Ausgabe 07/2014 - Schwerpunkt Alternativen

Quartierentwicklung

Das ist unser Dorf

Auf dem Gelände des alten Schlachthofs haben sich mittlerweile 70 Unternehmen angesiedelt

• Ein Dorf ist im Prinzip ein schöner Ort. Aber seine Einwohner reagieren auf Neuankömmlinge leicht allergisch. Zum Beispiel, wenn die Neuen ihre eigenen Ideen vom guten Leben mitbringen. Das kann für Unruhe bei den Alteingesessenen sorgen. Der gelassene Umgang mit Ungewohntem liegt nicht jedem. Wie das ist, hat André Hellmann in seiner neuen Umgebung erlebt. Mit seiner Internet-Beratung Netzstrategen ist er vor zwei Jahren umgezogen – nicht in ein Dorf, sondern auf das Gelände des alten Schlachthofs in Karlsruhe.

Das Areal muss man sich als eine Art Dorf mit bunter Nachbarschaft und schönen alten Backsteinbauten mitten in der Stadt vorstellen. Künstler haben ihre Ateliers in den umgebauten Gebäuden aus der Gründerzeit. Die Konzerthalle „Substage“, ein Jazzclub, Restaurants und die Kleinkunstbühne „Tollhaus“ machen den Schlachthof zur Ausgehmeile. Über viele Jahre ist hier eine Insel der Alternativ-Kultur gewachsen, auf der Installationskünstler, Free-Jazz-Freunde und Kabarett-Kenner ihren Spaß haben.

André Hellmann und seine Kollegen freuten sich auf die neuen Nachbarn. Diese Freude war nicht gegenseitig. „Wir wurden ein Jahr lang von den Alteingesessenen nicht gegrüßt“, sagt der Unternehmer. Dass er selbst früher in Rock-Bands gespielt hat, konnte die Künstler-Fraktion nicht weiter beeindrucken. Hellmann: „Es war ein hartes Stück Arbeit, das Vertrauen von denen zu kriegen, die seit vielen Jahren auf dem Gelände sitzen.“

Hellmanns 20-Mann-Firma berät Handelsfirmen und Verlage bei ihren Internet-Aktivitäten. Carl Zeiss, Süddeutsche.de und der Axel-Springer-Verlag zählen zu seinen Kunden. Das passt nicht unbedingt zu den Vorlieben der Alternativ-Szene, genauso wenig wie Hellmanns schwarzer Porsche. Dass seit einigen Jahren Mittelständler, Architekturbüros oder eine Werbeagentur im alten Schlachthof ihre Büros haben, war eine kleine Kulturrevolution.

Lucile Schwörer-Merz vermisst „das Undergroundmäßige von früher“

Das Schlachthof-Areal wird von der städtischen Entwicklungsgesellschaft K3 als „Kreativpark“ genutzt, eine Clusterbildung mit günstigen Mieten und sorgsam ausgewählten Nutzern. Im von K3 betriebenen Gründerzentrum für die IT- und Kreativwirtschaft stapeln sich die Büros in 70 ausgemusterten Übersee-Containern. Schon das Wort Kreativwirtschaft sorgt bei einigen Ureinwohnern des Areals für Aversionen.

Im Kino kennt man das Genre der Culture-Clash-Komödie: Wenn sich ein Deutscher zum Beispiel in eine Italienerin verliebt und mit den Sitten und Gebräuchen ihrer Familie leicht überfordert ist, kann es komisch werden. Was auf dem Grundstück des alten Schlachthofs stattfindet, hat etwas von so einem Culture Clash zwischen alter Alternativ-Szene und neuer Wirtschaft. Das zu beobachten ist nicht unbedingt komisch, aber lehrreich. Und nebenbei trifft man dabei jede Menge engagierter Leute. Inzwischen wird André Hellmann von seinen Nachbarn nicht nur gegrüßt. Viele von ihnen sind seine Freunde. Und das nicht nur, weil er gern auf die Konzerte im Substage geht.

Kultur treibt Wirtschaft

Die Bildhauerin Antje Bessau, der Konzertveranstalter Bernd Belschner und die Installationskünstlerin Lucile Schwörer-Merz waren Pioniere auf dem Gelände des alten Schlachthofs. Als sie in den leer stehenden Gebäuden ihre Kunst-Ateliers und einen großen Theatersaal einrichteten, wurden ein paar Meter weiter noch Schweine- und Kälberhälften zerlegt. Das Areal hatte den rauen Charme einer Industriebrache. „Als wir hier reinkamen, waren hier Schlachtbetriebe, dann kamen Autohandel, Schrotthändler, Reifenhandel“, erzählt Bernd Belschner mit breitem badischem Akzent.

Nachdem er und seine Freunde 1991 eine alte Viehhofhalle zum Veranstaltungszentrum Tollhaus umgebaut hatten, entdeckte eine Kulturinitiative nach der anderen das Schlachthofareal. Einige Künstler nutzten leer stehende Gebäude dort notfalls ohne gültige Mietverträge. Heute ist Belschner ein erfahrener Kultur-Unternehmer. In sein Tollhaus strömen rund 100 000 Besucher im Jahr, der Jahresumsatz liegt bei drei Millionen Euro. Belschner argumentiert nicht ideologisch, sondern pragmatisch: „Die Idee, den alten Schlachthof so zu nutzen, kam aus den Kulturinitiativen.

Bei der Stadt gab es lange die Befürchtung, dass das Gelände nur Subventionen verschlingt. Es hat gedauert, bis man das wirtschaftliche Potenzial gesehen hat. Die SPD hält Kultur im Zweifel für Luxus, die CDU versteht unter Kultur eher das Staatstheater als ein Notwist-Konzert.“ Die Aktivisten haben sich auf der Schlachthof-Brache mit Entdeckermut, Eigeninitiative und Pioniergeist ihre Nische erkämpft. Aber wie das so ist mit den Pionieren von einst: Wenn sie ihr Erfolgsmodell nicht an veränderte Zeiten anpassen, wird es leicht zum Auslaufmodell.

Der Erfolg und sein Preis

Gut 200 Arbeitsplätze in rund 70 Unternehmen sind bisher auf dem Areal entstanden. Ein zweites Gründerzentrum ist in Planung. „Bis 2017 kann man vom Drei- bis Vierfachen an Arbeitsplätzen ausgehen“, schätzt Dirk Metzger von der städtischen Entwicklungsgesellschaft K3. Genau wegen dieser Erfolgsgeschichte fürchten die Veteranen auf dem Gelände, ihr Schlachthof könnte zum „Kreativ-Disneyland“ oder „Künstler-Zoo“ werden.

Der etwas zu protzige Neubau, den sich in unmittelbarer Nachbarschaft ein Steuerberatungsunternehmen hingesetzt hat, bestärkt sie in dieser Haltung. Aber am meisten sorgt derzeit für Aufregung, dass auf dem Nachbargrundstück ein großes Bürohaus für den IT-Riesen Citrix gebaut wird. Das US-Unternehmen mit einem Jahresumsatz von knapp drei Milliarden Dollar, spezialisiert auf Cloud-Technologie, wollte mit dem Neubau für seine gut 200 Karlsruher Mitarbeiter nicht nur wegen der guten Autobahnanbindung dezidiert an diesen Standort und nicht in den großen Technologiepark der Stadt. „Karlsruhe ist neben San Francisco das zweite wichtige Entwicklungszentrum des Unternehmens“, sagt der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup. „Citrix hat ganz klar gesagt, sie wollen hierher, an keinen anderen Ort in Karlsruhe, obwohl das hier nicht das billigste Gewerbegebiet ist.“ Im Herbst kommenden Jahres will Citrix einziehen. Die Boheme-Fraktion auf dem Gelände fürchtet schon jetzt, die Techies könnten ihr Biotop zerstören. Auf die Idee, einfach mal mit den Citrix-Leuten das Gespräch zu suchen, kamen die Schlachthof-Veteranen lange nicht.

„Wir kämpfen dafür, dass die IT hier nicht alles dominiert. Wir wollen nicht das Kultur-Feigenblatt sein“, sagt Belschner. „Ich finde es jetzt schon ein bisschen zu clean, das Undergroundmäßige von früher war mir natürlich lieber“, sagt die Installationskünstlerin Lucile Schwörer-Merz, die seit 2006 auf dem Schlachthofgelände arbeitet. Aber sie sieht auch die Vorteile der Entwicklung: „Ich profitiere von der Nachbarschaft und von der Ausstellungsmöglichkeit, zum Beispiel beim Tag der offenen Tür. Es entsteht Aufmerksamkeit.“

Das sorgt für Kunden und Aufträge. Auch die Steinbildhauerin Antje Bessau sieht die Veränderung ambivalent. „Schwierig wird es bei zu viel Publikumsverkehr, wenn dauernd jemand fragt, was ich mache. Manchmal hat man die Befürchtung, dass die Künstler nur noch Dekoration sind. Und dennoch bin ich froh, dass es nicht mehr stinkt, dass es endlich nachts eine Beleuchtung gibt und es nicht mehr reinregnet in meine Werkstatt.“

Die Befürchtungen der Schlachthof-Pioniere folgen dem Muster aller Gentrifizierungsängste: Erst machen sie eine triste Gegend attraktiv. Dann wird das Viertel schick und teuer, und schließlich macht das Geld alles platt. „Wir haben das Gelände aufgewertet, dürfen aber bei wichtigen Entscheidungen noch nicht mal beratend mitreden“, beklagt die Bildhauerin Antje Bessau. Ein bisschen klingen die Bedenken der Schlachthof-Veteranen auch so, als würden sie sich zu wenig zutrauen und immer noch damit hadern, dass sie gewollt oder ungewollt ihren Beitrag zum Wirtschaftsstandort leisten.

Gerade weil die Künstler die Brache so attraktiv machen, haben die neuen Nachbarn und die Stadtverwaltung allen Grund, behutsam mit ihr umzugehen. Vielleicht sind die Kulturaktivisten mit ihren alten Gegenkultur-Idealen für das Schlachthof-Areal ja wichtiger, als sie selber ahnen. In Wirklichkeit sind sie selbst schon viel weiter als ihre Ängste. Sie sind genau wie André Hellmann pragmatische Unternehmer in eigener Sache. Sonst wären sie schon längst nicht mehr da.

Wie schafft man kreatives Rauschen?

Frank Mentrup ist seit vergangenem Jahr Oberbürgermeister von Karlsruhe und hat offenbar große Lust darauf, seine Stadt ein wenig umzukrempeln. Der SPD-Politiker sieht den alten Schlachthof als Signal dafür, dass Karlsruhe sich nicht mehr als behäbige Beamtenstadt, sondern als Kreativ- und IT-Standort versteht.

Wie jeder halbwegs ambitionierte Kommunalpolitiker kann er die Thesen des US-Soziologen Richard Florida von der ökonomi-schen Bedeutung der „Creative Class“ herunterbeten, denen zufolge eine postindustrielle Stadt vor allem Talente, Technologie und Toleranz brauche. Mentrup nickt fast schon gelangweilt: „Ja, die berühmten drei Ts.“ Weil im Rest der Welt möglicherweise noch nicht jeder weiß, dass nicht Berlin, sondern die badische 300 000-Einwohner-Stadt eines der Hightech-Zentren Deutschlands ist, zählt der oberste Stadtmarketing-Beauftragte ein paar Fakten auf: „Die Universität Karlsruhe hat den ältesten deutschen Informatiklehrstuhl. Jeder Vierte, der einen deutschen Informatikabschluss hat, hat in Karlsruhe studiert. Die Stadt hat seit Jahrzehnten eine ausgeprägte Start-up-Kultur.“

IT ist in Karlsruhe eine der am stärksten wachsenden Branchen. Eine im April veröffentlichte EU-Studie („Atlas der IKT-Aktivitäten in Europa“) führte Karlsruhe nach München, London und Paris auf Platz vier in Europa. Zwei Kunsthochschulen produzieren jedes Jahr Absolventen und Arbeitskräfte für die Kreativwirtschaft. „Es gibt in der Stadt sicher eine größere Kreativität und Dynamik, als von außen wahrgenommen wird“, sagt Mentrup. „20 Prozent der Studierenden haben in weitestem Sinn etwas mit Kultur zu tun. Von denen wollen wir natürlich die Besten hier halten. Die Kreativwirtschaft in Karlsruhe ist stark technologiegetrieben. Wir haben fast 14 000 Arbeitsplätze in der Kultur- und Kreativwirtschaft, ein großer Bereich sind Spiele-Entwickler.“

So gesehen ist der alte Schlachthof mehr als eine schöne Ausgehmeile mit angeschlossenem Kleingewerbe. „Wenn diese Kultureinrichtungen aufs gesamte Stadtgebiet verteilt wären, hätte das nicht diese Außenwirkung und diese Atmosphäre“, sagt Mentrup. „Vielleicht profitiert der Software-Entwickler in seiner Arbeit nicht direkt von der Bildhauerin nebenan, aber das kreative Grundrauschen ist wichtig für beide. Wir können hier aber nicht nur Maler, Bildhauer und Musiker ansiedeln, das gibt der Markt in Karlsruhe auch gar nicht her. Die Heterogenität ist gewollt. Ohne Heterogenität keine Innovation.“

Derzeit entstehen neue Atelierräume auf dem Grundstück. Dass die Stadt die 28 Millionen Euro, die sie in den Umbau der denkmalgeschützten Gebäude und die Sanierung der Böden investiert, wenn überhaupt erst in Jahrzehnten durch Mieten wieder einnehmen wird, stört den Oberbürgermeister nicht weiter: „Die 14 000 Arbeitsplätze in der Kreativwirtschaft werden wir auf Dauer nur durch Strukturen wie auf diesem Gelände halten. Das hat eine Katalysatorfunktion.“

Ganz normale Menschen

Dafür, dass er bei der Künstler-Fraktion auf dem Schlachthofareal so massive Ängste auslöst, wirkt Lars Thomas ziemlich freundlich. Besucht man den Senior Director Engineering in der alten Karlsruher Citrix-Zentrale in einem eher öden Teil der Stadt, um ihm von den Befürchtungen seiner künftigen Nachbarn zu erzählen, begegnet man einem sehr überraschten Manager. Er hat schlicht nicht geahnt, welche Ängste der Neubau auslöst.

Als Erstes erzählt er, dass er privat gern mal ins Tollhaus geht. Weshalb sollte so jemand für die Schlachthof-Künstler ein Problem sein? „Wir sind ja ganz normale Menschen. Wir freuen uns darauf, da hinzuziehen“, sagt der Citrix-Manager. „So ein attraktives Umfeld ist auch gut für unser Recruiting. Wenn die Kollegen nach Feierabend zusammen ein Bier trinken wollen, müssen sie jetzt in die Stadt fahren. In Zukunft geht das direkt gegenüber vom Büro. Der Schlachthof wird insgesamt eine Bereicherung für unsere Mitarbeiter sein. Auch für ein technologiegetriebenes Unternehmen ist Kreativität wichtig. Ich glaube, dass sich unterschiedliche Dinge gegenseitig inspirieren, auch bei uns in der Firma.“

Gerade der Start-up-Kultur auf dem Gelände fühlt er sich verbunden. Schließlich war er selbst lange Technikvorstand beim 2010 von Citrix übernommenen Karlsruher Start-up Netviewer. Außerdem leistet sich Citrix einen eigenen Inkubator, der Gründer begleitet. „Wir wollen die Innovationskultur im Unternehmen lebendig halten, das ist eine klare Priorität.“

Wo also liegt das Problem? Vielleicht darin, dass Lars Thomas und seine Leute kein Problem im drohenden Clash der Kulturen sehen. Vielleicht auch darin, dass ihre ungleich größere ökonomische Potenz Tatsachen schafft, die nicht jedem Schlachthof-Künstler gefallen. Vielleicht aber vor allem darin, dass sich gute Nachbarschaft nicht von allein ergibt, sondern ein bisschen Arbeit macht.

Was die Citrix-Belegschaft vor sich hat, hat André Hellmann hinter sich. Statt beleidigt zu sein, weil die neuen Nachbarn am Anfang keine große Lust auf ihn hatten, ist er offensiv auf sie zugegangen: „Wir haben Gas gegeben.“ Zum Beispiel beim jährlichen Schlachthof-Fest oder mit monatlichen Veranstaltungen zur digitalen Gesellschaft, bei denen inzwischen auch die Bildhauerin Antje Bessau vorbeischaut. Weil sich Hellmann in beiden Welten, Wirtschaft und Subkultur, wohlfühlt, ist er ab und zu der Vermittler zwischen den Milieus. „Wir fühlen uns heute von der Politik stärker als Wirtschaftsunternehmen ernst genommen, vielleicht auch, weil jetzt André hier ist“, sagt zum Beispiel Gerald Rouvinez-Heymel, der Geschäftsführer der Konzerthalle Substage. Hellmann investiert viel Zeit in seine Arbeit für „Ausgeschlachtet“, den Verein der Schlachthofnutzer aus der Kreativbranche. Er hat dafür einen ziemlich guten Grund: „Ich mag das hier sehr. Und ich will, dass das so bleibt.“ ---

PS: Ein paar Tage nach dem Besuch des brandeins-Journalisten kommt noch eine E-Mail von André Hellmann: Citrix möchte jetzt gern mit den Schlachthof-Initiativen ins Gespräch kommen.

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