Ausgabe 10/2013 - Schwerpunkt Normal

Unter Strom

Carsten Blüm

Carsten Blüm, 42, Hamburg, hat Kulturwissenschaften studiert und arbeitet seit 13 Jahren als selbstständiger Programmierer

„Gelassenheit, auch mal ,scheiß drauf‘ sagen – das sind ganz wichtige Punkte. Denn alles, was ich wissen muss, schaffe ich mir selber drauf. Würde ich aber alles Neue auch nur einen Tag ausprobieren, käme ich nicht mehr zum Arbeiten.

Ich schreibe Software für das Web: Shops, Content Management, Datenbanken und konzentriere mich auf die entsprechenden Sprachen wie etwa Javascript. Mobile Anwendungen, Film, Konzeption – sich als Einmannunternehmen derart aufzublasen wäre Quatsch.

Fakt ist: Wenn du in deinem Bereich nicht auf dem neuesten Stand bist, hast du wenig Chancen. Die IT-Welt ist gut vernetzt. Neue Programmiersprachen kommen von Hochschulen oder den Big Playern wie etwa Google, neue Anwendungen kommen aus Firmen oder von Bastlern, die Lösungen entwickeln und dann via Open Source teilen. So wird das Ökosystem, etwa um bestimmte Programmiersprachen herum, immer größer.

Zum Glück vollziehen sich die meisten Veränderungen evolutionär, sodass einmal gelegte Grundlagen nicht plötzlich obsolet werden. Aber es braucht einen gewissen Perfektionsdrang, um sich dem Wandel zu stellen. „Wenn ich einen Hammer habe, ist jedes Problem ein Nagel“ – diese Einstellung wäre tödlich.

Die Innovationsflut kann auch ein Segen sein, weil sie einem frei Haus Bausteine liefert, aus denen man seine Anwendungen konstruieren kann. Die Kunst ist es, auszuwählen, was man wirklich braucht. Ich springe immer nur dann an, wenn ich das Gefühl habe: Darauf habe ich schon lange gewartet. Und wenn ich glaube, dass es meinen Kunden wirklich nützt. Alles andere lasse ich an mir vorbeirauschen. Ich lese viele Fachzeitschriften und Blogs, schreibe Listen. Da stehen immer 20 bis 30 Sachen drauf, die ich mal ausprobieren möchte. Wozu ich natürlich nicht komme – was auch nicht verkehrt ist, weil sich mit der Zeit viele angeblich tolle Neuerungen von selbst erledigen.

Wenn ich wirklich etwas Neues ausprobieren will, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ich setze es probeweise in einem Kundenprojekt ein – was viel Arbeit macht. Oder ich nutze es für ein privates Projekt, wobei ich auch zufrieden bin, wenn es nicht klappt, weil auch das einen Erkenntnisgewinn bringt. Ich kann nur lernen, wenn ich ein Problem habe, arbeite es Schritt für Schritt ab. Dafür kaufe ich nur selten Fachbücher, sondern recherchiere im Internet – es gibt kaum ein Problem, für das sich dort keine Lösung findet. Und sei es in einem zwei Jahre alten Blog-Post eines mexikanischen Entwicklers. Das Gesamtkunstwerk muss ich dann freilich noch selber schaffen.“

Tobias Kämpf

Tobias Kämpf, 35, München, ist Soziologe am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung; seit Jahren untersucht er die Arbeitswelt in der IT

„IT-Arbeiter sind nicht mehr wie einst die genialen Helden, sie sind normale Mitarbeiter geworden wie in anderen Branchen auch. Sie wurden entzaubert und befinden sich nun auf dem Boden der Tatsachen einer modernen Arbeitswelt. Man kann von einer regelrechten Zeitenwende sprechen. Bis zum Zusammenbruch der New Economy war die IT nahezu eine reine Erfolgsstory steten Wachstums, ein Hort auch für Quereinsteiger, die tolle Karrieren machen konnten. Entwickler waren oft wie Künstler, die ihre Aufgaben so erledigten, wie sie es für richtig hielten, hemdsärmelig und frei. Sie programmierten, betreuten die Systeme, pflegten den Kontakt mit Kunden; sie sammelten so lange Spezialwissen, bis sie die Einzigen waren, die die Systeme noch verstanden. Dadurch hatten sie Macht, waren auch als Einzelpersonen unverzichtbar. Für das Management war die IT-Abteilung eine Blackbox – was funktionierte, solange die Geschäfte liefen.

Als die Dotcom-Blase platzte, war es plötzlich vorbei mit dem Wachstum, zudem traten neue Wettbewerber etwa aus Indien auf den Plan. Die Branche geriet unter ökonomischen Druck, der bis hinein in die Technik-Abteilungen wirkte. Es begann die Industrialisierung der IT-Arbeit. Seitdem ist alles anders.

Denn Industrialisierung heißt vor allem Standardisierung – und zwar nicht nur bei der Software selbst. Auch die Arbeitsprozesse wurden für viele Spezialisten uniform. Plötzlich gab es Standards für die einzelnen Schritte in der Software-Entwicklung. Von der Entwicklung über den Support bis hin zur Kundenpflege gab es nun überall speziell Zuständige, hinzu kam eine Hierarchisierung etwa des Supports. Die Handlungsfreiheit des Einzelnen nahm rapide ab. Für alles wurden auf einmal Prozesse und Kennziffern geschaffen, an die man sich halten musste. So haben sich komplizierte Kontrollmechanismen etabliert, Aufträge werden nur noch abgearbeitet – zumindest ist das die Wahrnehmung vieler Mitarbeiter.

Ein wichtiges Ziel in vielen Unternehmen war, sich unabhängig zu machen von einzelnen IT-Fachleuten. Und die gerieten ab 2003 zusätzlich unter Druck, als die Diskussion über die Verlagerung von Arbeit in billigere Regionen wie Indien oder Osteuropa begann. Zum ersten Mal waren Hochqualifizierte davon betroffen – die Verunsicherung deswegen hält bis heute an. Nur eines hat sich nicht geändert: Die Anforderungen an IT-Arbeiter sind hoch oder sogar noch gestiegen.

Wie wirkt sich all das auf die Leute aus? Oft hört man: Es geht nur noch um Zahlen, nicht mehr um den Menschen. Viele erleben sich heute wie in einer ewigen Probezeit, müssen immer wieder neu beweisen, dass sie die Vorgaben erreichen. Was schwierig ist, weil ihnen oft die dafür notwendigen Ressourcen fehlen. Zusätzliche Mitarbeiter, Freistellung von anderen Aufgaben – davon können sie meist nur träumen. Folglich gehen sie oft über ihre eigenen Leistungsgrenzen hinaus – in manchen von uns untersuchten Bereichen arbeiteten knapp die Hälfte der IT-ler an der Grenze zum Zusammenbruch.“

Josef Adersberger

Josef Adersberger, 33, München, ist Mitgründer und Geschäftsführer des Software-Dienstleisters QAware GmbH; das Unternehmen mit rund 50 Mitarbeitern entwickelt, optimiert und saniert große, individuelle Software-Systeme für Firmenkunden

„Die Technologien, die wir für unsere Arbeit brauchen, unterliegen sehr kurzen Inno­vationszyklen. Unser Wissen reicht vielleicht ein Jahr, dann sieht die Welt ganz anders aus. Als Unternehmen müssen wir es also schaffen, dass Veränderungen zur Gewohnheit werden. Das kostet Geld, Kraft und Zeit – macht aber Spaß.

Unsere Welt dreht sich so schnell, weil Rechenleistung, Datenmengen und die Komplexität der Software exponentiell zunehmen. Zudem werden die firmeninternen IT-Abteilungen kompetenter und anspruchsvoller – die wollen kapieren, was wir machen. Und es geht heute nicht mehr nur um Funktionalität, sondern auch um Benutzerfreundlichkeit, Sicherheit. So wird Bestehendes immer wieder infrage gestellt.

Grundsätzlich glaube ich, dass gut ausgebildete und klar denkende Informatiker sich an jede Veränderung anpassen können. Sie müssen sich aber kontinuierlich mit dem Neuen befassen und aus jedem Hype den wertvollen Kern herausfiltern.

Für uns heißt das, dass unsere Mitarbeiter acht Tage im Jahr auf Weiterbildung gehen, dass sie sich zudem fünf Tage im Jahr frei mit einer neuen Technologie beschäftigen können. Auch wechseln sie regelmäßig die Aufgaben, damit sie neue Techniken kennenlernen. Und wir lassen diese Veränderungen wirken, schaffen geistigen Freiraum dafür. Bei uns gilt der Acht-Stunden-Tag, man kann sich zurückziehen in Arbeitsräume mit Couch, aber ohne Telefon, und wenn einer seine selbst gebastelte rote Ampel auf den Tisch stellt, darf man ihn nicht ansprechen. Zudem achten wir auf eine gute Mischung aus Technologen, Beratern, Managern, Kombinierern.

Anonymus, arbeitet seit 15 Jahren bei einem TV-Sender; seit zehn Jahren als verantwortlicher System-Administrator; er kümmert sich um die Hard-und Software des Sendebetriebs

„Ganz ehrlich: Ich bin extrem überlastet. Es heißt ja, nur Projektphasen seien besonders stressig. Da kann ich nur lachen. Bei mir ist immer Projekt. Wir denken uns Systeme aus, bauen Hardware auf, programmieren, und wenn ein Mitarbeiter anruft, machen wir uns auf die Socken.

Mein Sender ist stark gewachsen, aber wir sind in unserer Abteilung nach wie vor nur zu dritt. Mit der Zeit muss ich immer mehr allein entscheiden, ich bin rund um die Uhr verfügbar. Ein Mädchen für alles, das auf alles eine Antwort haben muss. Zum Glück gelingt mir das meist. Ich schaue nicht einfach bei Google nach, sondern erbitte mir Zeit zum Nachdenken.

Allerdings die Zeit ist das Problem. Zwar wurden einfache Tätigkeiten wie das Kopieren und Prüfen von Dateien automatisiert, aber mehr Luft verschafft mir das nicht, denn drum herum wird die Arbeit immer komplexer. Vor zehn Jahren konnte ich noch viel ausprobieren, heute muss alles zack, zack gehen. Zudem soll ich aufs Geld achten und für fünf Jahre im Voraus in die Glaskugel gucken. Wenn ich etwa Speicher einkaufe, muss ich wissen, wie viele Daten die operativen Abteilungen künftig produzieren werden. Und weil die mir das oft selbst nicht sagen können, muss ich mich immer tiefer in deren Geschäft hineinarbeiten.

Als reiner Techniker kommst du heute nicht weit. Druck kommt auch von externen Anbietern. Bei Hardware etwa muss ich auf die Angaben der Hersteller vertrauen – aber wenn ich dann teste, stimmen die oft nicht. Getestet wird beim Kunden, das war vor zehn Jahren definitiv anders.

Im Grunde genommen jage ich als IT-Anwender ständig den Lieferanten hinterher, deren kurze Innovationszyklen für mich eine echte Belastung sind. Besonders gravierend ist das bei Software, die seit etwa fünf Jahren vor allem Standardware ist. Mitunter vergehen kaum zwei Monate, bis ein Anbieter mit einer neuen Version um die Ecke kommt und die alte Variante nicht mehr unterstützt.

Das stellt mich vor große Probleme, denn Standard heißt ja nicht, dass die Arbeit leichter wird. Du willst nur Birnen, musst aber Äpfel dazukaufen – du bekommst immer Anwendungen im Paket mit, die du nicht brauchst und die dir deine individuellen Systeme zerschießen. Also musst du Software und Systeme anpassen. Und wenn du damit fertig bist, ist die ursprünglich eingekaufte Version wieder obsolet, also programmiere ich am Ende wieder selbst. Kein Wunder, dass ich vor allem mit Reparaturarbeiten beschäftigt bin.

Mitunter empfinde ich meine Arbeit als echte Gratwanderung. Ich habe einen gewissen Anspruch, muss aber nicht selten Systeme scharf schalten, die noch nicht wirklich fertig sind. Das gefährdet zwar nicht den Sendebetrieb, stört mich aber sehr. In dieser Branche findet man einfach keine Ruhe.

Ich wünsche mir mehr Weiterbildung, auch ganz freien Wissenserwerb, damit man nicht nur reagieren, sondern auch agieren kann, schließlich reicht das aktuelle Wissen höchstens ein Jahr. Aber damit ist es nicht weit her. Zwar habe ich Trainings, aber nur bei Zulieferern. Firmeneigene Weiterbildung gibt es gar nicht – das Management ist froh, wenn wir und die Systeme funktionieren.

Wirklich Neues ausprobieren kann ich nur in meiner Freizeit, zum Beispiel wenn ich etwas für Smartphones programmiere oder mir eine Videoüberwachungs-Software schreibe. Mit den dabei gewonnenen Kenntnissen kann ich wenigstens die richtigen Fragen stellen, wenn mir mal wieder einer einen ganz tollen Speicher verkaufen will.

Warum ich den Job nicht quittiere? Es ist komisch, aber er macht mir immer noch Spaß. Meine Arbeit ist mein Hobby, und wer mich am meisten unter Druck setzt, bin ich selbst. Aber ich werde älter, und ich glaube nicht, dass ich noch lange in diesem Tempo weitermachen kann.“ ---

Die deutsche IT-Branche in Zahlen

Umsatz mit Informationstechnik 2012 73,4 Mrd. Euro
davon Hardware 21,4 Mrd. Euro
IT-Services 34,9 Mrd. Euro
Software 17,1 Mrd. Euro
Zahl der Informationstechnik- und Telekommunikationsfirmen (ITK) 85080
davon Software & IT-Services 78469
Beschäftigte IT-Fachkräfte in der gesamten Wirtschaft 554 500
Anteil Quereinsteiger in der ITK-Branche 18 Prozent
Arbeitslose IT-Fachkräfte 27624
Offene Stellen für IT-Experten Gesamtwirtschaft 43 000
Durchschnittliches Jahresbruttogehalt in der ITK-Branche 59 000 Euro
Studienanfänger im Fach Informatik 50898
Abbrecherquote 50 Prozent
Quelle: BITKOM

Welche Mitarbeiter werden von ITK-Firmen gesucht?

75 Prozent der Unternehmen suchen: Software-Entwickler
24 Prozent der Unternehmen suchen: IT-Berater
23 Prozent der Unternehmen suchen: Marketing- und Vertriebsspezialisten
20 Prozent der Unternehmen suchen: Anwendungsbetreuer und Administratoren
8 Prozent der Unternehmen suchen: Projektmanager
7 Prozent der Unternehmen suchen: IT-Sicherheitsexperten

Für welche Aufgaben werden Mitarbeiter gesucht?

31 Prozent der Unternehmen suchen für: betriebswirtschaftliche Aufgaben
28 Prozent der Unternehmen suchen für: IT-Sicherheit
27 Prozent der Unternehmen suchen für: Cloud Computing
13 Prozent der Unternehmen suchen für: Social Media
12 Prozent der Unternehmen suchen für: Programmierung mobiler Webseiten und Apps

Quellen: Bundesagentur für Arbeit

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