Ausgabe 07/2014 - Schwerpunkt Alternativen

Krabbenfischerei in der Nordsee

Der Mut der Verzweiflung

Das Boot von Kapitän Jens Tants kehrt nach ein paar Tagen auf See nach Cuxhaven zum Löschen seiner Ladung zurück

• Warum arbeite ich umsonst? Was ist meine Arbeit eigentlich wert? Und wer könnte dafür bezahlen?

Torben Hinners bringt diese Fragen mit nach Hause, als er gegen neun Uhr morgens mit seiner „Goedeke Michel“ – 18 Meter Länge, 300 PS Diesel, Fischereikennzeichen CUX 18 – Kurs auf die Cuxhavener Hafenmole nimmt. Seine Hand liegt schlaff auf dem Ruder, während er den grauweißen Rumpf seines Kutters leise tuckernd an die Kaimauer bugsiert. Unter Deck lagern 650 Kilogramm eisgekühlte Nordseegarnelen. Fünf Tiden lang haben Kapitän Hinners und sein Decksmann vor der Elbmündung gekreuzt, sie haben ihre Beute an Bord gehievt, den Beifang aussortiert und die Krabben gekocht. Am Ende, schätzt Hinners, dürfte ihm sein Fang fünf bis sechs Euro pro Kilogramm einbringen. Das ist dreimal mehr, als man ihm im Katastrophenfrühling 2011 zahlte und dennoch gerade genug, um seinen Decksmann, den Schiffdiesel und die Versicherung zu bezahlen. „Für Reparaturen, Rücklagen oder mich selbst“, sagt er, „bleibt da nichts von übrig.“

170 deutsche Krabbenfischer werfen heute vor der Nordsee- und Ostseeküste noch ihre Netze aus. Ihre Kutter mit den charakteristisch ausladenden Baumkurren, die über den Grund des Wattenmeers schrammen, gehören zum Bild der Küste wie Möwen und Heuler. Hinners und Kollegen holen bis zu 18 000 Tonnen Zehnfußkrebsfleisch pro Jahr aus dem Wasser, das ist die aus ihrer Sicht gute Nachricht.

Die weniger gute lautet: Für ihre Arbeit erhalten sie einen stark schwankenden Lohn, der von zwei niederländischen Großhändlern diktiert wird. Rund 90 Prozent der deutschen Krabbenfänge landen in den Kühlhäusern der beiden Fischereikonzerne Heiploeg und Klaas Puul, die im Gegenzug das Sortieren, Wiegen, Konservieren, Schälen und Vermarkten für die Fischer übernehmen. Welcher Anteil ihres Fangs vermarktbar ist und welcher lediglich zu Fischmehl verarbeitet wird, erfahren die Kapitäne erst Tage später per E-Mail. Auch wird ihnen erst im Nachhinein mitgeteilt, welchen Preis sie pro Kilogramm Krabbe erhalten.

Es ist eine seltsame Symbiose, die sich im Laufe der Zeit an der Küste zwischen Fischern und Großhändlern gebildet hat. Eine Blackbox mit Geldausgabeschlitz. Dennoch funktionierte dieses absurde Konstrukt aus Sicht der Fischer lange reibungslos. „Es war bequem für uns“, sagt Hinners, „wir haben uns sehenden Auges in die gleiche Sackgasse wie die Milchbauern manövriert, wo es heute auch nur noch einige wenige Großmolkereien gibt, die die Preise diktieren.“

Dabei hatte er eigentlich nie vorgehabt, je am Ruder eines Kutters zu stehen. Nachdem sein Vater und sein Großvater Krabbenfischer gewesen waren, hatte er Nautik gelernt und als Offizier auf großer Fahrt die Welt umrundet. „Von Seefahrerromantik ist da aber nichts mehr übrig“, sagt der 38-Jährige. Als Mann auf der Brücke sei man heute nur noch das ausführende Organ der Reeder und Chartergesellschaften, die Geschwindigkeit, Kurs und Liegezeiten diktierten. Als sein Vater ihm eines Tages erzählte, daheim in Cuxhaven stehe ein Krabbenkutter zur Zwangsversteigerung, griff Hinners zu. „Ich wollte wieder mein eigener Herr sein“, sagt er, „tatsächlich aber habe ich nur die eine Abhängigkeit gegen eine andere eingetauscht.“

Wie ungesund diese Abhängigkeit ist, wird auch dem letzten Krabbenfischer im desaströsen Frühjahr 2011 klar. In diesen Monaten sind nach einer außergewöhnlich ertragreichen Herbstsaison die Kühllager der Händler immer noch prall gefüllt. Den Fischern bieten die Großabnehmer daher nur noch 1,30 Euro pro Kilo – weniger als die Hälfte dessen, was ein Kutterkapitän zur Deckung seiner Kosten braucht.

Erbost treten Hinners und Kollegen in den Streik. Erstmals in der Geschichte der Nordsee-Krabbenfischerei lassen in diesen Wochen mehrere Hundert deutsche, niederländische und dänische Fischer ihre Kutter in den Häfen liegen. Knapp zwei Jahre und zahllose Diskussionsrunden später kommen 96 von ihnen in der Nähe Oldenburgs zusammen und gründen die Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer GmbH. Die Gemeinschaft mit Sitz in Cuxhaven akzeptiert ausschließlich Fischer als Gesellschafter, jeder muss 1000 Euro Kapital einbringen und seine Krabben für mindestens fünf Jahre ausschließlich an die Gemeinschaft liefern. Es ist nicht der erste, aber der bei Weitem größte und ehrgeizigste Zusammenschluss deutscher Krabbenfischer. Ihr Ziel: die Verarbeitung und Vermarktung ihrer verderblichen Ware wieder in eigene Hände zu bekommen.

Keine Viertelstunde, nachdem Torben Hinners in Cuxhaven angelegt und Dutzende weißer Plastikkisten aus dem Bauch des Schiffs gehievt hat, rattert sein Fang bereits über die Sortieranlage der Erzeugergemeinschaft. Aus einer Schütte rieselt pulverisierter Konservierungsstoff auf die orangeroten Krebse, bevor sie mit einem Sieb sortiert werden. Die größten Krabben mit einer Panzerbreite von bis zu 8,5 Millimetern, erklärt Hinners, sind den Fischhändlern und Restaurants vorbehalten. Der mittelgroße Rest landet in vakuumverschweißten 100-Gramm-Packungen in Supermärkten, Mindesthaltbarkeit drei Wochen. Und Krabben mit einer Panzerbreite von weniger als 6,8 Millimetern werden gleich ganz aussortiert. „Künftiges Fischmehl“, sagt Hinners.

Drei eigene Siebstellen betreibt die Erzeugergemeinschaft mittlerweile in Büsum, Cuxhaven und Neuharlingersiel, was für Fischer wie Hinners ein Fortschritt ist. Denn erst beim Sortieren zeigt sich, welcher Anteil ihres Fangs groß genug ist, um regulär verkauft zu werden, und welcher Teil als billiges Trockenfutter entsorgt wird. Glaubt man den Genossenschaftern, nehmen es die Großhändler nicht immer ganz so genau. In den eigenen Siebstellen jedenfalls brächten manche Fischer plötzlich bis zu 20 Prozent mehr vermarktbare Krabben auf die Waage als früher bei den Duopolisten. Die Blackbox hellt sich ein Stück weit auf.

Fünf weitere Fischer haben sich der Erzeugergemeinschaft in den vergangenen Monaten angeschlossen. Zusammen kontrollieren sie jetzt mehr als die Hälfte der deutschen Krabbenernte. Es klingt nach einem Erfolg, jedenfalls im ersten Moment.

„Es ist ein Anfang“, sagt Hinners. „Wir müssen sehen, ob und wie wir weiterkommen.“ Von dem Ziel, Markt und Preise selbst zu bestimmen, sind sie am Ende ihres ersten Jahres noch weit entfernt. Zu erklären ist dies unter anderem mit den Gesetzen des Marktes, den Vorlieben der Verbraucher und der Natur der Krabbenfischer. Zuallererst aber liegt es an der Krabbe selbst.

Ein unberechenbares Tierchen

Crangon crangon, auch Nordseekrabbe, Granat, Porre oder Sandgarnele genannt, ist ein Zehnfußkrebs, der vom Weißen Meer bis nach Marokko in Schlick und Sand lebt. Von weiblichen Tieren weiß man, dass sie bis zu 9,5 Zentimetern lang werden, die Männchen bleiben kleiner, beide leben meist nur ein Jahr. Manche Forscher glauben, dass die Krabbe im Laufe ihres kurzen Lebens das Geschlecht wechseln kann, aber das ist nur eine Vermutung. Das wichtigste Beutetier der deutschen Hochseefischer ist eine erstaunlich rätselhafte Kreatur. „Als einjähriger Organismus ist die Nordseegarnele nur sehr schwer zu untersuchen“, sagt Thomas Neudecker, Fischereibiologe am Thünen-Institut für Seefischerei in Hamburg. Neudecker hat seine Karriere als Karpfenzüchter begonnen und über Austern promoviert, bis er die Krabbe als sein Forschungsfeld entdeckte. „Wir können zum Beispiel nur vermuten, wie die von Jahr zu Jahr schwankenden Bestände zustande kommen“, sagt er.

Eine Ursache könnten klimatische Veränderungen sein. Eine andere der Wittling, eine Dorschart, die sich von Garnelen ernährt. Unterm Strich aber seien die Garnelenvorkommen robust. „Die Krabbe ist so etwas wie das Unkraut der Nordsee. Solange im Wattenmeer kein Tanker umkippt, kann ihren Beständen eigentlich nichts passieren.“ Anders als bei vielen Speisefischen dürfen Fischer daher so viele Krebse aus dem Meer ziehen, wie ihre Netze aufnehmen. Dummerweise finden sich die größten Bestände in den seichten Gewässern der südlichen Nordsee und damit im Nationalpark Wattenmeer, wo Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace die Krabbenfischerei am liebsten ganz verbieten würden.

Aber auch hier, fährt Neudecker fort, schwankten die Vor-kommen nicht nur von Jahr zu Jahr, sondern noch viel stärker im Verlauf weniger Monate. In den Wintermonaten beispielsweise, wenn sich die großen Tiere vor der Kälte in tiefere Gewässer zurückziehen, lohnt sich die Fischerei kaum. Im Frühjahr, während die jungen Krabben nachwachsen, verfangen sich in den Schleppnetzen fast nur die wenigen Altkrabben des Vorjahres. „Richtig interessant wird es erst im Spätsommer, wenn die Jungkrabben ausgereift sind“, sagt Neudecker, „teilweise fahren die Fischer hier binnen drei Monaten zwei Drittel ihrer Jahresernte ein.“

Anders gesagt: Auf die Krabbe ist kein Verlass. Mal verfangen sie sich die Tiere en masse in den Netzen. Dann wieder scheinen sie über Monate wie vom Meeresboden verschluckt.

Die Fischer stehen sich selbst im Weg

Ihre Käufer aber, und das ist das Problem, dulden keine Unstetigkeit. Supermarktkunden und Restaurantköche erwarten ein Produkt, das über das ganze Jahr hinweg in gleichbleibender Qualität und zum selben Preis vorhanden ist. „Und am besten soll es auch noch mindestens drei Wochen haltbar sein“, sagt Philipp Oberdörffer mit einem trockenen Lächeln. Der Geschäftsführer der Krabbenfischer-Erzeugergemeinschaft hat sein Büro gleich vis à vis der Cuxhavener Hafenmole. Durch das Fenster kann der Fischereibiologe zusehen, wie sich im Herbst die Kutter drängeln. Jetzt aber, im Frühjahr, herrscht am Kai gähnende Leere. Auf seinem Monitor kann Oberdörffer gleichzeitig ablesen, wie die Preise für Krabben binnen weniger Monate von 13 Euro auf 1,50 Euro pro Kilogramm absacken. „Es ist, mit geringen Abweichungen, immer derselbe Schweinezyklus.“

Und der funktioniert so: Am einen Ende des Marktes warten die Einkäufer und Kunden des Handels. Am anderen steht ein verderbliches Produkt. Dazwischen stehen die Fischer. Sie sind der Puffer, der die Schräglagen des Marktes mit Unsicherheit und extremen Preisschwankungen bezahlt.

Oberdörffers Job ist es, das zu ändern. „Es muss uns gelingen, den Markt zu beruhigen und die irren Preisausschläge zu vermeiden.“ Nur wie? Entweder müsste die Gemeinschaft aus eigener Kraft die Nachfrage steigern und die Krabben selbst an die Kunden bringen. Oder sie müsste ihre Fangmengen irgendwie dem Appetit der Verbraucher anpassen. Beides ist wesentlich komplizierter, als es sich zunächst anhört.

Eine Lösung wäre das Einfrieren überschüssiger Krabben in Zeiten geringer Nachfrage und großen Angebots. Eine Kühlkammer wäre ein zusätzlicher Puffer, den die Fischer zwischen sich und den Markt schieben würden. Doch das sei extrem kostspielig und hochriskant, sagt Oberdörffer. „Selbst wenn wir das Geld für eigene Kühlhäuser hätten, hätte das nur Sinn, wenn wir unsere Vorräte in absehbarer Zeit zu besseren Preisen verkaufen könnten. Was aber, wenn der Preis im Keller bleibt? Dann sitzen wir auf Tonnen von Kapital, das von Tag zu Tag an Wert verliert.“

Was bleibt, wäre eine weitere, weitaus sicherere und zudem kostenfreie Alternative. Um sie zu begutachten, muss man von Oberdörffers Büro hinunter an den Kai und aufs Deck von Torben Hinners’ Kutter klettern. Mit ihm geht es durch die Hafenschleuse hinaus an die Elbmündung und ins Wattenmeer, das sich wie eine große graue Pfütze zwischen Küste und Inseln dehnt. „Irgendwo da unten“, sagt Hinners dann, während er den Motor drosselt und mit seinem Daumen Richtung Meeresgrund deutet, „da sind die Krabben. Vermehren sich ganz von selbst. Leben frisch und putzmunter, bis wir sie rausfischen. Ein besseres und billigeres Lager kann man sich gar nicht vorstellen. Wir müssten uns nur darauf einigen, es zu nutzen.“

Der Gedanke: Wann immer es auf dem Markt keinen auskömmlichen Preis gibt, müssten er und seine Kollegen ihre Beute einfach so lange in der Nordsee lassen, bis sich die Lage gebessert hat. „Niemand hat ja was von einem großen Fang, für den er an Land nur einen lächerlichen Preis bekommt“, sagt Hinners. Es wäre eigentlich ganz einfach, theoretisch.

Praktisch aber müssten die Fischer für ein solches Fangmoratorium nicht nur alle deutschen, sondern auch ihre dänischen und niederländischen Konkurrenten ins Boot holen. Kurz: Sie müssten die Kapitäne bewegen, ihre Natur zu verleugnen.

„Fischer sind Jäger“, winkt der Geschäftsführer Oberdörffer ab, „die sind nicht dazu geboren, die Krabbe schwimmen zu lassen. Jeder fürchtet, dass ein anderer ihm den Fang vor der Nase wegschnappt, wenn er sich ihn nicht selbst holt. Das ist die Tragödie der Allgemeingüter: Wer sie schont, ist letztlich der Dumme.“

So holen die Fischer Jahr für Jahr aus dem Wattenmeer, was herauszuholen ist. Fast jeder von ihnen drückt beim Auslaufen den Aus-Knopf des Ortungssystems, womit sich Position und Geschwindigkeit eines Schiffes nachverfolgen lassen, um in nebliger See Kollisionen zu vermeiden. Für einen Fischer auf dem Weg zu seinen Fanggründen aber bedeutet es eine Gefahr. Denn ein Kutter, der für jeden sichtbar längere Zeit langsam an derselben Stelle kreuzt, ist ein untrügliches Indiz für ertragreiche Fanggründe. Und seine Beute teilt kein Krabbenfischer gern, selbst mit seinen Kollegen aus der Erzeugergemeinschaft nicht.

Wenige Tiden später stapeln sich in den Siebstellen der Gemeinschaft wieder die Kisten voller Krabben. Mehr als sieben Millionen Kilogramm haben ihre Gesellschafter im vergangenen Jahr gefangen und abgeliefert. Das ist, oberflächlich gesehen, ein Erfolgsbeweis. Für die Gemeinschaft aber ist es ein Problem. Denn derartige Mengen können binnen kurzer Zeit nur die beiden niederländischen Großhändler schlucken. Die beherrschen auch eine weitere Herausforderung, vor der die Genossenschaft bislang ziemlich ratlos steht: das Problem Panzer.

Der chitinhaltige Panzer von Crangon crangon ist nicht einmal einen Millimeter dick und doch das größte Problem der Fischer. Früher, als sie die Krabben noch fangfrisch in Küchen und Wohnzimmern rund um die Häfen entschälten, konnten sie ihre Ware noch selbst vermarkten. Heute aber sind die Löhne und hygienischen Auflagen so hoch, dass sich die Heimpulerei nicht mehr lohnt. Ein kleiner Teil der Fänge kommt stattdessen in Krabbenpulmaschinen. „Krabbenfleisch aus der Maschine ist schmackhaft, aber mindestens 20 Prozent teurer als die übliche Supermarktware“, sagt Oberdörffer. „Das ist kaum ein Kunde zu zahlen bereit.“ Ein mechanisches Schälzentrum, das die kleine Butjadinger Krabbenfischer-Genossenschaft eine Zeit lang in Cuxhaven betrieb, musste bereits nach wenigen Monaten seine Pulmaschinen wieder abstellen.

Und weil das so ist, treten die meisten Krabben nach ihrer Anlandung in deutschen Häfen noch eine weitere Reise an. Von den Kühlhäusern der Großhändler geht es per Lkw nach Polen, Weißrussland oder Marokko, wo sie in klimatisierten Hallen per Hand gepult werden – häufig wird dabei nicht einmal der landesübliche Mindestlohn bezahlt, wie das ZDF-Magazin »Zoom« recherchierte.

Möglich ist der große Krabben-Treck überhaupt nur, weil die verderblichen Produkte davor kräftig mit Benzoesäure berieselt werden. Nach »Zoom«-Recherchen enthält handelsübliche Supermarktware teilweise derart hohe Dosen des Konservierungsstoffes, dass eine einzige 100-Gramm-Packung ausreichen würde, um eine Ratte umzubringen. Dennoch ist die Praxis legal. Solange Schälmaschinen ineffektiv und Kunden nicht bereit sind, selbst zu pulen, gibt es zum großen Krabben-Treck keine Alternative. Auch für die Cuxhavener Erzeugergenossenschaft nicht.

Philipp Oberdörffer ist daher auch klar, dass er seine Aufgabe auf absehbare Zeit nicht wird erfüllen können. Ohne eigene Schälkapazitäten kann er die Krabben nicht selbst vermarkten. Ohne Direktvermarktung wiederum gibt es kein Mittel, den Krabbenmarkt zu beeinflussen. Am „Flaschenhals Entschälung“ habe er bislang keinen Weg vorbei gefunden, räumt er ein.

Schätzungsweise 95 Prozent der deutschen Krabben gehen heute auf Reise in Billiglohnländer. Selbst die meisten jener Nordseegarnelen, die nahe der Hafenmole in den Cuxhavener Bistros auf die Teller kommen, haben einen Abstecher nach Polen, Russland oder Marokko hinter sich. Und auch die Erzeugergemeinschaft liefert den größten Teil ihrer Fänge nach wie vor an dieselben Platzhirsche, von denen sie sich eigentlich emanzipieren will. Denn niemand außer den beiden Großen verfügt über die Kraft, derartige Volumina zu verarbeiten. Kein anderer vermag binnen weniger Wochen mehrere Millionen Kilo Krabben aufzusaugen und pfannenfertig wieder auf den Markt zu spucken. „Strukturen, die mehr als 40 Jahre gewachsen sind, ändert niemand von heute auf morgen“, sagt Philipp Oberdörffer. Aber sie haben einen Anfang gemacht. ---

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