Ausgabe 09/2014 - Schwerpunkt Arbeit

Tandemploy

0,5 + 0,5 = 1,5

Helfen bei der Partnersuche: Jana Tepe (links) und Anna Kaiser

"Eine Teilzeitstelle bedeutet heute fast automatisch: anspruchslose Tätigkeit und Ende der Karriere", sagt Jana Tepe. "Viele Hochqualifizierte würden in bestimmten Lebensphasen gern weniger arbeiten, aber der Preis dafür ist zu hoch", ergänzt Anna Kaiser.

Die beiden Unternehmerinnen, 27 und 30 Jahre alt, empfangen in einem kleinen Raum in der Gründervilla der Freien Universität Berlin. Sie berichten vom Alltag in deutschen Firmen: Zu 90 Prozent ist Teilzeitarbeit Frauenarbeit. Die Halbtagskräfte bekommen den halben Lohn, arbeiten aber sehr oft deutlich mehr als 50 Prozent. Dennoch glauben Chefs und Kollegen oft, dass sie immer schon weg sind, wenn man sie gerade dringend braucht. Richtig glücklich wird damit keiner.

An der Wand hängt ein DIN-A2-Blatt mit dem Geschäftsplan von Tandemploy. Ressourcen, Ziele, Technik, nächste Schritte. Besonders wichtig ist den beiden Gründerinnen eines: „Die Arbeit muss zum Leben passen, nicht umgekehrt.“

Wie das zu erreichen ist, glauben die beiden Gründerinnen zu wissen und packen es in einen Begriff: Jobsharing. Das geht für Tepe so: Zwei gut qualifizierte Mitarbeiter teilen sich eine volle Stelle. Sie sprechen sich ab, wer von beiden wann im Büro ist. Sie sorgen gegenseitig dafür, dass beide über alles Wichtige informiert sind. Und sie ergänzen sich in ihren Kompetenzen. Ein Vorteil aus Arbeitgebersicht sei die reibungslose Vertretung bei Urlaub und Krankheit.

Kaiser ergänzt: „Ideal ist es natürlich, wenn sie sich schon als Tandem auf eine für Jobsharing geeignete Stelle bewerben.“

Auf dieser Idee fußt ihr Geschäft: Tandemploy soll alle Beteiligten miteinander verbinden. Wer in Teilzeit arbeiten will, soll auf der Plattform einen passenden Arbeitspartner finden. Wenn sich beide ergänzen und die Chemie stimmt, können sie sich gemeinsam auf Vollzeitstellen bewerben. Die finden sie auf der Plattform – ausgeschrieben von Unternehmen, die für Jobsharing-Modelle offen sind.

Auf die Idee kamen sie im Januar 2013. Damals arbeiteten beide bei einer Berliner Personalberatung mit Schwerpunkt Start-ups und IT. Eines Tages landete auf Tepes Tisch eine Bewerbung auf die Stelle eines Personalentwicklers mit umfangreichen Kenntnissen im Arbeitsrecht. Aber eben eine Doppelbewerbung: Ein Arbeitsrechtler und ein Personalentwickler wollten sich den Job teilen. „Die Stelle bekamen die beiden leider nicht“, erinnert sich Tepe. Die Bewerber schienen dem suchenden Unternehmen „überqualifiziert“.

Aber im Gespräch danach war für Kaiser und Tepe sofort klar: Jobsharing hebt Teilzeitarbeit auf eine neue Stufe. Es löst viele Probleme, die mit den klassischen Modellen verbunden sind.

Den Bedarf nach solchen Stellen kannten Tepe und Kaiser gut aus ihrer täglichen Arbeit. In Dutzenden Gesprächen mit dem selbstbewussten Tech-Nachwuchs der sogenannten Generation Y (also die nach 1980 Geborenen) war der Wunsch nach mehr Zeit für sich oder freiberufliche Projekte nebenher ein großes Thema. Um diesen Wunsch zu quantifizieren, starteten die Gründerinnen eine Online-Umfrage mit Hunderten von Teilnehmern.

Ergebnis: Die Hälfte der Befragten wünschen sich, in bestimmten Lebensphasen den Job mit anderen zu teilen. Das hatten die beiden erwartet. Doch die eigentliche Überraschung war: 80 Prozent der befragten Arbeitgeber stehen Jobsharing offen und positiv gegenüber.

Diese positiven Rückmeldungen standen wiederum in scharfem Kontrast zu Informationen und Jobsharing-Angeboten, die das Berliner Personaler-Duo im Internet finden konnte. Die Bilanz lautete: „In der Schweiz gab es ein bisschen was, in Deutschland so gut wie nichts.“

Drei Monate später hatten Tepe und Kaiser ihre Stellen als Personalberaterinnen gekündigt und arbeiteten an ihrem Geschäftsplan für Tandemploy. Der überzeugte die Beamten des Bundeswirtschaftsministeriums, knapp 100 000 Euro Startkapital aus dem Existenzgründerprogramm Exist in die Idee zu stecken. Ein Business Angel steuerte weiteres Kapital und Know-how bei. Seit März ist eine Betaversion der Plattform online.

Das Projekt steckt noch in seinem Babyjahr, aber es beginnt zu laufen: Rund zehn Unternehmen haben zurzeit rund 50 Vollzeitstellen ausgeschrieben, die sich für Jobsharer eignen. Mehr als 250 registrierte Bewerber suchen nach Tandempartnern. Die ersten Bewerbungsprozesse laufen. Täglich warten die Gründerinnen darauf, den ersten Vermittlungserfolg offiziell verkünden zu können.

Auf Partnersuche per Computer

Das Angebot von Tandemploy orientiert sich an anderen Stellenbörsen im Netz. Für Jobsuchende ist es kostenlos. Die Unternehmen zahlen für ihre Annoncen und die Möglichkeit, mit einem größeren Unternehmensprofil auf sich aufmerksam zu machen. Talente auf der Plattform direkt kontaktieren zu dürfen kostet die Arbeitgeber extra.

Der Aufbau der Seite ist deutlich komplexer als der von bekannten Jobportalen. Der Grund liegt auf der Hand: „Wir müssen ja drei Parteien zusammenbringen, nicht zwei. Zunächst die Tandems selbst und die dann mit den Unternehmen“, sagt Kaiser.

Bezogen auf den Vermittlungsprozess künftiger Bewerber mögen die beiden Gründerinnen den Vergleich mit Dating-Portalen nicht so gern. Aber „rein technisch“, geben sie zu, „funktioniert das schon sehr ähnlich“.

Ab der nächsten Ausbaustufe der Plattform wird ein Algorithmus ähnlich wie jener bei amourösen Partnerbörsen wie eDarling oder Parship vorsondieren, wer zu wem passen könnte. In der Onlinesprache heißt das „Matching“. Die Auswahlkriterien der Vorschlagsmaschine werden bei Tandemploy Ziele und Motivation im Job sein sowie bevorzugte Arbeitsweise, Kommunikationsstil und für die Tätigkeit besonders relevante Persönlichkeitsmerkmale. Der Computer findet zwei Gleichgesinnte, die sich treffen und entscheiden müssen, ob sie eine gemeinsame Zukunft haben.

Die Geschäftsidee von Tandemploy ist so naheliegend und einleuchtend, dass sich die beiden Gründerinnen manchmal fragen: „Warum ist vor uns noch niemand auf diese Idee gekommen?“ Diese Frage könnte man auf das gesamte Thema Jobsharing ausweiten.

Zwar gab es laut einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln aus dem Jahr 2009 bereits in jedem fünften deutschen Unternehmen Modelle, in denen mehrere Teilzeitkräfte mit mehr oder weniger klaren gegenseitigen Absprachen klassische Vollzeitaufgaben stückeln. Doch tatsächlich wird das Thema gerade erst entdeckt.

Hier und da wagen Großunternehmen den Versuch, das Modell öfter in die Personalentwicklung einzuführen. Bosch, Daimler und Deutsche Telekom gehören laut Tandemploy-Gründerinnen zu den Vorreitern, die Jobsharing als Karriere-Option anbieten.

Doch viel weiß man noch nicht darüber. So gibt es kaum wissenschaftliche Studien zu geteilter Arbeit. Die Vorzüge des Ansatzes können Tepe und Kaiser daher nur anekdotisch belegen: mit Erfahrungsberichten von Unternehmen, die besonders loyale Jobsharer eingestellt haben, die überdurchschnittlich gute Teamspieler sind und die schon deshalb überdurchschnittliche Leistung bringen, weil sie beweisen wollen, dass das Modell funktioniert.

Immerhin sind die rechtlichen Fragen weitgehend geklärt – abgedeckt durch einen Zusatzparagrafen im Arbeitsrecht. Jobsharer erhalten in der Regel einen individuellen Teilzeitvertrag. Oft gibt es noch zusätzlich ein schriftliches Dokument, in dem die Art und Weise der Zusammenarbeit der Tandems beschrieben ist. Bei Bruttogehältern unterhalb von rund 24 000 Euro pro Teilzeitstelle entstehen Arbeitgebern durch Jobsharing keine zusätzlichen Lohnnebenkosten. „Die Hürden sind viel geringer, als die meisten Arbeitgeber glauben“, stellen Tepe und Kaiser immer wieder fest.

Auch Tandemploy scheint eine gute Perspektive zu haben. Die laufenden Kosten sind vergleichsweise gering. Zurzeit beschäftigt das Unternehmen neben den beiden Chefinnen noch einen Entwickler und eine Marketingfrau. Auch die Einnahmeseite sehen die Gründerinnen optimistisch: „Die potenziellen Kunden kennen die Produkte gut von anderen Jobportalen, und die Personalabteilungen haben für diese auch Budgets“, sagt Kaiser.

Rund 100 Firmen müssen halbwegs regelmäßig Stellen auf der Plattform ausschreiben, damit Tandemploy schwarze Zahlen schreibt. Die Anzeigenpreise orientieren sich an denen von anderen kleinen Jobportalen. Die verlangen 250 bis 500 Euro pro Ausschreibung. Bis 2016 wollen die Gründerinnen den Break-even erreicht und dann zwölf Mitarbeiter haben. Oder auch gern 24 halbe: „Natürlich wollen wir unsere Vision im eigenen Unternehmen vorleben“, sagt Tepe.

Das klappt noch nicht ganz. Die größte Herausforderung ist die Suche nach frischem Kapital. Eine Crowdfunding-Kampagne ist in Vorbereitung. Es gibt auch Gespräche mit Investoren. Die Plattform in den relevanten Zielgruppen trotz geringem Marketingbudget bekannt zu machen ist keine Teilzeitaufgabe. Tepe: „Momentan arbeiten wir beide eher Vollzeit.“ Kaiser ordnet aber lächelnd ein: „Normalerweise arbeiten Gründer ja 80 Stunden in der Woche. Wir beide jeweils 40.“ ---

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