Ausgabe 08/2013 - Gute Frage

Hat sich das klassische Fernsehen überlebt?

• Bald ist wieder Internationale Funkausstellung (IFA). Wie immer wird die Branche über die Zukunft des Fernsehens diskutieren. Gesprächsstoff bietet etwa Magine, ein Online-Service aus Stockholm. „Wir glauben, dass du nie wieder normal fernsehen möchtest, wenn du Magine einmal ausprobiert hast“, behaupten die Gründer. Sie versprechen kein besseres Programm. Ihr Ehrgeiz ist es, zwei Sphären zu verschmelzen: das Massenmedium TV mit seiner fixen Menüfolge und das Individualisten-Büfett Internet. In ihrem Konzept geht alles geschmeidig ineinander über - lineares Programm und Aufzeichnung, Festnetz und Mobilfunk. Der Zuschauer kann sich jede Sendung – ob aktuell, ob aus der Vergangenheit – auf jedem Display ansehen: vom Smartphone über Tablet und Notebook bis zum HDTV-Heimkino. Das Bedienkonzept und Design wirken dabei so Apple-like, als hielten sich die Macher für Steve Jobs' Testamentsvollstrecker. Wer im Programm-Menü eine bereits laufende Sendung antippt, braucht nur einen Regler nach links zu schieben, um sie von Anfang an zu sehen. Statt vom Sender kommen Bild und Ton dann aus der Cloud. 

Oder auch nicht. Außer schicker Eigenwerbung ist in Deutschland noch nichts zu sehen von den Schweden. Magine hat keinen Stand auf der IFA, niemand kann ausprobieren, wie der Dienst mit der hiesigen Infrastruktur harmoniert. In seinem heimatlichen Testmarkt bietet Gründer Mattias Hjelmstedt den Service bereits seit 2011 an. Um hier im Süden legal loslegen zu können, fehlen ihm Weitersendelizenzen wichtiger Programme. Wer schon mit Intendanzen und Rechtsabteilungen deutscher Anstalten zu tun hatte, weiß, dass das dauern kann.

Auch wenn Hjelmstedt auftritt, als habe er das Fernsehen neu erfunden, optimiert er nur, was in den USA längst erfolgreich läuft – TV on Demand. Dort hat der Pay-TV-Platzhirsch HBO inzwischen Konkurrenz von drei großen Online- Videotheken: Netflix, Hulu und Amazon. Diese Dienste sind so populär, dass der Löwenanteil des nordamerikanischen Internetverkehrs auf ihr Konto geht. Um nicht am PC fernsehen zu müssen, beamen viele Netflix-Abonnenten das Bild via Spielkonsole oder Apple-TV-Box auf den HD-Heimkino-Schirm. Die Deutsche TV-Plattform, ein Bündnis von Sendern und Herstellern, setzt auf eine technisch elegantere Lösung namens HbbTV (Hybrid Broadband Broadcast Television). Diese „Smart TVs“ haben serienmäßig Internetanschluss, meist per Wlan. Eine rote Taste auf der Fernbedienung führt direkt in die Mediatheken, Youtube & Co. warten nebenan - und all das ohne Abogebühr. 

Ist angesichts solcher Wahlmöglichkeiten das Ende des linearen Berieselungsfernsehens nur noch eine Frage der Zeit? Immerhin schreibt auch der Münchner Kreis, ein renommierter Expertenzirkel für Telekommunikation und Medien, in seiner neuen internationalen Zukunftsstudie „Innovationsfelder der digitalen Welt“, das wichtigste „Bedürfnismuster“ der Zuschauer unter 35 Jahren heiße „intelligent und selbstbestimmt“.

Fernsehforscher und ihre Kunden, die TV-Werbezeitenvermarkter, bleiben gelassen. „Bisher ist keine Substitution des Leitmediums TV erkennbar“, sagt etwa Wolfgang Schlünzen vom Monheimer Institut. Auch bei einem Expertenforum im Juni in Frankfurt, das sich mit der Gewohnheit befasste, während des Fernsehens iPads, PCs oder Handys zu benutzen („Second Screen“), ging es mehr um Chancen als um Risiken. Wer sich am Online-Büfett bedient, muss deshalb nicht die linearen Menüs verschmähen.

Fest steht, dass der Computer den Fernseher aus den Jugendzimmern verdrängt und dabei selbst zum Fernseher wird. Nerds nutzen virtuelle Videorekorder, die das komplette Programm ganzer Sender halb legal auf Offshore-Servern mitschneiden. Allerdings verbringen die 14- bis 29-Jährigen sogar einen Tick mehr Zeit auf der Fernsehcouch als die Jugend der Neunziger. Diese wiederum ist in die mittlere Alterskohorte (30 bis 49 Jahre) aufgestiegen. Und deren TV-Konsum hat seit 1998 um eine halbe Stunde auf 219 Minuten zugenommen. Auch die Mittelalten von damals schauen mehr fern denn je: Die Generation 50 plus kommt auf fast fünf Stunden täglich. 

Neu ist, dass Teens und Twens öfter fernsehfreie Tage einlegen. Die Wahrscheinlichkeit, jemanden unter 30 irgendwann am Tag vor dem Gerät anzutreffen, liegt bei 50 Prozent (1997: 60 Prozent). An Tagen mit attraktiven Sendungen bleiben die Jungen daher gar nicht so viel kürzer am Schirm als die Älteren, wie die Statistik es vermuten ließe. Selbst in den USA, wo Netflix sporadisch Serienfans zum „Binge Viewing“ einlädt – bei diesem TV-Äquivalent zum Komasaufen gehen ganze Staffeln gleichzeitig online, sodass die Hartgesottenen ein Paket aus acht bis 15 Folgen nonstop anschauen können -, schauen 97 Prozent der jüngeren Leute nach wie vor klassisches Fernsehen: fast viereinhalb Stunden täglich. Und das bei Werbern gefürchtete Timeshifting - man speichert eine laufende Sendung kurzfristig auf der Festplatte, um Spots zu überspringen – beschränkt sich auf ein Achtel der Sehzeit. Rechnet man die knappe Dreiviertel stunde hinzu, die sich der US-Bürger für Internetvideos gönnt, setzen sich die TV-Weltmeister sechs Stunden täglich audiovisuellen Reizen aus, ein Viertel ihrer Lebenszeit. Drei Viertel davon widmen sie nach wie vor dem linearen Fernsehen.

Das Lagerfeuer brennt weiter

Ob sich die Deutschen stärker vom Programmschema emanzipieren, ist fraglich. Ein Großteil der Kunden kauft neue Fernsehgeräte nicht wegen HbbTV und schließt es auch nicht ans Internet an. Das Phänomen ist nicht neu: In zwei von drei Haushalten steht ein Videorekorder, doch nur jeder dritte Zuschauer zeichnet überhaupt etwas auf – und schaut die hausgemachten Konserven dann oft nicht einmal an. 54 Sekunden pro Tag, fünfeinhalb Stunden im Jahr werden Videos laut ZDF-Medienforschung geschaut. Auch die Abrufe aus den Mediatheken halten sich in Grenzen: Bei den Mainzern, die linear pro Tag 24 Millionen Menschen erreichen, sind 300.000 „Sichtungen“ schon ein Spitzenwert. Die Zahl der jüngeren Zuschauer, die bestimmte Sendungen zeitversetzt sehen wollen, steige aber kontinuierlich, sagt der ARD-Programmdirektor Volker Herres. Deshalb werde das Erste den Service für diese Zielgruppe ausbauen. Im Mittelpunkt stehen – natürlich – Serien, denn die meist tagesaktuellen journalistischen Inhalte veralten schnell.

Erfahrungen aus den USA zeigen, dass die Online-Archive sogar die Einschaltquoten des linearen Originalprogramms stützen können: Spricht sich herum, dass eine Serie sehenswert ist, steigen neue Zuschauer ab Folge 1 ein und können schnell mitreden. Umgekehrt springen Fans nicht mehr ab, wenn sie ein paar Folgen verpasst haben. Jeder findet schnell wieder Anschluss – an die Serie und an die Mitseher. „28 Prozent der TV-Zuschauer sehen mehr TV, seit sie begonnen haben, Sendungen online zu diskutieren“, sagt Meike Schnoor von der Hamburger Mediaagentur Initiative. 

Auch Herres sieht die Stärke des Fernsehens darin, „Gemeinschaftserlebnisse“ zu schaffen. Vielerorts gibt es „Tatort-Kneipen“ zum Public Viewing – fast 60 in Berlin. Das Bedürfnis des Publikums, sich über das TV-Programm auszutauschen, zeigt sich auch am „Second Screen“: Dank Tablet und Smartphone sind Singles nicht mehr allein vor dem Fernsehschirm.

Über Twitter, Facebook und Social-TV-Communities wie Couchfunk finden sie Gleichgesinnte. Ungewollt liefern sie den Marktforschern der Sender und Werbetreibenden sogar wertvolles Feedback für die nächsten Kampagnen.

Die sich aus den Fan-Gemeinden faktisch ausschließen, sind übrigens ausgerechnet die überungeduldigen Mega-Fans, die alles tun, um an noch gar nicht ausgestrahlte Folgen zu kommen – etwa US-Serien im Original.

Sie wissen einfach zu viel. Niemand will mit einem reden, der sich vielleicht verplappert und einem die Spannung nimmt. ---

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