Ausgabe 10/2013 - Schwerpunkt Normal

Was kostet die Welt?

I: Ist die New Economy zurück?

Man könnte es manchmal fast meinen. So wurde der Berliner Online-Händler Zalando von Investoren jüngst mit drei Milliarden Euro bewertet – obwohl die Firma nach eigenem Bekunden kein Geld verdient. Eine verkäuferische Meisterleistung der Unternehmensgründer Marc, Oliver und Alexander Samwer, die schon einige Start-ups groß aufzogen und später zu spektakulären Preisen verkauft haben. Doch außer dem Familien-Clan wird niemandem Geld hinterhergeworfen. Zwar steigen seit geraumer Zeit die Bewertungen für Internet-Firmen, vor allem in den USA. Hierzulande aber fehlt es nach wie vor an Gründungskapital.

2012 wurden laut Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) rund 520 Millionen Euro in junge Firmen investiert, das sind 27 Prozent weniger als im Vorjahr. Michael Brandkamp, Geschäftsführer des Bonner Hightech-Gründerfonds, einer staatlichen Förderinstitution, sieht ein weiteres Problem: „Die Investitionen in junge Firmen waren 2012 höher als das Kapital, das bei Investoren neu eingesammelt wurde. Wenn sich dieser Zustand nicht ändert, geht der Branche das Geld aus.“

Im ersten Halbjahr 2013 erholte sich der Markt ein wenig. 354 Millionen Euro an Wagniskapital wurden ausgeschüttet, deutlich mehr als im Vorjahr. Doch die Summe verteilte sich auf 422 Unternehmen. Jedes erhielt im Schnitt also weniger als eine Million Euro, obwohl unter ihnen nicht nur neu gegründete, sondern auch Firmen mit Umsatz und bereits laufendem Geschäft waren. Allerdings hat sich das deutsche Venture-Capital-Geschäft im vergangenen Jahrzehnt strukturell verändert, was die Aussagekraft der Daten mindert. Inländische VC-Gesellschaften haben an Boden verloren, Ausländer, VC-Töchter großer Unternehmen und vermögende Privatiers werden immer wichtiger. Sie sind größtenteils nicht Mitglied im BVK, ihre Investitionen werden also nicht erfasst.

Insofern, das bestätigt auch Michael Brandkamp, ist die Lage für Gründer besser, als die Zahlen suggerieren, vor allem in Berlin. „Schon heute ist die Stadt einer der besten Orte der Welt, um ein neues Unternehmen zu gründen“, sagt Ciaran O’Leary, Partner bei der Venture-Capital-Gesellschaft Earlybird. Renommierte US-Investoren hätten Berlin ebenso im Blick wie talentierte Programmierer. Dennoch sieht er keine Übertreibung in den Unternehmensbewertungen.

Brandkamp kann O’Learys Einschätzung mit Zahlen belegen. Sein Hightech-Gründerfonds investiert typischerweise in der Gründungsphase einer Firma. Hat das Unternehmen sein Geschäftsmodell erfolgreich erprobt und braucht frisches Geld, um weiter zu wachsen, stößt Brandkamp es ab. Die Bewertungen für seine Beteiligungsfirmen in dieser zweiten Finanzierungsrunde erfasst er akribisch: Sie liegen heute im Schnitt bei rund vier Millionen Euro pro Firma. Das ist knapp über dem Niveau von Ende 2007, also vor Ausbruch der Finanzkrise – und weit entfernt von den Preisen während des Rauschs der New Economy.

II: Werden Autos zu Luxusgütern?

Auf den ersten Blick sind die Zahlen bemerkenswert: Als 1974 der erste VW-Golf vom Band lief, kostete er 7995 D-Mark. Inzwischen gibt es den Golf VII, Listenpreis 17 175 Euro.

Doch der neueste Golf ist 42 Zentimeter länger und 17 Zentimeter breiter als das Ur-Modell. Im ersten Golf waren drei Meter Kabel verlegt, im neuesten liegen sieben Kilometer. Zudem wurde zwischen 1974 und 2013 sechsmal die Umsatzsteuer erhöht. Bis 1977 lag sie bei 11 Prozent, inzwischen sind es 19 Prozent.

So gesehen hält sich die Teuerungsrate bei Autos in Grenzen. Ein Beispiel: Im Jahr 2001 kostete der Golf IV 14 425 Euro. 2010 musste man für den Golf VI 16 825 Euro bezahlen. Rechnete man die Inflation der Jahre 2001 bis 2010 auf den Listenpreis des Golf IV, so hätte er dann 16 311 Euro gekostet. Tatsächlich also liegt die reale Steigerung bei 514 Euro. Dafür erhält der Käufer aber auch mehr Auto: eine teilbare Rückbank, eine Fernbedienung für die Zentralverriegelung, drei Kopfstützen hinten, elektrisch verstellbare Außenspiegel, elektrische Fensterheber und ein Knie-Airbag sind serienmäßig. Die Extras mussten die Käufer des Golf IV noch zusätzlich bezahlen.

III. Wird Wohnen unbezahlbar?

Wer dieser Tage eine neue Bleibe sucht, muss sich auf einiges gefasst machen. Die durchschnittlichen Quadratmeterpreise für Wohnungen bei Neuvermietungen sind nach Ermittlung der Immobiliengesellschaft Jones Lang LaSalle in den vergangenen zehn Jahren in Berlin um 33 Prozent, in Hamburg und München jeweils um rund 30 Prozent gestiegen. 38 Prozent der Deutschen geben mehr als ein Drittel ihres Nettoeinkommens für Wohnen aus, weitere 35 Prozent ziemlich genau ein Drittel.

Teurer wurden auch die Eigentumswohnungen. In den vergangenen zehn Jahren stiegen die Preise in München und Hamburg um rund 30 Prozent, in Frankfurt um fast 20 Prozent. Ein Grund dafür ist, dass immer mehr Menschen in die Stadt ziehen. Dazu kommt die Angst der Deutschen vor einem Euro-Crash, weshalb sie ihr Geld eilig in Mörtel und Beton anlegen.

Betroffen vom hohen Preisanstieg sind auch Universitätsstädte wie Freiburg oder Münster. Dort liegt die Leerstands-Quote unter drei Prozent. „Damit Märkte funktionieren, braucht es eine Quote von mindestens drei bis fünf Prozent“, sagt Andreas Kunert von vdp Research.

München ist in puncto Immobilienpreise der Spitzenreiter. 14,45 Euro Miete kostet der Quadratmeter bei Neuvermietungen im Jahr 2013 im Schnitt, 5050 Euro zahlt man pro Quadratmeter bei neu errichteten Eigentumswohnungen. „Es gibt schon Preise, die nicht zu rechtfertigen sind“, sagt Kunert. „Aber im Großen und Ganzen kann man nicht von einem überteuerten Immobilienmarkt sprechen.“ Die gute deutsche Konjunktur rechtfertigte einen Preisanstieg. Inflationsbereinigt liegt er deutschlandweit seit 2010 jährlich bei gut einem Prozent. „Verglichen mit den starken Übertreibungen, die wir vor Jahren in Spanien oder Irland erlebt haben, ist das nichts“, sagt Andreas Kunert.

Das bedeutet aber nicht, dass es keine Exzesse gäbe. In Berlin etwa sind seit 2007 die Preise für Eigentumswohnungen um 30 Prozent gestiegen. Teuer wurde es vor allem in beliebten Vierteln wie Mitte, Prenzlauer Berg oder Kreuzberg, was sich letztlich auch auf die Mieten auswirkt.

Dass im gesamtdeutschen Trend die Preise nur moderat zulegen, liegt auch daran, dass 60 Prozent der Immobilien in Deutschland Einfamilienhäuser sind. Die stehen an der Peripherie, nicht in den angesagten Vierteln von Berlin, Hamburg oder München. Und: Inzwischen steigen die Preise nicht mehr so schnell wie noch vor einigen Jahren. Das hat auch mit der demografischen Entwicklung zu tun: Die Nachfrage nach Wohnraum wird in den kommenden Jahren schwächer – nur gilt das eben nicht für alle Lagen.

IV. Werden Lebensmittel immer teurer?

„Der Veggie-Schock“ titelte die »Bild« – und meinte damit den Preissprung bei Gemüse aller Art, der in der Tat erstaunlich ist: plus 48 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bei Paprika, plus 44 Prozent bei Kartoffeln, plus 22 Prozent bei Äpfeln.

Die Ursache ist schlechtes Wetter und in der Folge schwache Ernten; kurzfristige Effekte also, die Preise werden sich mittelfristig wieder normalisieren.

Nach wie vor gilt: Langfristig betrachtet waren Lebensmittel noch nie so billig wie heute.

Der Anteil, den Menschen monatlich für Nahrungsmittel und Getränke ausgeben müssen, ist nach Daten der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie dramatisch gefallen: Im Jahr 1850 lag ihr Anteil am Haushaltsbudget bei 60 Prozent, 1900 bei 55 Prozent, 1980 bei 16 Prozent und 2012 bei 12 Prozent. Zwar wird sich diese Entwicklung so nicht fortsetzen. Die großen, durch technischen Fortschritt und die Einführung industrieller Produktionsmethoden entstandenen Produktivitätszuwächse in der Agrar- und Ernährungsindustrie liegen hinter uns. Doch auch eine massive Verteuerung ist unwahrscheinlich.

Das zeigt der Deutschen liebstes Gemüse: die Kartoffel. Zwar stieg ihr Preis in den vergangenen Monaten um 44 Prozent – nachdem er aber seit dem Jahr 2000 von 1,62 Euro pro Kilo auf 0,63 Cent gefallen war, also um mehr als 60 Prozent.

V. Werden die Banken mit zu viel Geld gerettet?

Die Zahl ist atemberaubend: Rund 18,2 Milliarden Euro hatte der 2008 geschaffene deutsche Bankenrettungsfonds Soffin Ende Juni dieses Jahres in den Büchern stehen. Ein hoher, vielleicht zu hoher Preis für die deutsche Kreditwirtschaft?

Allerdings muss man sich die Entwicklung genauer ansehen: Vor sechs Monaten waren es noch 22,5 Milliarden Euro, die der Soffin vergeben hatte. Die Summe sinkt also. Das liegt an Rückzahlungen, wie sie etwa die Commerzbank bereits getätigt hat: Von den ursprünglich rund 18 Milliarden Euro an Rettungsgeldern, mit denen der Bund die Commerzbank unterstützte, bekam er bereits 13 Milliarden Euro zurück. Dieser Prozess wird sich aller Voraussicht nach fortsetzen.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie teuer die Bankenrettung ist, lohnt der historische Vergleich. Luc Laeven und Fabian Valencia, zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds, haben 2008 eine Studie dazu veröffentlicht. Die Forscher beziffern darin den Preis für die Bewältigung einer Bankenkrise, in dem sie die Kosten als Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) des jeweiligen Landes messen. Die Untersuchung liefert zwei relevante Erkenntnisse: Europa schneidet in der aktuellen Bankenkrise deutlich besser ab als die USA. Und: Früher waren Rettungsaktionen teurer als heute.

Schweden, dessen Banken 1991 schon einmal in eine massive Schieflage geraten waren, liefert ein eindrucksvolles Beispiel: 1991 mussten die Skandinavier 3,6 Prozent ihres BIP in die Rettung investieren, 2008 nur 0,7 Prozent; die Verschuldungsquote stieg 1991 um gut 36 Prozent des BIP an, 2008 nur um 11,1 Prozent. Und den Wachstumsverlust beziffern die Forscher für die frühere Krise mit 32,9 Prozent für die spätere mit 25 Prozent.

Und Deutschland? Kommt geradezu vorbildlich weg: Der Anteil der aufgewendeten Steuergelder am BIP betrug 1,8 Prozent, die Schuldenquote stieg um 17,8 Prozent, das Wachstum fiel um 11 Prozent geringer aus. Viel billiger geht’s anscheinend nicht.

VI. Lohnt sich Arbeit nicht mehr?

Fest steht: Die deutsche Volkswirtschaft entwickelt sich gut. Zwischen 2000 und 2012 stieg das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) trotz der Euro-Krise jährlich im Schnitt um 14,5 Prozent. Und wenn die Wirtschaft in dieser Zeit gewachsen ist, müssten eigentlich auch die Arbeitnehmer entsprechend mehr verdienen. Tatsächlich sind die Bruttolöhne im selben Zeitraum um 21 Prozent gestiegen, die Reallöhne – der Lohnzuwachs nach Abzug der Inflationsrate – haben sich aber praktisch nicht verändert.

In Durchschnittswerten für das Jahr 2013 sieht das so aus: Ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer verdiente im ersten Quartal ohne Sonderzahlungen im Schnitt 3398 Euro brutto im Monat. Am besten ging es den Beschäftigten von Banken und Versicherungen (4543 Euro), von Energieversorgern (4477 Euro) und in den Branchen Information und Kommunikation (4475 Euro). Am schlechtesten wird im Gastgewerbe bezahlt, wo Angestellte im Schnitt 2008 Euro bekommen.

Beeinflusst werden die Durchschnittswerte auch durch den sich ausweitenden Niedriglohnsektor in Deutschland. Im Jahr 2011 arbeiteten nach Zahlen des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen fast 24 Prozent aller Beschäftigten für einen Stundenlohn von weniger als 9,14 Euro. Auch Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung drohen in den Niedriglohnsektor abzurutschen.

VII. Den Griechen wird das Geld hinterhergeworfen

Eigentlich hätte man alles schon lange vorher wissen können: Die erste Staatspleite in der Geschichte gab es in Griechenland. Zwischen 377 und 373 vor Christus zahlten 10 von 13 griechischen Gemeinden des attischen Seebundes ihre Schulden nicht mehr an den Delos-Tempel zurück. Die Folge war der erste Staatsbankrott überhaupt. 2400 Jahre später ist Griechenland wieder pleite.

Die Regierung kann ihre Löcher im Haushalt nicht mehr durch den Verkauf von Staatsanleihen auf den Finanzmärkten stopfen, weil die keiner mehr haben will. Also sprangen die europäischen Nachbarn ein. Vergangenes Jahr wurde Griechenland von privaten Gläubigern ein Schuldenerlass in Höhe von 107 Milliarden Euro gewährt. Darüber hinaus wurden über die Europäische Union und den Internationalen Währungsfonds (IWF) 144,6 Milliarden Euro an Krediten bereitgestellt, um Griechenland zu stützen, 133 Milliarden Euro davon sind bereits geflossen. Gekostet hat das den deutschen Staat bislang nichts, da davon ausgegangen wird, dass Griechenland diese Kredite zurückzahlt. Der Finanzminister hat sogar rund 300 Millionen an Zinsen aus Griechenland eingenommen.

Der Preis für diese Geldspritzen ist hoch. Um aus der größten Staatspleite, die je ein Land hingelegt hat, herauszukommen, wurden der griechischen Regierung harte Bedingungen auferlegt: Sie muss sparen und Staatsunternehmen privatisieren, den Arbeitsmarkt liberalisieren, das Steuersystem reformieren, das Gesundheitssystem effizienter machen.

Derartige Auflagen sind üblich bei Hilfskrediten von Staaten oder internationalen Organisationen. Der IWF hat einige Erfahrung im Umgang mit Staatspleiten, und die dort tätigen Ökonomen erschrecken auch nicht vor hohen Summen, die zur Rettung von Pleiteländern nötig sind.

1995 war Mexiko zahlungsunfähig. Der IWF und die US-Regierung stellten 41 Milliarden Dollar an Hilfskrediten bereit, 32,4 Milliarden Dollar (48,2 Milliarden Dollar nach heutigem Wert) wurden davon abgerufen. Im Gegenzug verpflichtete sich das Land zu Strukturreformen. 1997 brach die Asienkrise aus. Auch hier zückte der IWF das Scheckbuch. Thailand erhielt Kredite in Höhe von 20,1 Milliarden Dollar, Indonesien in Höhe von 46,1 Milliarden Dollar und Südkorea in Höhe von 57 Milliarden Dollar. Insgesamt wurden im Verlauf der Asienkrise rund 123 Milliarden Dollar an Krediten vergeben, nach heutigem Wert etwa 176 Milliarden Dollar.

Nicht immer ist sichergestellt, dass diese enormen Summen tatsächlich an die richtige Stelle gelangen. 1995 und 1996 war Russland bankrott. Der IWF überwies im Juli 1998 einen Hilfskredit in Höhe von 4,8 Milliarden Dollar. Doch das Geld kam nie an. Es verschwand auf Auslandskonten russischer Regierungsmitglieder. ---

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