Ausgabe 08/2013 - Mikroökonomie

Mikroökonomie

Ein Gashändler in Guatemala

Carlos Federico Carcuz Garcia ist 58 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder. Er hat Volkswirtschaft studiert, arbeitete später in einer Brauerei und als Busfahrer. Seit elf Jahren beliefert er in der Gegend von Antigua Haushalte, Bäckereien und Restaurants mit Gasflaschen. Mit seiner Frau und zwei der bereits erwachsenen Kinder lebt er noch immer in seinem Geburtsort Pastores.

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Verdienst, Grundkosten, Altersvorsorge

Morgens um sieben Uhr betankt Garcia seinen Pick-up und geht auf Tour. Seine Gasflaschen füllt er nicht selbst ab, sondern vertreibt sie im Auftrag eines Versorgers. Je nach der Größe eines Gaszylinders verdient er zwischen einem und vier Euro. So kommt er im Monat auf rund 300 Euro. Davon gehen 50 Euro für Benzin und 45 Euro für Steuern ab. Die Strom- und Gasrechnung für sein Lager beträgt 15 Euro. Sein Haus hat Garcia selbst gebaut und abbezahlt. Für Essen und Kleidung gibt er 150 Euro monatlich aus. Eine Krankenversicherung oder Rentenvorsorge hat Garcia nicht. Deswegen legt er 30 bis 40 Euro am Ende des Monats zurück.

Was bedeutet Ihnen Arbeit?

Ich arbeite vor allem, um meine Familie zu ernähren. Nur wer arbeitet, hat auch Möglichkeiten. Für mich bedeutet das in erster Linie, unsere Gemeinschaft zu erhalten. Und dafür braucht man eben oft auch Geld.

Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben?

Meine Familie. Ohne sie wäre ich alleine im Leben. Natürlich gibt es Freunde, aber eine Familie können sie nicht ersetzen.

Was möchten Sie in Ihrem Leben verändern?

Mit meinem Leben bin ich zufrieden. Und wenn meine Kinder Hilfe bräuchten, würde ich alles für sie tun. Denn die sozialen Ungerechtigkeiten im Land nehmen zu. Dagegen müsste endlich etwas unternommen werden.

Was sind Ihre größten Probleme, und wie gehen Sie damit um?

Ich habe mein ganzes Leben mit meinen Kindern verbracht. Ab und zu kommt es da natürlich zu Reibereien, und ich muss mit ihnen über ihr Verhalten reden. Zum Glück gehörten meine Söhne nie zu denen, die nachts aus der Kneipe torkeln. Mittlerweile sind sie vernünftig genug, um einen eigenen Hausschlüssel zu haben.

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Besonderes gönnen wollen?

Seit ich als Gashändler arbeite, hatte ich keinen Urlaub mehr. Das kann ich mir als unabhängiger Unternehmer nicht leisten. Manchmal gönne ich mir aber ein leckeres Essen, und ich habe unser Haus fertig gebaut. Den Rest vom Ersparten hebe ich für meine Kinder auf. Wenn sie einen Wunsch haben, erfülle ich den.

Was erwarten Sie von der Zukunft, und was tun Sie dafür?

Hauptsache, die Familie bleibt gesund. Eine Operation kostet in Guatemala schnell mal 1500 bis 2000 Euro. Wer das nicht aufbringt, kann nur warten und hoffen. Deswegen lege ich jeden Monat ein bisschen Geld zurück.

Was würden Sie tun, wenn Sie sich ein Jahr lang nicht um Ihren Unterhalt kümmern müssten?

Ein Jahr ohne Arbeit? Das kann ich mir nicht vorstellen. Der Verstand braucht Arbeit, um nicht träge zu werden.

Die Sicherheitslage in Guatemala ist heikel. Woran liegt das?

Man müsste den Leuten die Hosen kürzen, damit sie sich das Geld nicht immer in die eigenen Taschen stecken. Korruption ist ein riesiges Problem. Geld ist da, aber es landet an den falschen Orten. ---

Guatemala:
Einwohner: 15 Millionen
Währung: Quetzal (GTQ) (10,13 GTQ = 1 Euro)
BIP pro Kopf: 2544 Euro
Human Development Index: Platz 133 (Deutschland: 5 von 186 Ländern)

Aktuelle Durchschnittskosten:
1 Kilo frische Tortillas: 1,30 Euro
1 Kilo Kochbananen: 0,95 Euro
1 Liter Milch: 1,15 Euro
1 Liter Benzin: 0,85 Euro
200 Kilometer mit dem Bus: 5 Euro
1 T-Shirt auf dem Markt: 2 Euro

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