Ausgabe 12/2013 - Schwerpunkt Zeitgeist

Ein ambitionierter Plan

• „Mobilisieren Sie bitte Ihre Fantasie. Stärken Sie das Selbstwertgefühl der Schüler. Arbeiten Sie nach Dienstschluss mit einzelnen oder wenigen. Haben Sie keine Angst, nur wenige machen von diesem Angebot des Lehrers Gebrauch. Kämpfen Sie bitte! Unser Beruf schließt das Unzumutbare mit ein.“

Fast 30 Jahre ist es her, dass Dieter Derksen diese Zeilen in seine Kladde schrieb. Sie sind aktueller denn je.

Derksen ist Gründer einer Privatschule in München, von der noch die Rede sein wird. Die Forderung, möglichst jeden Schüler und jede Schülerin immer wieder aufs Neue zu motivieren und zu fördern, ist kein Thema für Sonntagsreden, sondern eine Notwendigkeit – wegen der Inklusion.

Der Begriff steht für das Recht Behinderter auf gesellschaftliche Teilhabe. Der Deutsche Bundestag ratifizierte im Februar 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention. Inklusion heißt zum Beispiel: Alle Kinder und Jugendliche, ob mit Behinderung oder ohne, mit all ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen, sollen gemeinsam lernen.

Eine Revolution für das deutsche Bildungssystem, in dem Kinder früh in ihrer Schullaufbahn nach Leistung, Begabung und Handicap sortiert und getrennt unterrichtet werden. In Deutschland gibt es 8,6 Millionen Schüler. Davon haben rund 485 000 einen von Gutachtern diagnostizierten „sonderpädagogischen Förderbedarf“, wie es im Amtsdeutsch heißt. Mit anderen Worten: Sie können zur Schule gehen, brauchen aber Hilfe, um dort mitzukommen.

Ihre Handicaps werden verschiedenen Förderschwerpunkten zugeordnet: Lernen, Verhalten, Sprache, Hören, Sehen, geistig oder körperlich behindert. Für jeden dieser Schwerpunkte existieren in Deutschland spezialisierte Förderschulen. Früher hießen sie Sonderschulen. Insgesamt 3282 gibt es davon, an ihnen unterrichten 72 346 Sonderpädagogen. Viele dieser Schulen wurden vor Jahrzehnten von privaten Initiativen gegründet. Sie verfügen über einen großen Erfahrungsschatz, etwa beim Unterricht für sehbehinderte Kinder.

Insgesamt werden in Deutschland nur gut 20 Prozent aller behinderten Kinder an einer allgemeinen Schule unterrichtet. Jetzt haben alle das Recht dazu. Ihre Eltern können es einklagen. Die Folge: Schulen müssen alte Grenzen einreißen, müssen sich neu erfinden. Das weckt einerseits Hoffnungen, schürt andererseits Ängste. Schüler, Eltern und Lehrer sind verunsichert. Wie soll Inklusion funktionieren? Manche fürchten, dass gute Förderschulen zerschlagen werden und die allgemeinen Schulen den Bedürfnissen der behinderten Kindern nicht gerecht werden. Andere sind überzeugt, dass Inklusion, die nicht umsichtig geplant und umgesetzt wird, auf Kosten aller gehen wird.

Das Beste daraus machen

Pfadfinder seien sie, sagt Gabriele Strehle, Rektorin der Grundschule Am Hedernfeld im Münchner Westen. 28 Lehrkräfte unterrichten hier 250 Schüler, von denen die Hälfte Wurzeln in aller Welt hat. 30 Kinder bedürfen sonderpädagogischer Förderung. Die Befunde: Autismus, Lernbehinderung, ADHS, sozial-emotionale Defizite.

Es ist ein sonniger Oktobermorgen. Die Türen der Klassenräume der Viertklässler im zweiten Stock des Siebzigerjahre-Baus stehen sperrangelweit offen. An einem Ende des Ganges üben zwei Jungen gestenreich das Linksabbiegen, rechts hinten probt ein kleines Grüppchen Pantomime. Andere sind allein an ihrem Pult oder in kleinen Gruppen in Rechen- und Schreibaufgaben vertieft.

Offener Unterricht heißt diese Unterrichtsform. Den Schülern steht es frei, wo und wie sie ihre Aufgaben lösen. Sie müssen nicht unbedingt still auf ihren Plätzen sitzen. Für die besonders schnellen gibt es anspruchsvollere „Sternchenaufgaben“. Jeder macht, was er schafft. Die Lehrerinnen helfen, wenn nötig.

Martina May ist eine von zwei Sonderpädagoginnen an der Schule, Cecilia Assal Klassenlehrerin der 4c. Zwei Stunden pro Woche unterrichten sie gemeinsam. Die restliche Zeit bestreitet die Grundschullehrerin allein. Reicht das, um allen anderen gerecht zu werden? Die Lehrerinnen sagen: Eigentlich ist es viel zu wenig. Zeit für die gemeinsame Vorbereitung des Unterrichts fehle, Absprachen erfolgten meist auf Zuruf. Sie versuchen das Beste daraus zu machen, weil sie, wie sie sagen, an Inklusion glauben. Und weil sie immerhin kleine Erfolge sehen. Die schwachen Schüler würden tendenziell stärker, die starken nicht gebremst.

Selbstverständlich sollen die Kinder miteinander umgehen, und meistens klappe das auch. Manchmal aber auch nicht. Kinder, die nicht länger als zwei, drei Stunden konzentriert dem Unterricht folgen können, sich auf den Boden werfen oder gar aggressiv werden, sind zwar nicht die Regel, aber es gibt sie. Und wenn man sich um sie kümmern will, braucht es mehr als hin und wieder Hilfe von einer Sonderpädagogin.

Die Schule kann in solchen Fällen ein kinderpsychologisches Gutachten und eine heilpädagogische Betreuung beantragen. Aber bis Letztere genehmigt ist, dauert es bis zu einem Jahr. Es gibt zudem die Möglichkeit, sich um einen individuellen Schulbegleiter für das Kind zu bemühen, etwa eine Mutter, die etwas dazuverdienen will. Motivierte Menschen, aber keine pädagogischen Fachkräfte.

Die Rektorin Strehle ist eine überzeugte Inklusionistin, die sich und dem Kollegium bereits 2004, auch gegen manchen Widerstand, Integration als Aufgabe verordnet hat. Sie hält an anderen Schulen Vorträge zum Thema, gibt Fortbildungen. Und weiß um die Grenzen des gemeinsamen Unterrichts. „Kinder mit geistiger Behinderung lassen sich in einem differenzierten Schulsystem wahrscheinlich besser fördern.“ Vor allem in der Pubertät könnten Handicaps zu Ausgrenzungen führen. Inklusion brauche Freundschaft und gemeinsame Interessen: „Sonst schlägt sie um in Exklusion.“

Ein Vorbild

Fest steht: Inklusion kostet. Aber Rechenexempel sind im Gegensatz zu pädagogischen Gedankenspielen dünn gesät. Wie hoch zum Beispiel wären die zusätzlichen Kosten für Lehrpersonal, wenn die 16 Bundesländer ihre Förderschulen schließen und die Schüler auf allgemeine Schulen verteilen? Der emeritierte Bildungsforscher Klaus Klemm und die Bertelsmann Stiftung schätzen: 660 Millionen Euro im Jahr. Eine überschaubare Summe, bedenkt man, dass allein Nordrhein-Westfalen einen Schuletat von 15,1 Milliarden Euro hat. Aber in den 660 Millionen stecken eben nur die Gehälter von 9300 zusätzlichen Lehrern, die Klemm für einen guten Inklusionsunterricht veranschlagt. Die Frage ist: Wie würden sich all die anderen Ausgaben entwickeln, etwa die für Integrationshelfer, Sozialpädagogen oder Schulpsychologen? Für Sekretärinnen, Hausmeister und Fahrtkosten? Für den Umbau und die Ausstattung von Klassen-, Fach-, Therapie- und Werkräumen, für Lifte, Rampen und automatische Türen?

Wer wissen will, was Inklusion in der Praxis bedeutet, sollte nach München reisen. Dieter Derksen und seine Frau Barberina haben vor vielen Jahren einfach angefangen, behinderte Kinder zu integrieren. Heute gilt ihr Gymnasium als Vorbild. Er ist inzwischen verstorben, sie ist 82 Jahre alt und lächelt ein wenig vorwurfsvoll, wenn man von Inklusion spricht. Das Wort habe es damals nicht gegeben. 1959, als die Derksens – er Theatermann, sie Altertumsforscherin – in München ihre Privatschule gründeten. Sie entstand aus Nachhilfeunterricht im Wohnzimmer. Von Anfang an wurde Freiheit groß geschrieben. Die Derksens gingen davon aus, dass alle Kinder wissbegierig und begeisterungsfähig sind, egal, ob mit oder ohne Behinderung.

„Als Anfang der Sechzigerjahre die Eltern eines hörbehinderten Jungen bei uns um dessen Aufnahme baten, dachten wir: Ja klar, versuchen wir es einfach“, erinnert sich Barberina Derksen. Kurz darauf wollte ein gehbehindertes Mädchen auf die Schule, und die Gründer sagten wieder nicht Nein. Einen Treppenlift gab es nicht. Egal, sie trugen die Schülerin die Treppen hinauf und hinunter.

Heute ist das „Kleine private Lehrinstitut Derksen“ ein Gymnasium mit gerade mal 221 Schülern. Ein Drittel davon ist gehandicapt. Die Schule wird häufig besucht, bestaunt und bisweilen auch neidisch beäugt von all jenen Wissenschaftlern, Politikern, Lehrern und Lehramtsstudenten, die vor allem eines wissen möchten: Wie geht Inklusion?

In der Schule im Münchner Stadtteil Großhadern findet man folgende Antwort: Zum einen braucht man Gestaltungsmöglichkeiten, und davon hat eine Privatschule naturgemäß mehr als eine staatliche. Sie kann nach ihren eigenen Vorstellungen bauen, sie kann gezielt Lehrer auswählen, sie kann sich eigene Strukturen und Abläufe verordnen. Diese Freiräume haben die Derksens genutzt. Das Wichtigste war ihnen, Überschaubarkeit, Nähe und Vertrauen zu schaffen. Ihre Schule, wussten sie, funktioniert nur, wenn eine Lerngemeinschaft entsteht, in der sich Schüler und Lehrer kennen, respektieren und gegenseitig fördern.

Entsprechend viel Wert wurde auf die Architektur gelegt: Im Zentrum des selbst entworfenen M-förmigen Gebäudes liegt eine dreieckige Halle, deren Wände sich zum Pausenhof vollständig öffnen lassen. Dadurch entsteht eine Art Freilichtbühne, die für Aufführungen und Schulfeste genutzt wird. Das Haus ist barrierefrei, die meisten Klassenräume befinden sich auf Bodenniveau. Die Decken im Innern sind mit Holz verkleidet, für die Böden wurden massives Buchenparkett oder Terrakotta-Fliesen verwendet. Behaglich wirkt das und gepflegt. Es riecht mehr nach Wohnzimmer als nach Schulstube.

35 Lehrer gibt es, einen Sozialpädagogen, drei junge Menschen, die ihren Bundesfreiwilligendienst oder ihr freiwilliges soziales Jahr ableisten, sowie sechs Leute für die persönliche Assistenz schwerbehinderter Schüler. Durchschnittlich 18 Schüler bilden eine Klasse. Viel größer sollte sie nicht sein, wenn die Inklusion gelingen soll, sagt man hier.

Mit Offenheit und Fingerspitzengefühl

Am Derksen-Institut haben mehr als 70 Schüler ein Handicap, und das Spektrum ist breit: Hörschädigung, Autismus, ADHS, spastische Behinderung, chronische Erkrankungen wie Leukämie oder Mukoviszidose. Immer neue Bedürfnisse von Schülern kamen hinzu – ebenso wie die Fähigkeit, im Unterricht und außerhalb mit ihnen umzugehen.

Die Schule arbeitet eng mit Sonderpädagogen, Ärzten und Experten für verschiedene Behinderungen zusammen. Fortbildungen zu bestimmten Krankheiten und Behinderungen gehören zum Schulalltag.

Vier Lehrer fungieren als Inklusionsbegleiter. Sie widmen sich zwei bis vier Stunden pro Woche Fragen wie etwa: Sind alle Lehrer im Kollegium ausreichend über Beeinträchtigungen und Besonderheiten informiert? Kommen die Kinder im Unterricht mit? Sind die sogenannten Nachteilsausgleiche – behinderte Schüler kriegen zum Beispiel bei Klassenarbeiten eine Arbeitszeitverlängerung oder dürfen statt einer schriftlichen Prüfung eine mündliche ablegen – angemessen? Wie ist das Klima in der Klasse? Gibt es Konflikte? Muss Streit geschlichtet werden?

Die Mathematik- und Informatiklehrerin Irene Roth ist Inklusionsbegleiterin. Sie ist eine Seiteneinsteigerin. Vor zehn Jahren heuerte sie an der Schule an, weil sie das Unterrichten reizte. Und auch wenn sie heute eine erfahrene Lehrerin ist – das ständige Ausprobieren sei geblieben, sagt sie. „Wir müssen jedem Einzelnen in der Klasse gerecht werden, dem Schüchternen wie dem Vorlauten, dem Überforderten genauso wie dem Unterforderten, denen mit und denen ohne Handicap. Jede Klasse ist eine neue Konstellation, eine neue Aufgabe.“

Allerdings sind die Bedürfnisse der Schüler nicht selten widersprüchlich. Ein hörbehindertes Kind sehnt sich nach Ruhe und Struktur und braucht ganz andere Unterstützung als ein hibbeliges und lautes. Was das eine Kind verlangt, wird vom anderen infrage gestellt. Das kann Aggressionen schüren. Wobei die Konflikte oft im Verborgenen schwelen und dann überraschend ausbrechen. „Mit Offenheit und Fingerspitzengefühl“, antwortet Roth auf die Frage, wie man damit umgeht. Im Stundenplan ist jede Woche eine Stunde für „soziales Lernen“ reserviert. Darin geht es um die Befindlichkeiten der Schüler, um Ängste, Frust und schöne Momente. So versuchen die Lehrer, in ihre Klasse hineinzuhorchen.

Am Derksen-Institut wird mehr geredet als an anderen Schulen. Viele Lehrer bemühen sich, voneinander zu lernen. Sie unterstützen sich, wenn einer allein mit den Problemen eines Schülers nicht fertig wird. „Teamwork hilft“, sagt Irene Roth. Es gibt Lehrer, die sich besonders schätzen und untereinander die eigenen Unzulänglichkeiten, das eigene Scheitern, offen thematisieren. Die laden sich auch gegenseitig in den Unterricht ein. Andere hingegen scheuen es, sich direkter Kritik auszusetzen. „Schwäche zu zeigen“, sagt Roth, „fällt auch bei uns vielen Lehrern noch schwer.“

Die Preisfrage

Inklusion braucht Freiräume, Zeit und Kommunikation – davon sind sie am Derksen-Institut überzeugt, und deshalb gönnt sich die Schule eine pädagogische Leiterin, die sich einzig und allein auf die schulische Entwicklung der Kinder, den Austausch mit den Eltern und die Auswahl und Aufnahme neuer Schüler konzentriert. Über Stärken, Schwächen und Bedürfnisse wird Buch geführt, damit alle Lehrer immer auf dem aktuellen Stand sind, auch in Vertretungsstunden. Neben den Zeugnissen gibt es Elternbriefe, in denen die Aktivitäten und Interessen der Kinder ganz individuell beschrieben werden. Aus Verwaltungsangelegenheiten kann sich die pädagogische Leitung heraushalten, dafür gibt es einen Schulleiter und einen Geschäftsführer.

Womit wir zur schlechten Nachricht kommen, denn diese Qualität hat ihren Preis. Seit dem Tod seines Vaters kümmert sich Jan Derksen um die Finanzen. Zudem ist er so etwas wie der Außenminister der Schule. Ein eloquenter, dynamischer Mittfünfziger in dunkelblauem Zwirn – in seiner Schulzeit an einem staatlichen Gymnasium sammelte er innerhalb von fünf Jahren die stattliche Zahl von 120 Schulverweisen.

Die Hälfte des Schuletats, erklärt er, speist sich aus dem Schulgeld, 40 Prozent sind staatliche Zuschüsse, die jeder Privatschule zustehen, und gut 10 Prozent entfallen auf Spenden. Das Schulgeld liegt regulär bei 670 Euro pro Monat. Damit rangiert das Derksen-Institut am oberen Rand der Privatschulen im Münchener Raum. 30 bis 40 Prozent der Schülereltern zahlen nicht den vollen Beitrag. Es gibt einen Förderverein, bei dem eine Verringerung des Schulgeldes beantragt werden kann. Bei mehr als 60 Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf trägt der Sozialhilfeträger das Schulgeld.

Jan Derksen weiß, dass 670 Euro Schulgeld bei manchen das Bild einer Schule für Reiche heraufbeschwören, in der man sich sein Abitur erkauft – oder eben seine Inklusion. Er sagt: „Unsere Leistungsanforderungen sind so streng wie an jedem anderen bayerischen Gymnasium. Mit dem Geld schaffen wir jene Lernbedingungen, die wir als günstig und erfolgreich ansehen, und wir legen Wert auf eine ausgewogene soziale Mischung.“

Ohne milliardenschwere Investitionen wird Inklusion ein Lippenbekenntnis bleiben. Geld allein aber, auch das erfährt man am Derksen-Institut, reicht nicht. Was hatte sein Gründer vor 30 Jahren an seine Lehrer geschrieben? „Kämpfen Sie bitte!“ ---

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