Ausgabe 03/2014 - Schwerpunkt Beobachten

Der Durchblick

1. Sprung in der Optik

Hallo, Sie, warum machen Sie die Welt nicht besser? Ich kann gerade nicht. Und überhaupt: Ist nicht schon alles gut? Das hört man oft und denkt, der hat einen Knick in der Optik. Damit liegt man gar nicht so falsch, im Grunde hat man es mit einem industriekapitalistischen Produktionsfehler zu tun: Die Optik ist starr und fixiert nur das Notwendige, alles andere wird ausgeblendet. So werden die meisten Menschen ausgeliefert, das ist der Werkszustand. Ein Jammer in Serie.

In der Wissensgesellschaft reicht das nicht. Da blickt man mit so einer alten Linse nicht mehr durch. Sind Sie weitsichtig oder kurzsichtig?, so fragt man uns unaufhörlich. Dabei ist das gar nicht das Problem. Die Optik, die wir brauchen, liefert ganz etwas anderes als nah und fern. Den Durchblick.

Was bringt uns der? Freie Sicht auf das, was wirklich wichtig ist. Das ist eine Botschaft, an der der im Vorjahr verstorbene Wirtschaftshistoriker David S. Landes seine Freude gehabt hätte. In seinem Meisterwerk „Wohlstand und Armut der Nationen – Warum die einen reich und die anderen arm sind“ ging er der Frage nach, warum Europa in Sachen Wohlstand und Entwicklung so lange führend sein konnte. Das hat viel mit Durchblick zu tun. Im Mittelalter, so Landes, wurden hier die Voraussetzungen für die „Erfindung des Erfindens“ gelegt, also die Fähigkeit, ein Problem zu erkennen und es durch Beobachtung und Experiment zu lösen. Gegen Ende des Mittelalters, im späten 13. Jahrhundert, schreibt Landes, taucht eine Erfindung auf, die aus unserer heutigen Perspektive eine „scheinbar banale Geschichte, etwas so Alltägliches ist, dass es schon trivial wirkt“: Augengläser.

Der Fortschritt ist eine Brillenschlange. Das wird klar, wenn man sich die Lage der Menschen zu jener Zeit verdeutlicht, in der, vermutlich im italienischen Raum, zum ersten Mal Augengläser auftauchen. Handwerker, die Meister und Spezialisten des Mittelalters, brauchen kaum weniger Zeit als ihre Nachfahren heute, um ihre Künste zu perfektionieren. Wenn ein Maler oder ein Mechaniker nach langer Ausbildung und einiger Praxis richtig gut ist, das Beste schaffen kann, ist er um die 40 Jahre alt. Mit anderen Worten: Es geht biologisch bergab. Die Sehkraft lässt in diesem Lebensabschnitt bei den meisten Menschen deutlich nach.

Ausgerechnet dann also, wenn die geistigen und technischen Fähigkeiten eines Meisters am weitesten entwickelt sind, versagt die Biologie. Die Brille löst dieses Problem brillant, indem sie aus den zuvor schlechtesten Jahren der Meister ihre besten macht. Augengläser verlängern, so hat Landes herausgefunden, die Arbeitsfähigkeit der Handwerker um gut 20 Jahre, was einer Verdoppelung des Arbeitslebens gleichkommt – und eine noch größere Auswirkung auf technischen Fortschritt und Produktivität hat. Die Meister, die nun den Durchblick wiedererlangt haben, sind ja nicht nur in der Lage, weiterhin gut zu sein, sondern werden durch Erfahrungswissen, Know-how, immer besser.

Im 15. und 16. Jahrhundert sind Augengläser im mittelalterlichen Establishment zum Standard geworden: Der Klerus nutzt sie, die Handwerker, die Ratsherren und die Adeligen. Es ist die Zeit des wirtschaftlichen und technologischen „Take-offs“ – ohne den, wie David S. Landes scharfsinnig beobachtet, weder die Wissensrevolution des Buchdrucks noch die Fähigkeit zur Entwicklung von Feinmechanik und Präzisionsarbeit möglich gewesen wäre.

„Brillen machten es möglich, feinmechanische Arbeiten auszuführen und feine Instrumente zu handhaben. Aber das Umgekehrte gilt gleichfalls“, schreibt Landes: „Die Brillen regten zur Erfindung feiner Instrumente an und trieben Europa in eine Richtung, wie sie nirgends sonst eingeschlagen wurde.“ Das ist die Grundlage des westlichen Wohlstands. Wer so genau beobachtet, bei dem führt eines zum anderen.

2. kurzsichtig

Solange man beobachtet, um zu erkennen und zu verstehen, ist alles in Ordnung. Das ist aber natürlich blanke Theorie. Denn in der Praxis sehen wir nur, was wir sehen wollen. Diese Fehlsichtigkeit wird mit den Jahren stärker. Das gilt auch für Gesellschaften. Keine Brille hilft dagegen.

Ob Beobachten richtig ist oder falsch, ist eine Frage des Motivs – aber längst auch der Methode. Um das zu verstehen, muss man eine Unterscheidung treffen, die im Alltag meistens übersehen wird: Beobachten und Messen ist nicht dasselbe. „Im Gegensatz zu Messungen zielen Beobachtungen weniger auf quantitative Erfassung der Objekte als auf qualitative Daten“, heißt es bei Wikipedia. Erkenntnis, das Ziel aller Beobachtung, ist echtes Wissen, eine eigene Qualität und mehr als die Summe vieler Informationen.

Die klassische Kultur der Vernunft und der Rationalität, die sich seit Ende des Mittelalters zäh, aber stetig durchgesetzt hat, ist längst zu einem Kult des Messens und Wiegens geworden. Darin stecken wir fest wie im Schlick. Die Frage beim Beobachten ist also: Denkst du schon oder zählst du noch? Was hilft es, wenn wir genau beobachten, aber dabei nicht denken?

Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace hat in seiner Rede „This is Water“ (Das hier ist Wasser) aus dem Jahr 2009 die Sache auf den Punkt gebracht: „Ich glaube, das geisteswissenschaftliche Mantra, ,das Denken zu lernen‘ läuft im Grunde darauf hinaus, dass ich ein bisschen Arroganz ablege, ein bisschen „kritisches Bewusstsein“ für mich und meine Gewissheiten entwickle … denn das Zeug, dessen ich mir automatisch sicher bin, erweist sich großenteils als total falsch und irreführend.“

Wir aber tun so, als ob wir das nicht wüssten. Es geht heute überall um Menge, Masse, Gewicht, Zahl. Was sich dem entzieht, gilt als Störung oder Bedrohung. Das ist eine krasse Abkehr vom Wissen-Wollen, dem guten Leitmotiv des Beobachtens. Das Messen dient dem Einordnen, nicht dem Verstehen und Erkennen. Man schaut bloß hin, weil man wissen will, wie viel von dem, was man schon kennt, da ist. Beim Messen schaut man sozusagen, ob noch alle Räder dran sind – beim Beobachten überlegt man sich, was man mit einem Rad alles anstellen kann. So erfindet man es immer wieder neu.

In Zeiten der Veränderung, jetzt also, werden natürlich die vorhandenen Messmethoden genutzt, um in Erfahrung zu bringen, was sich ändert. Das ist lustig. Denn es ist der Versuch, einen Kurzsichtigen mit der exakten Bestimmung des Horizonts zu beauftragen. Alles wirkt ein wenig verschwommen. Augenärzte wissen Bescheid. Unsere Zeit muss ihnen vorkommen wie eine einzige „stenopänische Lücke“. Kurzsichtige verkleinern damit ihre Sichtblende, um irgendwas zu erkennen. Wir alle wissen, wie Leute, die so etwas machen, aussehen: Sie sehen verkniffen in die Welt, insbesondere, wenn sie Objekte in einiger Entfernung beobachten wollen.

Sachen, die weit weg sind. Fremd.

Das ist mühsam. Messen ist einfacher und noch dazu scheinbar sicherer – doch das ist nur ein Irrtum, den wir deshalb nicht erkennen, weil wir uns an ihn gewöhnt haben.

Die alten Griechen erkannten in der Beobachtung die Schlüsselfertigkeit zur Menschwerdung – nur wer genau hinsehe, erkenne sich letztlich selbst. Wer beobachtet und nicht bloß zählt, versteht nicht nur sich besser, sondern auch die Welt und seine Mitmenschen. Beobachtung ist deshalb in der abendländischen westlichen Kultur immer auch ein sozialer Vorgang. Wer richtig beobachtet, ist bereit, die Welt nicht nur mit den eigenen, sondern auch mit den Augen der anderen zu sehen.

3. Die Welt der Carl Friedrichs

Das ist eine Entscheidung, die jeder treffen muss. Will man mehr sein wie Alexander oder doch lieber wie Carl Friedrich?

In Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ geht es genau um diese Frage. Die beiden Helden des Buchs sind Stars der aufgeklärten Naturwissenschaft des frühen 19. Jahrhunderts: Hier der nüchterne Mathematiker und Landvermesser Carl Friedrich Gauß, der Inbegriff des deutschen Zahlenmenschen. Dort der Indiana Jones der Naturwissenschaft, der Forscher und Entdecker Alexander von Humboldt, der die im frühen 19. Jahrhundert immer noch „Neue Welt“ Südamerikas entdeckt und erforscht. Gauß, ein humorloser, konservativer Knochen aus der niedersächsischen Provinz, vermisst mit verkniffenen Augen, aber penibel die Welt, Humboldt hingegen will sie durch Beobachtung verstehen. Gewiss: Kinder der Moderne, der Vernunft, der Aufklärung sind beide. Doch wenn Gauß am Fernrohr sitzt, träumt der auch als Astronom bedeutende Zahlenfürst nicht von Reisen auf fremde Planeten. Die Sterne inspirieren ihn nicht. Er zählt sie nur. Gauß entdeckt nicht. Er registriert.

Der liberale Alexander von Humboldt hingegen macht seine Beobachtungen in voller Tatabsicht. Er hat ein Motiv, das er auf seine Weltreisen mitnimmt. Er will die Welt beobachten, weil er sie verstehen will. Er will das, was er entdeckt hat, nutzen. Humboldt vermisst die Welt, weil er sie verbessern will. Dabei ist es ständig nötig, die Optik den Gegebenheiten anzupassen. Er arbeitet interdisziplinär, überschreitet wissenschaftliche und fachliche Grenzen. Er beobachtet den Gegenstand mal aus der Perspektive des Geografen, dann des Historikers, des Ethnologen, des Physikers, Chemikers, Mathematikers und des Abenteurers. „Sein Angriff auf die deutsche Mutlosigkeit“, schrieb der Autor Matthias Matussek im »Spiegel« über von Humboldt, habe stets im „Luxus des Wissen-Wollens“ bestanden. Gauß leistet sich diesen Luxus nie. Seine Vernunft genügt sich selbst.

4. Gleitsicht

Die Welt mit anderen Augen sehen. Nico Stehr, Soziologe an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, weiß, dass man genau daran nicht vorbeikommt: „Wir erleben heute überall das Versagen des verengten Blicks, den die Spezialisten haben, die die Welt nur mit ihren Augen sehen und Probleme und deren Lösung so formulieren, wie man es in ihrer Disziplin eben tut. Aber das ist eben nicht zwangsläufig das, was auch für die Menschen wichtig ist, für die man die Lösungen anstrebt.“

Wo sind die Humboldts? Sie fehlen nicht nur in der Wissenschaft, der Forschung, der Politik. Sie fehlen im Management. Überall ist der Fokus eng, nach innen gerichtet. Die Welt wird nicht mehr beobachtet, sondern nur mehr die eigenen, engen Sichtweisen von ihr doziert. Für Bürokratie reicht das.

„Wenn es den Wissenschaftlern um echte Erfolge und Veränderungen ginge, dann müssten sie vor allen Dingen lernen, ihre Arbeit mit anderen Augen zu sehen. Für wen arbeiten wir? Wenn man wirklich relevant sein will, muss man über den Tellerrand klettern – und nicht eifersüchtig sein Terrain verteidigen“, sagt Stehr.

Gemeinsam mit dem angesehenen Meteorologen Hans von Storch, Professor an der Universität Hamburg, hat er einen bemerkenswerten Aufsatz zu dieser starren Optik geschrieben: „Brauchen wir eine soziale Naturwissenschaft?“ fragen die beiden darin. Wer heute richtige Probleme lösen wolle, muss fächerübergreifend denken. Von Storch und Stehr fragen sich, warum die hohen Ziele der Klimaforscher in der Öffentlichkeit und Politik nicht ankommen. Ein wesentlicher Grund, so meinen die Autoren, sei eine falsche Sichtweise.

Das Problem bestehe darin, dass die „Naturwissenschaftler nicht wissen, welche Fragen die Gesellschaft stellt“. So wird etwa die Frage „Wie wird sich das Klima entwickeln?“ verstanden als „Wie werden sich die klimabeschreibenden Parameter Temperatur, Niederschlag, Sturmhäufigkeit etc. zahlenmäßig entwickeln?“ – und nicht als „Welches Bild von Klima wird die Gesellschaft in Zukunft haben?“. Die Naturwissenschaft liefert Messergebnisse. Sie produziert Zahlen. Die Leute wollen aber Lösungen. Damit es die gibt, müssten Naturwissenschaftler anfangen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Viel zu viele Wissensarbeiter, so Stehr im Fazit, würden „in ihr Mikroskop starren. Aber tatsächlich bräuchten die eine Gleitsichtbrille.“

Statt verkniffen darauf zu beharren, dass man „recht hat“, wäre es angemessen, sich zu fragen, ob man Probleme lieber beobachtet oder löst. Dazu muss man den Blick für die Interessen der anderen schärfen. Überholt, so Stehr und von Storch, ist auch die Vorstellung, dass der wissenschaftliche Beobachter nur ein neutraler Außenstehender ist. Wir tun nix, wir messen nur. Beobachten, nehmen aber nicht teil. Carl Friedrich geht das alles eigentlich nichts an.

Natürlich haben auch Naturwissenschaftler Interessen. Dass anderes mit so großem Nachdruck auch heute noch behauptet wird, ist im wahrsten Sinn des Wortes vermessen. Kann es sein, dass diese Behauptung absoluter Objektivität nichts weiter ist als ein Feigenblatt dafür, sich jeder Kritik und Diskussion zu entziehen, weil man seine Resultate für praktisch unfehlbar erklärt?

So etwas gibt es sonst nur noch in der Jobbeschreibung des Papstes.

5. Die Einheit des Wissens

„Wir nähern uns einem neuen Zeitalter der Synthese, in dem die größte aller intellektuellen Herausforderungen die Erprobung von Vernetzung sein wird“, schrieb der Soziobiologe Edward O. Wilson in seinem 1998 erschienen Buch „Die Einheit des Wissens“. Synthese, das macht Wilson klar, ist keineswegs Nivellierung oder Vereinheitlichung, sondern ein neues Denken, in dem sich die Carl Friedrichs und Alexanders zu einer neuen, zu einer weitsichtigeren Spezies verbinden.

Der weise Wilson sprach bei dieser Gelegenheit von der „Erprobung“. Da ist nicht etwa die Rede davon, dass eine neue Welt, in der man mehr sieht als in der alten, einfach auf Knopfdruck und fertig ausgestattet funktioniert. Wir haben noch nicht einmal angefangen, dafür zu üben – und Wilson wusste schon, dass der Anfang schwer sein wird. Wenn man versucht, mit den Augen der anderen zu sehen, dann droht, das hat schon der Aufklärer Francis Bacon gewusst, die Gefahr der „Konfusion“, die sich immer dann zeige, „wenn Argumentation oder Logik von einer Erfahrungswelt in die andere wechselt“. Das ist kein Grund zur Panik, sondern ganz normal: Der erste Blick ist oft trügerisch. Man sieht etwas falsch. Die Lösung dagegen heißt: weiter hingucken.

Edward O. Wilson macht klar, dass es gar nicht anders geht: „Kaum eine der Fragen, die die Menschheit täglich beunruhigen (…) kann gelöst werden, ohne das Wissen der Naturwissenschaften mit dem der Sozial- und Geisteswissenschaften zu verbinden. Erst wenn es völlig selbstverständlich geworden ist, Erkenntnisse aus allen Disziplinen zusammenzutragen“, so Wilson weiter, würde sich „ein klares Bild der Realitäten unserer Welt ergeben und jene Scheinwirklichkeiten ersetzen, die man durch die Prismen von ideologischen und religiösen Dogmen erblickt oder die durch kurzsichtige Antworten auf drängende Fragen entstehen“.

Das ist wie mit dem Wasser. Mit dem Durchblick kann man sehen – bis ganz hinunter auf den Grund. ---

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