Ausgabe 09/2014 - Schwerpunkt Arbeit

Alter Schwede!

Branchenjargon I: an der Börse

An der Frankfurter Wertpapierbörse ist Hessisch Pflicht. Es „entschärft irgendwie“, sagt Anja Kohl, die Börsenkorrespondentin der ARD. Es verleiht dem kalten Finanzkapitalismus eine warme Note. Auf Hessisch klingt alles niedlich. „Ob long, ob short, das Geld ist fort“, sagen die Börsianer – egal, ob du viele Aktien besitzt oder viele verkauft hast, das Geld ist weg.

Im Vergleich zu London geht es in Frankfurt bodenständig zu, und die Händler pflegen ihre Marotten. So klopfen sie mit der Hand im Takt auf ihre Tische, wenn Schritte auf dem Parkett klackern, egal, ob es Männerschuhe oder Pumps sind. Auch nach Jahren weiß Anja Kohl nicht, was das bedeuten soll. Manchmal, wenn die Kurse auf breiter Front steigen, rufen sie laut „Hosse!“. Gemeint ist Hausse, das französische Wort für den Anstieg der Kurse. Aber in Frankfurt sprechen sie das „H“, was dann fast wie Hossa klingt. Und nach Börsenschluss drehen sie die Musik auf. Keine harten Sachen natürlich, Helene Fischer steht hoch im Kurs.

Wenn der Chef aus der Rolle fällt

Eine Dezembernacht in München. Sabine Asgodom und ihre Kolleginnen trinken Champagner, tanzen zu „These boots are made for walkin’“ und „It’s raining men“. Mit ihnen auf der Tanzfläche: der Chef. „Ach, guck mal, der ist ja auch fröhlich drauf“, denkt sie. „Wir waren alle ein wenig angeschickert.“ Doch irgendwann kippt die Stimmung: Mit vorgestrecktem Becken tanzt der Chef seine Mitarbeiterinnen an. Asgodom sieht zu und schweigt. „Seit dem Tag habe ich ihn verachtet.“ Das ist knapp 30 Jahre her, sie arbeitet mittlerweile als Coach. Heute weiß sie, was sie damals hätte tun müssen: „Sich ganz schnell vom Acker machen ist in so einer Situation die richtige Entscheidung.“

Für diesen Fehler hat sie einen Preis gezahlt. Im Nachhinein sei ihr klar geworden, warum sie nach jener Szene mit ihren Vorschlägen nicht mehr landen konnte: „Das war mein Blick. Ich hatte die Achtung vor ihm verloren, und das hat er gespürt.“ Sie hätte die Firma sofort verlassen müssen, nicht erst zwei Jahre später. Damals habe sie es nicht verstanden, habe gedacht: „Der hat doch was gemacht, nicht ich!“ Eines ist ihr seitdem klar: Für einen Chef, den man verachtet, kann man nicht arbeiten. Wohl aber kann man leichteren Herzens kündigen.

Branchenjargon II: auf dem Fußballplatz

Es gibt einen Sprachlehrer in Deutschland, der ausländischen Fußballprofis die Worte „Arschloch“, „Scheiße“ und „Alter Schwede!“ beibringt. Weil diese Worte durchaus nützlich sein können. Beim SV Werder Bremen haben sie erkannt, dass zum Beispiel Spieler aus Südamerika einen speziellen Sprachkurs brauchen, um in der Kabine und auf dem Platz klarzukommen.

Diesen Job macht Arne Kops. Er ist Soziologe, und er weiß, Schimpfwörter gehören dazu: „Sonst stehen die Spieler ohnmächtig da, wenn sie zum Beispiel von einem Gegner beschimpft werden.“ Wer nicht verstehe, was gesagt wird, könne auch nicht souverän reagieren. „Der merkt nur: Die Situation ist irgendwie komisch.“ Arne Kops hat ein Sprachlernsystem entwickelt, bei dem er mit den Schülern gemeinsam herausfindet, was sie für den Alltag brauchen. Er sagt, „Mitreden-Können in der Kabine“ stehe immer ganz oben auf der Wunschliste, denn vor allem dort bilde sich ein Gemeinschaftsgefühl: „Irgendwer sagt etwas, alle lachen, und wer die Sprache nicht kann, sitzt da und denkt: ‚Keine Ahnung, worum es gerade geht.‘ Wenn die Spieler dann schon mal ein paar Standard-Kommentare wie „Das Training ist kein Ponyhof!“ kennen, läuft’s gleich besser.

Denn das deutsche Vereinsleben erscheint ausländischen Spielern auch so noch fremd genug. Erkläre mal jemand dem Fremden, dass es ganz normal und nicht persönlich gemeint ist, wenn jeder nach dem Training ins eigene Auto steigt und nach Hause fährt, statt gemeinsam noch essen zu gehen.

Die hohe Kunst des Small Talk

Mit Geschäftspartnern plaudern, um das Eis zu brechen, Kollegen mal jenseits des Dienstlichen ansprechen – für viele eine große Hürde. Trost beim Thema Small Talk spendet Hollywood. Jennifer Grey steht umringt von Tanzpaaren bei einer Mambo-Party. Sie ist zum ersten Mal dort. Patrick Swazye geht auf sie zu und fragt, was sie hier tue. Ihre Antwort: „Ich habe eine Wassermelone getragen.“ Daraufhin dreht er sich wortlos um. Sie kann es nicht fassen: Hat sie gerade wirklich von Wassermelonen geredet? Sogar nichts sagen und einfach nur lächeln wäre besser gewesen. Wenn man etwas aus dieser Szene aus „Dirty Dancing“ lernen kann, dann dies: Gute erste Sätze sind eine Kunst. Nicht erlernbar. Das gilt für Liebe wie Beruf. Und manchmal führt auch eine Wassermelone zum Erfolg. Denn Swazye wird trotz – oder vielleicht auch wegen Greys Fauxpas – ihr Liebhaber.

So klappt‘s auch mit Alpha-Männchen

Es gibt nicht viele Momente im Leben, die für viele unvergesslich bleiben, weil sie unbeabsichtigt etwas Großes enthalten. Und sei es eine Kleinigkeit unter einer Lupe.

Es ist der Abend der Bundestagswahl 2005. Die Leute sitzen vor dem Fernseher und sehen, dass die rot-grüne Bundesregierung ihre Mehrheit verloren hat. Das ist der Moment, in dem der Verlierer seine Niederlage öffentlich eingesteht. Doch an diesem Abend ist es anders. In der sogenannten Elefantenrunde tritt Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Rolle des Unverbesserlichen auf. Er schiebt das Kinn vor und raunzt den Moderator an: „Ihr intellektuelles Problem in allen Ehren.“ Dann breitet er die Hände zu einer großzügigen Geste aus und erklärt: „Ich sage Ihnen, ich führe Gespräche. Und ich sage Ihnen heute voraus, die werden erfolgreich sein.“ Währenddessen laufen in einem Streifen unter dem Bild die jüngsten Zahlen der Hochrechnung. Jeder kann sehen: Was Schröder da redet, hat mit der Realität nichts zu tun.

Das Volk vor dem Fernseher ist fassungslos und sieht, wie die anderen Spitzenpolitiker auf Schröder reagieren. Guido Westerwelle zum Beispiel lacht. Und behauptet tatsächlich, so ein Verhalten sei nicht ernst zu nehmen. CSU-Chef Edmund Stoiber fordert staatsmännisch Vernunft ein. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel fällt durch ein Verhalten auf, das sie seither als ihre stärkste Waffe nutzt: Sie schweigt öffentlich. Sie lässt die Alphatiere einfach laufen. Ins Leere.

Déformation professionelle

Tim Schwarz ist ein gut aussehender Mann. Die Menschen gehen offen auf ihn zu. Doch sobald er den Mund aufmacht, ergreifen sie die Flucht. Schwarz heißt im wahren Leben anders. Er arbeitet beim Fernsehen und nimmt den Habitus seines Berufs mit nach Hause.

Eine Déformation professionelle, die häufig auch bei Schauspielern, Lehrern oder Therapeuten zu beobachten ist. Ihr Job überstrahlt alles. Schwarz etwa setzte seine Körpersprache so aufdringlich ein, wie das Talkmaster im Gespräch mit ihren Gästen tun, um Privates hervorzulocken, so anbiedernd, dass es nicht zu übersehen war, und dazu noch laut.

Ien Svea Bäumler, Sprechtrainerin aus Köln, hat beruflich mit dieser Klientel zu tun. Schwarz legt sie im Training Post-its auf den Schreibtisch, auf denen „Lautstärke“, „Pause“, „Tonalität“ steht. Während er spricht, zeigt sie mit dem Finger auf das falsch genutzte Stilmittel. So lernt er, sich selbst zu überprüfen und sein Gehör neu zu schulen. Auch Hausaufgaben helfen: „Fragen Sie einen Kellner beim Bezahlen nach dem Weg zur U-Bahn – und zwar so beiläufig, dass er sich nicht bedrängt fühlt!“

Das letzte Gespräch

Thorsten Kambach will einem Mitarbeiter kündigen. Es ist das erste Mal für den Inhaber der Werbeagentur Dachboden in Münster. Er hat hin und her überlegt, wie er es wohl am besten anstellt, den Grafiker loszuwerden. Er entscheidet sich dafür, alles auf den Tisch zu bringen: die Defizite in den Entwürfen, die ständigen Diskussionen, wenn etwas geändert werden sollte.

Doch der Mann reagiert wie immer – er diskutiert, wider-spricht, gelobt Besserung. So geht das eine halbe Stunde, bis sich herumgesprochen hat: Da ist etwas im Gange. In der Tür zum Chefbüro ist ein Guckloch; jeder kann hineinsehen. Und weil es Kambach auffällt, wie viele es mit der Zeit tun, wird ihm bewusst, dass ihm die Situation aus den Händen geglitten ist.

Seit diesem Tag weiß er: so nie wieder! „Ich war feige“, sagt er im Rückblick, zwölf Jahre ist das her. „Eigentlich ging es um etwas anderes: Ich wollte mit jemandem zusammenarbeiten, mit dem ich ansatzweise auf einer Welle liege.“ Er hat sein Verhalten „radikal überdacht“. Wenn er sich nun von jemandem trennen möchte, dann geschieht es immer morgens und dauert nur wenige Minuten. Meistens sagt er, sinngemäß, man passe nicht zusammen. „So gibt es kein Gegenargument – es ist nicht diskutabel, aber auch nicht verletzend.“ ---

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