Ausgabe 07/2014 - Editorial

Es geht auch besser

Gabriele Fischer

• Daniel Häni, Mitinitiator der Schweizer Volksinitiative zum Grundeinkommen, kam mit achtköpfiger Verstärkung. Wir waren zum Frühstück verabredet, weil er gerade in Hamburg war, um mit einer Gruppe deutscher Aktivisten den Volksentscheid in Deutschland nach vorn zu bringen – und er konnte kaum fassen, dass ich kein glühender Verfechter der Idee bin. Das Aufgebot blieb nicht ohne Wirkung: Am Ende verabredeten wir ein Interview (S. 106).

Nicht, dass sich meine Bedenken bei der angeregten Frühstücksdiskussion in Luft aufgelöst hätten, aber die Position der jungen Leute verdient Aufmerksamkeit: Sie wollen sich nicht damit abfinden, wie ihre Eltern alle vier Jahre zur Wahl zu gehen und sich sonst über Politik zu ärgern. Und sie suchen eine Alternative zu einer Demokratie, die viele nicht mehr erreicht.

Ob der Volksentscheid eine Lösung ist? Ist erst einmal gar nicht die Frage. Entscheidend ist, sich nicht abzufinden, nach anderen Wegen zu suchen – auch wenn nicht sicher ist, wohin sie führen. Denn was wäre die Alternative?

Den Bürgern im Rheintal bliebe wohl nur, die Heimat zu verlassen – einen der schönsten Flecken im Land, durch den im Fünfminutentakt Güterwaggons rattern. Der Widerstand der Anwohner geht ins 20. Jahr, aber Aufgeben ist keine Option (S. 36). Vermutlich müssen sich auch die Krabbenfischer auf die Langstrecke einrichten. Mit einer Genossenschaft stemmen sie sich gegen die Abhängigkeit von zwei Großvermarktern und gegen die schleichende Vernichtung ihrer Existenz. Und lernen, dass mit jeder Lösung ein neues Problem entsteht (S. 76).

Es gibt eben selten nur eine Lösung und auch nicht nur eine Alternative: Da hat uns die Sprachwissenschaft einen Streich gespielt. Sie definiert die Alternative als „Möglichkeit zur Entscheidung zwischen zwei Optionen“ (Wikipedia) – als wäre die Welt, das Leben, die Zukunft schwarz-weiß (S. 27). Dabei ist sie bunt, voller Vielfalt und voller Möglichkeiten, an die gar nicht denkt, wer nur die eine Alternative sucht.

Was beispielsweise wäre die Alternative zum Schiff? Die deutschen Werften haben sie nicht gefunden. Nun wurden drei von einem russischen Oligarchen gekauft, der ein paar Optionen mehr erpobt (S. 50). Oder die Gema, mäßig beliebter Monopolist in Sachen Musik-Urheberrecht: Dass sie jemand ersetzen könnte, war für die Funktionäre schlicht nicht vorstellbar. Dabei haben sie übersehen, dass ihr Monopol angreifbar ist (S. 96).

Andere Lösungen finden sich immer dann, wenn irgendjemand nicht zufrieden ist mit dem, was ist. Da erfindet dann eine Designerin einen neuen Werkstoff, weil sie nicht noch einen Stuhl-Entwurf zu den vielen anderen stellen will (S. 84). Ein Maschinenbauer entwickelt eine neue Form der Sozialhilfe, weil seine Mutter an der alten scheiterte (S. 60). Und eine Angestellte gründet mit 55 Jahren eine eigene Firma, weil sie in der alten keine Perspektive mehr für sich sah (S. 72).

Resignation ist die schlechteste aller Optionen, auch wenn es um die großen Fragen geht. Ist unser Wirtschaftssystem nur so und nicht anders denkbar (S. 90, 128)? Unsere Verfassung unumstößlich und die Parteiendemokratie der Weisheit letzter Schluss (S. 42, 112)? Wer zweifelt, muss suchen, streiten, neu denken, Kompromisse schließen, scheitern, wieder neu denken.

Und „alternativlos“ aus seinem Wortschatz streichen. ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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