Ausgabe 09/2014 - Schwerpunkt Arbeit

Gute Arbeit

1. Wenn ihnen jemand das Paradies verspricht, achten Sie bitte auf das Kleingedruckte

Fragte man die Leute, ob ihnen lieber sei, am Montag zur Arbeit zu gehen oder künftig im Paradies zu leben, dann sagt natürlich jeder: Paradies. Das ist ein Ort, in dem man alles kriegt und nichts dafür tun muss. Für die meisten das Gegenteil von Arbeit also.

Aber was ist das eigentlich, ein Paradies? Das Wort taucht vor 3000 Jahren in Persien als pairi daeza auf. Gemeint war damit ein Stück Land, das von einer Mauer oder einem Graben umschlossen ist. Das Kleingedruckte zur Alternative lautet also: Das Paradies ist eine geschlossene Anstalt. Es herrschen feste Regeln. Aus diesem Grund haben Adam und Eva – nicht ganz freiwillig – rübergemacht. Seither ist noch jeder, der ein wenig vom Baum der Erkenntnis genascht hat, vom Management gefeuert worden. Da gibt es kein Pardon. Einige Nachkommen von Adam und Eva hadern damit und fragen sich: Führt der Weg zurück ins Paradies über Fleiß, Eifer, Disziplin und harte Arbeit? Oder eher über die Politik, die ein irdisches Paradies verspricht? Vielleicht ist beides blanker Aberglaube – und dann wäre es wohl das Beste, man machte einfach seinen Job, ohne sich besonders reinzuhängen. Dienst nach Vorschrift also.

Aber ist das gute Arbeit? Oder denken wir dabei eher an ein selbstbestimmtes, aktives Leben, in dem der Einzelne tut, was er „wirklich, wirklich will“, wie es der Philosoph und Begründer der New-Work-Bewegung Frithjof Bergmann nennt? Um der Antwort näherzukommen, muss man wirklich bei Adam und Eva anfangen, die wussten, dass das wahre Paradies zwar keine Mauern hat und keine Gräben – aber trotzdem seinen Preis verlangt. Wer gute Arbeit will, muss an sich arbeiten. Alles muss man selber machen, sogar das Paradies.

2. Supernanny oder: Was Arbeitnehmer wirklich wollen

Nun weiß jeder, der sich schon mal erfolglos als Heimwerker versucht hat: Selbermachen will gelernt sein. Die meisten sind diesbezüglich mit zwei linken Händen ausgestattet. Das lässt sich empirisch erhärten.

Im Jahr 2008 veröffentlichte die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) eine repräsentative Umfrage zum Thema „Was ist gute Arbeit?“, bei der fast 5400 detaillierte Antworten von Arbeitnehmern ausgewertet wurden. Die 2002 gegründete INQA ist eine Organisation, die vom Bund, den Ländern, Gewerkschaften, diversen Stiftungen, Privatunternehmen und den Sozialversicherungsträgern betrieben wird.

Gute Arbeit – das ist danach für 92 Prozent der Teilnehmer gleichbedeutend mit einem „festen, verlässlichen Einkommen“. Schließlich muss man die Miete bezahlen, die Sozialversicherung und das Auto, das die meisten brauchen, um zur Arbeit zu fahren. Auf Platz zwei der INQA-Umfrage folgt die „Sicherheit des Arbeitsplatzes“, für 88 Prozent der Befragten das zweitwichtigste Kriterium für gute Arbeit. Daneben soll „Arbeit auch Spaß machen“, sagen 85 Prozent, und 84 Prozent wären froh, wenn eine „Behandlung als Mensch durch Vorgesetzte“ der Normalfall wäre. Gute Arbeit, meinen 83 Prozent der Befragten, müsse aus einem „unbefristeten Arbeitsverhältnis“ bestehen.

Die INQA-Studie zeigt: Der deutsche Arbeitnehmer macht, was man ihm sagt, solange es dafür sichere Kohle ohne Risiko in einem festen Arbeitsverhältnis gibt. Die Sehnsucht nach selbstbestimmtem Handeln spielt dagegen eine untergeordnete Rolle. Klar, dass die Auftraggeber der Studie den Schluss ziehen: Man muss sich um „die Menschen da draußen kümmern“. Denn selbst können sie das nicht. Erst recht nicht bei der Arbeit.

Allerdings gilt auch: Man erhält immer die Antworten, nach denen man fragt. Denn das Kleingedruckte zur Frage „Was ist gute Arbeit?“ lautet: „Was erwarten Sie von Ihrem Arbeitgeber?“ Also: Was kann der Boss tun? – nicht: Was können wir für unsere Arbeit tun? Und schon gar nicht: Was wollen wir von Montag bis Freitag wirklich?
Wirklich, wirklich?

Es ist das Bild von der alten industriellen Erwerbsarbeit, die unsere Aussicht auf gute Arbeit trübt. Der Chef ist dabei eine Art Supernanny, die liefern muss – einen exakten Rahmen, genaueste Vorgaben, ein Gehalt, Sozialleistungen, ein Büro und dazu noch gute Laune und einen ordentlichen Klacks Sinn. Mitarbeiter benehmen sich wie Verbraucher, weil man sie auch so behandelt. Gute Arbeit erscheint in diesem Weltbild als Dienstleistung, die gerecht verteilt werden muss. Das ist eine Seite.

Die andere Seite existiert aber auch. Immerhin zwei Drittel der Befragten der INQA-Studie verstehen unter guter Arbeit die „Weiterentwicklung eigener Fähigkeiten“ und 58 Prozent „Mitsprache und Gestaltungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz“. Selbstbestimmer, Selbstverwirklicher, Selbstständige und Selbermacher sind also nicht hoffnungslos abgeschlagen, nicht einmal dort, wo man danach fragt, was der Chef für einen tun kann.

Jüngere Studien stützen diese These. In einer Forsa-Umfrage vom Frühjahr 2014, die Meinungsforscher im Auftrag von RTL durchführten, fanden sich bereits klare Mehrheiten für ein Arbeitsbild, das sich mit dem alten Arbeitnehmer- und Karrieredenken nicht mehr in Einklang bringen lässt. Demnach hätten die Befragten lieber mehr Zeit für Familie und ihre Hobbys – also für ihre selbst gewählte Beschäftigung – statt mehr Erwerbsarbeit, auch wenn das weniger Geld und Status bringt. Die Arbeit ist nicht mehr das Wichtigste im Leben.

3. Völlig aufgelöst

Gut 200 Jahre lang hat das industrielle Bild von Arbeit unser Leben und unsere Kultur geprägt. Die Erwerbsarbeit, die sich den Regeln der Fabriken und der Maschinen unterordnen musste, regelte jeden Tag des Lebens, vom Kindergarten an. Jeder Lebensabschnitt glich einem Gefäß, in dem der Mensch vollständig aufging, genauer, in dem sich die Persönlichkeit wie in einer Flüssigkeit auflöste wie eine Brausetablette. War das die höchste Erfüllung oder nur die Folge totaler Vereinnahmung? Und gibt es dort, wo man ohne Erwerbsarbeit nichts weiter ist als lästig, dazu wirklich Alternativen?

Was daraus folgt, beschrieb Hannah Arendt schon in den Fünfzigerjahren, als deutlich wurde, wie sehr die Automation das Bild von Arbeit verändern wird. Der modernen Gesellschaft, stellte sie nüchtern fest, gehe die Arbeit aus – „und damit die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht“. Arbeitslos, also erwerbslos zu werden ist die Urangst der Industriegesellschaft. Es ist eine klassenlose Angst, unter der Manager und Chefärzte genauso leiden wie Maurer und Taxifahrer.

Dabei geht es nicht nur ums Geld: Keiner gibt mehr den Rahmen vor. Niemand sagt, was zu tun ist. Die Folge ist Verzweiflung, dann Lethargie, so wie es in der berühmten Sozialstudie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ aus dem Jahr 1933 zu lesen ist. Ohne Arbeit, das ist das Credo der Industriegesellschaft, bist du nicht am Leben. Unter diesem Vorzeichen erscheint jeder Versuch, schlechte, gefährliche, langweilige, monotone Arbeit durch Maschinen zu ersetzen, als Anschlag auf Leib und Leben. Das ist das perfide Resultat einer Politik, die die Kultur der Unselbstständigkeit bis heute fördert, wo es geht.

Akademiker und Bessergebildete lernen gerade, dass nun auch sie zu den Modernisierungsverlierern gehören. Algorithmen und Computer werden deren Jobs übernehmen, heißt es im Feuilleton. Die eigentliche Nachricht lautet: Lernen lohnt sich nicht mehr. Die Maschine gewinnt immer. Es gibt keine gute Arbeit mehr, nur schlechte Perspektiven. Und es gibt kein Entrinnen.

Dabei entlädt sich Frust und Enttäuschung. Die Moderne versprach immer, dass der menschliche Geist uns von der körperlichen Plackerei befreit. Das ist das zentrale Projekt der Aufklärung – Freiheit bedeutet in erster Linie, nicht mehr für seine Existenz schuften zu müssen. Maschinen und Automaten sollen tun, was wir lassen können. Menschen hingegen sollen schöpferisch denken, Neues ersinnen und die Maschinen organisieren. Doch stattdessen werden im Maschinenzeitalter immer mehr menschliche Tätigkeiten mechanisiert, Dienstleistungen industrialisiert und Prozesse normiert. Längst schon orientiert sich die menschliche Arbeit an der Maschine, nicht umgekehrt. Die Diskussion um die „technologische Singularität“ zeigt, wie mutlos wir dabei geworden sind. Maschinen übernehmen die Macht, pfeifen auf ihren menschlichen Vormund und machen auf eigene Rechnung weiter – das glauben viele.

Aber kann die Arbeit, die wir machen, wirklich auch ein Automat erledigen, der dazu noch nicht einmal sonderlich intelligent sein muss? Was tun wir eigentlich, dass wir das für möglich halten? Normierte Routine, bürokratischer Trott, das füllt längst auch bei Akademikern und leitenden Angestellten den Tag. Und klar kann ein Automat diese Arbeit besser, schneller und billiger erledigen. Auch die neue Automatisierungswelle schafft eine Unmenge an Raum und freier Energie für kreative, wirklich originelle Tätigkeiten. Wir tauschen hartes Schuften gegen ein wenig Nachdenken.

4. Die Hydra

Die Wissensgesellschaft schafft permanent solche gute Arbeit. Aber der Weg der Transformation ist mit Trauerarbeit gepflastert. Denn so monoton der Arbeitstrott auch sein mag: Er gibt ein Gefühl der Sicherheit. Auch wenn der Schein trügt.

Der Sinn von Arbeit war es stets, Knappheiten zu beseitigen und Bedürfnisse zu befriedigen – aber das ist eine Arbeit, die nie getan ist. Knappheiten, also menschliche Bedürfnisse, Wünsche und Probleme sind wie das Haupt der sagenumwobenen Hydra aus der griechischen Mythologie: Schlägt man einen ihrer vielen Köpfe ab, wachsen zwei nach, und das Haupt in der Mitte, das sich ständig neue Wünsche ausdenkt, ist ohnehin unverwundbar. Je wütender man gegen die Hydra kämpft, desto mehr gerät man ins Hintertreffen.

So schreibt der Soziologe Manfred Füllsack in seinem Buch „Arbeit“: „Unsere Versuche, unbefriedigende Gegebenheiten oder Knappheiten durch Arbeit zu beseitigen, gelingen zwar oft erstaunlich effizient, generieren aber genau damit auch stets neue Gegebenheiten, unter denen neue unbefriedigende Aspekte oder Knappheiten auftauchen.“ Arbeit, so Füllsack weiter, „erzeugt damit, so sie auch nur halbwegs erfolgreich verrichtet wird, stets notwendig und unausweichlich Bedarf für weitere Arbeit. Arbeit macht Arbeit.“

Und warum scheint es dann, als ginge sie uns aus? Weil jene spezifische Form der Erwerbsarbeit weniger wird, die das Industriezeitalter und unser Denken prägte. Es ist der „Verlust des Vertrauten“, sagt Füllsack, der uns so zu schaffen macht. Löse man die gängige Gleichung „Arbeit = Industriearbeit = Erwerbsarbeit“ auf, dann zeige sich, dass unsere „gegenwärtigen Probleme mit Arbeit nicht daher rühren, dass sie uns ausgeht, sondern daher, dass wir oftmals nicht schnell genug auf die Veränderungen reagieren können, die uns unsere Arbeit aufbürdet: eben weil wir sie effizient verrichten“.

Das ist ein ganz anderer Befund als der, zu dem das Feuilleton und die Politik kommen, einer, der ganz nah an Hannah Arendts Erkenntnis ist – dass wir uns auf keine anderen Tätigkeiten mehr verstehen als jene Arbeit, die uns völlig vereinnahmt. Das ist auch der Grund, warum so viele die Maschine als Konkurrentin sehen. Wir starren auf die von uns geschaffenen Werkzeuge, statt darüber nachzudenken, was man noch mit ihnen anstellen könnte. Vor lauter Optimieren und Effizientermachen – vor lauter „Arbeit“ also – kommen wir nicht mehr dazu, den eigentlichen Job zu tun: nachzudenken, wie es besser geht. Wir sind Teil der Maschine geworden. Hat das irgendeinen Sinn?

5. Warum arbeiten wir eigentlich?

Dieses Wort ist der Hammer, den die Maschinenstürmer von heute gern schwingen: Gute Arbeit muss „Sinn ergeben“ oder „Sinn stiften“. Das klingt erhaben, ist aber vielleicht ganz bescheiden gemeint, wie eine Umfrage der New Yorker Personalberatung The Energy Project nahelegt. Herausgefunden werden sollte, was den Menschen in ihren Büros am meisten fehlt. Mehr als 70 Prozent der rund 12.000 Befragten machten folgenden Mangel aus: Sie würden gern wenigstens eine Stunde pro Woche darüber nachdenken, welchen Sinn ihre Arbeit ergibt, also wozu sie gut ist und wozu sie führt. Ist es zu anspruchsvoll, wissen zu wollen, womit man den Großteil seines Lebens verbringt?

Das ist ein altes Lied. Mit der Industrialisierung und der zunehmenden Arbeitsteiligkeit gingen die Zusammenhänge verloren, in denen gearbeitet wurde. Karl Marx nannte dieses Phänomen „Entfremdung“. Vor lauter Arbeit kommt man gar nicht dazu zu fragen, wozu man sie eigentlich macht. Was ist der Sinn der Erwerbsarbeit? Das war lange Jahre ein beliebtes Thema für Wochenendseminare im Golfhotel, bei denen jeder mal ans Flipchart durfte beziehungsweise musste, um seine ganz persönliche Antwort dazu aufzuschreiben. Meist ging es bei solchen Veranstaltungen allerdings nicht um Selbsterkenntnis, sondern um Neuprogrammierung des Personals. Man schwor das Team auf neue Projekte und auf Veränderungen ein. Wir wissen zwar nicht, was wir tun, aber wir tun es mit Begeisterung. Hossa.

Karl Michael Vogler ist Organisationsentwickler. Er könne solche Events „im Schlaf runterreißen“, sagt er. Aber er tue es nicht mehr. Er wolle sich nicht zum „Erfüllungsgehilfen einer Täuschung“ machen. Denn das eigentliche Ziel dieser Sinnstifterei bestehe nicht darin, der Arbeit „von wirklich engagierten Menschen einen Sinn zu geben, sondern Routinen aufrechtzuerhalten und ein nicht mehr zeitgemäßes Konzept von Arbeit am Laufen zu halten“. So führe man Menschen „von einer Enttäuschung zur nächsten“. Vogler, der seine Beratungsagentur „Kulturdesign“ im österreichischen Tulln betreibt, ist überzeugt, dass es so nicht weitergeht: „Diese Vorstellung von Erwerbsarbeit, die wir im Kopf haben, hat das Leben ersetzt.“ Nun löse sie sich auf, „und jetzt stellen sich viele die Frage, wie und wo sie ihr Leben wiederkriegen können“. Das wird nicht ganz einfach.

Die moderne Arbeitswelt habe auf alles eine Antwort parat – nur nicht auf die wichtigste Frage von allen: „Warum arbeiten wir hier eigentlich?" So hat Vogler auch sein neues Buch genannt – und die Antwort lautet nicht: für Geld. Mit Geld kann man nicht zaubern, keine Wunder vollbringen. Unter den heute herrschenden – relativ komfortablen – Bedingungen erst recht nicht. Wissensarbeiter wollen mehr als Geld, sie wollen verstehen, was sie da eigentlich machen. Für wen. Für welches Ziel.

6. Das Werk

„Wer heute ‚gute Arbeit‘ sagt, meint damit immer sinnvolle Arbeit“, sagt der Arbeitspsychologe Theo Wehner von der Eidgenössischen Hochschule Zürich. Und das gelte nicht nur für teure Spezialisten, um die Firmen buhlen. Es gelte über Klassen und Schichten hinweg. Wehner erzählt die Geschichte eines Schweizer Metzgers, der in einer Fleischfabrik Schweinehälften am Fließband zerlegt, routiniert und mechanisch. Und der sich auf daheim freue: Da mache er dann Wurst. Das eine, in der Fabrik, sei sein Job, das andere sein Beruf.

„Ich habe viele Arbeiter kennengelernt“, erzählt Wehner, „für die Geld nicht das wichtigste Motiv war, schwarzzuarbeiten – sie schätzten genauso die Möglichkeit, ihr Handwerk auszuüben, das ihnen in ihrem Brotberuf verloren gegangen ist“. Die unvermeidlichen Begleiter der Industrialisierung, Optimierung und Effizienz, haben auch die Handwerksberufe längst im Griff. Es geht um Masse. Und es geht immer seltener um das, was man früher Werk nannte, also das Ergebnis schöpferischer, originärer Arbeit. Wer mit seinem Werk zufrieden, darauf stolz ist, der findet sich wieder in dem, was er geschaffen hat. Im standardisierten Arbeitsprozess ist – ja soll – jeder ersetzbar sein. Damit ist nicht nur das Ergebnis der Arbeit austauschbar, sondern auch die Menschen, die dahinterstehen. „Menschen wollen reflektieren. Dieses Nachdenken über das, was sie tun, kommt immer wieder zum Vorschein – und dabei bricht jetzt die Sache mit unserem alten Arbeitsbild auf“, sagt Theo Wehner.

Das trifft auch die Forschung unvorbereitet. Die habe sich stets auf Erwerbsarbeit konzentriert, sagt der Professor, „Arbeitssoziologie ist Erwerbsarbeitssoziologie. Dass das Leben aus einer Fülle von Tätigkeiten besteht, die damit nichts zu tun haben – Spiel, Ehrenämter, Hobbys –, wird kaum registriert.“

Was aber auch für ihn unbestreitbar ist: Die Arbeit geht nicht aus. Sie verändert nur für viele ihre Form. Wissensarbeiter sind begehrt, doch die vielen, die in Routinejobs stecken, sind es nicht. Fabriken kommen zusehends ohne Menschen aus – das ist eben auch der Tatsache zu verdanken, dass sich die Lebensbedingungen stetig verbessert haben und Löhne sowie Sozialkosten gestiegen sind: Das macht die Entwicklung und den Einsatz von automatisierten Systemen letztlich profitabel. Diesen Zusammenhang kennt man seit dem 19. Jahrhundert, seither wird diese Entwicklung beklagt oder schlicht ignoriert. Vielleicht auch, weil es keine Lösung ist, die Lohnkosten einfach niedrig zu halten, um dadurch Automatisierung zu verhindern.

Überholt ist längst auch, dass nur der, der arbeitet, auch zu essen haben darf. Nahezu alle entwickelten Staaten verfügen über Grundsicherungsmodelle, die Erwerbslosigkeit kostet nicht die nackte Existenz. Gestritten wird über die Zugangsberechtigung: Ist die Grundsicherung ein Recht oder ein Almosen?

Tatsächlich ist die Kopplung von Einkommen und Arbeit kein Naturgesetz, sondern eine alte Konvention, die das Nachdenken über Alternativen behindert. Was einst als Machtmittel diente, ist außer Kontrolle geraten.

7. Descapismus an der Schwelle zur Wissensgesellschaft

Theo Wehner gehört in der Schweiz zu den maßvollen Vertretern eines bedingungslosen Grundeinkommens. Er ist, sagt er, nicht dafür, weil er es toll findet, wenn man Geld für „nichts kriegt“, sondern weil das Grundeinkommen eine grundsätzliche Frage stellt: Was willst du tun, wenn der Satz „Ich muss doch für meine Existenz arbeiten“ nicht mehr gilt? „Es geht darum, das sehr wahrscheinliche Szenario einer Gesellschaft durchzuspielen, in der nicht mehr alles durch Erwerbsarbeit zusammengehalten wird.“ Für eine solche Zukunft fehle es nicht an Geld, sondern einfach an Ideen, wie man sich selbst beschäftigt, wenn es andere nicht mehr tun. Da ist sie wieder, die Prophezeiung der Hannah Arendt: Wir verstehen uns auf keine andere Tätigkeit mehr, insbesondere eine, die etwas mit uns zu tun hat. „Wir müssen uns geradezu zwingen zu lernen, was wir wollen“, sagt Wehner. Gute Arbeit – das heißt auch, sich zu entscheiden.

Das ist zum eigentlichen Job geworden. Früher wurde man in seinen Beruf hineingeboren, tat, was die Vorfahren machten. Beruf, das kommt von Berufung. Im wirklichen Leben aber ist die Zahl der Menschen, die früh wissen, was sie wollen und ein Leben lang dabei bleiben, klein. Einige Wunderkinder, Hochtalentierte, durch Neigungen festgelegte Menschen gibt es immer. Die allermeisten aber sind auf der Suche.

So ging es auch Lena Felixberger aus Erding, die das Gymnasium verließ, um das Friseurhandwerk zu lernen, aber dann doch lieber auf dem zweiten Bildungsweg Grafikdesign studierte, bis sie Texterin wurde. Das ist für eine junge Frau von 29 Jahren heute keine außergewöhnlich turbulente Karriere mehr, aber sie selbst nennt es „Schlingerkurs“, weil es nach wie vor mit den landläufigen Vorstellungen eines geordneten Berufs nicht übereinstimmt. Und dabei, findet Felixberger, war das noch gar nichts: „Ich hätte unglaublich gern noch viel mehr ausprobiert, in der Praxis versucht, wie Berufe sich anfühlen, an denen man interessiert ist. Und so geht es ja vielen.“

Deshalb hat sie jetzt eine Firma gegründet, Descape heißt sie, eine Wortschöpfung aus „Desk“ und „Escape“. Flucht vor dem Schreibtisch? Gemeint ist eigentlich etwas anderes, nämlich ausprobieren: „Make your dreams work“ heißt der Slogan. „Entdecke deinen Traumjob. Ohne deinen echten Job zu kündigen.“ Das ist für alle, die nach ihrer guten Arbeit suchen, ein vielversprechendes Angebot. „Wer einfach hinschmeißen will, der braucht uns nicht“, erklärt sie das Konzept, „sondern diejenigen, die wissen wollen, ob das, wovon sie träumen, das auch wert ist. Es geht ums Versuchen“, sagt sie. Es sind vor allen Dingen Schreibtischmenschen, die mal als Zimmermann, als Schreiner, als Bäcker arbeiten wollen. Oder als Komponisten, Maler, Schriftsteller. Wer einen Descaper mitarbeiten lässt, bekommt eine engagierte Arbeitskraft und eine Provision. Im Gegenzug gibt es Selbstverwirklichung oder auch nur etwas Erkenntnis: „Manche lernen vielleicht auch, dass ihr Traumberuf gar nicht so traumhaft ist“, sagt Felixberger. Wer weiß schon, wie der Alltag eines Malers wirklich aussieht? Und steht, wer gern Brot backt, dafür auch jeden Tag um zwei Uhr morgens auf, um in einer heißen Backstube zu schuften?

Es gibt da diesen alten Sketch von Monty Python, in dem ein Buchhalter zu seinem Berufsberater vom Arbeitsamt geht und eine Umschulung verlangt. Er möchte jetzt Löwenbändiger werden. Allerdings stellt sich heraus, dass dies das Ergebnis eines Missverständnisses ist. Der Buchhalter hat bei einem Zoobesuch einen Ameisenbären mit einem Löwen verwechselt. Ameisenbären findet er niedlich. Der Berater zeigt ihm nun Bilder von echten Löwen, auch von deren Pranken und Zähnen, – und der Kunde verlangt panisch nach einer neuen Stellenvermittlung, am besten wäre, äh, wohl Buchhaltung.

8. Jobs sind okay. Aber keine Arbeit

Ganz bestimmt hatten die Monty Pythons wieder einmal recht. Aber das heißt noch lange nicht, dass ein Buchhalter nicht auch ein hervorragender Löwenbändiger sein kann. Oder eben beides. Jenseits der Klischees zeigt die Suche nach der guten Arbeit auch, dass alles ein wenig leichter gehen kann, als wir es gelernt haben.

Nehmen wir die Schwere des alten deutschen Wortes „Beruf“. Das kommt von Berufung, also einer schicksalshaften Vorsehung, gegen die sich nichts machen lässt. Der Begriff des Berufs ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was das amerikanische Wort „Job“ zum Ausdruck bringt. Der Duden belehrt uns unmissverständlich, was das Wort wirklich bedeutet, nämlich die „vorübergehende (einträgliche) Beschäftigung (zum Zweck des Geldverdienens)“. Vorübergehend. Einträglich. Geldverdienen.
Damit wäre ja alles gesagt.

Bis auf das Wichtigste, nämlich dass der Job für Zeiten der Transformation eine ganz gute Sache ist. Anders als der Beruf, der seinen Träger mit Haut und Haaren in Beschlag nimmt, ist der Job ein Mittel zum Zweck. Er moralisiert nicht, er braucht keine Etikette, und er tut auch nicht so, als ob er das ganze Leben wäre – er ist damit das genaue Gegenteil des alten Berufs, der sich nur ungern weiterentwickelt, dafür aber seine Standesdünkel pflegt, bis nichts mehr zu retten ist.

Ein Job ermöglicht es, Alternativen im Blick zu behalten. Deshalb sind Menschen, die „nur ihren Job machen“, oft glücklicher als die, die kein Leben abseits des Schreibtisches kennen – und sich ängstlich an ihre Scheinsicherheiten klammern. Der Job lässt es zu, dass man Tätigkeiten als interessierter Laie ausübt, als Amateur, als – im besten Sinne – Dilettant, ein Begriff, der in seinem italienischen Ursprung so viel bedeutet wie sich erfreuen. Das ist so ziemlich das Gegenteil der piefigen ständischen Berufsphilosophie, bei der ein „qualifizierter Abschluss“, also ein amtliches Zeugnis, wichtiger ist als Wissen, Können und Leidenschaft für eine Sache. Der Kulturphilosoph Egon Friedell wusste Bescheid: „Nur beim Dilettanten decken sich Mensch und Beruf.“ Der Job, der Brotberuf, hilft dabei.

Und dennoch: Der Job ist noch nicht die gute Arbeit. Er weist nur die Richtung. „Work is not a job“, würde Catharina Bruns das nennen. Die Berliner Unternehmerin und Gestalterin hat ihrem Buch, einem der klügsten, das man zum Thema Neue Arbeit lesen kann, diesen Titel gegeben. An den Anfang, in der Einleitung, hat sie ein Zitat des Schriftstellers Joseph Conrad gestellt: „Arbeit mag ich nicht – kein Mensch mag sie –, doch ich mag, was in der Arbeit steckt: die Möglichkeit, sich selbst zu finden.“

Das ist der Sinn der alten „Vita Activa“, die „Human Condition“, wie sie Hannah Arendt genannt hat, die grundlegende Bedingung des Menschseins. Wer etwas tut, findet sich selbst. Und wer sich selbst kennt, der tut etwas. In diesem Sinne führt für die Autorin, Vordenkerin und Unternehmerin Catharina Bruns die Suche nach der guten Arbeit geradewegs zur Selbstständigkeit, die immer auch Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung bedeutet: „Sich selbstständig machen heißt nichts anderes, als sich zuständig zu machen“, sagt sie. Und wo bleibt die Sicherheit? „Sicher wird man ja nicht durch Worte, sondern durch Erlebnisse, die bestätigen, dass man sich selbst sicher sein kann.“

Was könnte, fragt Bruns nach, denn eigentlich sicherer sein, als „seine Existenz in die eigene Verantwortung zu legen“? Sie weiß: „Es gibt keinen Grund, sein Leben frustriert und fremdbestimmt zu verplempern, und es gibt keinen Grund, sich darüber zu beklagen. Wir leben in einer Welt, in der wir etwas versuchen dürfen und können. Niemand riskiert Kopf und Kragen, wenn er nicht konformistisch ist und sich anpasst. Wer, wenn nicht wir, sollte das tun? “

Ein bedingungsloses Grundeinkommen könne dabei helfen, die gröbsten Existenzängste zu beseitigen, sagt Bruns – aber am wichtigsten sei es, „einfach mal anzufangen, sich zuständig zu machen. Der Rest ergibt sich. Arbeit ist das, was wir machen.“ Den Unterschied zwischen alter, fremdbestimmter Arbeit und dem neuen Deal mit sich selbst, dem tätigen Leben, merke man ohnehin ganz leicht. Gute Arbeit ist „Arbeit, die sich nicht wie Arbeit anfühlt. Dann kann man sicher sein, das Richtige zu tun.“

Oder wie eines der Kapitel von „Work is not a job“ heißt: Monday is funday. Das ist nicht das Paradies. Sondern besser. ---

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