Ausgabe 07/2014 - Schwerpunkt Alternativen

In bester Lage

Planlos happy: Severin Fraser, Ossian Fraser, Teresa Steidle, Livia Menuzzi (v.l.)

• Einst war der Laden bekannt für kräftige, klare Töne. Jetzt ist er leer. Man soll hier reinkommen und denken, alles sei möglich. Teresa Steidle, 29, durchquert mit leichten Schritten den Raum, der sich so wunderbar als Café eignen würde oder als Repräsentanz für ein kreatives Gewerbe: mit üppigem Stuck unter der Decke und fleckigem Putz an den Wänden, der die vergilbten Spuren der Geschichte freilegt, und mit einem Schaufenster zum Moritzplatz. Es gibt hier keine Ware. Keine Reklame. Keine Schreibtische, derzeit auch keine Kunst an den Wänden. Steidle setzt sich an den langen, roh gezimmerten Tisch neben Ossian Fraser, ihren Freund. „Wir kennen und wir lieben diesen Raum“, sagt sie. „Wir wollen ihn gerne an die Öffentlichkeit bringen, ohne ihn zu verkaufen.“ Er ergänzt: „So einen Ort zu haben zwischen all den anderen, an denen es nur darum geht zu konsumieren, finden wir sehr kostbar.“

Oranienstraße 58, Berlin-Kreuzberg. Nebenan hieven Kräne Betonplatten hoch. Schräg gegenüber züchten in der letzten Baulücke Aktivisten urbanes Gemüse. Hübsche Menschen laufen vorbei, aufstrebende Kosmopoliten aus den nahen Co-Working-Spaces. Still schmiegt sich das Haus in diese laute Umgebung, als warte es darauf, entdeckt zu werden. Doch Steidle und Fraser verweigern sich der Verwertung.

Der Raum ist ihnen in den Schoß gefallen. Früher hatte Steidles Vater hier ein Büro, eine kleine Berliner Dependance seines großen Architekturbüros. Die Immobilie war ein Schnäppchen. Dies war ja die hinterletzte Ecke von Kreuzberg, gleich neben der Mauer. So kam der Laden in den Besitz der Familie.

 

Provozierend ungenutzt: das Haus am Moritzplatz

Als Teresa Steidle nach Berlin kam, hatte das Architekturbüro gerade angefangen, sich zu verkleinern. Sie zog in die frei gewordenen Räume hinter dem Laden. Ossian Fraser kam hinzu. Je kleiner das Büro wurde, desto mehr Platz hatten sie – ab Februar 2013 auch noch den Laden. „Macht was daraus“, sagte die Mutter, der die Räume seit dem Tod des Vaters gehören.

Teresa Steidle kam für den Tango nach Berlin. Das Studium hat sie geschmissen, der Tanz war wie ein Sog, der alles andere mit sich riss. Ihr Freund teilt diese Leidenschaft. Er war bis vor Kurzem Meisterschüler an der Kunsthochschule Weißensee.

Was tun mit dem Raum? Sie setzten sich zusammen, disku-tierten. Manchmal, wenn sie im Urlaub in einem Café saßen, schien ihnen der Gedanke, am Moritzplatz Kaffee und Kuchen zu servieren, verlockend. Aber etwas in ihnen sträubte sich dagegen. Und je intensiver sie versuchten, Businesspläne zu schreiben, desto zäher wurden die Gespräche. „Das passt nicht zu dem, wo wir in unserem Leben gerade stehen“, stellte Steidle irgendwann fest. Eine Geschäftsidee umzusetzen heißt ja immer auch, sich festzulegen. Geld aufzunehmen, Kredite zu bedienen, gezwungen zu sein, den Weg weiterzugehen, damit einen die Schulden nicht erdrücken. Das ging nicht. Dazu war in ihrem Leben noch zu viel offen. Im Moment leben beide von freiberuflichen Nebenjobs, die sie jederzeit aufgeben können. Sie schoben die Pläne zur Seite.

Statt weiter zu grübeln, fingen sie an zu renovieren. Vorsich-tig, den Charakter des Raumes wahrend. Leute kamen auf sie zu, Freunde brachten Ideen mit. Wie wäre es mit einer After-Hour-Party beim Tangofestival zu Pfingsten? Drei Nächte im Mai, von vier Uhr früh an bis in den Tag hinein? Ossians Bruder Severin Fraser und seine Freundin Livia Menuzzi stiegen mit ein. Der Raum wurde zum Salon am Moritzplatz, namhafte Tänzer aus Argentinien kamen. Sie tanzten, bis die Sonne wieder aufging, frühstückten, genossen das Leben.

 

Eine Grauzone, in der alles möglich ist

Zum Wintersemester kam das nächste Projekt. Fraser hatte seinem Professor den Raum angeboten. Über Monate hinweg kamen Studenten an den Moritzplatz, um hier eine Ausstellung vorzubereiten. „Schwindel“ sollte sie heißen, wie das Gefühl, das einen beschleichen kann, wenn man an diesem Platz unterwegs ist, im Kreisverkehr. Zur Eröffnung kamen 500 Leute. Am nächsten Tag lag die erste Bewerbung bei ihnen im Kasten: Eine Praktikantin wollte anheuern, weil die Ausstellung so toll war. Fraser musste lachen: Ernsthaft eine Galerie betreiben wollte er nicht. Fraser und Steidle ist durchaus bewusst, dass sie mit ihrer Unentschlossenheit typisch für eine Generation sind, „die alle Möglichkeiten hat und sich nur nicht festlegen möchte“, wie Fraser es formuliert, und dass sie „hier lieber auf etwas zusteuern, das für uns ungewiss ist“. Manchmal irritiert ihn das, dann möchte er am liebsten auf den Tisch hauen, Klarheit und Struktur schaffen. Doch schon im nächsten Moment macht er wieder einen Schritt zurück. Es ist die Grauzone, in der alles noch möglich ist. Dieses Noch-nicht-Fertige zählt. „Das ist es, wonach der Platz ruft“, sagt Teresa Steidle.

Diese Ecke von Kreuzberg, direkt am Mauerstreifen, hat schon früher besondere Menschen angezogen. Einer davon ist der Künstler Salomé, der in einer Fabriketage im Hinterhof sein Atelier hat. Sie kennen sich, manchmal grillen sie zusammen. Fraser weiß aus dem Studium, dass Salomé in diesem Haus Ende der Siebzigerjahre mit seinen Freunden Kunstgeschichte schrieb. Als die Studenten aus Weißensee kamen, um ihre Ausstellung vorzubereiten, lud er den Künstler ein zu erzählen: davon, wie er mit Rainer Fetting 1975 die Räume entdeckte. Wie sie hier malten – heftig, expressiv, ohne Rücksicht auf den Kunstmarkt. Es ging um Punk: dass man machte, worauf man Lust hatte, und nicht das, was gefordert wurde. 1977 gründete Salomé mit seinen Freunden eine Galerie, um die Kunst zu zeigen. 1980 hatte er seinen Durchbruch, mit Ausstellungen im Haus am Waldsee, auf der Documenta, und 1984 wurden erstmals Bilder von ihm im Museum of Modern Art in New York gezeigt.

Fast ehrfürchtig reden Fraser und seine Freundin von diesen Erfolgen. Sie malen sich aus, wie die Kunsthändler mit dem Privatjet anreisten, mit Koffern voller Geld, und wie die Maler schnell produzieren mussten, um den Markt zu bedienen.

 

Räume mit Patina, liebevoll renoviert

Frasers eigene künstlerische Arbeiten sind ganz anders, behutsame Interventionen im städtischen Raum. Einmal hat er zum Beispiel in dem Staub auf den Glasscheiben am U-Bahnhof Jannowitzbrücke exakte Kreise freigeputzt, die den Blick durch das Fenster auf die Stadt lenken. Wer aufmerksam unterwegs ist, findet diese Kunst und kann über die Wochen hinweg erleben, wie sie wieder verschwindet. Fraser hat das fotografisch dokumentiert. Der Zauber des Flüchtigen, das geheimnisvolle Zeichen, dass hier ein Künstler am Werk war, prägen sich ein.

Auf eine Art ist auch der Salon am Moritzplatz eine Interven-tion im Stadtraum: weil hier Ungewöhnliches passiert, die üblichen Konzepte einfach mal nicht greifen. Was ist der Sinn? Müsste man nicht etwas bewirken mit den Chancen, die man bekommen hat? Steidle lässt den Blick schweifen über den fleckigen Putz des Raumes, durch die Fenster hinaus auf den Platz, wo gerade ein Krankenwagen heult. In ihren zweifelnden Stunden hat sie versucht, diese Fragen zu formulieren: dass es sich sinnlos anfühlt, hier in Berlin Tango zu tanzen und die Jugend zu vergeuden; dass es so frustrierend sei, keine Richtung zu haben, nirgends hinzuwollen. Dies schrieb sie an ihren Onkel, der für eine große internationale Umweltorganisation arbeitet. Sie zitiert seine Antwort: dass auch der Engagierte letztlich nur die Konsequenz aus der Vereinsamung der Menschen bearbeiten könne. Und sie, mit diesem Raum, mit diesem Tango und der Kunst tue letztlich das Gleiche: einen Ort schaffen, an dem Menschen sich begegnen.

Das Paar hatte kaum angefangen zu renovieren, da standen schon Leute in der Tür. Es war nachts um halb eins, als die ersten kamen. Sie fragten, ob man hier nicht einen Späti (Spätverkauf)oder eine Sandwichbude aufmachen könne. Einer stand mit Anzug und Koffer in der Tür, und sie hatten das Gefühl, der kam gleich mit dem Geld. Doch die beiden lehnten ab. Die Interessenten fragten: „Egal, was wir bieten, ihr würdet nicht verkaufen?“ Sie verteidigen ihre Nische. Noch. Kann sein, dass sich das irgendwann ändert, festlegen wollen sie sich auch da nicht. ---

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