Ausgabe 10/2013 - Schwerpunkt Normal

Christian Boros: Porträt

Die Sensation des Alltäglichen

brand eins: Herr Boros, ist Neues, Originelles in der Kunst noch möglich?

Christian Boros: Natürlich, ich glaube fest daran, dass Künstler eine geistige Avantgarde, also Vordenker sind. Es geht in der Kunst ja nicht um die Freude an Farben und Bildern, sondern um neue Denkmodelle.

Womit kann man heute noch provozieren?

Im Moment interessieren mich Künstler, die sich nicht laut und grell mit den üblichen Regelbrüchen hervorheben. Sie feiern und zelebrieren vielmehr spektakulär den Normalfall. Beiläufige Anstricharbeiten auf Leinwand, bei denen zum Beispiel für die eine Hälfte eine andere Farbe gewählt wurde als für die andere.

So wird Normales aber nicht automatisch zum Neuen, oder?

Nein, nicht automatisch. Aber nehmen Sie zum Beispiel das Œuvre von Wolfgang Tillmans. Er zeigt uns mit seinen Fotografien, wie umwerfend und großartig Normalität ist.

Wie macht er das?

Tillmans fing Anfang der Neunzigerjahre an. Und da war die Fotoästhetik geprägt durch Supermodels. Also Frauen, die so perfekt und einsam schön waren und daher aseptisch künstlich. Tillmans hingegen beschäftigte sich in seinen Bilder mit dem Normalen, dem Zufälligem und Flüchtigen. Er zeigt Menschen, die in der Küche sitzen, neben ihnen steht der Staubsauger, auf dem Tisch liegen noch Brotkrumen vom Frühstück. Er zeigt Falten, Körper mit Hautirritationen, also Dinge, die früher nicht gingen. Und was verursachen diese Bilder? Einen absoluten Schock. Plötzlich wird das Gewöhnliche als vollkommen ungewöhnlich angesehen.

Spiegelt sich dieser Wechsel auch in der Werbung wider?

Anders. An Werbung glaubt niemand mehr. Man glaubt nur noch seinem Freund. Das Angeben, das Proklamieren, ein „Mit diesem Auto werden Sie glücklich“, will keiner hören. Ich versuche also gar nicht mehr, durch noch raffiniertere Anwerbmechaniken Dinge bedeut- sam zu machen. Es ist mehr ein Informieren als ein Bewerben. Man versucht herauszufinden, warum ein Produkt wirklich gut ist.

Haben Sie ein Beispiel?

Die größte Herausforderung, an der ich gerade arbeite, ist die Werbung für Berlin. Die Aussage „Berlin ist die tollste Stadt der Welt“ wird man in London, Moskau oder Paris nicht unbedingt glauben. Berlin hat tolle Seiten, ist aber auch wahnsinnig anstrengend. Also heißt eine unserer Headlines: „for adults only“. Wir warnen Besucher vor nächtlichen Eskapaden oder zu viel Kultur.

Das ist keine Warnung, sondern ein Versprechen. Also ein ganz normaler Werbertrick.

Nein, eine Suchtwarnung.

Sie galten Mitte der Achtziger als einer der jüngsten Sammler Deutschlands. Von Ihrem ersten Geld haben Sie kein Auto, sondern eine Holzkiste von Joseph Beuys gekauft. Sie wollten unbedingt etwas anderes machen als das, was jeder erwartete.

Ja. Als ich angefangen habe, Kunst zu sammeln, tat man das mit 18 nicht. Kunst sammeln, das war die Welt der Erwachsenen, der Rotweintrinker. Es gab Journalisten, die nach dem krankhaften Gen in mir suchten. Ich war in ihren Augen wirklich verrückt. Heute ist es aber doch so, dass jeder Zahnarzt aus der Provinz Kunst sammelt.

Halten Sie sich für normal?

Ich habe eine große Sehnsucht nach Normalität. Zum Beispiel einfach auf einer Bank sitzen, und fünf Stunden passiert gar nichts. Oder ein Wochenende in der Uckermark. Der Normalfall kann sehr wohltuend sein. Andererseits gibt es bei mir einen fast evolutionären Impuls, unnormal sein zu wollen. Man muss anders sein als der gesellschaftliche Konsens, um weiterzukommen.

Sie haben sich in der Uckermark einen Hof gekauft. Was gefällt Ihnen dort so gut?

Es passiert nichts Unvorhersehbares. Nichts Neues. Bei Überraschungen betritt man meistens Neuland, und das bedeutet Stress. Alles Neue könnte optional auch feindlich sein. Deswegen sehnen sich die Menschen nach Mustern, nach Regeln, nach gesellschaftlichem Konsens. Die Sonne geht auf, ich stehe auf, die Sonne geht unter, ich gehe ins Bett, die Frau hat dich lieb, der Nachbar grüßt dich. Das sind Verlassfaktoren. Ich will Ruhe haben und möglichst wenig auffallen. Wenn ich zum Beispiel in den Wald gehe, ziehe ich mich grün an. Ich würde nie auf die Idee kommen, dort mit gelben Gummistiefeln herumzustapfen. Ich übe mich in Mimikry.

Empfinden Sie das Leben in der Stadt als unnormal?

In einer Stadt ist man angetrieben hervorzustechen und muss daher zwangsläufig anders sein als die Masse. Als Agentur versuchen wir aufzufallen, indem wir polarisieren, manchmal auch schockieren. Man muss nicht unbedingt besser, aber in jedem Fall anders sein als seine Mitbewerber. Und das bedeutet fünf Tage die Woche Stress, Normbruch, Kampf und gleichzeitig fünf Tage lang Anomalie in vollen Zügen zelebrieren.

Aber sind Kreative wie Sie, gerade in Berlin, nicht das Normalste der Welt?

Das Ringen darum, unnormal zu sein, wird in Berlin immer einen festen Platz haben. Der Bruch mit der Konvention findet dann an anderer Stelle statt. Der Berliner praktiziert zum Beispiel den Regelbruch, indem er nicht mehr ausgeht. Man bleibt zu Hause. Die Stadt überlässt man den Touristen.

Der Berliner? Das heißt, das machen alle.

Stimmt. Aber darum geht es mir längst nicht mehr.

Worum dann?

Zum Beispiel sammeln heute alle Kunst, das ist ja völlig normal geworden. Ich mache trotzdem weiter. Aber ich versuche jetzt, Kunst mit mehr Tiefgang zu verfolgen. Und ich tue das nicht, um anders zu sein: Wenn man 30 Jahre lang immer auf der Suche nach dem Neuen war, als Selbstzweck, als Erfahrung, als Grenzverschiebung, dann weiß man irgendwann, dass man durch Grenzüberschreitung allein nicht besonders wird. Es muss etwas anderes geben, etwas Verlässliches, Beständiges, worauf man sich besinnen sollte. Etwas wie Qualität.

Sind wir da nicht wieder auf Ihrem Hof in der Uckermark?

Ja. Da ist es schön und gut. ---

Christian Boros, 48,
wurde 1994 mit einer Anzeigenkampagne für den Musiksender Viva bekannt: knutschende Teenager und der Slogan: „Viva liebt Dich!“ Zu seinen Kunden gehören Toshiba, UBS, das Auswärtige Amt, die Biennale in Venedig und Coca-Cola. 2003 kaufte er den Reichsbahnbunker in Berlin-Mitte, in dem er einen Teil seiner Sammlung zeitgenössischer Kunst ausstellt. Er besitzt mehr als 700 Kunstwerke.

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