochen aus dem Off von der Hauptfigur Mr. Finch (gespielt von Michael Emerson), klangen so: „Sie werden beobachtet. Die Regierung hat ein geheimes System, eine Maschine, die jeden ausspioniert – jede Stunde an jedem Tag. Ich weiß das, weil ich diese Maschine gebaut habe.“ Die »New York Times« schrieb: „Das Konzept wirkt ein wenig an den Haaren herbeigezogen.“

Derzeit läuft die dritte Staffel mit großem Erfolg, und niemand wirft Nolan mehr vor, seine Ideen seien versponnen. Im Gegenteil: Weil die Realität die Serie eingeholt hat, mussten sich die Produzenten auf dem Kongress „Comic Con 2013“ rechtfertigen. Die Handlung sei nicht unrealistisch genug, um Science-Fiction-Fans zu begeistern, hieß es. Nolan und sein Partner Greg Plageman erklärten beim wichtigsten Marketing-Termin des Jahres, dass ihre Serie nicht in der fernen Zukunft spiele, sondern der Realität „nur noch fünf Minuten voraus sei“. In der dritten Staffel beginnt der Computer – „The Machine“ – eine Evolution zum intelligenten Wesen mit eigenem Willen. Mal sehen, wie lange diese Vision Science-Fiction bleibt.

Wie kam Nolan darauf, die Enthüllungen Edward Snowdens vorwegzunehmen? Die Antwort des 36-Jährigen, der mit seinem Bruder Christopher zwei Filme der Batman-Trilogie schrieb: „Ich interessiere mich für Überwachung. Ich interessiere mich für Dystopien, in denen künstliche Intelligenzen außer Kontrolle geraten. Ich habe alle Drehbücher studiert, in denen es um diese Dinge geht – „The Conversation“, „Westworld“, „Minority Report“, die Werke von Philip K. Dick. Ich stellte fest, dass es keine Geschichte gibt, die beide Themen miteinander verwebt.“

Der Computer in „Person Of Interest“ ist der NSA-Software Prism in einer Hinsicht überlegen: Er kann den Strom der Informationen nicht nur sammeln und speichern, sondern in Echtzeit analysieren. Dann spuckt er die Sozialversicherungsnummer einer Person aus, die bald Opfer eines Verbrechens oder Täter werden wird. Mr. Finch und sein Team von ehemaligen Agenten, erpressbaren Polizisten und Auftragskillern müssen diese Person finden. Am Ende der ersten Staffel wird klar, dass Finch nicht nur kriminelle Einzeltäter jagt, sondern auf eine Verschwörung in höchsten Kreisen von Politik und Militär stößt.

Als die Welle der NSA-Enthüllungen im vergangenen Juni ins Rollen kam, überraschte Nolans Team, wie sehr Prism, XKeyscore und Tempora der fiktionalen Maschine gleichen. Selbst Nolans Berater, die im Irak und in Afghanistan Geheimdienstarbeit geleistet hatten, waren überrascht von der Menge an Daten, die amerikanische Computer abgreifen. „Wenn demnächst der Superrechner in Utah hochfährt, kommt die NSA unserem Entwurf der totalen Überwachung einen großen Schritt näher“, sagt Jonathan Nolan. „In diesem Land erlauben geheime Gerichte mit Vorschriften, die wir nicht kennen, der Regierung, Daten in aller Welt zu sammeln. Unsere Autoren schicken sich jetzt täglich Briefings mit den neuesten Entwicklungen, damit sie uns nicht längst überholte Geschichten liefern.“ Jede Enthüllung über die NSA dient Nolan als Futter für neue Geschichten. Er verrät keine Einzelheiten, aber in der vierten Staffel könnte eine Figur nach dem Vorbild von Edward Snowden die ohnehin schon komplizierte Gemengelage von „Person Of Interest“ verkomplizieren.

Seine seherischen Fähigkeiten scheint Nolan nicht verloren zu haben. In einer Folge der dritten Staffel mit dem Titel „4C“ geht es um einen imaginären Gründer von Bitcoin (gespielt von Bill English), der wegen Geldwäsche verhaftet wurde und von Killern der Drogenmafia gejagt wird. Zwölf Tage nach der Ausstrahlung von „4C“ verhaftete das FBI Charlie Shrem, den Gründer der Bitcoin-Börse Bitinstant. Er soll Drogenhändlern bei der Geldwäsche geholfen haben. ---

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