Ausgabe 11/2013 - Schwerpunkt Trennung

Unertl Brauerei

Mein Bier ist nicht dein Bier

• Wenn man Alois Unertl, 59, heute fragt, was damals vorgefallen ist, sagt er nur: „So war das halt damals.“ Er sitzt im „Bräustüberl“ in Haag in Oberbayern, rund 30 Kilometer entfernt von Mühldorf, das sein Vater 1948 samt angeschlossener Kleinbrauerei übernommen hat. Holzgetäfelte Wände. Dielenfußboden. Lampen aus Schmiedeeisen. Über der Bar hängt ein halber kupferner Sudkessel. Das Bräustüberl erinnert immer noch an die Zeit, als 30 Kilometer eine halbe Weltreise waren und Männer wie sein Vater, der auch Alois hieß, sich mit 40 Mark in der Tasche eine Existenz aufbauen konnten. Dass er das musste, hat mit den damaligen Gepflogenheiten zu tun. Damals erbte der Älteste, also der Bruder Josef. Und als Alois 1948 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, sagte man ihm: In der elterlichen Brauerei in Mühldorf am Inn gebe es für ihn keinen Platz.

Damit beginnt, was bis heute anhält: die Spaltung einer Familie und eine eigenwillige Konkurrenz. Zwei Brauereien aus einer Familie, die Weißbier produzieren und dabei das gleiche Grundrezept benutzen. Mindestens 70 Prozent Weizenmalz statt der üblichen 50 Prozent. Das verlängert den Maische- und Läuterungsprozess, da das Weizenmalzkorn, anders als das Gerstenmalzkorn, keinen Spelz mehr hat, aber ein besonderes Aroma erzeugt. Nach der Tankgärung kommt die zeitintensive Flaschengärung hinzu. Und beide Unertls konservieren nicht, stabilisieren nicht, pasteurisieren nicht, was ihr Produkt nur bedingt haltbar macht. Das alles ist nur möglich, weil die Brauereien klein sind. In Haag werden 27 000 Hektoliter jährlich produziert, in Mühldorf 14 000 Hektoliter. Zum Vergleich: Der weltgrößte Weißbierhersteller, Erdinger Weißbier, produziert jährlich 1,5 Millionen Hektoliter.

Kurzum, ein extravagantes Nischenprodukt, begrenzt verfügbar, überwiegend im Umkreis von 50 Kilometern vertrieben und unter Liebhabern Gegenstand heftiger Debatten. Im Internet wird Unertl beständig zum weltbesten Weißbier ernannt, angereichert mit Attributen wie „einzigartig“ oder „Nonplusultra“ – gemeint ist das Bier mit dem blauen Schriftzug und dem Haager Schlossturm auf dem Etikett. „Wer kein Unertl trinkt“, sagt der Münchner Feinkosthändler Gerd Käfer, „ist selber schuld.“ Käfer meint das Bier aus Mühldorf mit dem roten Schriftzug und dem Familienwappen. Das klingt nach Konkurrenz, Zank und – angesichts der Vorgeschichte – auch dauerhaftem Familienstreit.

Alois, der Sohn, ist ein kräftig gebauter Mann mit Händen, die man in Bayern Pratzen nennt. Früher, heißt es, bevor sie die neue Abfüllanlage hatten, 10 000 Flaschen pro Stunde, eine halbe Million Euro teuer, habe er in einer Stunde 5000 Bügelflaschen verschlossen. Hart arbeiten hat er als Kind gelernt. Auf die Frage, wie er denn so war, sein Vater, sagt er: „Sehr streng, aber er war auch zu sich selber so.“ Anders wäre es nicht gegangen, zumal die Haager das Bräustüberl und den neuen Bräu der Zugereisten zunächst boykottierten. Obwohl seine Eltern damals in der kleinen Brauerei keine langfristige Zukunft sehen, den Buben aufs Gymnasium nach Wasserburg schicken, damit er später Zahnarzt werden kann, ist der fasziniert vom Bierbrauen. Mit 14 schmeißt er den Laden erstmals allein. Da ist der Haager Weißbräu längst bekannt für sein bernsteinfarbenes, naturtrübes, malz- und hefearomatisches Weißbier.

Die Mühldorfer Weißbräu Unertl GmbH & Co. KG liegt in der Weißgeberstraße, Hausnummer 7 bis 15. Es ist ein Sammelsurium aus betagtem Gemäuer, Lagerhallen und Garagen. Das Gebäude, in dem der Firmengründer damals angefangen hat, trägt auf dem Giebel ein morsches Türmchen. Hier ist der Großvater mit 82 Jahren noch zwischen Sudkessel und Gärtank herumgelaufen und hat Anweisungen gegeben. Übergeben hat er die Brauerei an seinen Sohn Josef erst, als dessen Sohn Wolfgang schon erwachsen war. Anders als in Haag, wo die Brauerei kontinuierlich wuchs, stagnierten die Mühldorfer in ihrer Entwicklung. Was auch daran lag, dass die Familie mehr in ihr Hotel „Jägerhof“ investierte, dem ersten Haus am Platz, 56 Zimmer, geführt von Wolfgangs Frau Ingrid.

Noch heute schwärmen die Mühldorfer von der begnadeten Gesellschafterin und fulminanten Köchin Ingrid Unertl, deren Tafelspitz legendär war, deren Lehrlinge mitunter Sterneköche wurden und die die Reichen, Schönen und die bayerische Politprominenz nach Mühldorf lockte. Auch Starköche wie Eckart Witzigmann und Alfons Schuhbeck kamen oft und gern. Noch heute beliefert Ingrid Unertl die Münchner Edelgastronomie mit ihren ausgefallenen Kreationen, darunter Weißbiergelee, Preiselbeer-Weißbier-Marmelade und Weißbiersenf, aber auch Weißbierbrand.

Prost, CSU!

Erst als der Jägerhof 1989 verkauft wurde, widmete sich die Familie wieder verstärkt der Brauerei, die fortan saniert und modernisiert wurde. 1993 übernahm Wolfgang Alois Unertl, der Sohn von Wolfgang und Ingrid, die Geschäftsleitung. Was nicht heißt, dass der Kontakt zur CSU-Spitze abgebrochen wäre. Im Büro der Brauerei hängen sie gerahmt an der Wand, in Trachtenjanker und aufgeräumter Stimmung: der junge Stoiber und Guttenberg, als er noch Minister war. Seehofer war erst kürzlich wieder da. Auf einer überdimensionalen Visitenkarte gratuliert Franz Josef Strauß Ingrid Unertl zum 40. Geburtstag. Ingrids Großmutter, Viehhändlerin und Metzgereibesitzerin war eine der bedeutendsten Frauen Mühldorfs. Einer ihrer Schulfreunde war Josef Schörghuber, der in München zunächst als Baulöwe Furore machte und später die Traditionsbrauereien Hacker-Pschorr und Paulaner kaufte. Schörghubers Nähe zur CSU ist hinreichend dokumentiert. So schließt sich der Kreis.

Während Alois in Haag von vorn anfangen musste, waren die Mühldorfer, wenn man so will, stets Teil des Establishments. Haag beliefert 400 Wirte, alle ohne vertragliche Bindung, und 1000 Getränkehändler, sie haben keine Außendienstmitarbeiter und besuchen ihre wichtigsten Kunden regelmäßig persönlich. Wenn sie nicht in der Brauerei sind, sitzen sie im Auto. „Die Wirte freuen sich einfach, wenn der Bräu kommt“, sagt der jüngste Alois, 36, Diplom-Braumeister auch er, „wir legen Wert darauf, dass unser Bier Volksgetränk bleibt.“

Die Mühldorfer hingegen lassen gern durchblicken, dass sie Münchner Sterne-Restaurants wie das „Tantris“, den „Königshof“ oder Nobelherbergen wie das Hotel „Villa am See“ beliefern. Karin Löw, die Lebensgefährtin von Wolfgang Alois Unertl, die in Mühldorf die Pressearbeit macht, schwärmt von den Auszeichnungen, die ihre Biere gewonnen haben. Löw, gelernte Konditorin, Bäckermeisterin, Diplombetriebswirtin und Biersommeliere, versichert, erst jüngst habe der frühere Leiter der Berliner „Paris Bar“, ihr Unertl zum „Champagner der Weißbiere“ gekürt.

Mag sein, dass die Haager und die Mühldorfer verbunden sind in der Mission, eine besondere Weißbiertradition am Leben zu erhalten. Doch ihren Weg gehen sie getrennt. Was wiederum den Vorteil hat, dass sie sich trotz der geografischen Nähe nicht in die Quere kommen. Der jüngste Alois sagt: „Wir machen nur eine Sache, die aber machen wir gescheit.“ Das Haager Weißbier gibt es als Original, in der sogenannten NRW- und in der Bügelflasche („Weil das“, so der jüngste Alois, „einfach Tradition ist“), als Leichte Weiße, Alkoholfreies Weißbier und – allerdings nur in der kühlen Jahreszeit – Weißer Bock.

Bei Wolfgang Alois Unertl in Mühldorf gibt es inzwischen neben den Standardsorten zusätzlich Versionen wie Gourmet Weisse, Bio-Dinkel Weisse oder Franz-Xaver Unertl Weisse, die der Bräu seinem Großonkel Franz-Xaver Unertl gewidmet hat – einem Gastwirt und Viehhändler, der sich in der Nachkriegszeit als schlitzohriger Bundestagsabgeordneter einen Namen machte, auch weil er für die Wiedereinführung der Todesstrafe für Mörder plädierte. Und dass Wolfgang Alois Ambitionen hat, die Brautradition der Familie neu zu interpretieren, beweist er mit seiner Neuheit „Fitaminn“, einem alkoholfreien, isotonischen Durstlöscher aus Weizen-, Gersten- und Dinkelmalz sowie Apfelsaft und Zitronenmelisse.

Wer neben dem jungen Alois, Sweatshirt mit Firmenlogo, Jeans, durch die Haager Brauerei läuft, erfährt viel über die Historie des Braugewerbes, Hefezellen, Mikrobiologie und wie man Lactobacillus brevis wirksam begegnet, ein Milchsäurebakterium, das als „Feind des Bierbrauers“ gilt. Man erfährt, wie die offene Gärung funktioniert und dass Umwelttechnik in Haag für optimale Gärluft und die Harmonisierung des Brauwassers sorgen. „Wir machen ein sensibles Lebensmittel“, sagt er, „wir machen keine Konserve.“

Und weil sich dieser Prozess nicht beliebig steuern und kontrollieren lasse, wollten sie nicht wachsen, auch wenn „wir sofort doppelt so viel verkaufen könnten“. Das erklärt auch, warum sie keine Werbung machen. Alois sagt, er würde an der Brauerei nicht ein einziges Rohr verändern: „Ich bin gerne Sohn hier, für mich ist das alles stimmig hier.“

Wer neben Wolfgang Alois, rote Ray-Ban-Brille, roter Wollpullover, durch die Mühldorfer Brauerei läuft, tut sich ein bisschen schwer zu folgen. Der Chef zitiert Goethe, Faust I: „Euch ist bekannt, was wir bedürfen / Wir wollen stark Getränke schlürfen.“ Unertl kritisiert die Agrarindustrie. Er kritisiert das Reinheitsgebot als bürokratische Behinderung kreativer Braukunst und empfiehlt die Bücher des indischen Mystikers Ramesh Balsekar.

Irgendwann sitzt er in einem Raum, in dem Malzsäcke gelagert werden. In der Mitte des Raumes ein Bergkristall, der für „Reinheit und Klarheit“ stehe. An der Wand ein Gemälde, das einen Energiekreislauf darstellt. Es geht um viel Energie, wobei auch der hauseigene artesische Brunnen ins Spiel kommt, mit dessen Wasser in Mühldorf gebraut wird. Zur Harmonisierung des Wassers hat Wolfgang Alois zusätzlich Edelsteine in den Brauereitanks anbringen lassen.

Wüsste man nicht, dass der lebhafte, stabil gebaute Mann mit 24 bester Brauerlehrling Bayerns war, dass er ein Diplom der renommierten Doemens Fachakademie für Brau und Getränketechnologie hat, man könnte auf komische Gedanken kommen. Ingrid Unertl, 70, sagt, ihr Mann, 73, und sie hätten sich anfangs auch gewundert, als der Sohn anfing, über Wassermoleküle zu dozieren, die Verwirbelung des Brauwassers nach Viktor Schauberger einführte und die Etiketten der Bierflaschen mit Zitaten von Carlos Castaneda bedrucken ließ. „Das war für uns nicht leicht am Anfang.“ Als er dann auch noch anfing, die Brauerei mit Musik von Mozart, Beethoven und Obertönen zu beschallen, hätten sie gedacht: „Der spinnt!“ Inzwischen sagt sie: „Es ist ein Glück, dass der Bub das mit so einer Liebe und Hingabe macht.“

Interessant ist, dass die Brauer trotz gemeinsamer Tradition und unterschiedlicher Entwicklung nicht übereinander reden. Jedenfalls nicht, solange sie nicht darauf angesprochen werden. Auf der Website der Haager wird der Großvater Alois zwar als Gründer erwähnt, aber nicht, dass die Brauerei in Mühldorf noch existiert.

Auf der Website der Mühldorfer werden wiederum die Haager mit keinem Wort erwähnt, auf einem Familienfoto vom Großvater und seiner Frau Philomena mit den Kindern fehlt der Sohn Alois. Interessant auch, dass keiner den Reporter fragt, ob er nicht auch beim Namensvetter vorbeischaut. Wäre das nicht naheliegend? Allerdings reden sie, wenn sie gefragt werden, nicht schlecht übereinander. Der 59-jährige Alois sagt: „Wichtig ist, dass er ein gutes Bier macht.“ Karin Löw sagt: „Gut ist, dass beide Brauereien auf Qualität achten.“

Man meidet sich – und verträgt sich

„Man sagt uns immer nach, dass wir Streit hätten“, sagt Ingrid Unertl, „aber das stimmt nicht.“ Josef und Alois, die beiden Söhne des ersten Alois in der Bierbrauerdynastie, hätten sich trotz des ungleich verteilten Erbes gut verstanden. Alois sei auch der Patenonkel von ihrem Sohn Wolfgang Alois gewesen. Auch bei der Feier zu ihrem 70. Geburtstag seien die Haager geschlossen dabei gewesen. Und wären sie zerstritten, würden sie dann zusammenarbeiten? Dreiliterflaschen kaufen die Brauereien zusammen. Sie besprechen Preiserhöhungen, sie versuchen, sich von Getränkehändlern nicht ausspielen zu lassen, sie informieren sich über säumige Kunden. Die Haager vertreiben einige Sorten der Mühldorfer. Und wenn denen bei ihrem Herbstfest das Bier ausginge, würden die Haager schon aushelfen. Das gilt natürlich auch andersherum. Auch in Haag gibt es ein Herbstfest mit einem Unertl-Zelt.

In Zeiten der Not, sagt Ingrid Unertl, „würden wir als Familie zusammenhalten“. Da sei sie sich ganz sicher. Sie sagt es aber so, dass man herauszuhören glaubt: nur dann. Dass die fünfte Generation so weitermachen wird, davon gehen sie in Haag wie in Mühldorf schon heute aus. Der Sohn des jüngsten Alois und seiner Frau Ilona ist vier Jahre alt und heißt – Alois. Der Sohn von Wolfgang Alois Unertl und Karin Löw ist drei und heißt Luis. Ganz egal, was die später vorhaben mit den Brauereien ihrer Familien, eines sollten sie schnell begreifen: „Die Mühldorfer“, sagt Ingrid Unertl, „würden nie das Haager Bier trinken, und die Haager nie das Mühldorfer.

Und dabei wird es immer bleiben.“ ---

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