Ausgabe 07/2014 - Mikroökonomie

Mikroökonomie

Ein Hirte in Südtirol

Eigentlich heißt er Johann Außerhofer, aber jeder kennt ihn als „Flodige Hons“, weil er seit 18 Jahren auf der Flodige-Alm oberhalb von Toblach das Vieh von 20 Bauern hütet. Dort lebt der 82-Jährige während der Sommermonate auf knapp 2200 Metern Höhe ohne fließend Wasser und Strom. Den Rest des Jahres lebt der Witwer in Sexten, dem Dorf der Drei Zinnen, Südtirols Wahrzeichen. Der frühere Metzger arbeitet heute lieber mit lebendigen als mit toten Tieren. Trotzdem soll dies sein letzter Sommer auf der Alm sein.

Verdienst, Grundkosten, Altersvorsorge

Johann Außerhofer ist seit 24 Jahren Rentner und ebenso lange Hirte. Er erhält pro Tag 68 Euro und arbeitet 100 Tage am Stück. Zu Beginn des Sommers kauft er für 300 Euro Grundnahrungsmittel und Getränke ein. Frisches Brot bringen ihm Besucher aus dem Tal mit. Sein Haus im Dorf ist abbezahlt, die Wohnung im Obergeschoss vermietet er für 400 Euro im Monat. Er zahlt monatlich rund 25 Euro für Strom und Wasser. Außerhofer ist über den Alpenverein Südtirol versichert und bezahlt dafür jährlich 35 Euro. Alle zwei Monate wird seine Rente in Höhe von 800 Euro überwiesen. Rund 1000 Euro seines Hirtenlohnes wird ihm in Form von Steuern abgezogen.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?

Sie hält mich fit, körperlich und mental. Als Rentner könnte ich faul in der Sonne liegen. Stattdessen laufe ich den Berg rauf und runter, um nach meinen Kühen zu sehen. Tiere zu hüten empfinde ich nicht als Arbeit. Es ist eine Lebensform. Auf der Alm fühle ich mich wohl, hier bin ich weit weg vom Krawall. Das Radio habe ich für die Kühe mitgebracht, sie lieben Musik.

Was ist das Wichtigste im Leben?

Wahrscheinlich meine zwei Hündinnen Alma und Zilly. Sie sind meine Freundinnen, ich rede mit ihnen, wie ich mit einem Menschen rede. Sie verstehen jedes Wort: Wenn ich sie bitte, nach den Kühen zu sehen, tun sie mir den Gefallen.

Was möchten Sie ändern?

Ich bin schon zu alt, um noch viel zu ändern. Bis zu meinem 60. Lebensjahr war ich fast jeden Tag betrunken. Einmal legte mein Hund die Pfoten vor seine Augen, als ob er sich für mich schämen würde. Da dachte ich, wenn es dem Hund schon so geht, wie muss sich dann wohl meine Familie fühlen? Seither habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt.

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Besonderes gönnen wollen?

Besonders ist für mich, die Sommermonate in der Höhe zu verbringen. Ab und zu esse ich abends ein Stück Schokolade.

Was sind Ihre größten Probleme, und wie gehen Sie damit um?

Die Wasserknappheit macht mir zu schaffen. Wenn es länger nicht regnet, sind die Reserven verbraucht, und die Tiere werden unruhig. Auf dieser Höhe schneit es im Sommer manchmal. Bleibt der Schnee länger als zwei Tage liegen, finden die Rinder nichts mehr zu fressen. Ich muss sie dann schnell nach unten treiben.

Was macht einen guten Hirten aus?

Hirte ist kein Beruf, den man erlernen kann. Es ist eine Gabe. Ein guter Hirte ist geduldig und mit sich selbst zufrieden. Er muss eine Verbindung zu den Tieren aufbauen und ihr Vertrauen gewinnen. Ich erkenne sie am Klang ihrer Glocken.

Sind Sie nicht manchmal einsam?

Ich wüsste nicht, warum. Welcher 82-Jährige lebt schon unter 100 Jungfrauen? So gut wie mir geht es nicht vielen. ---

Italien
Einwohner: 61 Millionen
Währung: Euro (1 Euro = 100 Cent)
BIP pro Kopf: 26 140 Euro
Human Development Index: Platz 25 (Deutschland: 5 von 187 Ländern)

Aktuelle Durchschnittskosten
1 Kilo Zucker: 0,99 Euro
1 Pizza Margherita: 5,50 Euro
1 Aperol Spritz: 2,80 Euro
1 Liter Benzin: 1,78 Euro
1 Dose Schnupftabak: 1,20 Euro

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