Ausgabe 10/2013 - Markenkolumne

Leysieffer Pralinen

Sylt sei Dank

• Der Chef Jan Leysieffer empfängt bei Kaffee und Pralinen im pechschwarz gekachelten Verwaltungsbau im Gewerbegebiet Osnabrück-Atter nahe der Autobahn. Die Firmenfarbe – in der auch Verpackungen, Lkw und Läden gehalten sind – ist eine Herausforderung für das Reinigungspersonal. Aber Jans Vater Axel Leysieffer hat sich nun einmal auf Schwarz festgelegt und anfänglichen Spott über seine „Pralinensärge“ ertragen.

Die Geschichte gab ihm recht. Mit dem ungewöhnlichen Corporate Design und seiner Entscheidung, Anfang der Achtzigerjahre auf Sylt ein eigenes Bistro aufzumachen, gelang es ihm, bundesweit auf die Marke aufmerksam zu machen. Jan Leysieffer hat jüngst in Keitum die vierte Filiale auf der Nordseeinsel eröffnet.

Die dortige Präsenz ist nützlich für die Osnabrücker Zuckerbäcker, weil viele Leute denken, dass alles, was auf dem Eiland der Reichen und Schönen angeboten wird, auch besonders fein sein muss. Manch einer meint sogar, bei Leysieffer handele es sich um eine Sylter Marke.

Jan Leysieffer mag die Insel, betont aber, dass er mit der dortigen Bussi-Bussi-Gesellschaft nichts zu tun habe. Er ist ein bodenständiger Mensch, der wie sein Vater Konditor gelernt und seinen Meister gemacht hat, um die Familienfirma fortzuführen. Gern öffnet er die Türen zur Produktion, wo Kuchen gebacken, Marmelade gekocht, Marzipan geformt und Pralinen mit Eichenblättern verziert werden. Alles in Handarbeit, nur die „Himmlischen“ – in Zucker gewälzte Sahnetrüffel, für die das Unternehmen bekannt ist – laufen vom Band.

Leysieffer ist das Gegenmodell zum industriellen Tortenbäcker Coppenrath & Wiese, der seinen Sitz nicht weit entfernt hat. Der Senior-Chef Axel Leysieffer taucht noch regelmäßig in aller Herrgottsfrühe auf, um in den Backstuben nach dem Rechten zu sehen. Die Familie ist nicht auf Masse aus, dafür aber stets am Puls der Zeit. So erkannte sie früh den Trend zu exotischen Schokoladen mit Chili, Meersalz oder Wasabi, für die Kunden bereit sind, ein Vielfaches des Preises zu bezahlen, der für Supermarktware fällig wird. Als Hit erwies sich die Tafel mit 99 Prozent Kakaoanteil, „nicht unbedingt meine Welt“, so Jan Leysieffer – „aber manchen Männern kann es nicht bitter genug sein“.

Mittlerweile sieht der 45-jährige Vater zweier Kinder sein Unternehmen auf dem deutschen Markt „gut aufgestellt“. Potenzial gebe es vor allem im Online-Handel, der allerdings zu seinem Leidwesen unter dem heißen Sommer litt; bei tropischen Temperaturen kann die empfindliche Ware nicht per Post versendet werden. Und Leysieffer denkt daran, ins Ausland zu expandieren, vorzugweise in Länder wie Japan oder das Emirat Dubai, wo man deutsche Marken schätzt und bereit ist, für Spezialitäten tief in die Tasche zu greifen.

Er selbst scheint seinen Naschimpuls übrigens gut im Griff zu haben: Leysieffer lässt die Pralinen auf dem Tisch vor sich unberührt. Er müsse sich „da etwas einbremsen“, damit er in Form bleibe. Bislang ist ihm das gut gelungen. ---

Ulrich Leysieffer eröffnet 1909 mit seiner Frau Emilie ein Konditorei-Café in Osnabrück und hebt sich durch Qualität von der Konkurrenz ab. 1936 beginnt er dort mit der Herstellung von Pralinen. Im Zweiten Weltkrieg wird das Ladengeschäft zerstört, 1950 eröffnet es Karl Leysieffer, der Sohn des Gründers, wieder. Im selben Jahr kreiert er auch die „Himmlischen“, Kalorienbomben, die sich zum Renner entwickeln. Mitte der Sechzigerjahre steigt der Konditor in den Versandhandel ein. 1967 übernimmt mit Axel Leysieffer die dritte Generation das Ruder. Er verlegt die Produktion ins Gewerbegebiet, eröffnet Filialen in anderen Großstädten und auf Sylt. Dort macht er in einem heißen Sommer eine traditionelle Leckerei wieder populär, die bis heute mit der Marke verbunden wird: rote Grütze. Jan Leysieffer steigt 1993 ins Geschäft ein und übernimmt 2002 die Leitung. Die Familienfirma wirtschaftet nach dem Motto: Alles Wichtige machen wir selbst. So ist Jan Leysieffers Frau Sylvia für das Verpackungsdesign zuständig.

Leysieffer GmbH & Co. KG
Mitarbeiter: 450 
Umsatz 2012: etwa 20 Millionen Euro 
Zahl der Artikel: rund 1500 
Gewinn: k. A.

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