Ausgabe 09/2014 - Schwerpunkt Arbeit

Dienstleistungsjob: Andreas Döhnert

Nicht mit mir

Andreas Döhnert

• Ich bin ausgebildeter Kabelwerker. Der Betrieb, ein Werk von Siemens, wurde vor 19 Jahren geschlossen. Dort habe ich etwa das Dreifache meines jetzigen Einkommens verdient, und die Arbeit war leichter. Ich habe dann über eine Zeitarbeitsfirma in verschiedenen, kurzfristigen Jobs gearbeitet, als Fernsehmonteur, als Löter. Jetzt arbeite ich seit 16 Jahren als Gebäudereiniger. Ich verdiene derzeit im Schnitt 1100 Euro netto mit einer Vollzeitstelle. Früher hatte ich über viele Jahre parallel immer noch einen Mini-Job bei einer zweiten Firma, anders hätte ich mir keinen Urlaub und keine größeren Anschaffungen leisten können. Der Stunden-Mindestlohn für Gebäudereiniger in der Lohngruppe 1 beträgt derzeit im Westen 9,31 Euro brutto, in den neuen Bundesländern 7,96 Euro. Ich verdiene durch Zulagen etwas mehr. Eigentlich müsste ich als Teamleiter nach Lohngruppe 4 bezahlt werden, das sind 11,33 Euro, aber ich werde nach Lohngruppe 1 bezahlt.

Die Arbeit ist monoton, immer dieselben Arbeitsschritte, Hunderte Male am Tag. Viele, die das über Jahre machen, stumpfen ab, die haben resigniert und sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Die Arbeit ist körperlich anstrengend, es werden immer dieselben Gelenke belastet. Schultergelenke, Handgelenke, Hüften, Knie tun einem von der Arbeit weh. Von sieben Kollegen in meiner früheren Gruppe haben vier jeden Tag Tabletten gegen die Schmerzen geschluckt. Ich hatte letztes Jahr zwei Schlaganfälle. Die Ärzte sagen, das kommt vom Stress, deshalb mache ich jetzt keine Zweitjobs mehr. Es gibt Reinigungschemikalien, die in den vergangenen Jahren verboten wurden, weil sie gesundheitsschädlich sind. Der Chlor-WC-Reiniger Sator, mit dem wir früher jeden Tag gearbeitet haben, schädigt die Atemwege. Wir hatten natürlich keine Schutzmasken.

Es gibt Unterschiede zwischen den Firmen. Die Firma, bei der ich jetzt bin, geht einigermaßen anständig mit den Leuten um. Ich bin fest angestellt und arbeite immer im selben Objekt, einer großen Schule. Derzeit machen wir die Grundreinigung. Das bedeutet, dass wir alle Möbel raus- und nach der Reinigung wieder reintragen, eine Knochenarbeit. Allgemein muss man heute deutlich mehr in kürzerer Zeit schaffen. Im Gegenzug werden die Kontrollen in vielen Firmen lockerer, es wird mehr getrickst. Die wichtigste Veränderung der letzten zehn, zwölf Jahre ist, dass die rechtsfreien Räume schamlos ausgenutzt werden. Es wird immer mehr mit Objektlöhnen gearbeitet. Man sagt, für dieses Objekt gibt es die Vorgabe von zwei Stunden Arbeitszeit. Wenn man länger braucht, heißt es, Sie müssen sich halt anstrengen.

Im Rahmentarifvertrag ist vieles geregelt, aber viele Reinigungsfirmen unterlaufen das. Ein Beispiel: Ich war vor sieben, acht Jahren bei einer alteingesessenen Berliner Firma. Ich bin die Objekte, in denen ich putzen musste, mit einem Firmenfahrzeug abgefahren. Auf der ersten Abrechnung fehlte die Fahrzeit zwischen den Objekten, statt acht Stunden wurden nur fünf oder sechs bezahlt. So etwas kommt häufig vor. Wegezeit ist Arbeitszeit, das ist im Rahmentarifvertrag geregelt. Wir haben auch ein Recht auf Nachtzuschläge, das sind 25 Prozent. Wurde nicht bezahlt. Vom Nettobetrag wurden sieben Prozent abgezogen, einfach so.

Als ich gefragt habe, was das für Abzüge sind, hieß es, das ist, weil die Kunden so spät bezahlen, das kriegen Sie dann im nächsten Monat. Ich wusste von den Kollegen, dass das jeden Monat so läuft. Die haben das von Monat zu Monat aufgeschoben. Im zweiten Monat hatte ich bei der Abrechnung das gleiche Theater. Man hat nach Erhalt der Abrechnung eine zweimonatige Widerspruchsfrist, um seinen Lohn geltend zu machen. Zwei Tage vor meiner dritten Abrechnung habe ich Widerspruch eingelegt.

Daraufhin wurde ich zu einem persönlichen Gespräch zum Chef bestellt. Sinngemäß sagte er: Lieber Herr Döhnert, Sie wissen doch genau, dass Ihnen das überhaupt nicht zusteht. Das war bei vielen Firmen so, wenn ich mich über falsche Abrechnungen beschwert habe. Das Muster ist immer das gleiche. Wenn ich sage, dass ich den Rahmentarifvertrag kenne und die Auffassung habe, dass mir bestimmte Zahlungen zustehen, übergeben sie einem sofort das Kündigungsschreiben. Das war immer schon vorbereitet, sie haben bloß noch abgewartet, welche Antwort ich gebe. Sie wollen in der Belegschaft keinen, der Ärger macht. Von dem Unternehmen habe ich dann vor dem Arbeitsgericht für diese drei Monate knapp 1800 Euro bekommen. Um dieses Geld wollten sie mich betrügen, das ist ganz normale Routine in den Firmen.

Oft gibt es willkürliche Abzüge bei der Abrechnung. Zum Beispiel wollte eine Firma, bei der ich einen Minijob hatte, den Mindestlohn unterlaufen. Vor gut einem Jahr habe ich in einem anderen Minijob in verschiedenen Gebäuden Treppen gereinigt, drei- oder viermal die Woche vormittags. Die Wegezeiten zwischen den Objekten wurden nicht bezahlt, ich bin mit der U-Bahn gefahren und sollte die Fahrkarte selber zahlen. Ich musste prozessieren, um das Geld zu bekommen. Ich habe vor fünf Jahren bei einer gemeinnützigen Tochterfirma des VdK gearbeitet, das ist der größte Sozialverband Deutschlands. Dort wurden Arbeitskonten geführt, Überstunden sollten im Folgemonat ausgeglichen oder mit 25 Prozent Zuschlag bezahlt werden.

Eigentlich soll jeder Kollege einmal im Monat einen Auszug des Arbeitszeitkontos erhalten, aber das hat diese Firma nicht gemacht. Einige Kollegen und ich haben jeden Tag minutiös unsere Arbeitszeiten aufgeschrieben. Ich hatte 180 Überstunden angehäuft. Laut Ausdruck des Arbeitszeitkontos hatte ich aber nach acht Monaten 80 Stunden zu wenig. So viel ich weiß, läuft das dort heute noch so. Meine Aufzeichnungen waren gerichtsfest, zwei Kollegen und ich haben gegen diese Firma geklagt. Wir haben alle unsere Kündigung bekommen, und wir haben alle drei unsere Prozesse gewonnen. Ich wäre, wenn ich nicht geklagt hätte, von dieser Firma um etwa 1000 Euro im Monat betrogen worden. Das war rechtlich eine ganz klare Sache.

Mich zu wehren hat mir gutgetan

Ich habe mehr als 20 Arbeitsrechtsprozesse geführt und gewonnen. Aber von 1000 Gebäudereinigern, die vom Arbeitgeber um Lohn betrogen werden, klagt vielleicht einer. Die anderen haben Angst um den Arbeitsplatz, sie kennen ihre Rechte nicht, sprechen nicht gut Deutsch und verstehen die Abrechnung nicht, sie haben kein Selbstbewusstsein, sie werden eingeschüchtert, fürchten die Gerichtskosten. Ohne Rechtsschutzversicherung geht es nicht. Die Firmen machen in der Regel nur Zeitverträge, befristet auf höchstens zwei Jahre. Sie wollen Festanstellungen vermeiden, um das Unternehmensrisiko zu minimieren.

Die Idee des Teilzeit- und Befristungsgesetzes war ja, dass das der Einstieg ist, um Menschen in feste Stellen zu kriegen. Das wird in der Gebäudereinigung komplett unterlaufen. Viele haben nur Drei- oder Vier-Stunden-Verträge. Oft arbeiten sie sechs oder sieben Stunden am Tag, die Mehrarbeit wird auch bezahlt. Aber wenn man krank ist oder in Urlaub geht, richten sich Kranken- und Urlaubsgeld nach dem Vier-Stunden-Vertrag.

Mich immer zu wehren hat mir gutgetan. Es hat auch mit Würde zu tun, sich nicht alles gefallen zu lassen. Inzwischen kenne ich mich gut aus im Arbeitsrecht. Ich habe in dem Oberstufenzentrum für Wirtschaft, in dem ich jetzt putze, so gute Kontakte, dass ich da inzwischen Referate halte – mit einem Honorarvertrag. ---

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