Ausgabe 07/2014 - Schwerpunkt Alternativen

Mauricio Miller

Nichts wie raus aus dem System!

• Mauricio Miller ist ein sanfter, immer freundlich lächelnder Mann. Aber er scheut sich nicht, den US-Präsidenten öffentlich zu kritisieren und dem milliardenschweren Wohlfahrtssektor Versagen zu attestieren. Barack Obama habe in seinem jüngsten Plan zur Belebung der sozialen Mobilität das Wichtigste vergessen, schrieb Miller kürzlich auf »Huffington Post«: die Menschen. Der Kampf gegen die Armut gehe verloren, weil man meine, Niedrigverdiener „programmieren“ zu müssen. „Leider gibt es starke Vorurteile über die Armen der Nation, nämlich dass gering verdienend mit unfähig oder hilfsbedürftig gleichzusetzen ist. Wir brauchen nicht mehr Sicherheitsnetze oder Programme.“

Der Vietnam-Veteran mit Ingenieurdiplom, der seit 30 Jahren Programme für Menschen in Geldnot leitet, ist überzeugt, einen besseren Weg gefunden zu haben, um den Kreislauf der Armut zu durchbrechen: die Leute zu animieren, sich zusammenzuschließen und voneinander zu lernen. Der Name seiner 2001 gegründeten Organisation – Family Independence Initiative (FII) – ist Programm. Familien, die Mühe haben, über die Runden zu kommen, werden darin unterstützt, sich unabhängig zu machen. Bedürftigkeitsprüfungen gibt es nicht; was zählt, sind Eigeninitiative, Selbstverantwortung und Teamfähigkeit. Wer mitmachen will, muss sich mit fünf bis acht Familien zusammentun. Jede Gruppe trifft sich monatlich, um nachzudenken und Erfahrungen auszutauschen. FII-Mitarbeiter stehen als Ansprechpartner zur Verfügung, überlassen es aber den Teilnehmern, ihren Weg zu finden. Es ist ihnen sogar explizit untersagt, sich dabei einzumischen. Miller hat schon Angestellte entlassen, die ihren Helferdrang nicht im Zaum hielten.

Die Resultate der Non-Profit-Organisation sind beachtlich. Gruppen in Oakland, San Francisco und Boston steigerten ihr Einkommen innerhalb von zwei Jahren im Schnitt um 23 Prozent, ihre Sparquote sogar um 120 Prozent; fast jede dritte Familie machte ein kleines Geschäft auf, die Schulleistungen der Kinder verbesserten sich deutlich. Der Ansatz hat nicht nur in den Medien Aufmerksamkeit erregt: Das Weiße Haus lud Miller ein. Die renommierte MacArthur-Stiftung zeichnete ihn aus.

Die Zentrale der FII ist im Untergeschoss einer viktorianischen Villa in Oakland untergebracht. Hier sitzt Miller an diesem Montag beim verspäteten Mittagessen mit fünf Leuten aus seinem Führungsstab zusammen. Während die anderen ihre Salate und Hühnerbeine essen und sich dann verdrücken, erzählt er, dass er früher alle Familien mit Namen kannte. Heute gehe das nicht mehr. Der 68-Jährige wirkt jugendlich, aber auch erschöpft. Zweimal verliert er den Faden und fragt dann Mia Birdsong, die energische Vizepräsidentin der FII, wo er stehen geblieben sei.

Als er die Geschichte seiner Mutter erzählt, ist Miller sehr konzentriert. Der Hintergrund sei wichtig, betont er, um die FII zu verstehen. Berta Miller kam Mitte der Fünfzigerjahre im Bus über die mexikanische Grenze. Zur Schule war sie nur drei Jahre gegangen, Geld hatte sie so gut wie keines, dafür zwei Kinder. Die Familie richtete sich in einem Apartment in San Jose ein. Miller beschreibt seine Mutter als energiegeladene Frau. Sie fand Arbeit als Buchhalterin und Sekretärin, hatte oft zwei Jobs gleichzeitig. Zu Hause sprach sie ausschließlich Englisch, um ihren spanischen Akzent loszuwerden. Dennoch lief nicht alles glatt. Die Tochter ließ sich mit einem gewalttätigen Mann ein, von dem sie mit 16 schwanger wurde. Den achtjährigen Sohn wollte die Mutter besser behüten und konzentrierte sich in den nächsten Jahren auf ihn. Aufs College sollte er gehen, Ingenieur oder Arzt werden, das waren die beiden Optionen. „Mir gefiel keine davon“, erinnert sich Miller, „aber sie blieb hart.“

Miller merkte es nicht sofort, aber auf die Universität Berkeley zu gehen war tatsächlich eine große Sache. Mit einem Abschluss in Maschinenbau stieg er in die Mittelschicht auf. Auf der einen Seite Alumnus einer hoch angesehenen Universität, auf der anderen Seite Mutter und Schwester, deren Situation prekär blieb. „Es war alles sehr merkwürdig für mich.“ Er machte sich daran, Geld zu verdienen, um den beiden zu helfen, wurde dann aber zum Vietnamkrieg eingezogen. Als er zurückkam, hatte sich die Schwester von ihrem Partner getrennt; die Situation zu Hause hatte sich stabilisiert. Doch die Mutter holte nun die jahrelange Plackerei ein. Sie wurde krank und hätte operiert werden müssen. Der Sohn sollte mit seinem Geld aber die Schwester unterstützen, nicht sie. „Also fuhr sie nach Las Vegas“, sagt Miller leise, „und nahm sich das Leben.“

Seit zwei Jahren gibt es bei der FII den Berta Miller Scholarschip Fund, der Stipendien an bildungshungrige Teilnehmer vergibt. Es ist nicht die einzige Spur, die die Mutter hinterlassen hat. Die ganze Organisation scheint von der Erinnerung an ihre Erfahrungen durchdrungen zu sein. Nach ihrem Tod war der Sohn geschockt. Er erwarb einen weiteren Abschluss in Design und beschloss 1978, im sozialen Bereich zu arbeiten, um im vom damaligen Präsident Lyndon B. Johnson ausgerufenen Krieg gegen die Armut dabei zu sein. „Ich dachte, ich würde dort etwas finden, das meiner Mutter und meiner Schwester das Leben leichter gemacht hätte.“ Zunächst leitete er Asian Neighborhood Design, eine gemeinnützige Organisation in Oakland, die sich um billigen Wohnraum und Jobtrainings für Unterprivilegierte kümmerte. Die Einrichtung galt als eine der besten im Land. Doch er sah immer wieder dieselben Familien kommen, ohne dass sie nennenswert vorankamen. Immer mehr war er von der Wirkungslosigkeit der traditionellen Wohlfahrt überzeugt, die arme Menschen als bedürftige Bittsteller betrachtet und ihre Stärken ignoriert. „Mir war klar, meiner Mutter hätten unsere Programme nicht gefallen.“

Isolation macht hilflos

Nach 20 Jahren wollte er nur noch raus aus diesem System. Da rief ihn zu nachtschlafender Stunde ein Politiker an, der ähnlich frustriert war wie er. Der damalige Bürgermeister von Oakland, Jerry Brown, heute Gouverneur von Kalifornien, wetterte über Einrichtungen wie Asian Neighborhood Design. Sie würden Stellen für Sozialarbeiter schaffen, aber keine für Hilfe suchende Menschen, „Armutszuhälterei“ sei das. Wie man die Mittel besser einsetzen könnte, wollte er wissen. Warum den Leuten das Geld nicht direkt anvertrauen, schlug Miller vor, und einfach schauen, was sie damit machen?

15 Jahre ist das Telefonat her. Kurz danach kündigte Miller, das Experiment FII begann. Brown gab ihm eine Anfangsfinanzierung, aber andere Geldgeber zu überzeugen war schwer. Miller hatte mit 200 Familien beginnen wollen – und fing mit 25 an. Doch über die Jahre ist seine Organisation gewachsen. Bis heute haben rund 1500 Familien an Projekten in sechs Städten teilgenommen. Das jährliche Budget liegt bei sechs Millionen Dollar. Mehr noch: Die einst vage Idee ist zu einem Konzept gereift, dessen Wirksamkeit die FII mit Daten belegen kann.

Am wichtigsten sind die Netzwerke, die die Familien bilden. Seine Mutter hätte viel bessere Chancen gehabt, ist Miller überzeugt, wenn sie nicht so isoliert gewesen wäre. Eine Gemeinschaft kann sich auf vielfältige Weise gegenseitig unterstützen, viel besser als ein Sozialarbeiter: anfeuern, Trost spenden, Tipps geben, an gute Vorsätze erinnern, dem anderen auch mal den Kopf waschen. Soziale Verbundenheit macht zudem möglich, was man in der Wissenschaft Positive Deviance nennt. Ein Mitglied kommt auf eine ungewöhnliche, aber erfolgreiche Idee, die von anderen in der Gruppe übernommen wird. Es sei keineswegs nötig, betont Miller, dass alle in der Gruppe initiativ seien: „Ich glaube, die meisten Leute wissen nicht, was sie machen sollen, um sich weiterzuentwickeln. Aber wenn ein Freund etwas ins Rollen bringt, fangen sie an, es nachzuahmen.“

Er verweist auf zahlreiche Erfolgsgeschichten: Afroamerikaner in Harlem, die sich gegenseitig lehrten, wie man erfolgreich Friseursalons betreibt; oder kambodschanische Flüchtlinge in Kalifornien, die dem Vorbild ihrer Landsleute folgten und ein Doughnut-Geschäft nach dem anderen eröffneten. Die Klischees über arme Menschen, beklagt Miller, seien kontraproduktiv. Ganze Teile der Bevölkerung seien überzeugt, sie müssten auf Sozialprogramme warten, um ihre Lage zu verbessern. „Wir sagen ihnen: Nein! Wartet nicht auf Hilfe von staatlichen Stellen. Macht selber was!“

Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass sich die Mitarbeiter zurückhalten. Versucht man, es den Familien leichter zu machen, hat Miller immer wieder festgestellt, untergräbt man ihr Selbstvertrauen und ihren Stolz. Zurückhaltung fällt nicht immer leicht. Gerade erst wieder musste er eine Kollegin bremsen, die einer Teilnehmerin Informationen über einen Highschool-Abschluss besorgen wollte. Die Frau schaffte es dann selbst. „Und das war viel besser“, strahlt Miller. „Weil andere sagen werden: Wenn sie so etwas kann, dann kann ich es auch.“

Seine Beharrlichkeit hat schon zu explosiven Situationen geführt. Einmal protestierten Familien heftig, als Miller deren Betreuer entlassen wollte. Statt wie vorgesehen E-Mails zu schreiben, hatte er sie weiter angerufen. „Der Mann meinte es gut“, räumt Miller ein. „Er wollte es den Spanisch sprechenden Leuten leichter machen. Aber wir mussten ihnen erklären: Wenn er einen Unfall hat, steht ihr ohne Kommunikation da.“ Als Helfer könne man sich in vielerlei Hinsicht wichtig machen, sagt er. Und das müsse man oft auch, um Geldgeber zu überzeugen. „Aber die Kunden macht man damit abhängig. Es ist ein Dilemma.“

Fahrersitz statt Fürsorge – das ist das Ziel

Die FII will erreichen, dass die Teilnehmer ihr Leben selbst in die Hand nehmen. So wie Maria und Sergio Perez, Eltern von sieben Kindern, die von seinem bescheidenen Verkäufereinkommen leben. Als sie der Organisation vor acht Jahren beitraten, setzten sie sich ursprünglich das Ziel, ein Hausmeisterbüro zu eröffnen. Doch dann kam die älteste Tochter auf die Highschool und entdeckte ihre Liebe zur Kunst. Das Paar schwenkte um. Fortan konzentrierte es sich darauf, allen Kindern eine gute Ausbildung zu finanzieren. Die Eltern kratzten ihre Ersparnisse zusammen, kümmerten sich um Stipendien und schafften es, sechs Sprösslinge in privaten katholischen Schulen unterzubringen. Von der Stadt San Francisco erkämpften sie das Recht, ihre siebte, querschnittsgelähmte Tochter auf eine öffentliche Schule in einem anderen Bezirk zu schicken, die ihren Bedürfnissen entspricht. Den Mut, es sich anders zu überlegen, verdankten sie der FII, sagt die Mutter. „Allein hätten wir die Entschlossenheit nicht aufgebracht.“

Ein Perspektivwandel allein, weiß man bei der FII, reicht aller-dings nicht aus. Vielen Familien fehlt es an Kapital, um dauerhaft nach vorn zu kommen. Bei seiner Mutter Berta hatte Miller gesehen, wie leicht Erfolge immer wieder zunichtegemacht wurden. Selbst eine Autoreparatur reichte aus, um sie zurückzuwerfen. So blieb ihr Leben ein ständiger Kampf – trotz Einfallsreichtum, Entschlossenheit und Engagement.

Deshalb stellt die Organisation durchaus Geld und andere Ressourcen bereit. Jede teilnehmende Familie erhält einen Laptop, mit dem sie auf ein Datenerfassungssystem zugreifen kann. Einmal im Monat muss sie in einem sogenannten Journal detailliert über ihre Situation Auskunft geben: Einkommen und Vermögen, Wohnsituation, Gesundheitszustand, soziale Kontakte. Für diese Informationen erhält sie bis zu 500 Dollar pro Quartal, die sie nach eigenem Gusto ausgeben kann.

Das Journal soll den Familien einerseits helfen, einen Überblick über ihre Lage zu bekommen. Und andererseits der FII erlauben, Hilfsmittel für sie zu entwickeln. Diese unterscheiden sich von traditionellen Sozialprogrammen, wie Miller betont. Anhand der Daten schaut man sich die Aktivitäten der Leute genau an. „Wenn wir dann etwas entwickelt haben, lassen wir es testen. Und wir modifizieren oder beerdigen es, wenn es gar nicht funktioniert.“ Es gibt ein Kreditprogramm, das den Charakter, die soziale Verbundenheit und die alltägliche Zahlungsmoral der Antragsteller berücksichtigt. In Geldleihzirkeln können sich Teilnehmer gegenseitig Kredit geben und dadurch ihren Credit Score, ein weitverbreitetes Bonitätsmaß, erhöhen.

Von dieser Vorgehensweise, sind Miller und sein Team über-zeugt, könnte der gesamte Hilfssektor profitieren. Kontinuierlich Daten sammeln, die Pläne und Aktivitäten der Teilnehmer analysieren, entsprechende Angebote entwickeln – und das nicht nur einmalig, sondern immer und immer wieder, weil die Bedürfnisse von Hilfe suchenden Menschen sich ständig verändern.

Das Interesse am ungewöhnlichen Konzept der FII scheint geweckt. 300 Organisationen haben sich bei der Initiative gemeldet, die etwas Ähnliches machen oder kooperieren wollen, von kleinen privaten Programmen bis zu großen staatlichen Stellen. Auch sechs Anfragen aus dem Ausland waren dabei. Das Geld scheint ebenfalls reichlicher zu fließen. Allein in den vergangenen zwei Monaten haben zwei Stiftungen insgesamt 3,5 Millionen Dollar zugesagt, wie Miller stolz berichtet. Ken Nickerson, ein ehemaliger Hedgefondsmanager, der sich für Armutsbekämpfung engagiert, wird möglicherweise weitere zwei Millionen geben.

Die Finanzspritze kommt zur rechten Zeit. Die FII will die bestehenden Standorte kräftig ausweiten und ein neues Projekt in Detroit beginnen. In den nächsten drei bis fünf Jahren soll die Zahl der teilnehmenden Familien so auf 10 000 steigen. Noch einmal so viele hofft die Organisation über Kooperationspartner zu erreichen, die ihr Datensystem und Analyse-Know-how nutzen.

Der von der FII beschrittene „neue Weg vorwärts“, schrieb Miller kürzlich in einer Zeitungskolumne, „setzt Geringverdiener in den Fahrersitz ihres eigenen Fortkommens, nicht professionelle Fürsorger.“ Das klingt gut, fordert Teilnehmern aber auch eine Menge ab. Kann man wirklich erwarten, dass alle Menschen die Anforderungen eines selbstbestimmten, netzwerkbasierten Konzepts stemmen? Was etwa ist mit kranken, misshandelten oder drogenabhängigen Menschen?

Für Menschen in Notlagen, räumt der FII-Gründer ein, kann die traditionelle Wohlfahrt durchaus hilfreich sein. „Nehmen Sie meine Schwester. Als sie von diesem gewalttätigen Typen weglief, war sie traumatisiert, sie brauchte Psychologen und Sozialarbeiter, die ihr Halt gaben.“ Doch nachdem sie sich stabilisierte, betont er, hätte man sie anders betrachten müssen: „Im Sozialsystem gab es aber niemanden, der zur Kenntnis nahm, dass sie Talente hatte und hart arbeiten wollte.“ ---

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