Ausgabe 09/2014 - Schwerpunkt Arbeit

Ortwin Renn im Interview

Der große Bruder kommt als Algorithmus

Dank moderner Technik möglich: ein besseres Leben für alle

brand eins: Herr Renn, Ihr neues Buch „Das Risikoparadox“ trägt den Untertitel „Warum wir uns vor dem Falschen fürchten“. Viele Menschen fürchten sich vor Robotern. Ist das falsch?

Ortwin Renn: Es gibt sicherlich gute Gründe, sich vor Robotern zu fürchten. Zumeist werden aber Gründe genannt, die von der Realität weit entfernt sind. So ist sicherlich in absehbarer Zeit nicht damit zu rechnen, dass Roboter die Herrschaft über die Menschen übernehmen, wie es in der Science-Fiction immer wieder thematisiert wird. Eine andere Furcht bezieht sich auf Roboter als Job-Killer. Dabei zeigen eigentlich alle Untersuchungen, dass die Beschäftigung mit einer höheren Automatisierung, einschließlich der Roboterquote ebenfalls nach oben geht. Allerdings werden einige Berufe dann natürlich nicht mehr gebraucht. Für die davon betroffenen Personen ist die Angst, wegrationalisiert zu werden, daher durchaus berechtigt. Für die allgemeine Beschäftigungslage in einer Volkswirtschaft ist die Wirkung aber eher positiv.

Die tiefe Verunsicherung, die die wachsende Intelligenz der Maschinen bei vielen Menschen bewirkt, werden Sie mit Arbeitsmarktstatistiken kaum besänftigen können.

Es gibt drei generelle Befürchtungen im Zusammenhang mit Robotern und Digitalisierung, die immer wieder auftauchen: Arbeitsplatzverlust, Kontrollverlust und Beziehungsverlust. Die Bedrohung der Arbeitsplätze erscheint mir nicht so dramatisch. Deutsche Studien kommen jedenfalls zu dem Ergebnis, dass der Arbeitsplatzgewinn durch höhere Wettbewerbsfähigkeit die Verluste durch Automatisierung mehr als ausgleicht. Der Kontrollverlust ist dagegen ein relevantes Thema. Wer sich davor fürchtet, fürchtet sich vor dem Richtigen. Wir erleben ja tagtäglich, wenn wir über Google nach Informationen suchen, wie unsere Wahrnehmung zunehmend durch Algorithmen gelenkt wird. Und wenn Roboter Dienstleistungen übernehmen, für die bisher Menschen zuständig waren, etwa den Bewohnern von Seniorenheimen das Essen bringen, verändert sich das Beziehungsgefüge. In Japan scheinen das die Menschen eher zu akzeptieren, in Deutschland dagegen verbinden die meisten Menschen mit der Bedienung durch einen Roboter eine soziale Geringschätzung.

Die künstliche Intelligenz entwickelt sich bei Navigation, Sprachverarbeitung oder Mustererkennung, die jeweils für sich einigermaßen überschaubar sein mögen. Es lässt sich aber kaum absehen, was passiert, wenn mehrere dieser Techniken gleichzeitig die Einsatz-reife erreichen und zusammenwirken. Eine weitere Quelle der Verunsicherung?

Die Vernetzung trägt stark zum Kontrollverlust bei. Auf einmal bestimmt der Kühlschrank, wann ich Bier bekomme und wann nicht. Manche mögen es im Einzelfall als eine Entlastung erleben, nicht mehr selbst nachdenken zu müssen. Aber wie weit geht das? Entscheidet irgendwann das Internet der Dinge auch darüber, was ich lesen, was ich denken soll? Das wäre nahe an George Orwells Visionen totaler Kontrolle, nur dass hinter dem „Großen Bruder“ kein böser Diktator steckt, sondern Algorithmen. Und das ist in der Tat zum Fürchten. Oder nehmen Sie die Versprechungen der Medizin, den Menschen mit Gehirnimplantaten und Nanorobotern im Blutkreislauf zu optimieren. Solche Konvergenzen verschiedener Technologien sind sehr ernst zu nehmen. Sonst externalisieren wir Entscheidungen auf Maschinen und sorgen zugleich mit der richtigen Chemie im Gehirn dafür, dass wir uns dabei wohlfühlen.

Die menschenleere Fabrik gilt als unrealistische Vision. Warum?

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es einfach zu teuer, auch noch die letzten Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Die Grenzkosten der letzten Maschine sind sehr viel höher als die des ersten Einsatzes eines Menschen. Solange die Ökonomie vom Geld bestimmt wird, rechnet sich die menschenleere Fabrik daher einfach nicht. Natürlich mag es Personen oder Institutionen geben, die das trotzdem mal ausprobieren wollen. Technisch ist das sicherlich realisierbar. Im Rahmen der herrschenden ökonomischen Vorstellungen, bei der Preise nach Grenzkosten festgelegt werden, ist die menschliche Arbeitskraft bei mehr als sieben Milliarden Menschen aber einfach günstiger. Als Leuchtturm, als Demonstration der Möglichkeit, als eine Art technisches Museum mag es die menschenleere Fabrik geben, als ökonomischen Faktor in absehbarer Zeit sicherlich nicht.

Nun treten neuere Industrieroboter wie der zweiarmige Baxter aber ganz offen in Konkurrenz zu Menschen und sollen helfen, die Produktion aus Billiglohnländern wieder zurück in die Industrieländer zu verlagern. Dort werden dann zwar immer noch Menschen in den Fabriken arbeiten, aber sie werden weniger Maschinen bedienen, sondern sich mehr und mehr mit ihnen wie mit Kollegen verständigen. Roboter werden zu sozialen Akteuren. Sind wir darauf vorbereitet?

Nein, eigentlich nicht. Das betrifft die bereits erwähnte Beziehungs­problematik. Die Menschen reagieren mit großer Zurückhaltung, wenn sie angewiesen werden, von Maschinen zu lernen. Das hat sich schon vor 30 Jahren gezeigt, als sich in den Schulen die Sprachlabors nicht durchsetzen konnten. Bislang ist das Mensch-Maschine-Verhältnis ganz klar: Der Mensch steuert die Maschine. Jetzt beginnt die Maschine, den Menschen zu steuern. Im Zusammenhang mit Suchmaschinen und Empfehlungssystemen im Internet fällt das vielleicht noch nicht so stark auf. Aber je mehr sich das im Produktionsprozess durchsetzt und die Maschinen dort auch den Menschen Vorgaben machen, wird es Widerstände geben. Da fehlt es noch an Akzeptanz.

Neben der Produktion wird die Altenpflege als großes Einsatzfeld für Roboter diskutiert. Allerdings vorrangig von den Anbietern solcher Systeme. Eine Nachfrage gibt es dagegen so gut wie gar nicht: Die wenigsten Menschen wünschen sich, im Alter von Robotern versorgt zu werden. Zugleich lässt sich kaum bestreiten, dass die Technik zu einem selbstbestimmten Leben beitragen kann. Aber wie kann gewährleistet werden, dass sie den Alten und Pflegebedürftigen nicht einfach aufgedrängt wird wie Glücksspiele, Telefonverträge oder teure Staubsauger an der Haustür?

Es muss vor allem eine Verarmung von Begegnung ausgeschlossen werden. Häufig wird ja argumentiert, dass das Pflegepersonal mehr Zeit zum Vorlesen und Händchenhalten hätte, wenn andere notwendige Arbeiten von Robotern übernommen würden. Nur wird das in einer ökonomisierten Welt so nicht passieren, da werden dann Pfleger entlassen. Es macht wahrscheinlich keinen großen Unterschied, ob ein Mensch oder ein Roboter das Essen bringt, kurz „Guten Abend“ sagt und wieder verschwindet. Wenn aber ein Roboter eine Geschichte vorliest, ist das etwas anderes. Denn da geht es weniger um die Geschichte als um die Zuwendung. Hier zu differenzieren zwischen Tätigkeiten, die von Robotern übernommen werden können, und solchen, die in Menschenhand verbleiben müssen, das geht nur im engen Austausch mit den Betroffenen, den Alten ebenso wie dem Pflegepersonal. Dessen Arbeit besteht ja zu einem großen Teil im Verfassen von Berichten und Ausfüllen von Formularen. Da ließe sich zum Nutzen aller Beteiligten vieles automatisieren. Die Hersteller sind natürlich geprägt vom Robotereinsatz in der Fabrik, wo es vorrangig um die Ausführung mechanischer Bewegungen geht. Das lässt sich so nicht einfach übertragen. Wo es um körperliche Nähe geht, lassen sich Menschen in Altenheimen und Pflegestationen nicht ersetzen. Aber es gibt gewiss viele Möglichkeiten der Automatisierung, von der Patienten, Pflegepersonal und Hersteller gleichermaßen profitieren können.

Wäre es sinnvoll, die Entwicklung bewusst zu verlangsamen? Menschen, die im Seniorenheim zum ersten Mal mit Robotern konfrontiert werden, werden es schwerer haben als diejenigen, die zuvor schon Erfahrungen mit solchen Maschinen gemacht, vielleicht sogar als Kinder bereits damit gespielt haben.

Der Gewöhnungsfaktor ist sicherlich ein wichtiger Aspekt. Sonst wird Automatisierung vorrangig dort eine Rolle spielen, wo der Pflegebedürftige gar nicht direkt berührt wird, sondern wo es um vorgelagerte Dienstleistungen geht. Da gibt es keine Akzeptanzprobleme, und wir brauchen auch keine Entschleunigung. Problematisch ist immer die direkte Interaktion. Natürlich sind alte Menschen, die zum Teil noch mit Gaslicht aufgewachsen sind, nicht gerade begeistert, wenn plötzlich ein Roboter vor der Tür steht. Andererseits gelten Serviceroboter in manchen Kulturen, etwa in den USA, auch durchaus schon als Prestigeprodukt. Es gibt also eine Vielzahl von Motivlagen, die hier ins Spiel kommen. Daher ist es wichtig, dass sich Anbieter und zukünftige Nutzer frühzeitig um einen runden Tisch versammeln und sich verständigen, welche Aufgaben gut automatisiert werden könnten, welche gar nicht und welche man in gegenseitigen Lernprozessen langsam an Automaten übergeben könnte. Unabhängig von der Akzeptanz sollte zudem die ethische und soziale Verträglichkeit untersucht werden, weil die Gefahr der Entmündigung schleichend daherkommt und die Kontrolle unmerklich an die Maschine übergehen kann.

Lassen Sie uns noch mal die Arbeitsplatzfrage aufgreifen. Selbst wenn die durch Roboter übernommenen Jobs durch neue Arbeitsplätze an anderer Stelle ausgeglichen werden, bleiben die Folgen für die unmittelbar betroffenen Personen gravierend. Die vom Bundesforschungsministerium beauftragte Studie EFFIROB etwa kommt zu dem Ergebnis, dass sich bei der Ernte von Bodenfrüchten der Personalbedarf durch den Einsatz von Robotern von 28 auf drei reduzieren ließe. Die 25 arbeitslosen Erntehelfer finden aber sicherlich nicht ohne Weiteres neue Jobs als Programmierer oder Mechatroniker.

Es wird eine Umverteilung von Beschäftigung geben. Die Landwirtschaft ist ja schon seit 150 Jahren der von Automatisierung am stärksten betroffene Bereich. Das wird sich gewiss fortsetzen, davon bin ich überzeugt. Bisher haben wir das eigentlich ganz gut durch andere Bereiche der Volkswirtschaft absorbieren können. Ob das auch weiterhin gelingt, ist eine Frage der Geschwindigkeit, mit der diese Prozesse ablaufen, und inwieweit sich neue Märkte mit neuen Beschäftigungsmöglichkeiten auftun. Die Wertschöpfung verringert sich ja nicht. Wo finden wir ein Auffangbecken für diejenigen, die nicht mehr gebraucht werden? Ich denke, eine Lösung besteht darin, nicht nur in Funktionseliten, sondern auch in Fertigkeitseliten zu investieren. Personen, die gut anstreichen, Elektrokabel verlegen oder Gartenarbeiten ausführen können, werden sich auf absehbare Zeit nicht durch Roboter ersetzen lassen. Wenn es gelingt, diese Berufe gesellschaftlich aufzuwerten, hätten wir ein Auffangbecken für diejenigen, die wegrationalisiert werden. Das erfordert natürlich auch eine aktive industriepolitische Strategie der Regierung. ---

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