Ausgabe 08/2013 - Schwerpunkt Privat

Johannes Buchmann im Interview

Big Data, Big Picture, Big Brother?

brand eins: Könnte ein intelligenter Computer mit Zugang zu Ihren und meinen Daten dieses Interview führen, Herr Buchmann?

Johannes Buchmann: Nein. Zumindest nicht so, dass ein interessantes Interview dabei herauskäme. Wir beide sind uns zuvor noch nie begegnet. Ein Computer könnte bestenfalls die gängigen Fragen zum Thema "Big Data und Privatsphäre" heraussuchen und dann Antworten zuordnen, die ich oder andere Experten schon einmal irgendwo gegeben haben. Er könnte also Allgemeines reproduzieren, mehr nicht. Das ist vermutlich nicht der Anspruch, den brandeins an ein Interview hat.

Schade eigentlich. Das würde uns viel Zeit ersparen.

Es mag Kontexte geben, in denen es schade ist, dass uns Computer nicht die Denkarbeit abnehmen. Insgesamt aber ist es erfreulich. Ihre Frage zielt ja auf etwas Größeres ab: Lässt sich aus den Daten der Vergangenheit die Zukunft vorausberechnen? Das funktioniert nur dann ganz gut, wenn nichts Ungewöhnliches passiert. Es gibt natürlich Situationen, die wie erwartet eintreten. Dann können Computer das auch vorhersagen. Aus philosophischer Perspektive betrachtet, herrscht in Europa aber weitgehend Einigkeit darüber, dass unser Leben nicht vorherbestimmt ist. Weil der Mensch in seinen Entscheidungen so frei ist, dass immer wieder Ungewöhnliches und Überraschendes passiert. Daher stößt Prognostik immer an Grenzen. Da können die Big-Data-Fans behaupten, was sie wollen.

Es gibt ja gerade zwei Lager in der Debatte. Die einen sagen: Big Data wird die Welt verändern wie der elektrische Strom. Und die anderen sind überzeugt, dass wir in eine Orwell'sche Welt schlittern. Wer hat recht?

Es wäre schön, wenn wir zu einer differenzierten Betrachtung kämen. Technisch heißt Big Data zunächst einmal: Wir können aus riesigen Datenmengen mit schnellen Rechnern und dank intelligenterer Algorithmen unser Wissen mehren. Das geschieht zum Beispiel in der Grundlagenforschung. Bei den Experimenten mit den Teilchenbeschleunigern fallen heute Datenmengen an, die vor wenigen Jahren nicht hätten verarbeitet werden können. Ohne Big Data kämen wir dem Gottesteilchen nicht auf die Spur. Und natürlich liefert Massendaten-Analyse schon heute viele wertvolle Erkenntnisse für die Wettervorhersage, für die Steuerung von Logistikketten, für den Verkehr oder auch für das Marketing. Jede Suchanfrage bei Google ist eine Big-Data- Anwendung. Der Algorithmus sondiert in unvorstellbarer Geschwindigkeit unvorstellbare Datenmengen und liefert dem Nutzer Informationen, auf deren Grundlage er in der Regel bessere Entscheidungen treffen kann. Es gibt zudem einige wichtige Bereiche, in denen ich die Ankündigungen der IT-Industrie zum Potenzial von Big-Data-Anwendungen für plausibel halte. Intelligente Informationstechnologie wird den Energieverbrauch reduzieren helfen und auch im Kampf gegen den Hunger in der Welt einen wertvollen Beitrag leisten können. 

So weit folgen Ihnen die Fans. Und was wäre die differenzierte Betrachtung?

Zum einen ist vieles bislang technische Vision, aber einige Protagonisten tun so, als ob Big Data schon überall seine Wirksamkeit unter Beweis gestellt hätte. Zum anderen ist natürlich auch richtig, dass es möglich geworden ist, systematisch und strukturiert Informationen über den Einzelnen zu sammeln. Und dass wir daraus Konsequenzen ziehen müssen.

Welche?

Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Frage, wer mit Daten Wissen über Individuen aggregieren kann. Spätestens seit dem Prism-Skandal diskutieren wir wieder viel über den Überwachungsstaat. Das ist natürlich auch ein wichtiger Aspekt, aber der ist nicht neu. Regierungen konnten schon immer in die Privatsphäre des Einzelnen eindringen, dazu brauchte es keine Computer und kein Internet. Die Stasi war darin ja auch sehr gut (siehe auch S. 64). Oder der chinesische Staat unter Mao. Oder die US-amerikanischen Geheimdienste in der Mc-Carthy-Ära. Das war und ist höchst bedenklich. Im politischen Kontext aber, so ist zumindest mein Eindruck, überwiegt die freiheitliche Wirkung der Digitalisierung bei Weitem die Gefahren der Repression. Überlegen Sie nur, wie viele Leute in China damit beschäftigt sind, das Internet zu kontrollieren und nach außen abzuschotten. Und dennoch sind viele vom Staat ungeliebte Websites erreichbar. Oder wie Informationen über chinesische Handynetze selbst ihren Weg nach Nordkorea finden.

Was ist neu?

Dass nun auch Unternehmen und Privatpersonen mit technischen Hilfsmitteln in die Privatsphäre eindringen können. Auch hier verteilt sich die Aufmerksamkeit sehr ungleich. Im Fokus steht Data-Mining von Unternehmen nach dem Motto: Google weiß alles über uns. Soweit ich das überblicken kann, passieren aber bis dato die Schadensfälle eher im privaten Umfeld. Also zum Beispiel, wenn Eltern die sexuelle Orientierung ihrer Kinder ausspionieren, mit der sie nicht einverstanden sind. Oder dass sich Leute kleine Drohnen mit eingebauten Kameras kaufen, um zu schauen, was der Nachbar so im Garten macht. 

Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wurde für seinen Satz geprügelt: "Die Ära von Privatsphäre ist vorbei." Vermutlich kochten die Emotionen auch deshalb so hoch, weil viele das Gefühl haben: Der Mann hat leider recht.

Auch hier schadet es nicht, die Emotionen etwas abkühlen zu lassen und ein wenig differenzierter hinzublicken. Was ist denn Privatsphäre beziehungsweise Privatheit? In unserem Forschungsprojekt haben wir den Begriff so definiert: Der Einzelne hat die Hoheit darüber, was er von sich zeigt und was er von sich verbirgt. Es geht also nicht darum, einen Schutzraum per se herzustellen. Sondern den Einzelnen darüber entscheiden zu lassen, wo für ihn persönlich dieser Schutzraum beginnt und wo er aufhört. Wir haben dieses Recht dann in Beziehung zu drei europäischen Grundwerten gesetzt: das Recht auf freie Selbstbestimmung, das Recht auf demokratische Partizipation und das Recht auf wirtschaftliches Wohlergehen.

Das heißt?

Wenn Data-Mining dazu führt, dass ich als gläserner Mensch in meiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt werde, politische Partizipation in Gefahr gerät, weil alle wissen, wer was wählt, oder wenn datenbasiertes Marketing so gut wird, dass mein wirtschaftliches Wohlergehen in Gefahr gerät, weil ich teure Sachen kaufe, die ich nicht brauche, muss der Gesetzgeber einschreiten. Der Gesetzgeber muss aber auch schauen, wie die Nutzung von Daten dazu beitragen kann, dass sich die individuelle Selbstbestimmung erhöht, demokratische Partizipation verbessert und sich Wohlstand mehrt.

Leichter gesagt als getan. Politische Regulierung stößt im digitalen Raum schnell an ihre Grenzen. Sie ist langsamer als die technische Entwicklung. Der digitale Raum ist global, Gesetze wirken national oder bestenfalls kontinental. Und was die Kompetenz der politischen Entscheidungsträger angeht, gibt es ja auch noch ein paar Fragezeichen. 

Politische Regulierung ist nicht so hilflos. Natürlich reichen Gesetze nicht aus, um die Privatsphäre des Einzelnen voll zu schützen. Wir brauchen einen Dreiklang aus technischen und politischen Werkzeugen sowie gutem Verhalten. Nutzer und Bürger müssen sich in technisch ausreichend geschützten Räumen bewegen, und es ist zunächst einmal Aufgabe der IT-Anbieter, dafür zu sorgen. Politik muss immer dann einschreiten, wenn systematisch erkennbar ist, dass der Einzelne nicht mehr darüber entscheiden kann, welche Aspekte seines Lebens öffentlich werden. Natürlich gibt es im digitalen Raum Vollzugsdefizite, aber so zu tun, als ob europäische Verbote im Umgang mit persönlichen Daten gegenüber amerikanischen Internetkonzernen nichts nützen, ist ebenfalls weltfremd. Wenn Europa seine Datenschutzanforderungen harmonisiert, dann werden Google, Facebook & Co. auch die europäischen Anforderungen erfüllen. Der Markt ist viel zu wichtig für sie. Am wichtigsten jedoch ist die Fähigkeit des Einzelnen, zu verstehen, was passiert, wenn er oder sie Informationen im Internet öffentlich macht, und das dann so zu gestalten, wie es den eigenen Präferenzen entspricht. Das verstehen wir unter "gutem Verhalten". Und da spielen Schule und Erziehung eine wichtige Rolle.

Ich habe kürzlich in einem Blog die Forderung gelesen: Wir  brauchen das Schulfach Datenschutz.

Tatsächlich sollte Privatheit in der Schule unterrichtet werden. Mindestens als Querschnittsthema. Eric Schmidt, der Aufsichtsratsvorsitzende von Google, hat kürzlich in einem Interview gesagt: "Wenn ich heute kleine Kinder hätte, würde ich mit ihnen wirklich zuerst über Privatsphäre reden – und später über Sex." Das ist interessant. Er hat vor einigen Jahren ja noch erklärt: "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun." Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass die junge Generation auch beim Thema Schutz der Privatsphäre deutlich schneller lernt, als das in überhitzten Debatten über Jugendschutz im Internet dargestellt wird.

Die 40-Jährigen sind mit Klarnamen bei Facebook, die  20-Jährigen mit Pseudonymen.

Zumindest in der Tendenz ist das so. Was natürlich nicht heißt, dass es keine Gefahren gibt. Wenn Sie die Big-Data-Skeptiker nach Beispielen fragen, wo Menschen in demokratischen Ländern durch Datenspionage geschädigt wurden, sagen die immer: Konkrete Beispiele kennen wir nicht, aber es braut sich was zusammen. Dass es nur sehr wenige spektakuläre Fälle gibt, heißt nicht, dass nicht massenhaft mitgelesen werden könnte. Ziel der nächsten Jahre muss es sein, mehr Klarheit darüber zu erlangen, wo Massendatenanalyse wirklich nützt, also wie hilfreich es beispielsweise bei der Terrorabwehr ist – und zwar tatsächlich und nicht nur behauptet. Und natürlich müssen wir genau hinschauen, wo es nachweisbar negative Effekte gibt.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel psychologische. Das Vertrauen im täglichen Umgang könnte erheblich leiden. Mein Vater hat manchmal zu mir gesagt: Johannes, ich kenne dich besser als du dich selbst. Das stimmte vermutlich nicht, aber es hat mich unsicher gemacht. Wenn wir in ein paar Jahren einem Gesprächspartner gegenübersitzen und er hat eine Brille mit dickem Rahmen auf, könnten wir uns unter Umständen fragen: Ist das eine Datenbrille, die meinem Gesprächspartner gerade Informationen über mich zuspielt. Derzeit aber gilt: Internet und soziale Medien haben das Vertrauen der Bürger nicht erodieren lassen. Wir kommunizieren intensiver miteinander, und das ist gut. Wir sind insgesamt besser informiert.

Nun wird die Diskussion um Datenschutz in keinem anderen Land der Welt so intensiv geführt wie in Deutschland. Schadet das der  wirtschaftlichen Entwicklung? 

Es gibt hier und da sicher Wettbewerbsnachteile einzelner Unternehmen, aber unter dem Strich steigt die Nutzung digitaler Technologie auch bei uns kontinuierlich an. Als Stachel im Fleisch haben die Datenschützer eine produktive Funktion. Sie zwingen alle Beteiligten, sich ständig zu hinterfragen. Das ist bei radikalen Umweltschützern nicht anders. Mein Eindruck ist außerdem: Unternehmen wie Google schauen intensiv auf die Entwicklungen in Deutschland, um selbst zu lernen, wie sie sich auf Märkten verhalten müssen, in denen die Akzeptanz ihrer Technologie nicht automatisch gegeben ist. Das ist zumindest ein Zeichen von hoher ökonomischer Relevanz der Privatheit. ---

Johannes Buchmann, Jahrgang 1953, ist Professor für Informatik an der Technischen Universität Darmstadt. Er leitete das interdisziplinäre Forschungsprojekt "Privatheit im Internet" an der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften. Im Abschlussbericht vom vergangenen Mai, kurz vor Bekanntwerden des Prism-Skandals machen die Forscher zahlreiche Vorschläge, wie Datenreichtum genutzt werden kann, ohne die Privatsphäre des Einzelnen zu stark zu gefährden. Die Forschungsgruppe stellte dabei auch den Prototyp einer Software vor, die Bürger beim Schutz ihrer Privatsphäre unterstützen soll.

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