Ausgabe 10/2013 - Kolumne

Manfred Klimek Kolumne

Mein Leben gehört mir – Denkste!

• Wikipedia ist ein sympathisches Projekt, weil es allen das Brauchbare, Notwendige und Überflüssige in mehreren Sprachen gratis zugänglich macht. Der deutschstämmige Farmer in Namibia kann so alles über Störtebeker, Schliemann, Stauffenberg und Schweinsteiger erfahren und muss nicht mehr von Lüderitz nach Windhoek tuckern, um dort zwölf Kilo Brockhaus zu kaufen.

Die Autoren der Online-Enzyklopädie sind selbstausbeutend fleißige Menschen, meist Männer, in der Mehrzahl Akademiker, allesamt wissbegierig und mitteilsam. Sie tragen graue Bärte, die an wirre Haare andocken, riechen etwas ungepflegt und essen Pizzaschnitten. So zumindest in meiner Vorstellung.

Wikipedianer sind ehrenamtlich im Dienste der Allgemeinheit tätig. Deswegen sind sie meist so mittellos wie ihre Organisation. Aus Mitleid und zugunsten meines überwiegend beschädigten Karmas beschloss ich vor zwei Jahren, monatlich einen angemessenen Betrag an Wikipedia zu überweisen. Was ich nicht wusste: Ich fütterte die Hand, die mich beißen sollte.

Denn irgendwann kam einer auf die Idee, einen Wikipedia-Eintrag über mich zu verfassen. Viele würden jetzt sagen: „Toll, was für eine Ehre.“ Ich jedoch sage: „Lasst mich in Ruhe, ihr Wiki-Wichtigmacher-Wichtel.“ Und dafür habe ich gute Gründe.

Mein Autor heißt PaSova. Ich weiß: Viele minder bedeutende Personen stiften Wikipedia-Autoren dazu an, einen Eintrag über sie zu verfassen, damit ihre meist von tiefen Demütigungen gezeichnete Persönlichkeit Wert durch Wahrnehmung bekommt. Ich kenne ihn nicht. Ehrenwort!

PaSova wusste nicht viel über mich: Wohnorte waren falsch, manche Zeitangaben auch. Aber PaSova hielt mich auch ohne ausreichende Recherche für biografisch relevant. Dem kann ich zustimmen, vor allem meine Porträtfotografie (mein eigentlicher Beruf) hat von Anfang an eine eigenständige und schwer kopierbare Handschrift verfolgt. Denke ich mal.

Die Fotografie war PaSova allerdings egal. Er porträtierte mich als Wein-Enthusiasten, als Betreiber einer Weinplattform im Netz, als Bildkünstler für Kochbücher und als Teilhaber eines Weinguts in der Toskana. Das ist alles richtig. Doch sind das weder die Tätigkeiten, von denen ich hauptsächlich lebe, noch die Tätigkeiten, die ich als wichtig erachte. Rechtfertigen die Nebenschauplätze einen Wiki-Eintrag? Ich denke nein.

Das dachte sich auch der erste Kommentator zum Eintrag von PaSova: Er bezeichnete mich als Mensch, der „keine Bedeutung für die Gesellschaft hat“. Nachsatz: „Bitte löschen.“ Und weil er die Buchstaben vergrößerte und fett machte, muss ich annehmen, dass er mich wirklich hasst.

Der zweite Eintrag stammte von einem ehemaligen Arbeitgeber, einem Herausgeber, der mich mag, obwohl ich vor zehn Jahren nur Unruhe in sein Blatt brachte. Darüber sah dieser noble Charakter hinweg und besserte aus, was er für ausbesserungswürdig hielt. Er hatte die Rechnung ohne PaSova gemacht. Der änderte die Änderungen, ohne auch nur darüber nachzudenken, ob sie eventuell richtig sein könnten. Das rief einen Wikipedia-Mentor auf den Plan, der PaSova maßregelte. Der keifte zurück und unterstellte meinem ehemaligen Herausgeber Vandalismus. Mittlerweile beschäftigten sich vier Personen mit dem Eintrag, und ich hatte keine darum gebeten. Es wurde Zeit, sich einzuschalten.

Zuerst sah ich mir PaSova näher an. Inzwischen unterhielten wir einen unterkühlten Schriftverkehr, der mir klarmachte, dass er es als Anmaßung verstand, Kritik oder Einwände gegen seine Artikel vorzubringen. Der Mann war zutiefst überzeugt, richtig über mich recherchiert zu haben. Doch wie hatte er mich auf den Kieker bekommen?

Der Grund ist einfach: Ich habe einen slawischen Nachnamen. Und PaSova, so kann man in seinem Wiki-Profil nachlesen, spricht Russisch und hat eine Vorliebe für slawische Namen oder osteuropäische Themen. Es ist also keine falsche Annahme, in PaSova einen Entwurzelten oder Wurzelsuchenden zu vermuten, eventuell ein Russlanddeutscher, der in alphabetischer Reihenfolge nach slawischen Namen und Themen sucht, um sein slawisches Selbst im Slawischen der anderen zu suchen – und nun beim Buchstaben K angelangt war.

Herrenmenschengelüste

Sie halten das für zu viel Spekulation? Mag sein. Aber es ist genauso Spekulation, mich als beiläufig knipsenden Weinenthusiasten wahrzunehmen. Sie sagen, ich hätte PaSova eine Mail schicken sollen, um herauszufinden, ob meine Annahme richtig ist? Stimmt. Aber PaSova hat mir auch keine Mail geschickt und mich gebeten, zu überprüfen, ob seine Recherchen mit der Wahrheit übereinstimmten. Denn das schickt sich nicht für Wikipedia-Autoren. Da wird nicht nachgefragt, sondern im Netz recherchiert. Im Netz steht die Wahrheit, die PaSova nach seinem Gutdünken gewichten kann.

Wikipedia-Autor kann jeder werden. Wer sagt mir, dass Horst Seehofer nicht nachts Einträge über Leute aus der zweiten Reihe seiner Partei schreibt. Leute, die er loswerden möchte? Dazu möchte ich jemanden bei Wikipedia fragen; eine Kontaktperson, die die Organisation dazu verpflichtet hat, mit Quälgeistern wie mir zu reden.

Bei Wikipedia kann man wählen, mit wem man reden will. Die Gesprächspartner stellen sich selbst dar, und ich habe mir den witzigsten ausgesucht, den Einäugigen unter den Fadgas-Versprühern. Doch seine Antwort war ernüchternd: Er verwies auf irgendwelche Statuten und dass man dagegen nichts machen könne. Kafka hätte seine Freude gehabt.

Also traf ich mich mit einem ausgestiegenen Wikipedianer. Aussteiger sind meistens so dubios wie jene, die überzeugt dabeibleiben, denn sie handeln aus persönlicher Enttäuschung oder Rachegelüsten. Scientology-Flüchtlinge lassen mich regelmäßig überlegen, ob ich mich nicht von Tom Cruise anheuern lassen soll. Hat der ein schlechtes Leben? Nein.

Mein Wikipedia-Aussteiger wollte sich nicht mehr die Zeit stehlen lassen, als er vor gut einem Jahr seine Tätigkeit als deutscher Mentor ruhen ließ. Er sagte, dass die Dämme gebrochen seien, seit sich herumgesprochen habe, dass jeder Wiki-Autor werden könne. Das Ende des Projektes sei nur eine Frage der Zeit, denn die Reputation leide unter dieser Totaldemokratie, die scheitern müsse, weil einige Autoren – vor allem jene, die Porträts und Biografien verfassen – Herrenmenschengelüste an den Tag legten und diese streitbar verteidigten. Er erkenne eine gewisse Freude, mit Gewichtung und Sprache eines Eintrags eine Person hervorzuheben oder herunterzumachen. Leider, so sagte er, stehe in Deutschland das Herabwürdigen im Vordergrund. Deswegen würden die gewissenhaft recherchierenden Autoren von schlampigen Egomanen abgelöst, die bald die Mehrheit stellten. „Es ist wie so oft, das Mittelmaß beerdigt das Erhabene.“

Das Erhabene ist mir dann zu schwülstig, ich erkenne den Sektencharakter der Gründerclique und kehre zu meinem Eintrag zurück, der mich immer noch juckt, wie eine Pustel in der Pubertät. So schleiche ich mich nachts wie ein Einbrecher in die Sätze PaSovas, bessere seine Fehler aus und erdreiste mich, Stilblüten auszumerzen und Formulierungen wieder auf das Gleis der deutschen Sprache zu heben. Russlanddeutscher, da bin ich sicher.

Und siehe da: PaSova gibt mir mein Leben zurück. Offenbar ist er schon beim Buchstaben M angelangt und streitet mit dem Neffen von John Malkovich, ob dieser zwischen 2007 und 2011 in San Francisco oder Mountain View gelebt hat. Mein Beitrag scheint aus seinem Fokus gerückt. Uff. ---

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