Ausgabe 09/2014 - Schwerpunkt Arbeit

eMundo

Ganz entspannt im Haifischbecken

Ein Chef der etwas anderen Art: Günther Palfinger

• Kein Problem, dachte Günther Palfinger, Geschäftsführer des Softwareunternehmens eMundo, als seine Büromanagerin drei Wochen in den Urlaub fuhr, und ließ sämtliche Anrufe auf sich umleiten. Bald schon meldete sich eine Frau mit britischem Akzent, sie würde gern einen Mitarbeiter sprechen, es gehe um ein Jobangebot. Dann schickte jemand Profilauszüge aus dem Businessnetzwerk Xing, bei einem meinte Palfinger den eigenen Mitarbeiter zu erkennen, der ihm hier angeboten wurde – ungefragt. So ging es munter weiter.

34 Angestellte hat eMundo, und sie sind heiß umworben. Laut dem Branchenverband Bitkom gibt es in Deutschland rund 39 000 offene Stellen für IT-Experten. Mehrmals die Woche melden sich Headhunter und Personalvermittlungsagenturen auf allen Kanälen bei Palfingers Mitarbeitern. Mitunter versuchen die eigenen Kunden, sie bei gemeinsamen Projekten abzuwerben. Palfinger spricht von einem „Haifischbecken“. Doch es gelingt ihm, den Schwarm zusammenzuhalten.

Im vergangenen Jahr haben sie zwei Mitarbeiter verloren, einer wollte sich selbstständig machen, einer aus familiären Gründen umziehen. Dass jemand geht, weil er unzufrieden ist, passiert so gut wie nie. Beim Jobbewertungsportal Kununu haben die Mitarbeiter eMundo 4,83 von 5 Punkten gegeben, keine einzige schlechte Bewertung ist dabei. Die Fluktuationsquote gibt das Unternehmen mit unter fünf Prozent an – im Branchendurchschnitt liegt sie irgendwo zwischen 10 und 15 Prozent. Irgendwas machen sie bei eMundo also richtig. Nur was?

1.

Die Firma hat ihren Sitz in der vierten Etage eines Büroquaders am Rande von München. Sie teilt sich den Flur mit dem Honorarkonsulat von Malta. Unscheinbares Gebäude, schlichte Büros. Schreibtische, Regale, eine kleine Küchennische. Keine bunten Sofas, keine Sitzkissen, nicht mal ein Kickertisch. „Wir hatten mal einen“, sagt Palfinger, „aber wir haben ihn in den Keller gestellt.“ Damit die Arbeit Spaß macht, brauchen sie bei eMundo keine Spielereien. Sie brauchen die richtigen Projekte. Und die haben sie.

Sie wählen genau aus, welche Aufträge sie annehmen: Herausfordernd sollen sie sein. Derzeit arbeiten sie an der Neuentwicklung eines weltweiten Händlersystems für den Volkswagen-Konzern, an mobilen Zahlungssystemen für die Bertelsmann-Tochter Arvato und einer Taximanagement-Anwendung für Flughäfen. Projekte, die banal erscheinen, lehnen sie ab. Auch wenn das weniger Gewinn bedeutet. Den „Idealismus des Informatikers“ nennt das der Chef, der früher selbst als Entwickler gearbeitet hat.

Dieser Idealismus war der Grund, warum der heute 48-Jährige vor knapp 15 Jahren mit zwei Kollegen eMundo gegründet hat. Sie wollten Projekte nach den eigenen Vorstellungen machen. „Uns war an idealen Lösungen gelegen, wir wollten die besten Systeme bauen“, sagt Palfinger. Dieser Anspruch ist geblieben. Der Schreibtisch ihm gegenüber ist verwaist. Ein Mitgründer hat sich aus der Geschäftsführung zurückgezogen, er programmiert lieber.

eMundo trifft den Nerv vieler in der Branche. „Die technische Neugier spielt bei ihnen eine große Rolle. Sie haben diesen Beruf ergriffen, weil sie neue Dinge ausprobieren und schaffen wollen“, sagt Anja Gerlmaier vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, die sich seit mehr als zehn Jahren mit den Arbeitsbedingungen in der IT-Branche beschäftigt. „Diese Motive muss man bedienen, wenn man die Leute halten will.“ Vielen Unternehmen gelingt das nicht mehr. Die Industrie hat sich gewandelt: Galten Entwickler lange Zeit als Pioniere und Wunderkinder, ist ihr Job heute zum normalen Beruf geworden.

Gerlmaier spricht von „massiven Standardisierungstendenzen“. Prozesse werden vereinheitlicht, zunehmend Standardprodukte verkauft. „Viele Beschäftigte beklagen, dass sie nicht mehr zum kreativen Gestalten von eigenen Softwareentwicklungen kommen.“ Ein Problem, mit dem auch als innovativ gefeierte Unternehmen wie Google kämpfen. Sie suchen sich die Besten der Besten. Manche von denen landen aber im Support oder sortieren bei Youtube Videos aus, wie ein ehemaliger Mitarbeiter in einem Onlineforum beklagt.

Bei eMundo wird darauf geachtet, nicht in Routinen zu verfallen, auch wenn Angestellte in Großprojekten stecken, die mehrere Jahre laufen. Alexander Klandt arbeitet seit 2006 für eMundo am Standort Frankfurt in einem Projekt bei der Deutschen Bahn. Irgendwann sehnte er sich nach Abwechslung. In einem Mitarbeitergespräch erzählte er seinem Chef, dass Computerspiele seine Leidenschaft sind. Also bekam er mehrere Tage bezahlten Projekturlaub, um ein eigenes Spiel zu entwickeln.

„Einblicke in einen anderen Bereich zu bekommen und die Verantwortung für ein eigenes kleines Projekt zu haben, das war eine schöne Erfahrung“, sagt der 34-Jährige. Und ein Reality-Check. „Ich hatte immer den Traum, in die Spielebranche zu gehen. Der Ausflug hat mir gezeigt, dass sich die Arbeitsweise in der Spieleentwicklung nicht so sehr von der Anwendungssoftware-Entwicklung unterscheidet.“ Nun bleibt er. Und kümmert sich um Förderanträge für weitere Spielideen, die er in Projekturlauben umsetzen will.

2.

Auch eMundo muss Geld verdienen. Derzeit machen sie einen Umsatz von rund 3,5 Millionen Euro im Jahr, „bei einer sehr gesunden Gewinnmarge“, sagt Palfinger. Nicht jedes Projekt, das dazu beiträgt, ist außergewöhnlich. Und nicht jeder Mitarbeiter träumt von Spieleentwicklung. Aber die Firma schafft es, Stillstand zu verhindern. So läuft neben den regulären Aufträgen parallel immer auch ein Forschungsprojekt.

Mehr als fünf Prozent des Umsatzes steckt das Unternehmen im Schnitt in Forschung und Entwicklung. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat es im Sommer dafür ausgezeichnet. Derzeit arbeitet die Firma an einer Lösung, die eine sichere Kommunikation auf Handy und Tablets ermöglichen soll. Damit könnte man unter anderem beim Einkaufen Bonuspunkte sammeln, ohne dass sämtliche persönliche Daten weitergegeben werden.

Mitarbeiter, denen ihr Arbeitsalltag zu eintönig wird oder die sich mit einer neuen Technik beschäftigen wollen, können bis zu zwei Monate in das aktuelle Forschungsprojekt wechseln. Palfinger nennt es „die Überholspur“. Die bringt nicht nur Abwechslung, sondern vor allem auch die Möglichkeit, sich abseits von drögen Schulungen weiterzubilden, selbst zu forschen und so bei neuen Entwicklungen von Anfang an mit dabei zu sein.

Das kommt gut an. Fachkräfte legen großen Wert darauf, auf dem Laufenden zu bleiben. Bei einer Umfrage von Verdi zu „Leben und Arbeiten in der IT-Branche“ gaben 96 Prozent der IT-Beschäftigten an, dass ihnen Qualifizierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten wichtig sind. Mehr als die Hälfte der befragten Softwareentwickler hat demnach in den vergangenen zwei Jahren an keiner Weiterbildung teilgenommen. Bei eMundo passiert so etwas nicht. „Innovation bedeutet Motivation“, sagt Palfinger.

3.

Raphael Arias, derzeit Werkstudent am Münchner Standort, trägt lange schwarze Haare, Kinnbart und ein T-Shirt auf dem „Immer mit der Ruhe“ steht. Kommendes Jahr will der 23-Jährige seine Masterarbeit bei eMundo schreiben, danach als Entwickler hier anfangen. Er war die lange Liste von Jobangeboten durchgegangen, die seine Uni bereitstellt, nichts riss ihn richtig mit. Bis er auf die Ausschreibung von eMundo stieß. „Das Thema mobile Sicherheit hat mich angesprochen, das finde ich wahnsinnig interessant“, sagt Arias. Daran will er arbeiten. „Hier kann ich meine Ideen umsetzen“, sagt er.

„Die Sinnhaftigkeit der Arbeit ist eine wichtige Größe, um die Leute bei Laune zu halten“, sagt die Forscherin Anja Gerlmaier vom IAQ. Bei eMundo wird an ganz unterschiedlichen Projekten gearbeitet, für die sich die Angestellten begeistern können. Gute Ideen werden auch dann verwirklicht, wenn es keinen konkreten Auftrag gibt. So schlug ein Mitarbeiter vor, das für einen Kunden entwickelte Auftragsmanagementsystem in einer entschlackten Version für kleine Firmen und Handwerker anzubieten. Seit Kurzem steht das Programm namens Jordrs zum Herunterladen im Netz bereit.

Seine Leute sollen sehen, wofür sie arbeiten, das ist Günther Palfinger wichtig. Mitte Juli waren sie alle zusammen in Amsterdam. Bevor es zum Stadtbummel ging, hielt er eine Präsentation über Umsatz, Gewinn und Herausforderungen. „Jeder weiß, wie viel wir als Unternehmen verdienen und wo wir stehen. Ich will den Leuten das Gefühl geben, dass sie mit an der Firma bauen.“

Jeder Mitarbeiter, der länger als ein Jahr dabei ist, bekommt einen Anteil am Unternehmen. Dieser wächst mit Verbleib und dem Grad der Verantwortung. Jedes Jahr wird ein Teil des Gewinns an die Angestellten ausgeschüttet. „Ich habe die Firma nicht gegründet, um sie an meine Nachkommen weiterzugeben“, sagt Palfinger. Stattdessen bekommen die Mitarbeiter die Chance, zum Mitunternehmer zu werden.

4. 

Wer mitgestalten soll, braucht den Freiraum dazu. Palfinger traut seinen Mitarbeitern viel zu. Und er vertraut ihnen. Wolfgang Brauneins hat 2007 als einer von zwei Mitarbeitern am Standort von eMundo in Salzburg angefangen. Nach zwei Jahren wurde der damals 34-Jährige Niederlassungsleiter. Heute führt er 14 Angestellte, entscheidet, welche Projekte er mit seinem Team machen will und wen er einstellt.

Angebote von anderen Firmen erhalte er durchaus, doch sie reizten ihn nicht. „Wo bekomme ich solche Freiheiten? Ich schätze es sehr, dass ich den Weg zum Ziel selbst bestimmen kann und nicht vorgegeben wird, auf welche Weise eine Aufgabe zu erledigen ist.“ Einmal hat er mit hochrangigen Managern, die nicht selbstständig über Stundensätze entscheiden durften, über ein Projekt verhandelt. Das wirkte abschreckend.

Brauneis ist keine Ausnahme in der Firma. Alexander Mack hat nach seinem Bachelorstudium bei dem Unternehmen in München als Entwickler angefangen. Heute hat der 28-Jährige die Projektleitung für Mobile Apps. Wenn ein Kunde mit einer Anfrage kommt, schätzt er den Aufwand ein und kalkuliert den Preis. „Bei uns sagt der Chef auch mal: Wenn du diesen Weg für richtig hältst, dann probieren wir es so“, sagt Mack.

Wer möchte, kann zu Hause arbeiten, feste Arbeitszeiten gibt es nicht. Und: „Alle jungen Väter haben die Elternzeit genommen“, sagt Günther Palfinger. „Sie müssen keine Angst um ihre Stellung oder ihr Projekt haben.“ Das sind die Kriterien, auf die es den gut ausgebildeten Fachkräften heute ankommt. Beim Verband Bitkom hören sie immer wieder, dass in Einstellungsgesprächen ganz offensiv nach flexiblen Arbeitszeiten gefragt werde, nach Möglichkeiten, Beruf, Familie und Freizeit gleichzeitig zu managen. An der viel zitierten Work-Life-Balance kommt auch die IT-Branche nicht mehr vorbei.

eMundo passt sich an. In den ersten fünf Jahren hatte jeder Mitarbeiter noch einen Firmenwagen. Heute teilen sie sich einen kleinen Elektro-Peugeot. Statt dicker Autos gibt es MonatsTickets, eine Bahncard, einen Betreuungszuschuss für Vorschulkinder – und eben die Möglichkeit, sich die Arbeitszeit weitgehend frei einzuteilen, nach der Geburt des Kindes in Teilzeit wieder anzufangen oder ein Sabbatical zu nehmen.

Als ein Mitarbeiter eine Idee für ein Start-up hatte, bot ihm Palfinger an, sich daran zu beteiligen, so wurde ein internes Projekt daraus. Gemeinsam entwickelten sie die Idee zum Produkt weiter – neben den laufenden eMundo-Aufträgen. Palfinger baute darauf, dass sein Mitarbeiter die eigentlichen Aufgaben nicht vernachlässigen würde. Es funktionierte. „Das war eine Vertrauenssache“, sagt er. „Dieses Vertrauen hat verhindert, dass der Mitarbeiter geht, um seine Idee woanders umzusetzen.“

5.

Am Freitagmittag versammeln sich sechs Emundis, wie Palfinger seine Leute nennt, am Konferenztisch in München. Der Praktikant hat gekocht. Sie essen oft zusammen. Es gibt dieses Image vom eigenbrötlerischen Nerd, der selig ist, wenn er vor sich hin programmieren kann. Viel ist da nicht dran. „Für die meisten Mitarbeiter, auch in der IT-Branche, ist ein gutes Klima im Team das Wichtigste“, sagt Gerlmaier vom IAQ. „Sich aufeinander verlassen können, Rückendeckung von den Vorgesetzten zu bekommen, das zählt.“

Jeder, der bei eMundo anfängt, bekommt einen Mentor zugeteilt, einen der Gründer oder einen Mitarbeiter, der Verantwortung trägt. In regelmäßigen Gesprächen mit ihm können sich die Angestellten Luft machen, wenn sie frustriert sind von ihrem Projekt oder es Ärger mit einem Kollegen oder Kunden gibt. Palfinger ist nah dran an seinen Mitarbeitern, hat ein Gespür für die Stimmung, merkt, wenn Unzufriedenheit aufkommt, weil die Leute zu lange in einem Projekt feststecken. Dabei hilft, dass die Firma klein ist und keine Personalabteilung zwischen Chef und Angestellten steht. Damit das Unternehmen trotz seiner drei Standorte nicht auseinanderdriftet, fahren sie zweimal im Jahr gemeinsam ein paar Tage weg, nach Amsterdam, Prag, Barcelona oder in die Toskana.

Zu einem guten Klima gehört auch, die Mitarbeiter zu schätzen und nicht bloß ihre Arbeitskraft zu verheizen. Stress und Überforderung sind laut der Arbeitsforscherin Gerlmaier ein zentrales Problem der Branche. In den Präventionsseminaren, die sie hält, sitzen Leute, die von massiven gesundheitlichen Folgen erzählen: Tinnitus, Herzrasen, Magengeschwüre.

Am späten Freitagnachmittag sitzt bei eMundo in Salzburg nur noch eine Mitarbeiterin im Büro, ihre Kollegen sind schon zu Hause. Den Telefonbereitschaftsdienst für die Kunden hat heute der Standortchef Wolfgang Brauneis selbst übernommen. Dafür hatte er am Tag zuvor das gute Wetter genutzt und war im Dachsteingebirge klettern.

Natürlich ist das auch in diesem Vorzeigebetrieb nicht immer möglich, es gibt Phasen, in denen viel gearbeitet wird. Aber es wird versucht, den Mitarbeitern Verschnaufpausen zu verschaffen. An ihren Computern haben sie ein Zeiterfassungssystem, Überstunden werden aufgeschrieben. Die Leute sind angehalten, sie abzubauen statt sich auszahlen zu lassen. Nach Feierabend erwartet niemand, dass noch E-Mails beantwortet werden.

Wenn ein Kunde zu viel verlangt, greift Palfinger auch schon mal zum Telefon und stellt sich vor seine Mannschaft. „Es ist für uns einfacher, einen neuen Auftrag zu bekommen als neue Mitarbeiter“, sagt er. „Der Mensch ist wichtiger als das Projekt.“ ---

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