Ausgabe 10/2013 - Gute Frage

Warum kriegen Wohlhabende weniger Kinder?

• Südkorea erscheint wie ein Land, in dem man guten Gewissens Kinder in die Welt setzen kann: Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen ist zwischen 1980 und 2012 von 2300 auf knapp 31 000 Dollar gestiegen. Das Bruttoinlandsprodukt soll in diesem Jahr um etwa 3,6 Prozent wachsen, und die Arbeitslosenquote liegt mit 3,4 Prozent unter der Deutschlands. Das Land hat erfolgreiche Firmen wie etwa Samsung, LG Electronics und Hyundai hervorgebracht und eine höhere Innovationsleistung als die EU. Doch seit die Wirtschaftsindikatoren nach oben weisen, kennt die Kurve der Geburtenrate nur eine Richtung: steil nach unten. 1960, als Südkorea zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte, bekamen die Frauen im Schnitt 6,2 Kinder. Heute sind es nur noch 1,2.

Südkorea ist kein Sonderfall: Zwischen 1960 und 2011 fielen die Geburtenraten in Mexiko von 6,8 auf 2,3, in Brasilien von 6,2 auf 1,8 und in der Türkei von 6,1 auf 2,1 Kinder pro Frau. Die Liste ließe sich fortsetzen mit allen Ländern, die in diesem Zeitraum einen nennenswerten wirtschaftlichen Aufschwung geschafft haben: Steigt das Pro-Kopf-Einkommen, sinkt die Geburtenrate. In der Wissenschaft wird dieses Phänomen das demografisch-ökonomische Paradoxon genannt. Denn sollte nicht gerade ein Mehr an materieller Sicherheit die Entscheidung für Nachwuchs erleichtern? Warum kriegen Frauen mit zunehmendem Wohlstand weniger Kinder?

Die Erklärung, die Ökonomen und Demografen dafür geben, erschüttert die Vorstellung vom Kinderglück, von der Familiengründung als emotionaler Entscheidung. Ökonomisch betrachtet handelt es sich um eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung. Und die verschiebt sich mit steigendem Wohlstand zuungunsten des Nachwuchses. Für diese ökonomische Theorie der Fertilität hat deren Mitbegründer Gary Becker 1992 den Wirtschaftsnobelpreis erhalten.

Fehlende Optionen führen zu Kinderreichtum

Demnach haben Kinder einen Nutzen: immateriell, weil sie Freude bereiten, und materiell, weil sie später ihre Eltern unterstützen und versorgen können. Sie verursachen aber auch Kosten: direkt, weil sie zum Beispiel Nahrung und Kleidung brauchen, und indirekt, weil die Frau während der Schwangerschaft und meist auch danach auf ihr Einkommen oder zumindest einen Teil davon verzichten muss.

Letztere sind die sogenannten Opportunitätskosten, und diese steigen mit wachsendem Wohlstand. „Je besser die Frauen verdienen, desto teurer werden die Kinder“, sagt Stefan Fuchs, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Demographie.

Hinzu kommt, dass der materielle Nutzen von Kindern in wohlhabenderen Gesellschaften abnimmt. Sie werden nicht mehr als Arbeitskräfte auf dem Feld gebraucht und in aller Regel auch nicht mehr für die Altersvorsorge. Dafür steigen die direkten Kosten für den Nachwuchs, wenn die Eltern zum Beispiel Wert auf eine bessere Bildung legen.

Außerdem nehmen in modernen Gesellschaften auch die sogenannten biografischen Optionen zu. Eine Familie zu gründen und Kinder zu kriegen wird zu einer Möglichkeit von vielen, das Leben zu gestalten. „Die Menschen in allen wohlhabenden Ländern machen einen ähnlichen Kulturwandel durch hin zu einer stärkeren individualistischen Lebenseinstellung“, sagt Fuchs. Sein Kollege Detlev Lück vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) ergänzt: „Die Menschen sorgen sich weniger darum, wie sie überleben, sondern wie sie es schaffen, angenehm zu leben.“ Reisen, studieren, ins Ausland gehen, ein teures Hobby pflegen – es gibt viele Möglichkeiten im Leben, und die Gründung einer Familie ist nur eine davon.

Das erklärt auch den Nachkriegs-Babyboom. Die Leute waren einen relativ niedrigen Lebensstandard gewohnt. Im Aufschwung nach dem Krieg kamen sie sich nun wohlhabend vor, aber wussten nicht, wofür sie ihr Geld ausgeben sollten: Popkultur, Mopeds und andere kostspieligere Konsumgüter kamen gerade erst auf. „Ihnen fiel gar nichts anderes ein, als zu heiraten und Kinder zu bekommen“, sagt Fuchs.

Diese Erklärungen stehen in engem Zusammenhang mit der Emanzipation der Frau. In patriarchalischen Gesellschaften hat sie wenige Gestaltungsräume außerhalb der Familie. In Gesellschaften dagegen, in denen Gleichberechtigung angestrebt wird und mehr Frauen außerhalb der Familie erwerbstätig sind, nehmen sowohl die Opportunitätskosten zu, das heißt der entgangene Wohlstand durch das Kinderkriegen, als auch ihre persönlichen Wahlmöglichkeiten.

Die Welt driftet also nicht nur beim Wohlstand auseinander, sondern auch bei den Geburtenraten. Die höchste der Welt hat Niger mit sieben Kindern pro Frau, danach folgen eine Reihe afrikanischer Staaten wie Mali und Somalia mit je etwa sechs Kindern pro Frau. „90 Prozent des künftigen weltweiten Bevölkerungswachstums kommt aus Schwarzafrika“, sagt Stefan Fuchs.

Deutschland steht mit der niedrigen Rate von 1,4 Kindern pro Frau zwar am unteren Ende der Tabelle, aber keineswegs allein da. Laut der Vereinten Nationen hatten im Jahr 2012 67 Länder Geburtenraten unter der Grenze von 2,1 Kindern pro Frau, bei der ohne Zuwanderung die Bevölkerung stabil bleibt.

Uneins sind sich die Demografen, ob sich der Trend zur Kinderlosigkeit umkehren lässt, zum Beispiel durch eine Familienpolitik, die Eltern Beruf und Kinder besser vereinbaren lässt und damit die Opportunitätskosten senkt. „Wenn die Politik zum Beispiel flächendeckend Einrichtungen zur Kinderbetreuung schafft, kann es gelingen, die Geburtenraten wieder steigen zu lassen“, sagt Detlev Lück vom BiB. Ein Forscherteam der Universität von Pennsylvania meinte, in einer Studie zeigen zu können, dass sich in Ländern mit einem sehr hohen Entwicklungsstand der Trend tatsächlich wieder umkehrt, unter anderem durch die bessere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt.

Die Möglichkeiten der Politik sind begrenzt

Stefan Fuchs von der Deutschen Gesellschaft für Demographie zweifelt daran. Zwar könne Familienpolitik den Rückgang der Geburtenraten etwas abfedern. Doch in Ländern wie Frankreich und Dänemark sei die Rate mit etwa 2 beziehungsweise 1,9 Kindern pro Frau auch deshalb höher als in Deutschland, weil sie von vornherein eine höhere Ausgangsquote hatten.

„Außerdem hängt die Geburtenrate eines Landes auch davon ab, wie groß der Bevölkerungsanteil ist, der den kulturellen Wandel zu mehr Individualismus mitmacht“, sagt Fuchs. Die USA zum Beispiel hätten eine etwas höhere Geburtenrate als Deutschland, weil sich religiöse Gruppen wie die Mormonen dem entgegenstellten. Fuchs: „Solange aber ein Großteil der Bevölkerung bestehende materielle Aspirationen hat, können Sie so viele Krippenplätze bauen, wie Sie wollen.“ „An den Geburtenraten wird sich nicht viel ändern.“ ---

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