Ausgabe 07/2014 - Schwerpunkt Alternativen

Anja Fiedler

Ein Leben für drei

Vieles, was in der Stadt wächst, kann man essen: Anja Fiedler

• Das Erste, was man von Anja Fiedler lernt, ist, dass man im Frühling die jungen Sprossen der Tannen essen kann. Man hört sie zufällig im Radio. Sie gibt ein Interview darüber, wie man sich von den Pflanzen der Großstadt ernähren kann. „Stadt macht satt“ heißt ihr Projekt.

Zum Beweis hat sie Tannensprossen mit ins Studio gebracht, die Moderatorin beißt gleich zu und ist begeistert. Dass Fiedler die Dinger auf einem Friedhof gepflückt hat, findet sie dann weniger köstlich. Aber Friedhöfe seien optimal, erklärt Fiedler, dort sei die Feinstaubbelastung geringer als anderswo.

Tags darauf kaut man selbst das erste Mal im Leben Tanne und sucht im Internet spaßeshalber diese Anja Fiedler und staunt: Da entrollt sich die Biografie einer 42-Jährigen, die locker für drei Leben reichte. Da reihen sich zahllose Engagements im Kulturmanagement – für Opern, Theater, Festivals, Literatur-Events – an eine Kette von Kunstprojekten. Da konkurrieren Vorhaben in der Holocaust-Forschung mit Marketing für Filme und einer Theaterreise durch Afrika. Allein seit 1999 weiß Fiedler 32 Stationen aufzuzählen.

Natürlich überschneiden sich Engagements, Fiedler ist freiberufliche Kulturmanagerin. Manche Produktion beansprucht sie nur einen Monat, andere ziehen sich über Jahre hin, aber nichts davon ist Kokolores. Am Filmset des Regisseurs Volker Koepp hat sie assistiert, bei Roman Polanski war sie Runner. Fiedler ist Referentin der Stiftung für die ermordeten Juden Europas, beim Tourismusprogramm „Berlin erfahren“, Mitbegründerin einiger Netzwerke von Künstlern und Wissenschaftlern. Acht Jahre lang hat sie beim Berliner „Karneval der Kulturen“ mit angepackt.

Interessiert mich das?

Offensichtlich hat diese Frau keine Probleme damit, ständig etwas zu Neues wagen. Sie scheint sich im Modus des Ausprobierens so eingerichtet zu haben wie andere im Immergleichen.

Ist das eine Begabung? Oder kann man das lernen? Da lacht sie und sagt, sie wisse nur: „Die glücklichsten Momente in meinem Leben hatte ich immer dann, wenn ich eine Sache unbedingt machen wollte und mich nichts und niemand davon abbringen konnte.“ Der Nachteil: „Um eine feste Stelle bewerbe ich mich schon gar nicht mehr.“ Denn normalerweise wird ihre Vita nicht bloß als ein Fundus aus Talent, Wissen und Erfahrung verstanden, sondern sie erscheint dem Kultur-Establishment verdächtig unstet. Dabei, sagt sie, „bin ich zielstrebig und ehrgeizig. Denn ohne Ehrgeiz geht das alles gar nicht.“

Die Liebe und der Fall des Eisernen Vorhangs verhinderten, dass sie wie geplant Lehrerin wurde daheim in Weingarten bei Ravensburg. Die Liaison zu einem Weißrussen brachte sie zur Slawistik und damit Anfang der Neunzigerjahre nach St. Petersburg. Man vergisst das: Aber damals hieß das, in einer anderen Welt völlig abzutauchen. Es gab keine verlässlichen Telefonverbindungen, kein Internet und keine Möglichkeit, sich in der Not mal eben von den Eltern Geld anweisen zu lassen. Aber dafür fand Fiedler ein Land im Aufbruch, mit jungen Off-Theatern, der neuen Menschenrechtsorganisation Memorial, mit Gleichgesinnten, die Filme machen wollten wie sie.

Zurück in Deutschland zog sie nach Berlin und belegte kurzerhand an der Humboldt- und der Freien Universität nur die Seminare, die sie interessierten und die sie für ihren Abschluss brauchte. Sie verbrachte jedes Studienjahr viele Monate im Ausland, war in Vietnam, Australien, „in ganz Osteuropa“ und Südafrika, aber nie ohne Plan. Immer musste ein Praktikum her, immer ein Job als Dolmetscher. „Das ist wohl das Schwäbische in mir.“

Nach dem Studium sah sie ihre Zukunft im Film. Die Dreharbeiten mit Koepp und Polanski empfand sie als eine Zeit, „die für immer zu meinen Reichtümern zählen wird, die mir niemand mehr nehmen kann“. Nur fand sie das Filmgeschäft auf Dauer zu oberflächlich. Sie studierte Veranstaltungsmanagement. Aus Leidenschaft für das Genre gründete sie eine Marketingagentur für Dokumentarfilm. Und musste erkennen: „Das funktioniert überhaupt nicht.“ Viel Arbeit, kaum Geld – Schluss damit, nächstes Thema.

Das klingt alles so einfach. Aber sie sagt, sie sei kein sorgloser Mensch. „Ich kenne Existenzangst, und ob! Früher habe ich mir dauernd die Frage gestellt: Wovon willst du leben?“ Immer wieder nahm sie „Brotjobs“ im Kulturbetrieb an, Produktionen von Events zum Geldverdienen. „Aber gerade die festen Sachen“, sagt sie, „waren oft die enttäuschenden.“

Was sie tun will, entscheidet Anja Fiedler anhand einfacher Fragen: „Interessiert mich das? Will ich das?“ Ihr Ehrgeiz richtet sich nicht darauf, materielle Sicherheit zu erlangen. Eine Reise zu aufregenden Gesprächspartnern ist ihr wichtiger als ein Rentenpunkt mehr. Das ist nicht nur ein Segen. „Wenn ich einen Wunsch frei hätte“, sagt sie, „dann wäre es der, frei zu sein von der Sorge, dass immer irgendwie die Grundkosten reinkommen müssen. Sich darum Gedanken machen zu müssen, empfinde ich als Last.“

Als sie Mitte 30 war, hatte sie genug davon, „immer auf Akquise zu sein“. Sie fand, sie sei reif für eine Festanstellung. Sie bewarb sich bei einer großen Kulturinstitution für einen Posten in Asien. „Ich wollte das wahnsinnig gerne machen!“

Sie hatte sogar einen Ratgeber für solche Bewerbungsverfahren gelesen. Sinngemäß stand da: Wenn Sie in der Gruppe zur Lösung eines Problems aufgefordert werden, stehen Sie auf und gehen vor zum Flipchart. Bieten Sie an, die Vorschläge der anderen aufzuschreiben. Das zeigt Ihren Führungsanspruch, aber auch, dass Sie integrativ wirken.

Anja Fiedler glaubte nicht, dass man in einem Kulturinstitut auf so etwas Plumpes hereinfällt. Doch als in der Endrunde genau diese Gruppensituation erzeugt wurde, befolgte ein Konkurrent jenen Rat aus dem Buch. Sie dachte: „Das ist nicht wahr, oder?“ Der Mann am Flipchart bekam den Job. Schon nach wenigen Monaten, erfuhr sie, warf er das Handtuch. Es verriet ihr viel darüber, was man suchte, sie aber nie sein möchte. Seither ist sie gelassener.

Ihr Leben changiert zwischen bezahltem Kulturmanagement und kommerzfreier Aktionskunst. Manches bringt ihr Renommee, einiges Resonanz, aber vieles kein Geld. Sie sagt, sie habe keine Ahnung, wovon sie im Alter leben werde. Jetzt und hier brauche sie nicht viel.

Von „Stadt macht satt“, einem von der Unesco ausgezeichneten Projekt, können sie, ihr Mann und die vierjährige Tochter mittlerweile leben, durch Preisgelder, Vorträge oder den Verkauf selbst produzierter Obstsäfte. Anja Fiedler macht das jetzt seit fast vier Jahren, eine Ewigkeit nach ihrem Maßstab. Gerade läuft in ihr wieder die Ideenmaschine an: Wie lernen Kinder? Wie Erwachsene?

Ende Juni ist die Familie für ein paar Wochen auf Bildungsreise gegangen. Ihr Mann wählte das Thema Meditation, Anja Fiedler will Lernforscher treffen. Sie weiß noch nicht, was daraus wird – ist sich aber sicher, dass etwas daraus wird. ---

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