Ausgabe 09/2014 - Schwerpunkt Arbeit

Sabria David (Slow Media Institut) im Interview

Schutz vor dem Smartphone

brand eins: Seit Mai bietet der TÜV Rheinland ein Modul zum digitalen Arbeitsschutz an, das Sie mit ihm gemeinsam entwickelt haben. Wozu?

Sabria David: Es wird Zeit, dass wir für digitale Arbeit Standards entwickeln. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Arbeit rasant gewandelt. Die Flut von E-Mails steigt, über das Smartphone werden die Daten mobil, die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem verschwimmen. Gleichzeitig hat sich laut AOK die Zahl der burnout-assoziierten Fehlzeiten von 2004 bis 2011 mehr als verelffacht.

Und daran soll die Digitalisierung schuld sein?

Die digitale Technik definiert nicht neu, wie Menschen miteinander umgehen oder welche Bedürfnisse sie haben, sondern potenziert manche Muster. Wenn man früher zeigen wollte, dass man sich engagiert, blieb man abends zwei Stunden länger im Büro und ging erst dann nach Hause. Dort hatte man seine Ruhe und wusste, dass im Büro nicht mehr viel passiert. Heute wollen wir immer noch unser Engagement zeigen – aber das Revier, in dem sich die Mitarbeiter bewegen und das sie im Blick haben müssen, ist sehr viel größer geworden: Der Raum für berufliche Interaktion hat sich auf 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche ausgeweitet. Wer nicht erreichbar ist und nicht zur Verfügung steht, ist in der Defensive. Niemand will der Einzige sein, der nicht mitmacht. Die Dynamik entwickelt sich durch die Kombination einer Technik, die allzeitige Verfügbarkeit möglich macht, mit der Erwartungshaltung, dass man das dann auch tut.

Es hat aber auch etwas für sich, dass wir überall arbeiten können.

Es gibt Hochglanzanzeigen mit jungen, hübschen Paaren, die mit aufgeklapptem Laptop am Badesee sitzen, nach dem Motto: nie wieder graues Büro. Aber es ist wichtig, dass man auch die Kehrseite sieht. Der Badesee ist dann auch nicht mehr derselbe, das graue Büro sitzt mit am Strand.

Warum fällt es uns so schwer, das Büro am See abzuschließen?

Mit den ersten marktgängigen Smartphones und der Mobilisierung der Daten wurde es 2007 allgemein möglich, allzeit bereit zu sein. Aber unsere Kulturtechnik hinkt noch hinterher. Wir benehmen uns wie beim Brief: Wenn er kommt, machen wir ihn auf, lesen und handeln. Beim Brief hatte man dann Ruhe bis zum nächsten Tag. Aber weil die E-Mails und Daten uns jetzt immer und überall erreichen, fehlen die Grenzen, die wichtig sind, um gesund und leistungsfähig zu bleiben. Deshalb brauchen wir eine Art Schutzhelm für den digitalen Arbeiter.

Reicht es nicht, E-Mail-freie Zonen einzurichten?

Die E-Mail fordert das reflexhafte Bedienen fast schon heraus. Es ist so einfach: Sie müssen nicht etikettieren, keine Marke draufkleben, nicht zum Briefkasten gehen, sondern können mit einem Klick ganz viele Menschen in CC setzen. Es kostet Sie nichts. Aber es kostet die anderen Aufmerksamkeit und Kraft. So belastet jeder jeden.

Der Reflex müsste sich doch kontrollieren lassen.

Wir sind so geprägt, dass wir gern schnell reagieren wollen. Für eine E-Mail unterbrechen wir, was wir gerade tun. Wir empfinden es als unhöflich, andere warten zu lassen, bis wir mit unserer Arbeit fertig sind. Das führt dazu, dass wir kaum noch etwas in Ruhe schaffen.

Andererseits ist es doch auch großartig, im Netz immer und überall mitzubekommen, was andere gerade tun und diskutieren.

Stimmt schon, die digitale Kultur erhält eine Grundschwingung von Kommunikation aufrecht, von In-Kontakt-Sein. Aber dieselbe digitale Infrastruktur kann auch eine Grundschwingung von Alarm herstellen. Das hängt vor allem davon ab, wie stark der Einzelne alarmierbar ist. Schafft er es zu sagen: Wenn hier am Wochenende etwas passiert, werden die mich schon bis Montag nicht vergessen haben! Und das hat mit der Unternehmenskultur zu tun, damit, wie stark intern beobachtet wird, wer wann antwortet.

Das Arbeitsrecht verlangt mindestens elf störungsfreie Stunden zwischen zwei Werktagen.

In vielen Unternehmen gibt es eine Kluft zwischen Theorie und Praxis: In der Theorie muss niemand abends oder im Urlaub seine E-Mails lesen. In der Praxis machen es fast alle.

Vielleicht sind sie neugierig?

Wenn ich an der Ampel warten muss, gucke ich auch manchmal in mein Postfach – weil ich denke, die Zeit kann ich nutzen. Aber der Mensch braucht auch Leerlauf, um gesund zu bleiben.

Und der Chef ist verantwortlich, dass ihn jeder bekommt?

Zumindest muss er ein Setting schaffen, in dem es nicht beruflicher Selbstmord wäre, im Urlaub nicht in die Mailbox zu schauen. Da reicht es nicht, zu sagen, dass es in der Verantwortung des Einzelnen liegt, für Auszeiten zu sorgen – wenn es keiner tut, muss man genau hinschauen und prüfen, woran das liegt.

Die bestehenden Arbeitsschutzregeln helfen nicht?

Im betrieblichen Gesundheitsschutz sind zwar Stress-Management und Work-Life-Balance zentrale Themen, aber es gibt keine Regelungen für die Mediennutzung – genau das aber ist eine der Hauptbelastungsquellen.

Ein Standard soll das Problem lösen?

Die Standards allein nützen nichts. Es geht um einen ganzheitlichen Blick. Wer es mit dem digitalen Arbeitsschutz ernst meint, muss sich auf einen Prozess einlassen, bei dem alle in regelmäßigen Abständen zusammenkommen und überlegen: Was können wir tun, damit sich das mediale Klima entspannt, die Leute konzentriert arbeiten und sich auch erholen können?

Sie sagen, der Anstoß muss von oben kommen – warum?

Eine mittlere Führungskraft wird nie etwas tun, womit sie sich ins eigene Fleisch schneidet. Auch wenn sie noch so sehr gehalten ist, die Ressourcen zu schonen – wenn sie an einem möglichst schnellen, kurzfristigen Output gemessen wird, wird sie alles dafür tun, ihn zu steigern. Und sie wird ganz sicher nicht sagen: „Es ist Freitagnachmittag, du hast die Woche hart gearbeitet, jetzt geh mal nach Hause und erhol dich.“ Deshalb sind Standards wichtig – aber nur, wenn sie im Unternehmen akzeptiert und weiterentwickelt werden. Dann sind sie wie ein Geländer, das den Weg sichert und für alle gangbar macht.

Wie sieht das idealerweise aus?

Ein in puncto Arbeitsschutz ideales Unternehmen denkt mittel- und nicht nur kurzfristig. Es schafft ein offenes Kommunikationsklima, hört zu und stimmt die eigenen Prozesse immer wieder auf die Realitäten ab. Das Narrative, Prozesshafte gehört zur digitalen Kultur: Man bringt etwas an den Start und bessert es ständig nach.

Und was muss der Einzelne lernen?

Sich entziehen zu können ist eine der wichtigsten Kompetenzen, wenn man soziale Medien nutzt. Dinge auslassen, möglicherweise auch mal etwas verpassen, wenn man sich auf etwas anderes konzentriert – das klingt einfach, ist aber harte Arbeit. ---

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