Ausgabe 07/2014 - Schwerpunkt Alternativen

Sugru

Der Alleskönner

Schützen, befestigen, bequemer machen – dabei hilft Sugru

• Die neue Verpackungsmaschine in einem Hinterhof in dem Londoner Viertel Hackney ist noch im Testlauf, aber schon jetzt rattern 30 silberne Päckchen pro Minute auf eine elektronische Waage. Hinter einer blickdichten Scheibe verbirgt sich der Mixer, der Formerol anmischt, einen neuartigen Haftstoff, den die britische Tageszeitung »The Independent« bereits zum „Wundermittel“ kürte und das Magazin »Time« in seine Liste der „50 Best Inventions of 2010“ aufnahm. Zuletzt konnte die von Jane Ní Dhulchaointigh gegründete Firma FormFormForm, die Formerol unter dem Markennamen Sugru vertreibt, den Umsatz laut eigenen Angaben auf 1,75 Millionen Pfund im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppeln; 2014 sollen es drei Millionen Pfund werden. Die Prognose klingt glaubwürdig, denn Sugru ist ein Alleskönner: Das Silikon-Elastomer haftet unter anderem auf Plastik, Keramik, Stoff und Glas, ist wasserdicht, spülmaschinenfest und bis 180 Grad hitzebeständig. Mit Sugru lässt sich vieles flicken, das sonst in den Müll wandern würde.

„Viele kaufen Sugru aber nicht nur, um kleine praktische Probleme damit zu lösen“, sagt die irische Unternehmerin, „sondern weil es eine alternative Sicht auf die Welt vermittelt: Du musst nicht alles wegschmeißen, nur weil es eine Macke hat!“ Insofern sei ihr Alleskleber eine „Alternative zur Wegwerfkultur“. Was, wenn in Zukunft jeder in der Lage wäre, Produkte, die nicht richtig funktionieren, zu verbessern oder diese an persönliche Bedürfnisse anzupassen?

Die Suche nach dieser alternativen Produktwelt begann vor elf Jahren mit einer Sinnkrise: „Braucht die Welt wirklich einen neuen Stuhl von mir?“, fragte sich Ní Dhulchaointigh während ihres Designstudiums am Royal College of Art in London. „Wäre es nicht besser, existierende Produkte mit kleiner Macke vor dem Müll zu retten?“ Als sie auf der Suche nach einem passenden Material nirgends fündig wurde, erinnerte sie sich an ihre ersten Skulpturen aus Ton oder Gips und begann unterschiedliche Materialien wie Holzspäne und Silikon miteinander zu kombinieren. Irgendwann bekam sie eine leicht formbare Masse, die nach ein paar Stunden fast überall haftete. Der Durchbruch kam Monate später beim Abwasch. Mal wieder tropfte der Wasserhahn. Sie verklebte die undichte Stelle mit Resten der Silikonmasse. Und die hielt tatsächlich dicht: am nächsten Tag, nach einer Woche und auch noch einen Monat später. „Das Zeug hat schrecklich gerochen, aber ich wusste, dass das der Beginn von etwas Großem sein könnte.“

Ní Dhulchaointigh blieb dran, obwohl sie „keine Ahnung von Chemie oder Betriebswirtschaft“ hatte. Ihr Partner Roger Ashby stellte den Kontakt zu zwei ehemaligen Mitarbeitern aus der Chemie-Industrie und zu Geldgebern her, etwa der britischen Nesta-Organisation. Zwei Jahre und mehr als 5000 Experimente später konnte das Team 2005 endlich ein funktionsfähiges Produkt vorlegen. Sie nannten es Sugru, nach dem irischen Wort für Spiel, weil sich die Masse wie Kinderknete anfühlt und leicht formen lässt.

„Meine Vision war von Anfang an, dass irgendwann jeder Sugru in eine Schublade direkt neben Klebeband oder Sekundenkleber packt. Lange konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich das allein schaffen kann“, erzählt die heute 35-jährige Erfinderin. Daher wandte sie sich an die großen Hersteller von Haftstoffen, internationale Multis wie Henkel oder Beiersdorf. Sie führte viele Gespräche, aber zu einem Vertrag kam es nie. Mit der Finanzkrise 2008 kam das Interesse der Konzerne zum Erliegen. „Ich war am Boden zerstört“, erinnert sich Ní Dhulchaointigh. An Weihnachten gab ihr eine Freundin den Rat, klein anzufangen. Die junge Irin und ihre Partner liehen sich 100 000 Pfund und stellten 1000 Sugru-Päckchen her. Alle wussten: Das war ihre letzte Chance. Unter dem Slogan „Hack things better“ gingen sie 2009 online und waren dank ihrer Facebook-Freunde und einiger guter Kritiken in Technik-Blogs nach sechs Stunden ausverkauft.

 

Bietet mehr als nur Haftkraft: Erfinderin Ní Dhulchaointigh

Heute schon „gesugrut“?

Von Anfang an probierten die Käufer immer neue Anwendungen aus und teilten ihre Erfahrungen dann in den verschiedenen sozialen Medien. Am häufigsten wird Sugru nach Auskunft des Community-Managers Michael Over, 34, zur Reparatur gebrochener Computerkabel genutzt oder um Handys bruchsicher zu machen. „So muss man nicht diese überteuerten Schutzhüllen kaufen.“ Zur Fan-Gemeinde zählen auch viele Sportler: Skifahrer passen Stöcke ihrem Handgriff an, Schwimmer fixieren in Taucherbrillen Gläser mit Sehschärfe, um unter Wasser den Überblick zu behalten. Over selbst hat für seinen Vater, der an Alzheimer leidet, die Henkel von Tassen „gesugrut“, damit dieser besser greifen kann.

„Mit Sugru verlängern die Nutzer die Lebensdauer vieler Produkte, die sie sonst wegwerfen würden“, sagt die niederländische Designerin und Kuratorin Joanna van der Zanden, die den Kleber 2009 schon testete. „Viele Menschen achten heute mehr auf die Umwelt und suchen nach Alternativen zu unserer am Konsum orientierten Gesellschaft. Reparieren macht uns unabhängiger von einem Wirtschaftssystem, das auf schnellen Umsätzen basiert.“ Das FormFormForm-Team nutzt diesen Trend.

In ihrem „Fixer’s Manifesto“ wird die emanzipatorische Kraft der Reparatur beschworen. Geliefert wird der Zwölf-Punkte-Plan für den alternativen Umgang mit Produkten inklusive Rotstift, mit dem man diesen korrigieren und verbessern soll. An solchen Kleinigkeiten erkennt man, dass die Gründerin ihre Kunden genau kennt. Sie und ihr Mann sind vom Maker Movement beeinflusst. Diese in den USA entstandene Bewegung ist überzeugt davon, dass Technik nicht aus Fabriken kommen muss, sondern dass jeder fast alles selbst machen kann. Einschlägige Messen wie die „Maker Fairs“ im kalifornischen San Mateo oder in New York ziehen jeweils gut 100 000 Besucher an. In Berlin und Hannover gibt es bereits Ableger.

Im Umfeld solcher Messen finden sich immer viele Händler, die das Produkt ins Sortiment nehmen. In Deutschland sind es erst acht, weltweit aber schon mehr als 1500. Sogar Toys „R“ us hat FormFormForm im Visier. Vier der 30 Mitarbeiter entwickeln gerade eine kindersichere Sugru-Version. ---

brand eins 12/2013: Das kriegen wir wieder hin!

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