Ausgabe 10/2013 - Schwerpunkt Normal

Ratsgymnasium Wolfsburg

„Mann, zwei Kinder, Haus, Auto“

Ratsgymnasium in Wolfsburg
Wolfsburg, Pestalozziallee 2. Das Ratsgymnasium hat 782 Schüler in 23 Klassen.

• Nimmt man die aktuelle Shell Jugendstudie, die 2500 Schüler von 12 bis 25 Jahren zu ihrer Lebenssituation, ihren Glaubens- und Wertvorstellungen sowie ihrer Einstellung zur Politik befragte, dann muss man sich um Deutschlands Jugend keine allzu großen Sorgen machen. Schließlich blicken 59 Prozent der Befragten ihrer Zukunft zuversichtlich entgegen; 76 Prozent betonen den Wert der Familie für das Heranwachsen; 69 Prozent wünschen sich später selbst eine Familie.

Das Interesse an Politik ist schwächer ausgeprägt als in der Generation ihrer Eltern; unter den 15- bis 17-Jährigen setzt sich nur jeder Dritte damit auseinander. Wenig überraschend: 96 Prozent haben Internetzugang, wobei etwa ein Viertel der Jugendlichen ihre Zeit mit Videospielen oder in sozialen Netzwerken verbringt. Die größte Sorge bereitet der Jugend der Klimawandel.

Wolfsburg, Pestalozziallee 2. Das Ratsgymnasium hat 782 Schüler in 23 Klassen. Es gehört in Niedersachsen zu den besseren Gymnasien. Der Abiturschnitt liegt seit Jahren unter dem des Bundeslandes. Was Angelika Frank, die Schulleiterin, unter anderem zurückführt auf „methodisch vielfältige Angebote, eine Lernatmosphäre, die gutes Lernen auch zulässt“. Neben drei Schulprofilen, „innerhalb derer sich Schüler in ihren Persönlichkeiten entwickeln können“, gibt es jahrgangsbezogene Projekttage, etwa einen Ausflug in einen Hochseilklettergarten, eine Klima-Aktionswoche oder Theatergruppen, deren Unterricht unter „Darstellendes Spiel“ firmiert. Frank sagt: „Wir versuchen, den Schülern über den klassischen Unterricht hinaus etwas zu bieten – und sei es ein Gespräch mit einem Journalisten.“

Anfang September, ein Montag, Raum H 31. Die Klasse 10 b, Sekundarstufe II. Eben noch auf dem Stundenplan: Geschichte. Thema: die nationalsozialistische Machtübernahme 1933. Die Klasse hat 25 Schüler, von denen 24 anwesend sind. Acht von ihnen lesen regelmäßig Zeitung; 18 sind auf Facebook, 16 davon täglich; vier gehen regelmäßig zur Kirche; sieben tragen eine Zahnspange und jeder vierte ist ausländischer Herkunft. Alle wissen, dass Wolfsburg 1938 von der nationalsozialistischen Organsiation „Kraft durch Freude“ (KdF) als Standort für die Produktion eines billigen Autos, eines Volkswagens im Wortsinn, gegründet wurde. Und dass aus dem KdF-Wagen der VW-Käfer wurde.

Was normal ist? Eine Schülerin: „Familie haben, Mann, zwei Kinder, Haus, Auto.“ Zwischenruf: „Du hast den Hund vergessen.“ Allgemeine Heiterkeit. Eine andere Stimme: „Unsere Nachbarin hat schon sechs Kinder und ist schon wieder schwanger, ich weiß nicht, ob das normal ist.“ Einer meint, so wie die Menschen in Berlin herumliefen, in wilden Klamotten und von oben bis unten tätowiert, das gefalle ihm, sei aber in Wolfsburg „nicht normal“. Der nächste Schüler: „Es ist normal bei uns, dass überall große und moderne Autos rumfahren.“ Wieder ein anderer: „Für viele in Wolfsburg ist es normal, zu VW zu gehen, ich interessiere mich nicht für Technik, für mich ist es nicht normal.“ Eine Klassenkameradin: „Wenn alle Justin Bieber toll finden, muss ich das nicht auch tun.“ Zwischenruf: „Der ist eh schwul.“ Was folgt, ist eine Debatte über Homosexualität, bei der alle betonen, Homosexualität sei normal. Dass sie eine Viertelstunde lang und recht hitzig darüber diskutieren, dokumentiert eher das Gegenteil.

Was wichtig ist? Alle sagen: Bildung, die Schule bildet die Grundlage für einen guten Job, gutes Einkommen. Für alles Weitere dient auch die Ausgabe der Schülerzeitung »Logo«. Titelstory: „Keine Macht den Drogen!!! – oder?“ Auf neun Seiten alles von Cannabis bis Methamphetamin. Dazu Berichte über den kostbaren Rohstoff Wasser, Tod und Sterben, ein soziales Netzwerk, das sich besser für Schüler eigne als Facebook, und das politische Phänomen der Piratenpartei. Auf die Frage, wer in vier Jahren, wenn sie erstmals wahlberechtigt sein werden, zur Wahl gehen wird, gehen in der Klasse 10 b zwölf Finger in die Höhe.

„Ich finde“, sagt Schulleiterin Frank, „was normal ist, lässt sich manchmal leichter festlegen, wenn man Vergleiche zieht.“ Zu früher etwa. Ihr beispielsweise wurde das Gymnasium zunächst verwehrt. Ein Mädchen brauche keine höhere Bildung. Realschule reiche auch. Ein Mädchen kriege sowieso irgendwann Kinder. Frank wechselte von der Realschule dennoch zum Gymnasium, studierte, bekam drei Kinder und startete im Beruf durch, nachdem der Nachwuchs die Grundschule hinter sich hatte. Als Schülerin, so Frank, habe sie darunter gelitten, wie „bürokratisch, autoritär, engstirnig und duckmäuserisch“ der Schulbetrieb war; heute sei die Schule „lebendig, offen und aktiv“. Vor einem Jahr hat ihre Schule zwei Kinder mit Förderbedarf aufgenommen: „Das ist nicht normal gewesen für ein Gymnasium.“

Vor allem aber haben sich die Schüler verändert. Frank sagt: „Im Vergleich zu meiner Anfangszeit als Lehrerin sind die Schüler selbstbewusster, diskussionsfreudiger. Da sie sehr viel mehr Informationen aus den Medien ausgesetzt sind als früher, ist ihr Wissensdurst zum Teil schon gestillt.“ Früher stellten jüngere Schüler im Biologieunterricht noch Fragen wie: Wie schnell läuft ein Gepard? „Heute“, so Frank, „sind die Fragestellungen in den unteren Klassen andere, heute geht es mehr darum, Zusammenhänge herzustellen.“ Gleichzeitig aber „bringen die Schüler auch nicht mehr so viel gesichertes Wissen über Rechnen und Schreiben aus der Grundschule mit“. Kopfrechnen? Längst out. Aber auch hier gilt laut Frank: „Es kommt immer auf den Einzelfall an.“

Dazu passt, was die Autoren der Sinus-Jugendstudie feststellten, die vergangenes Jahr veröffentlicht wurde. „Wie ticken Jugendliche?“, lauteten Leitfrage und Titel der Untersuchung. Antwort: Die Jugend ließe sich nicht allgemeingültig beschreiben, sondern nur in ihrer Unterschiedlichkeit betrachten.

Fünf Beispiele

Melanie Rosenthal, 16

Ich finde mein Leben perfekt. So möchte ich später auch leben. Mein Vater arbeitet bei VW im Vertrieb. Meine Mutter ist Tanzlehrerin und pädagogische Mitarbeiterin an einer Schule. Unser Leben ist geregelt und harmonisch. Dieses Gefühl von Sicherheit ist für mich sehr erstrebenswert. Ich möchte auch nicht, wie andere aus meiner Klasse, später ein Auslandsjahr machen. Über die Ferien ins Ausland fahren, finde ich okay. Dort leben möchte ich nicht. Ich werde später sicher eine Familie und Kinder haben und möchte mit ihnen in der Nähe meiner Eltern bleiben.

Ich gehe gerne zur Schule. Ich habe gute Noten, es gibt kein Fach, in dem ich schlecht bin. Ich bin aber keine Streberin. Mein Lieblingsfach ist Musik. Ich spiele Klavier und Saxofon und leite in meiner Freizeit Tanzgruppen. Die Teilnehmer sind Kinder, aber auch Erwachsene. Wenn ich im Tanzstudio Anweisungen gebe, bin ich nicht das 16-jährige Mädchen von der Straße, sondern die Trainerin. Studieren – so stelle ich mir das vor – werde ich auf Lehramt. Hauptfach Musik. Zweites Fach eventuell Geschichte, aber vielleicht auch eine Fremdsprache. Vielleicht mache ich vor dem Studium ein Freiwilliges Soziales Jahr, vielleicht an einem Theater, eine Tante hat das auch gemacht.

Will leben wie ihre Eltern: Melanie Rosenthal

Freizeit habe ich wenig. Ein großer Teil des Tages wird von der Schule bestimmt. Man entscheidet sich für die Schule. Einen Freund habe ich nicht. Mir wurde beigebracht, man solle sich erst um seine Bildung kümmern. Ich habe eine wirklich beste Freundin, mit der ich über alles reden kann. Manchmal, wenn es die Zeit erlaubt, gehen wir auch ins Café. Auf Facebook bin ich nicht. Ich finde es schlimm, dass ein Arbeitgeber auf Facebook durchlesen kann, was man in seiner Freizeit macht. Kleidung zahlen meine Eltern. Ich kann also mein Taschengeld und was ich mit den Tanzgruppen verdiene, für mich ausgeben. Man kann nicht sagen, dass ich nicht auch spare, aber den größten Teil meines Geldes gebe ich aus.

Deutschland mag ich. Wir leben in Freiheit. Wir haben soziale Gerechtigkeit. Bei uns an der Schule gibt es niemanden, der richtig arm ist. In Deutschland kann man sich sicher fühlen, die Menschen verstehen sich gut. Angst macht mir, dass ein Dritter Weltkrieg ausbrechen könnte. Wenn man sieht, was in Ägypten oder Syrien passiert und wie sich die USA einmischen. Da ist total Stress. Wenn man den Fernseher anmacht, guckt man ständig auf die Top Ten der Katastrophen. „Papa“, sage ich dann, „mach bitte aus, ich möchte dieses Negative nicht sehen.“

Timon Drexler, 15

Wo ich in fünf Jahren sein werde? Ich denke, ich werde noch bei meinen Eltern wohnen. Ich werde am Anfang meiner Ausbildung zum Koch und Konditor stehen und versuchen, erst mal Lebenserfahrung zu sammeln. Ein Großteil davon wird aus Reisen bestehen. Ich möchte gerne nach Amerika, um Hollywood, die Westküste und die Nationalparks zu sehen. Australien finde ich auch spannend. Mit meinen Eltern habe ich bislang meistens an der Nord- und Ostsee und im Harz Urlaub gemacht. Ich werde versuchen, die Möglichkeiten, die ich habe, auszunutzen. Eine Familie, Frau, Kinder, kann ich mir schon vorstellen, aber es müsste halt passen und zeitlich mit dem Beruf vereinbar sein.

Für mich kommen jetzt sowieso Schule und Abitur. Mein Vater unterrichtet am Ratsgymnasium, und er hat mir gesagt, dass man ab der 11. Klasse nach der Schule bis 22 Uhr Hausaufgaben macht. Man hat höchstens noch Zeit fürs Abendessen. Das liegt an dem neuen G8-System. Viele Schüler sind damit überfordert. Ich möchte aber unbedingt Abitur machen, obwohl ich es beruflich nicht brauchen werde, aber mit Abitur hat man generell bessere Chancen. Mit Abitur und einer Ausbildung zum Koch und Konditor kann ich später beruflich in alle Richtungen gehen: Restaurant, Hotel, Management.

Das finde ich gut an Deutschland: dass man alle Möglichkeiten hat. Die Wirtschaft ist stabil. Es gibt viele gute Unternehmen. Deshalb sind wir in Deutschland auch relativ wohlhabend. Das ist nicht einmal in Europa selbstverständlich. Seit Längerem verfolge ich auch die Politik. Im Wahlkampf hört sich das alles schön an, was die Politiker machen wollen. Aber so wichtige Fragen wie Bildung bleiben offen. Wir jungen Leute werden von den Politikern gar nicht einbezogen.

In meiner Freizeit spiele ich Schlagzeug, ich fahre mit Freunden Fahrrad oder Skateboard auf geteerten Feldwegen. Und ich bin im Tauchklub. Auf Facebook bin ich täglich, aber nicht lange, ich spiele lieber mit meinen Freunden Videospiele, zum Beispiel „League of Legends“. Momentan lese ich zum zweiten Mal „Friedhof der Kuscheltiere“ von Stephen King. Ich habe ein Smartphone, aber ein älteres Modell, für ein iPhone 5 würde ich mein Taschengeld nicht ausgeben. Das Teuerste an meinen Klamotten sind Schuhe von Converse, die haben 40 Euro gekostet. Ich hatte noch nie eine Jeans, die teurer war als 15 Euro. Ob das normal ist, weiß ich nicht. Jeder denkt, er sei normal. Für mich bin ich natürlich normal. Man kennt ja nichts anderes als sich selbst.

Lisa Dibo Marie Gonda, 16

Ich empfinde mich nicht als normal. Ich bin anders. Das fängt schon mit meiner Hautfarbe an. Meine Mutter ist halb Belgierin, halb Ungarin, meine Muttersprache ist Französisch. Mein Vater kam aus Kamerun, wo er vor drei Jahren auch ums Leben gekommen ist. Man sagte, es sei ein Autounfall gewesen. Was genau passierte, habe ich aber nie erfahren.

Als ich klein war, habe ich mit meiner Mutter bei meiner Oma in Braunschweig gelebt, meine Mutter musste als Verkäuferin arbeiten, manchmal bis Mitternacht. Inzwischen ist sie Personalreferentin an einer Schule, und wir wohnen in Calberlah. Das ist ein Ort mit 5000 Einwohnern bei Isenbüttel. An der dortigen Oberschule bin ich rassistisch beleidigt und beschimpft worden. Man hat gesagt: „Geh doch zurück in dein Land.“ Aber ich bin doch hier geboren, Deutschland ist mein Land. Gemobbt wurde ich auch, weil ich sehr dick war. Ich wog 70 Kilo. Dann habe ich Sport gemacht. Joggen, Aerobic, Inline-Skating. So bin ich schlank geworden. Ins Fitnessstudio gehe ich noch immer.

Ich bin auch deshalb anders, weil ich mich intensiv mit der japanischen Kultur befasse. Ich liebe Mangas und Anime-Filme. Ich verkleide mich wie Manga-Figuren, also mit Schuluniform und karierten Röcken. Ich lerne auch Japanisch. Es gibt eine große Fangemeinde für Mangas und Anime-Filme, die sich übers Internet verständigt. Wir haben zusammen einen Anime-Film synchronisiert, komponieren gemeinsam Musik. Auf elektronische Geräte lege ich großen Wert. Ich habe ein Smartphone, einen großen 3D-Flachbildfernseher, mehrere Konsolen, Playstation, Wii, Nintendo 64 und DS, einen Gameboy, einen PC, einen Laptop und ein Tablet. Mein Traum ist es, in Kalifornien an der Disney-Universität Animation zu studieren und in Japan zu arbeiten.

Ich lebe sehr für mich allein, die meiste Zeit verbringe ich in meinem Zimmer, wo ich auch die meisten Mahlzeiten zu mir nehme. Das ist mein eigener Wunsch. Ich werde von meiner Mutter und meinem Stiefvater nicht abgeschoben. Freunde außerhalb des Internets habe ich kaum. Meine Mama mag das Landleben, sie ist fast schon öko. Keine Plastiktüten, nur regionale Produkte, Fleisch gibt es selten. Mama hat Töpfe mit Kräutern und Tomaten im Wohnzimmer. Ich glaube, die ganze Bio-Bewegung macht keinen Unterschied. In 50 Jahren wird die Welt verdreckt und kaputt sein, es wird kaum noch Natur geben.

Ich möchte so bald wie möglich ausziehen. Ich will selbst entscheiden, wann ich ins Bett gehe. Mit meiner Halbwaisenrente und Bafög müsste das gehen. Auf dem Dorf werde ich dann nicht mehr leben. Wolfsburg gefällt mir nicht, weil es nur aus VW besteht. Das Ruhrgebiet würde mir gefallen. Das ist, was ich gehört habe. Dort gewesen bin ich noch nicht.

Luca Grossegger, 15

Wichtig sind für mich Fußball und Freunde. Ich bin Mittelstürmer bei der JSG Hehlingen-Barnsdorf-Nordsteimke. Wir haben wöchentlich zweimal Training und ein Spiel. B-Jugend. Bezirksliga. Wir sind eigentlich ganz gut, nur zuletzt mussten wir gegen eine Mannschaft spielen, in der waren alle so groß wie ich und doppelt so breit. Ich bin 1,90 Meter groß. Da hatten wir keine Chance.

Fast alle meine Freunde sind Fußballkumpel. Die meisten kenne ich schon mein ganzes Leben lang. Im Sommer gehen wir öfter zusammen schwimmen im VW-Bad. In Cafés hängen wir nicht rum. Wir müssten dafür mit dem Bus in die Stadt fahren, darauf haben wir keine Lust. Wir sind oft bei mir und spielen auf der Playstation. Fußball geht immer. Zu unseren Favoriten gehört aber auch „Black Ops“. Du hältst eine Waffe und läufst durch die Welt und schießt. Wenn man nicht in echt auf Menschen schießt, habe ich damit kein Problem. Wir spielen aber auch „Grand Theft Auto“, bei dem der Protagonist eine Karriere als Krimineller anstrebt.

Die Schule ist auch wichtig. Ich habe zwar noch keinen Plan für mein Berufsleben, aber ich will Abitur machen, einen guten Abschluss haben, damit ich studieren und später einen guten Job kriegen kann. Ich will Geld verdienen, aber auch glücklich sein. Dafür muss ich noch ziemlich viel lernen. Unsere Schule gilt als anspruchsvollste hier im Umkreis. Es gibt Fächer, die machen keinen Spaß. In Deutsch bin ich nicht so gut. Wenn ich eine Gedichtinterpretation schreibe, weiß ich, das mache ich nachher nie wieder. Nach der Schule fahre ich zu meiner Oma zum Essen. Sie macht alles für mich. Sie kauft mir, was ich möchte. Mein Taschengeld spare ich für einen Fernseher. Fast alle in der Klasse haben ein iPhone, das ist normal. Ich habe ein iPhone 5. Das ist das beste.

Meine Eltern arbeiten beide bei Volkswagen. Mein Vater ist in der Beschaffung tätig, unter der Woche sehe ich ihn nur morgens und abends. VW spielt bei den Gesprächen zu Hause oft eine Rolle. Meine Eltern sagen nicht zu mir, dass ich auch zu VW gehen soll, weil man da gut verdient und einen sicheren Arbeitsplatz hat. Dass das so ist, weiß ich selber. Umwelt oder Klimawandel sind eher kein Thema. Das TV-Duell Merkel gegen Steinbrück habe ich neulich ein bisschen geguckt. Ich fand es langweilig. Ich habe nicht verstanden, was die machen wollen. Ich fühlte mich nicht angesprochen. Was sollten die mir auch sagen?

Fußball geht immer: Luca Grossegger
Mag Facebook nicht: Maria Horstmann

Maria Horstmann, 15

Ich fühle mich total normal, aber ich glaube, dass ich von den anderen in der Klasse nicht so angesehen werde. Wenn ich erzähle, dass ich zum Gottesdienst gehe, dass ich beim Kirchentag in Hamburg war, dann sind sie ganz erstaunt. Wir beten zu Hause vor dem Essen, ich bete vor dem Schlafengehen, entweder ein Vaterunser oder ein Gebet, das mit etwas zu tun hat, was ich tagsüber erlebt habe. In der Schule kann ich mit niemandem über Religion reden, es hat sich noch nie jemand dafür interessiert. Für mich ist es schön zu wissen, dass Christen zusammenhalten, die meisten meiner Mitschüler haben dazu keinen Bezug.

Ich möchte mit meinem Beruf später einmal Menschen helfen. Ich möchte schon Geld verdienen, ein Haus haben und ein Auto, ich möchte in Urlaub fahren, aber dafür möchte ich mich nicht an anderen bereichern. Geografin könnte ich mir gut vorstellen. Ich beschäftige mich sehr mit dem Thema Umwelt. Daheim reden wir viel darüber, meine Eltern spenden an Greenpeace und Opportunity International, eine christliche Hilfsorganisation, die Menschen in Dritte-Welt-Ländern unterstützt, sich selbst zu helfen. Diese Länder sind ja auch besonders betroffen vom Klimawandel. Ich möchte mich beruflich dafür einsetzen, Klimakatastrophen zu verhindern.

Wir sind vier Kinder, bei uns wird nichts weggeworfen, wir essen nur Bio-Lebensmittel oder Obst und Gemüse aus Omas Garten, wir kochen Marmeladen selbst ein. Was mir an Mitschülern aufgefallen ist: dass sie ihre Teller nicht leer essen. Ich mache das immer. Als meine Mutter sich von unserem Vater getrennt hatte, lebten wir eine Weile von Hartz IV. Das war keine leichte Zeit. Wir konnten uns nicht Kleidung kaufen, wie wir wollten. Ich habe häufig Kleidung von meinen größeren Geschwistern bekommen. Aber seitdem kann unsere Familie nichts mehr umhauen. Mich hat das sehr geprägt, das Sozialverhalten in unserer Familie. Dass es normal ist zu teilen. Ich möchte später unbedingt auch eine Familie mit mindestens drei, vier Kindern haben.

Ich werde an der Schule nicht gemobbt, auf gar keinen Fall. Aber natürlich gucken sie, weil ich nur ein altes Mobiltelefon habe, kein Smartphone. Ich habe auch keine Flat, man muss mich also anrufen. Ich brauche das alles nicht. Facebook haben mir meine Mutter und mein Stiefvater nicht erlaubt. Darüber bin ich froh. Keiner weiß, wie mit unseren Daten umgegangen wird. Die meisten machen das doch nur, weil sie zu Hause keinen Ansprechpartner haben oder angeben wollen mit 500 Kontakten, das baut sie auf, wenn sie soundso viele Likes haben. Ich finde das traurig. Am liebsten lese ich. Derzeit ist es ein Buch über weibliche Entdeckerinnen. Vergangene Weihnachten habe ich Bücher bekommen. Zum Geburtstag auch. Diese Weihnachten wünsche ich mir wieder Bücher.

Mehr noch wünsche ich mir aber, dass Deutschland ein Land bleibt, in dem niemand unterdrückt wird wegen seiner Religion oder politischen Meinung. Und es soll weiter Schule und Bildung für alle geben. Ich würde auf jeden Fall wählen gehen, wenn ich dürfte, und ich würde mich vorher informieren. ---

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