Ausgabe 07/2014 - Gute Frage

Macht uns die Digitalisierung produktiver?

• Wer vor 40 Jahren den heutigen Berufsalltag vorhergesagt hätte, wäre wohl zum Test auf halluzinogene Drogen abgeführt worden. Mehr Menschen denn je fahren morgens ins Büro, arbeiten am eigenen Rechner, und in der Jackentasche steckt ein winziger Supercomputer, Smartphone genannt? Unvorstellbar in einer Zeit, in der Computer als Jobkiller galten. Angesichts der Investitionen ihrer Arbeitgeber in Elektronische Datenverarbeitung (EDV) wähnten sich kaufmännische Angestellte und Verwaltungskräfte in den Siebzigern schon als Angehörige aussterbender Arten. „Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist ohne Unterschrift gültig“ – das war die Zukunft. Bald wären die Büros menschenleer. Dachte man.

Doch Computerhersteller wie IBM waren nicht so dumm, in großem Stil jene Leute wegzurationalisieren, deren Arbeitsplätze sie für gutes Geld ausrüsteten. Völlig abwegig waren die Ängste der Arbeitnehmer aber nicht; einzelne Berufe wie Steno- und Phonotypistin oder Schriftsetzer verschwanden. Zudem war Produktivitätssteigerung das zentrale Werbeversprechen, mit dem die EDV-Verkäufer ihren Kunden millionenschwere Deals schmackhaft machten.

Das Argument stach, obwohl es nicht seriöser war, als hätte ein Fotohändler behauptet, nur mit einer hochwertigen Kamera knipse man schönere Bilder; ein teures Werkzeug in ungeübten Händen ist einfach nur teuer. Die Geschichte der Computerisierung ist voll von ambitionierten Softwareprojekten, die grandios scheiterten, weil sie nicht viel besser gemanagt wurden als der Bau des Berliner Flughafens. Der Glaube, dass Informationstechnik prinzipiell die Produktivität erhöht, wurde trotz vieler Flops zur unbewiesenen These, die als Faktum gilt. Microsoft nennt seine opulenten Programmpakete fürs Büro allen Ernstes „Business Productivity Software“, obwohl sich derjenige, der die vielen Features einmal nutzen möchte, in den Verästelungen der Pull-down-Menüs heillos verzetteln kann.

Bei der Beantwortung der Frage, in welchem Maß uns die Fortschritte der Informationstechnik denn nun produktiver machen, waren die eigentlich zuständigen Volkswirte bislang keine große Hilfe. Erst 1987 fiel dem Makroökonomen Robert Solow auf, dass die jahrelangen Milliardeninvestitionen in Hardware und Software in den amtlichen Wirtschaftsdaten der USA nicht die zu erwartenden Spuren hinterlassen hatten: „Sie können das Computerzeitalter überall sehen, außer in der Produktivitätsstatistik.“

Tatsächlich knickte die Produktivitätskurve 1973 sogar ab und dümpelte dann vor sich hin, als habe die EDV-Einführung die Anwender nicht vorangebracht, sondern ausgebremst. Belege für einen solchen Verdacht gaben die Daten freilich auch nicht her: Zahlen von IT-Pionieren und -Nachzüglern waren nie getrennt erfasst worden, somit war ein Vergleich unmöglich.

Seither haben das Internet und die Digitalisierung ganze Industriezweige auf den Kopf gestellt, doch die Wirtschaftswissenschaftler sind keinen Schritt weitergekommen. Bis heute beißen sie sich die Zähne aus am Solow’schen Produktivitätsparadoxon. So nennt die Zunft die Erkenntnis, dass sogar industrielle Revolutionen in einer Art statistischem Bermuda-Dreieck untergehen können. Nur sporadisch regt sich in Fachkreisen der Unmut darüber, dass sich die Statistiker mit den ökonomischen Besonderheiten einer informationsbasierten Dienstleistungsgesellschaft so schwertun.

Aus den einschlägigen Diskussionen lassen sich zumindest einige Aspekte herausfiltern, die in der traditionellen Betrachtung zu kurz kommen:

Wenn Wissen ein Faktor wird

Nach der reinen ökonomischen Lehre erfüllen Daten, Informationen und Wissen nicht die Kriterien für Produktionsfaktoren. Nicht nur an der Börse sind sie aber oft Gold wert, auch die Produktivität hängt in vielen Berufen entscheidend von ihrer Qualität ab. Kernproblem bleibt die Umrechnung in harte Währung.

Geschäftsprozesse zählen

Dass die Wirtschaft eines Landes produktiver wird, erkennen klassische Ökonomen am Verhältnis zwischen Input (Kapital und Arbeit) und Output (Bruttoinlandsprodukt). Das geht problemlos, solange es um Verbesserungen bestehender Verfahren und Techniken geht. Um den Effekt potenzieller Umwälzungen beurteilen zu können, müsste man differenzieren: Wo wird lediglich veraltete Hardware ersetzt? Und wo unterstützt neue Technik innovative Geschäftsprozesse? Bei der üblichen Globalbetrachtung werden selbst größere Verwerfungen glattgebügelt, die einen gesamten Wirtschaftszweig betreffen. Ein Klassiker ist die Wall Street: Bei den IT-Investments von Hedgefonds und Investmentbanken in immer reaktionsschnellere Handelssysteme ging es nach dem Motto „The winner takes it all“ jahrelang nur um die Umverteilung von den Langsamen zu den Schnellen. Volkswirtschaftlich war das ein Nullsummenspiel – die Statistik bildete die dramatischen Veränderungen nicht ab.

Das Wesen digitaler Güter

Produktivität zu messen hieß bisher, Stückzahlen zu erfassen oder den Wert der Produkte, die eine Fabrik oder ein Arbeitnehmer in einem bestimmten Zeitraum fertigte, oder im Dienstleistungssektor die Zahl der Kunden, die ein Mitarbeiter bediente. Bei digitalen Gütern greift diese Messmethode nicht mehr, denn Arbeit und Wertschöpfung werden entkoppelt. Werden etwa Software, Musik oder Videos online vertrieben, fließt praktisch die gesamte Arbeit ins erste Exemplar, die Grenzkosten für zusätzliche Exemplare tendieren gegen null. Zugleich fallen aber Tätigkeiten aus der Statistik heraus, die bis dahin zur Produktivitätsbilanz beitrugen – im CD-Werk, im Lager und im Vertrieb. Das Plus liegt beim Kunden, der nicht mehr in die Stadt fahren muss. Er kann seine Freizeit produktiver nutzen. Das aber wird nicht erfasst.

Grenzenlose Produktion

Die Breitbandvernetzung erlaubt den Aufbau virtueller Teams. Geben Handy-Entwickler im Silicon Valley per Videokonferenz ihren Kollegen beim chinesischen Auftragsfertiger Unterstützung für Arbeiten am neuesten Modell, steigt ihre Produktivität vordergründig dadurch, dass sie sich eine Dienstreise sparen. Wichtiger ist, dass sich Entwicklungszeit verkürzt. Wertschöpfungsketten lassen sich reibungslos über mehrere Länder verteilen. So kann eine Produktivitätsverbesserung von Kalifornien ausgehen und einem amerikanischen Konzern zugutekommen, ohne von der US-Statistik erfasst zu werden.

Wahre Kosten und Nutzen

Zu den IT-Kosten, die sich bezahlt machen müssen, gehören nicht nur die offensichtlichen Ausgaben für Hard- und Software, sondern auch solche für Administratoren, Schulungen der Mitarbeiter und Wartung. Das macht langfristige Vergleiche schwierig: Anfangs programmierten die Unternehmen die meiste Software selbst, dann setzten sich fertige Standardlösungen durch, deren Wartung sich als sehr teuer erwies. Inzwischen laufen viele Anwendungen als Service in der Cloud. Das Ziel: mehr Produktivität. Die Programme auf dem Server sind immer up to date, der User muss sie nicht mehr mit zeitraubenden aktualisieren.

Wenn er einen toleranten Chef hat, kann er in der gewonnenen Zeit mit Facebook-Freunden chatten oder im Internet surfen. Es gibt nämlich Studien, denen zufolge Angestellte mehr leisten, wenn man ihnen diese kleine Freiheit lässt. ---

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