Ausgabe 07/2014 - Schwerpunkt Alternativen

Ernährungsmythen

Gut und böse

• Viele Menschen sind auf der Suche nach einer „gesunden Alternative“ zu ihren Essensgewohnheiten – denn wenn sie den eigenen Kosum mit der omnipräsenten Berichterstattung zu gesunder Ernährung abgleichen, bleibt nur ein Fazit: „Du isst ungesund – ändere etwas, sonst wirst du fett, krank und stirbst früher!“

Wer dieser Warnung folgt, steht prompt einer Phalanx diverser Ernährungsideologien gegenüber, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie versprechen Gesundheit, entbehren jedoch jeden wissenschaftlichen Beweises. Denn Ernährungsforschung kann keine Kausalitäten, also Ursache-Wirkungs-Beziehungen, liefern, sondern nur Korrelationen, also statistische Zusammenhänge. Und weil die ausschließlich Hypothesen erlauben, sind all die Weisheiten und guten Ratschläge zum Thema – gut gemeint. Was bleibt, wenn man sie auf die wissenschaftliche Substanz reduziert? Ein Überblick.

„Esst mehr Obst und Gemüse!“

Der „heilige Gral“ gesunder Ernährung ist voll mit Gurken, Tomaten, Äpfeln und Orangen. Die These lautet: Je mehr Pflanzenkost, desto gesünder. Am besten, wer kennt die gleichnamige Kampagne nicht, sollte man fünfmal am Tag Obst und Gemüse essen. Jedoch gibt es weder einen Beweis, dass der Genuss von viel Rot-, Gelb- oder Grünzeug gesund ist, noch existiert ein Nachweis, dass fünf Gemüseportionen am Tag die Gesundheit der Bürger fördern. Fragt man bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) oder dem für die Fünfer-Kampagne verantwortlichen Büro nach einem Nutzennachweis, so herrscht: Schweigen im Walde.

Richtig absurd wird diese Ernährungsempfehlung, wenn man tiefer in die Historie einsteigt: „5 am Tag“ wurde in Deutschland vor etwa 14 Jahren initiiert, um Krebs vorzubeugen. Damals war man der Meinung, viel Obst und Gemüse schütze vor Tumoren. Diese These basierte wie stets auf Beobachtungsstudien (siehe am Textende „Grundlage der Forschung“), es war also nicht mehr als eine vage Vermutung. Und heute steht die Wissenschaft noch blanker da, denn eine der größten, wichtigsten und aktuellsten Ernährungsstudien, EPIC, konnte noch nicht einmal statistisch signifikante Korrelationen zwischen Obst- und Gemüsekonsum und Krebsentstehung aufzeigen. Dazu konstatierte Professor Rudolf Kaaks vom Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ in der »Süddeutschen Zeitung«: „Keinerlei Beziehung, null Komma null.“

Auch für alle weiteren propagierten Gesundheitseffekte der Pflanzenkost gilt: Außer Hypothesen nichts gewesen. Doch obwohl für die generelle Gesundheitskraft von Obst und Gemüse keinerlei Beweise vorliegen, wird der fünfmalige Verzehr weiterhin propagiert. Dabei hat die DGE inzwischen klargestellt: Man kann nicht sagen, Obst und Gemüse schützten vor Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Verantwortlich seien eher „unspezifische Effekte“. Diese Effekte sind jedoch unbekannt – wie so vieles in der Ernährungsforschung. Daher ist nun der Moment gekommen, das ökotrophologische Universalcredo zu offenbaren: Nichts Genaues weiß man nicht.

Fazit: Wer viel Obst und Gemüse isst, um damit seine Gesundheit zu fördern, der ist einem der Klassiker moderner Ernährungsmärchen aufgesessen. Und nicht nur das: Der staatliche Appell könnte gar für kollektive Verdauungsprobleme sorgen. Die klinischen Fälle zahlreicher Magen-Darm-Erkrankungen sind laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes seit 2000, dem Beginn der Kampagne 5 am Tag, bis 2011 um etwa 80 Prozent angestiegen. Konkret hat sich seit Kampagnenstart auch die Fallzahl bei Symptomatiken mit Verstopfung und Durchfall verdoppelt, beim Symptombild Aufstoßen, Blähbauch und Blähungen sind die klinischen Diagnosen sogar um mehr als 150 Prozent angestiegen. Eine Ursache könnte sein, dass bei Ernährungssensiblen die vielen Ballaststoffe, der Fruchtzucker und andere schwer verdauliche Bestandteile für Rumor im Darm sorgen. Könnte, wohlgemerkt, denn auch hier gilt: „Nichts Genaues …“

„Reduziert den Fleischverzehr!“

Fleisch ist böse – und wer Fleisch isst, auch. So denken zumindest viele, die Tiere lieben und Steak, Wurst und Schnitzel für ungesund halten. Dabei haben sie besonders die roten Sorten auf dem Kieker. Am Rande erwähnt: Eine wissenschaftlich exakte und international einheitliche Definition von rotem und weißem Fleisch existiert nicht. Ob Straußenfleisch beispielsweise zu weißem (Geflügel) oder rotem (Farbe) Fleisch gezählt wird, obliegt dem Gusto der Forscher. Ein Schnitzel ist zwar eher weiß als rot, gehört aber meist zu Rotfleisch. Bei einer Weißwurst sehen die Wissenschaftler ebenfalls Rot, das muss man erst einmal verarbeiten. Wo fängt die Fleischverarbeitung an, wo hört sie auf? Auch das entscheidet die Willkür der Wissenschaftler.

Aber zurück zum Thema, am besten kurz gefasst: So wie beim Obst und Gemüse kein Beweis existiert, dass es der Gesundheit nützt, so liegt auch für den Fleischkonsum kein wissenschaftlicher Beleg vor, dass er schadet. Wenn überhaupt, so haben die Studien auch hier nur Korrelationen ergeben, beispielsweise: 50 Gramm Wurst am Tag „erhöhen“ das Diabetesrisiko um fast 50 Prozent.

Wie aber soll die Wurst zuckerkrank machen? Es könnten Begleitstoffe schuld sein, eventuell gibt es auch andere potenzielle Ursachen, die jedoch noch weiter erforscht werden müssen. Das ist übrigens der Lieblingssatz, mit dem alle Ernährungsstudien enden: „Da noch andere, unbekannte Gründe für die entdeckten Zusammenhänge verantwortlich sein können, sind weitere Forschungen nötig.“ Weitere Forschungen, immer weiter. So machen die Studienleiter stets gebetsmühlenartig darauf aufmerksam, dass ohne weitere Forschungsgelder alles Ernährungswissen vage bleibt (unter uns: Das wird es auch bleiben).

Ein weiteres ungeschriebenes Gesetz der Ernährungsforschung lautet: „Zu jeder Studie gibt es eine Gegenstudie.“ Das gilt natürlich auch für das böse Fleisch. So hat Anfang 2014 die Universität Graz herausgefunden, dass Fleischesser weniger Krankheiten haben als Vegetarier. Und eine Meta-Analyse der Universität Cambridge ergab kurz danach: Tierische Fette haben keinen Einfluss auf Herzkrankheiten. Damit bestätigten die Forscher eine vorherige Auswertung von 57 Studien: kein Zusammenhang (Korrelation) zwischen Fleischverzehr und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erkennbar. Und die oben bereits erwähnte EPIC-Studie zeigte: Nicht die Fleischverächter leben am längsten, sondern die moderaten Fleischesser.

Dazu passt ein Blick auf den Fleischverzehr in Europa: In Ländern mit der gern als gesund gepriesenen mediterranen Ernährung wird weit mehr Fleisch gegessen als in Deutschland. Sowohl Italiener als auch Spanier verzehren mehr Fleisch als wir Deutsche – und alle leben länger als wir; Spanier haben gar die höchste Lebenserwartung in ganz Europa.

Fazit: Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage, dass weniger Fleischverzehr mehr Gesundheit bringt. Ein längeres Leben haben die fleischfreien Esser auch nicht.

„Werdet Vegetarier oder Veganer!“

Jetzt wird’s spannend und ideologiegeladen. Derzeit kommt man kaum noch an einem Medium vorbei, das nicht die Vorzüge vegetarischer Ernährung preist: Fleischverzicht ist gesund, macht schlank und sexy, schont die Umwelt und vieles mehr. Auch wenn es langsam langweilig wird – es muss gesagt werden, denn es ist, wie es ist: Beweise für die gesundheitsfördernden Effekte einer vegetarischen Ernährung sucht man vergeblich. Auch hier werden Ergebnisse von Beobachtungsstudien aufgebläht, verdreht und uminterpretiert. Ein Beispiel: Die EPIC-Studie, die gezeigt hat, dass moderate Fleischesser am längsten leben, hat auch ergeben, dass Menschen, die am meisten verarbeitetes Fleisch verzehren, ein leicht erhöhtes Sterberisiko haben. Natürlich ist weder beim ersten noch beim letztgenannten Zusammenhang eine Ursache-Wirkungs-Beziehung möglich, also: Ob die Wurst schuld am frühen Tod war oder andere Gründe, das weiß niemand.

Das sieht der Vegetarierbund naturgemäß anders. In dessen Analyse sieht die fleischlose Wahrheit so aus: „Es konnte gezeigt werden, dass sich die Gesamtmortalität durch den Konsum von rotem Fleisch leicht und durch verarbeitetes Fleisch stärker erhöhte.“ Kurz zuvor haben die Lobbyisten die Studie der Medizinischen Universität Graz öffentlich angegriffen, die gezeigt hat, dass Vegetarier mehr Krankheiten haben als Fleischesser. Dabei betonen die Grazer Forscher klar und deutlich, dass keine Ursache-Wirkungs-Beziehung vorliegt, sondern nur Korrelationen – für die sie keine Erklärungen haben. Genau das Gleiche gilt auch für psychische Störungen wie Depressionen oder Angststörungen, an denen Vegetarier häufiger leiden als Fleischesser (Studien der Universitäten Hildesheim und Graz).

Ob seelisch Erkrankte eher zu Vegetariern werden oder ob der Fleischverzicht das Nervenkostüm flattern lässt – nichts Genaues weiß man nicht.

Für das halbe Prozent deutscher Veganer reichen wenige Sätze zur Einordnung der „Gesundheitskraft rein pflanzlicher Kost“: Wer nicht höllisch aufpasst, der isst sich in einen Mangelzustand – Defizite an Eiweiß, Eisen, Jod, Zink, Kalzium, essenziellen Fettsäuren und B-Vitaminen sind möglich und entsprechende Krankheiten die Folge. Wer keine B12-Vitaminpillen schluckt, dem drohen unheilbare Nervenschäden. Zahlreiche Fachorganisationen warnen davor, Kleinkinder, Säuglinge, Schwangere, Senioren und kranke Menschen vegan zu ernähren. Für die männlichen brandeins-Leser noch der folgende Hinweis: Studiengemäß haben Veganer die höchsten Harnsäurespiegel – und je mehr davon im Blut fließt, desto höher ist das Risiko einer Erektilen Dysfunktion (ED, Erektionsstörung).

Fazit: Vegetarische und vegane Ernährung sind Moden, die mehr der Profilierung der Persönlichkeit als der Gesundheit dienen. Wer aber aus dem ethischen Motiv „Ich will nicht, dass für mich ein Tier stirbt“ auf Fleisch verzichtet, hat einen guten Grund.

„Verwendet weniger Salz und Zucker!“

Aufmerksame Leser kennen den nun folgenden Text bereits: Es gibt weder Beweise, dass Zucker krank, schlank, dick, dünn oder gar süchtig „wie Kokain“ macht (bei Letzterem muss man wirklich hinterfragen, ob diejenigen, die das behauptet haben, noch ganz klar im Kopf waren) – noch gibt es wissenschaftliche Belege, dass Salz für Bluthochdruck oder sonstige Krankheiten verantwortlich ist oder diese beschleunigt.

Fazit: Auf Zucker zu verzichten, das könnte Ihnen Ihr Hirn übel nehmen – denn Glukose ist der einzige Treibstoff des Oberstübchens im Normalbetrieb. Eine Salzreduktion könnte negative Folgen haben, denn Salz ist unverzichtbar, überlebenswichtig und für unseren Körper essenziell (er kann es nicht selbst bilden).

Gesunde Ernährung? „Fragen“ Sie Ihren Körper!

Wo also liegt die „gesunde Alternative“ zur vermeintlich schlechten Ernährung? Wo soll man suchen, wenn nicht in der Wissenschaft? Nichts leichter als das, antwortete der gesunde Menschenverstand: Vertrauen Sie Ihrem Körper. Nur der weiß, welches Essen für Sie gesund ist, sonst niemand. Die Alternative zum Essen nach Regeln und pseudowissenschaftlichen Erkenntnissen lautet: Essen Sie nur dann, wenn Sie echten Hunger haben, und zwar nur das, worauf Sie Lust verspüren, was Ihnen schmeckt und gut bekommt.

Schöner Nebeneffekt: Sie können sicher sein, dass Ihnen Ihr Körper keine falschen Studienergebnisse unterjubelt, Ihnen etwas verkaufen oder Sie für dumm verkaufen will. In diesem Sinne: Schluss mit dem Tellerterror und guten Appetit! ---

Uwe Knop, 42,
ist Diplom-Ökotrophologe und Autor der Bücher „Hunger & Lust“ oder „Esst doch, was ihr wollt“ – Literatur für „mündige Essbürger“.

Die Grundlage der Forschung
Beobachtungsstudien sind das Fundament aller Ernährungserkenntnisse, -regeln und -pyramiden. Diese Studienform gehört zu den epidemiologischen Untersuchungen: Menschengruppen (Kohorten) werden nach ihrem Essverhalten, Lebensstil und Krankheitsverlauf befragt – und dann zu gewissen Zeitpunkten „beobachtet“, also analysiert. Die Befragungen finden einmalig oder periodisch statt. Ein stark vereinfachtes Beispiel: 100.000 Menschen werden nach ihrem Essverhalten befragt. Problem: Ob die Eigenangaben der Probanden wahr sind, ist nicht nachprüfbar, also ist die Datengrundlage nicht valide. Nun wird nach zehn Jahren beobachtet, dass die Probanden mit dem höchsten Bananenverzehr am längsten leben. Und wenn dann Korrelationen zu Kausalitäten umgedeutet werden, lautet die nächste Schlagzeile: „Bananen verlängern das Leben.“ Heutzutage sind die Ernährungskommunikateure vorsichtiger, denn ihnen wird öffentlich auf die Finger geschaut (z. B. durch den „Ernährungsunsinn des Monats“ [EU.L.E e.v] oder die „Unstatistik des Monats“ [rwi]). Was letztlich für das längere Leben der Bananen-Vielverzehrer verantwortlich ist, weiß niemand. Die Statistiker bereinigen Korrelationen zwar rechnerisch um gewisse Einflussfaktoren, aber es bleibt nicht mehr als eine schöngerechnete Korrelation. Und dieses Ergebnis unterliegt noch immer dem Einfluss zahlreicher Störfaktoren, die für das Ergebnis verantwortlich sein können (z. B. soziale und sexuelle Zufriedenheit, Stress-Level, Lebenseinstellung, pekuniäre Sicherheit, Schadstoffexposition, Ärger mit der Frau /dem Mann /den Kindern /auf der Arbeit, Drogen). Für Professor Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums, das für die Bewertung wissenschaftlicher Studien zuständig ist, sind die Ernährungswissenschaften aufgrund der Abhängigkeit von Beobachtungsstudien in einer „bemitleidenswerten Lage“.

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