Ausgabe 09/2014 - Schwerpunkt Arbeit

Automatisierung

Das Reich der Freiheit …

Ortwin Renn rät: Wir sollten die Automatisierung steuern, damit sie uns nicht steuert

• Die Körpersprache von Yuichi Nishimura signalisierte Autorität. Mit klaren Gesten zeigte der Schiedsrichter beim Eröffnungsspiel der Fußball-WM Brasilien gegen Kroatien, wenn er mit dem Verhalten der Spieler nicht einverstanden war, deutete unmissverständlich auf den Punkt, von wo der Freistoß ausgeführt werden sollte, hielt gut sichtbar die gelbe Karte hoch. Der Japaner schien alles im Griff zu haben.

Doch die Bildschirme, auf denen die Entscheidungen Nishimuras nur wenige Sekunden später mithilfe von Hochgeschwindigkeitskameras analysiert wurden, zerstörten diesen Eindruck rasch. Aus mindestens drei verschiedenen Perspektiven waren die strittigen Szenen zu sehen, in Großaufnahmen und Superzeitlupe – auch die Schwalbe des brasilianischen Stürmers Fred, die Nishimura mit einem ungerechtfertigten Elfmeter belohnt hatte. Weil Menschen irren können, lag die letzte Entscheidung über Tor oder Nicht-Tor bei dieser Weltmeisterschaft sogar erstmals komplett bei einer Maschine: Mit sieben Kameras pro Tor bestimmte das Goalcontrol-System innerhalb einer Sekunde und auf fünf Millimeter genau, ob der Ball die Torlinie überquert hatte. Wozu, mögen sich manche Zuschauer gefragt haben, soll noch ein Mensch die Mühe auf sich nehmen, 90 Minuten lang hin und her zu rennen und das Spielgeschehen zu beobachten, wenn Maschinen das viel besser können?

Gegen die Präzision der Roboteraugen, so scheint es, stehen Schiedsrichter aus Fleisch und Blut mittlerweile auf verlorenem Posten. Und tatsächlich belegen sie auf der Liste bedrohter Berufe einen der vorderen Plätze: Von insgesamt 702 Tätigkeiten, die nach ihrem Automatisierungspotenzial eingestuft wurden, stehen sie an 19. Stelle.

Mit dieser Liste sorgen der Wirtschaftswissenschaftler Carl Benedikt Frey und der Informatiker Michael A. Osborne von der Universität Oxford für Aufregung. Denn ihrer Studie zufolge sind Schiedsrichter bei Weitem nicht die Einzigen, denen die maschinelle Konkurrenz im Nacken sitzt: Auf sage und schreibe 47 Prozent schätzen Frey und Osborne den Anteil der Arbeitsplätze in den USA, die in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren automatisiert werden könnten. Betroffen seien nicht nur gering qualifizierte Tätigkeiten, sondern mehr und mehr anspruchsvolle Aufgaben – wie zum Beispiel juristische Recherchen, medizinische Diagnosen oder eben das Leiten eines Fußballspiels.

Natürlich können auch Frey und Osborne nicht die Zukunft vorhersehen. So exakt und objektiv die von ihnen ermittelte Zahl auch wirken mag, beruht sie doch letztlich auf subjektiven Einschätzungen und Gewichtungen. Die beiden Forscher sind zudem nicht selbst in die Werkstätten, Büros und Sportarenen gegangen, sondern stützten sich auf Arbeitsplatzbeschreibungen, die in der Datenbank O-Net erfasst sind, einem Onlineservice des US-Arbeitsministeriums. Die dort nach einem einheitlichen Schema ausführlich beschriebenen 903 Berufe glichen sie mit den Arbeitsmarktstatistiken ab, sodass am Ende 702 Berufe übrig blieben, für die sowohl detaillierte Tätigkeitsbeschreibungen als auch aktuelle Daten zu Beschäftigungs- und Lohnniveau vorlagen. Bei einem Workshop mit Forschern mit dem Fachgebiet maschinelles Lernen schätzten sie zunächst 70 dieser Berufe, bei denen sie sich besonders sicher fühlten, hinsichtlich ihrer Automatisierbarkeit ein. Auf Grundlage dieser Einschätzung wiederum entwickelten sie einen Algorithmus, der alle Tätigkeiten nach ihrem Automatisierungspotenzial bewertete und in eine Rangfolge brachte.

Ein Blick ins O-Net macht es etwas verständlicher, wie eine so anspruchsvolle Aufgabe wie die der Fußballschiedsrichter auf der Liste so weit nach oben rücken konnte. Sie werden dort mit „all sporting officials, referees, and competition judges“ zu einer Kategorie zusammengefasst. Es zählen dazu also auch Zeitnehmer, Signalgeber und diejenigen, die beim Weitsprung kontrollieren, ob übertreten wurde, oder bei Gehern darauf achten, dass die immer ein Bein am Boden haben. Vieles lässt sich relativ leicht an Maschinen delegieren, während die gelben Karten beim Fußball ebenso wie die Punktwertungen beim Eiskunstlauf oder Turmspringen wohl noch längere Zeit von Menschen vergeben werden müssen.

Frey und Osborne behaupten aber ohnehin nicht, dass fast jeder zweite Arbeitsplatz demnächst von Maschinen übernommen wird, sondern nur, dass es technisch möglich wäre. Damit diese Möglichkeiten tatsächlich ausgeschöpft werden, muss sich die Automatisierung auch lohnen. „Was technisch machbar ist, rechnet sich nicht unbedingt betriebswirtschaftlich“, gibt Ortwin Renn, Technik- und Umweltsoziologe von der Universität Stuttgart zu bedenken. Wegen der Vernachlässigung dieser Frage komme die Oxford-Studie zu unrealistischen Ergebnissen.

Ein dankbares Feld für Roboter: die Agrarbranche

Schiedsrichtern mag das im Wettlauf mit der Maschine einen zusätzlichen Vorsprung verschaffen. Menschen in anderen Berufen können sich nicht so sicher sein. Erntehelfer zum Beispiel: Bei der Bodenfrüchteernte hat eine Studie der Fraunhofer-Institute für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) und für System- und Innovationsforschung (ISI) eine „hohe Marktakzeptanz“ für den Einsatz von Robotern ausgemacht.

Die im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellte Untersuchung mit dem Titel EFFIROB (Effiziente Innovative Servicerobotik) prüfte elf Szenarien auf ihre Wirtschaftlichkeit, schätzte das Marktpotenzial ab und identifizierte Forschungsbedarf. Dabei zeigte sich: Wenn statt der Menschen, die derzeit auf einer Erntemaschine liegen und nach den Früchten greifen, Roboterarme installiert würden, ließe sich der Arbeitskräftebedarf von 28 auf drei pro Maschine reduzieren. Die Investition in die 300.000 bis 700.000 Euro teuren Robotersysteme könnte sich je nach Ausstattung in ein bis drei Jahren amortisieren. Allein in Deutschland zählt die Studie 316 Großbetriebe, die als potenzielle Kunden infrage kämen.

Die Landwirtschaft zähle gegenwärtig zu den „wichtigsten Anwendungsgebieten der Servicerobotik“, sagt Martin Hägele, Leiter der Abteilung Roboter- und Assistenzsysteme am Fraunhofer IPA und Koordinator der EFFIROB-Studie. „Dort entstehen gegenwärtig interessante Produkte und Systemlösungen. Dazu finden wir in der Landwirtschaft ein innovationsfreundliches Klima vor – sowohl bei den Herstellern als auch bei den Landwirtschaftsbetrieben. Nicht nur bei den Melkrobotern steigen die Verkaufszahlen, sondern generell für Robotik im Stall, auf dem Feld oder im Gewächshaus.“ Starke Zuwächse erwartet Hägele außerdem in der Unternehmenslogistik, wo automatische Transportsysteme zunehmend an Bedeutung gewännen, und bei der Inspektion und Wartung öffentlicher Anlagen wie Abwasserkanäle, Stromleitungen, Brücken oder Gebäude. „Weiterhin ist die Medizinrobotik ein interessanter und stark wachsender Markt: in der Chirurgie ebenso wie in der Diagnose und in der Rehabilitation.“ Zudem bauten Maschinenhersteller immer mehr Robotik in ihre Produkte ein. „So finden wir typische Robotertechnologien wie intelligente Bewegungssteuerungen oder Sensorsysteme beispielsweise in Baumaschinen.“

Putzhilfen hingegen können sich laut EFFIROB vorerst ziemlich sicher sein, ihre Jobs nicht an Roboter zu verlieren – was auf den ersten Blick erstaunen mag, bei all dem Hype um Staubsauger- und Fensterputzroboter. Aber weder für die Boden- noch für die Fassadenreinigung durch vollautomatische Roboter konnte die Studie ein kurzfristig realisierbares Marktpotenzial ausmachen. Zu vielfältig sind die Anforderungen an die Maschinen, die unter anderem in der Lage sein müssten, Türen zu öffnen, Bodenbeläge zu identifizieren, Gegenstände zu klassifizieren oder Abweichungen vom Normalzustand, etwa offene Fenster oder herumlie- gende Kabel, zu erkennen und angemessen zu reagieren. Das deckt sich mit der Einschätzung von Frey und Osborne, auf deren Liste Haushalts- und Putzhilfen den relativ sicheren Platz 322 einnehmen, noch vor den Reinigungskräften für den Außenbereich, die auf Platz 336 folgen.

Um solche Arbeiten vollautomatisch zu erledigen, fehlt es den Maschinen offensichtlich noch an der nötigen Intelligenz. Die wiederum kann ihnen nur durch Programmierung erwachsen. Als größten und am schwersten zu kalkulierenden Kostenfaktor zukünftiger Automatisierungslösungen identifizierte EFFIROB denn auch die Software. Die Studie habe zudem verdeutlicht, so Hägele, „dass die Firmen, die auf diesem Markt Serviceroboter-Entwicklungen betreiben, abwägen müssen, wie weit auf bestehende Software-Bibliotheken aufgesetzt werden kann oder wie weit Kooperationen mit Softwarepartnern interessante Optionen zum Selberentwickeln darstellen“.

Um die Umwelt wahrzunehmen, braucht ein Roboter Sensoren wie Kameras, Laserscanner oder Mikrofone, um sinnvoll auf sie einzuwirken, braucht er Greifer oder andere Werkzeuge. Doch das allein reicht nicht. Die große Herausforderung liegt vielmehr darin, die Sensorsignale zu verstehen, womöglich Daten unterschiedlicher Sensoren zusammenzuführen, mit gespeichertem Wissen zu einem Weltmodell aufzubereiten und daraus den Griff abzuleiten, der der jeweiligen Situation und dem Gegenstand angemessen ist. Es macht einen Unterschied, ob eine Tasse in die Spülmaschine oder in den Schrank gestellt oder ob aus ihr getrunken werden soll. Je nach Absicht wird man sie anders anfassen. Ein Roboter, der dazu in der Lage sein soll, muss denken können.

Kein Unternehmen oder Forschungsinstitut allein wäre jedoch in der Lage, den Maschinen das Denken beizubringen. Künstliche Intelligenz kann nur aus dem offenen Austausch und Wettbewerb der Ideen und Algorithmen erwachsen. Und sie wird umso besser und robuster werden, je breiter dieser Austausch organisiert wird, je mehr Ideen in ihn einfließen. Das Prinzip der Open Source, bei der die Gemeinschaft der Programmierer gemeinsam den frei zugänglichen Programmcode erweitert und verbessert, wird daher mehr und mehr zur treibenden Kraft in der Servicerobotik.

Wenn aber die künstliche Intelligenz als zentrale Komponente zukünftiger mechanischer Helfer aus einer gemeinschaftlichen Anstrengung hervorgeht, sollten dann nicht auch deren Früchte gemeinschaftlich genossen werden? Wenn bald fast die Hälfte der Arbeit durch intelligente Maschinen erledigt werden kann, steigt dann die Arbeitslosenquote auf 50 Prozent, oder arbeiten alle Menschen nur noch halb so viel?

Der Mensch solle sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen, heißt es in der Bibel. Das Gebot stammt aus der Zeit, als die Menschen das paradiesische Leben der Jäger und Sammler hinter sich ließen und sesshaft wurden. Mit der Land- und Viehwirtschaft trat die Arbeit in ihr Leben und ist bis heute eine zentrale gesellschaftliche Institution geblieben. Dabei muss mittlerweile niemand mehr einen Schweißtropfen vergießen, um Ciabatta oder Pumpernickel zu genießen.

Constanze Kurz und Frank Rieger zeigen in ihrem Buch „Arbeitsfrei – Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen“ eindrucksvoll, wie das Grundnahrungsmittel Brot mit immer weniger menschlicher Arbeit erzeugt wird. Auf den Feldern fahren unbemannte Mähdrescher und übergeben das Korn autonom an ebenfalls unbemannte Transportfahrzeuge. In den Mühlen, die daraus Mehl erzeugen, haben die Autoren ebenso wenig Menschen getroffen wie in den Bäckereien oder in den Fabriken, die die Erntemaschinen bauen. Und die fertigen Backwaren könnten bald von autonomen Fahrzeugen ausgeliefert werden. Wenn aber das Brot ohne menschliches Zutun zu den Konsumenten kommen kann, fällt es schwer zu begründen, warum Menschen überhaupt noch für den „Broterwerb“ arbei-ten sollten.

„Jetzt ist der Moment gekommen, in dem wir uns vom Zwang zur Arbeit befreien können“, sagte Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm, im Interview mit brand eins schon vor neun Jahren. Es gelte, Arbeit und Einkommen zu entkoppeln: „Wenn die Menschen nicht mehr arbeiten müssen, weil Methoden und Maschinen das zu einem immer größeren Teil erledigen – dann müssen wir sie eben mit Einkommen versorgen“ (brand eins 03/2005: „Wir leben in paradiesischen Zuständen“) . Das dafür erforderliche Geld soll Werner zufolge aus Steuern kommen, die nur noch auf den Konsum erhoben werden.

Andere Modelle eines bedingungslosen Grundeinkommens sehen vor, die sinkende Bedeutung menschlicher Arbeit durch eine generelle Abgabe auf die Wertschöpfung auszugleichen, bei der zwischen menschlichem und maschinellem Anteil nicht mehr differenziert wird. Durch einen schrittweisen Umbau der Sozial- und Steuersysteme „hin zur indirekten Besteuerung von nicht menschlicher Arbeit und damit zu einer Vergesellschaftung der Automatisierungsdividende“, argumentiert der „Arbeitsfrei“-Mitautor Frank Rieger, könne „mehr Automatisierung zu mehr realem, fühl- und messbarem Wohlstand für alle im Lande“ führen und dadurch dersoziale Frieden langfristig erhalten bleiben.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen hält auch Ortwin Renn für sinnvoll, gibt aber zu bedenken, dass die Erwerbsarbeit bis heute einen großen Teil des sozialen Prestiges eines Menschen ausmache. Soziale Transferleistungen könnten da leicht als Almosen empfunden werden. „Ich würde daher eher dafür plädieren, Arbeiten, die heute noch unbezahlt geleistet werden, stärker in den Bereich der Erwerbsarbeit hineinzunehmen. Eine Umverteilung der Einkommen von den stärker automatisierten Bereichen, wo weniger gearbeitet werden muss, zu den sozialen Tätigkeiten halte ich für eher durchsetzbar als ein Minimaleinkommen für jeden, unabhängig vom Sozialprestige. Es geht um eine generelle Aufwertung bisher vernachlässigter Arbeiten, nicht nur hinsichtlich der Bezahlung, sondern in der gesellschaftlichen Wahrnehmung.“

Davon könnten am Ende auch die viel gescholtenen Schiedsrichter profitieren. Klar, früher oder später ließen sie sich vom Platz nehmen und durch ein komplexes System aus statischen und beweglichen Kameras ersetzen. Die Zahl der falschen oder zweifelhaften Entscheidungen würde auf diese Weise wahrscheinlich deutlich sinken. Aber würde das Spiel dadurch besser?

Es geht beim Fußball nicht ausschließlich um das Ergebnis, sondern auch um die Geschichten drum herum. Die haushohen Favoriten, die spektakulär in der Vorrunde ausscheiden, die verschossenen Elfmeter, die Eigentore und eben auch die Schiedsrichterfehler – sie erst schaffen den Rahmen, in dem die gelungenen Spielzüge und Bilderbuchtore richtig zur Geltung kommen können. Jedes Spiel, jedes Turnier ist ein Lehrstück über die menschliche Fehlbarkeit und den Umgang damit. Wie verkraftet eine Mannschaft den Gegentreffer kurz vorm Halbzeitpfiff? Gerät ein Spieler nach einem folgenreichen Fehlpass erst richtig ins Stolpern, oder fängt er sich wieder? Der Schiedsrichter lässt sich aus dieser Gleichung nicht einfach herausnehmen. Ohne ihn wäre es kein Spiel auf Augenhöhe mehr, sondern eines unter Aufsicht. Nicht mehr ein Mensch, ebenso fehlbar wie die Spieler, setzte dann die Grenzen, sondern eine höhere Instanz, eine tendenziell unfehlbare Maschine. Das kann man mögen oder nicht. Aber es ist kein besserer Fußball, es ist ein völlig anderes Spiel.

Derzeit werden die Karten fürs gesamtgesellschaftliche Spiel neu gemischt, Menschen und Maschinen nehmen ihre Plätze ein. Es ist Zeit, sich über die Regeln zu verständigen. ---

Hier geht's weiter: Ortwin Renn über die gesellschaftlichen Risiken der Automatisierung

Mehr aus diesem Heft

Arbeit 

Arbeit in Zahlen

Lesen

Arbeit 

Eine Idee macht Schule

Aus der Not entstand eine beispielhafte Privatinitiative: die Hacker School.

Lesen

Idea
Read