Ausgabe 10/2013 - Schwerpunkt Normal

Gregor Demblin Porträt

Der Unternehmer

Gregor Demblin

• Im Sommer vor 18 Jahren warf sich Gregor Demblin in die Wellen des Ionischen Meeres, der Zukunft entgegen und seiner neuen Freiheit. Die Reise nach Griechenland war für ihn und seine Schulkameraden die Belohnung für ihre bestandene Matura, wie in Österreich die Hochschulreife heißt. Nach diesen letzten großen Ferien wollte er ein Jahr lang um die Welt reisen, sich vielleicht in Kanada als Holzfäller verdingen, um danach in Wien irgendwas zu studieren. Was genau, war unklar.

So wunderbar ungefähr war sein Plan. Bis er kopfüber abtauchte und auf Sand stieß.

Demblin ist jetzt 36. Sein Leben teilt sich dieses Jahr in zwei Hälften, in die Zeit vor dem Unfall und in die danach. Es ist ein ziemlich gutes Jahr für ihn. Er gewinnt Preise für soziales Unternehmertum, erfährt Zuspruch aus dem In- und Ausland, findet Förderer für seine Jobinitiative Career Moves, die in Österreich Menschen mit Behinderungen und auch andere Arbeitssuchende vermittelt.

Doch obwohl der Sommer gerade erst vorbeigeht, sieht er ein wenig urlaubsreif aus an diesem Tag in seinem Wiener Büro, das in der Nähe des Naschmarktes liegt. Vielleicht geht das nicht anders, wenn man vom fünften Halswirbel abwärts gelähmt ist und den vollen Terminkalender eines Gründers und Managers hat. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er und seine Frau Zwillingsjungs im Alter von zweieinhalb haben. An diesem Morgen, erzählt er, hätten die zu Hause einen Riesenrabatz gemacht, und er sagt, was alle Eltern sagen: „Das ist offenbar so eine Phase.“

Demblin kann seine Arme gebrauchen, aber seine Hände, die in stützenden Ledermanschetten stecken, nur schlecht. Kopf, Hals und Schultern gehorchen seinem Willen, nicht aber die Beine, die Füße, der Rumpf. Morgens um halb sieben kommt der erste seiner Assistenten zu ihm und seiner Frau ins Schlafzimmer, um ihm bei der Morgentoilette zu helfen. Abends, gegen 22 oder 23 Uhr, geht der letzte.

Die Geschichte von Demblins Unfall und Aufstieg ist eine von zwei Behinderungen: seiner körperlichen und der, die die Gesellschaft ihm zumutet. Sich die Wirbelsäule zu brechen ist nur die erste. Den zweiten Stoß vor den Kopf versetzt es einem, sobald man versucht, mit dieser Behinderung so gut wie möglich zu leben. Dass Gregor Demblin aus dieser Erkenntnis heraus einmal unternehmerische Ideen entwickeln würde, wusste er vor 17 Jahren natürlich nicht, als sie ihn ereilte wie ein Schock.

Damals verließ er nach zwölf Monaten den geschützten Raum der Rehabilitationskliniken, „dieser schönen, neuen Behindertenwelt, in der alles wunderbar barrierefrei dahinrollt und man monatelang unter seinesgleichen lebt wie in einer Blase“, sagt er. Mit einem Mal wurde alles bleiern. Jede Fahrt „durch mein Wien, meine Stadt“ wurde zum Hindernislauf. Jeder Bordstein wurde zur Herausforderung, jedes Haus ohne Fahrstuhl stand mit einem Mal da wie ein unbezwingbarer Achttausender. Tragikomisch wurde es, wenn Wildfremde ihn über die Straße schoben, obwohl er gar nicht die Seite wechseln wollte. Oder ihn Passanten streichelten, offenbar um ihn zu trösten. Manche drückten ihm ein paar Schilling in die Hand, wie einem Bettler. Heute sind es Euro. Es passiert immer mal wieder. „Da ist dein Leben schon so wahnsinnig kompliziert geworden, und dann wird es noch schlimmer: Du musst dich überall neu beweisen und zeigen, dass dir nicht nur im Kopf nichts fehlt, sondern dass du sogar etwas leisten kannst.“

Wie entsteht das Bild vom bedauernswerten, lebensunfähigen Menschen mit Behinderung? Das herauszufinden und dieses Bild zu korrigieren treibt Demblin um. Er brauchte fast fünf Jahre, bis er akzeptierte, dass er nie wieder laufen wird, er, der Basketballer, Tennisspieler, Skifahrer. „Ich wollte es nicht wahrhaben. Nicht laufen, das war nicht ich.“ Er begann, Philosophie zu studieren, machte seinen Magister. Statt auszuziehen wie die anderen in seinem Alter, wohnte er bei seinen Eltern, die ihre Wohnung für den ältesten ihrer drei Söhne hatten umbauen lassen.

Er bewarb sich nach seinem Abschluss bei Banken, Unternehmensberatungen. Manchmal wurde er eingeladen, niemand stellte ihn ein. Dass man ihn nicht für belastbar hielt, sagte ihm keiner. Demblin beschloss zu promovieren. Ewig an der Uni zu bleiben, sagt er, sei ziemlich verbreitet unter behinderten Akademikern. Bei ihm half das Glück nach, dass es nicht so kam: Während einer Abendveranstaltung lernte er einen Wiener Unternehmer kennen, der ihn nicht nur als Rollstuhlfahrer wahrnahm, sondern auch als klugen Menschen mit Potenzial.

Der Mann, sein späterer Mentor Sepp Baldrian, betreibt einen kleinen Fachverlag für Weinanbau und eine Marketingagentur. Als Demblin die Firma besuchte, eigentlich nur aus Sympathie und ohne Absichten, führte ihn Baldrian durch die Räume, stieß zum Schluss eine Tür zu einem Büro auf und sagte: „Und da steht Ihr Schreibtisch!“ Gregor Demblin beschloss, die Semesterferien über zu bleiben und danach zu promovieren. Es kam anders: „Ich blieb fast neun Jahre.“

Zusammen zogen sie Motary auf, eine Entwicklungs- und Vertriebsplattform für Produkte, die „Menschen mit Bewegungseinschränkungen“ – das Wort Behinderung vermeiden sie bei Motary bis heute – das Leben erleichtern sollen. Es ging um Auto-Umbauten, Badewannen, Toiletten, Lifts, Sportgeräte, barrierefreie Pauschalurlaube oder sogar Fertigteilhäuser. So hat Gregor Demblin gelernt, Dinge zu vermarkten und zu vermitteln, dass man Menschen wie ihn nicht als Last für die Gesellschaft sehen sollte, sondern als Ressource.

Endstation Personalabteilung

Nur 30 Prozent der behinderten Österreicher im erwerbsfähigen Alter arbeiten. Bei den Nichtbehinderten sind es 70 Prozent. „Da entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden“, sagt Demblin. Rund 630 000 Österreicher haben eine Behinderung. In Deutschland zählte man Ende 2011 rund 7,3 Millionen Schwerbehinderte, also solche mit einem Grad der Beeinträchtigung von mehr als 50 Prozent. Weil die Gesellschaft altert und das Gros der körperlichen und seelischen Einschränkungen erst im Laufe des Lebens „erworben“ wird, wie es im Jargon der Sozialkassen heißt, schätzen Experten, dass im Jahr 2021 noch einmal zehn Prozent mehr Deutsche als schwerbehindert gelten werden. Es werde da nicht reichen, nur extra Parkplätze vorzuhalten oder „sie in Pförtnerlogen abzuschieben“, wie Demblin trocken sagt. „Wir brauchen echte Inklusion.“

Sein Ansatz: nicht von der Hilflosigkeit Behinderter her zu denken, sondern von ihrem Potenzial. Das erforderte ein Umdenken, das Baldrians Agentur allein über das Marketing einschlägiger Produkte nicht anstoßen konnte. „Wir wollten das auf eine höhere Ebene bringen“, sagt Demblin. Darum organisierten sie Konferenzen in allen Bundesländern Österreichs, luden die großen Arbeitgeber der Regionen ein, dazu die Wirtschaftsverbände, Kammern und sozialen Träger. Demblin staunte: „Die sind durch die Bank alle gekommen, die Säle waren voll.“

Die Geschäftsführer der Firmen zeigten sich aufgeschlossen dafür, mehr Menschen mit Handicaps einzustellen. Sie fragten aber: Wo finden wir die eigentlich? „Auf eine Betonwand stoßen Bewerber meistens in den Personalabteilungen“, sagt Demblin. „Denn wenn etwas schiefgeht am Arbeitsplatz, bleibt der Ärger an den Personalern hängen. Davor haben die Angst.“

Mangelndes Wissen darüber, welche Fülle an Hilfsmitteln und Fördergeldern für behindertengerechte Arbeitsplätze schon zur Verfügung stehen, hatte sich mit der Furcht gepaart, einen Behinderten, der keine Leistung bringt, nie wieder loszuwerden, weil der Kündigungsschutz doch so streng sei. Dabei war der längst vom Gesetzgeber gelockert worden. Der Kommunikationsbedarf, erkannte Demblin, war riesig.

2009, noch bei Motary, keimte die Idee, eine Plattform für Arbeitgeber zu schaffen, die Behinderte anstellen wollen, und für Behinderte, die Arbeit suchten. Sie sollte aber auf keinen Fall vom richtigen Arbeitsmarkt entkoppelt sein. Solche Versuche waren schon oft genug gescheitert. Demblin wandte sich darum an führende Internet-Jobportale im Land. Wolfgang Kowatsch, den Chef von Careesma.at, konnte er sofort für die Idee begeistern. Die Plattform war damals die fünftgrößte Online-Stellenbörse in Österreich, heute ist sie auf Platz drei.

Kaum war Demblins Website online gegangen, erhielt er einen Anruf aus dem österreichischen Bundessozialministerium: Man habe genau so etwas auf die Beine stellen wollen, habe es aber nie so gut hinbekommen. Glückwunsch! Und im Übrigen: Man möchte die Initiative fördern. Weil Demblin und Kowatsch am Anfang jeden Cent für Programmierer, Berater und Marketing gebrauchen konnten, nahmen sie das Geld gern.

Es gibt in Österreich einen eigenartigen Mechanismus: Je erfolgreicher ein Sozialunternehmen ist, desto höher die Summe, mit der die öffentliche Hand es sponsern darf, einzige Bedingung: keine Gewinne. Inzwischen finanziert der Staat die Initiative Career Moves komplett mit 300 000 Euro im Jahr. Die Anzeigenerlöse gehen an Careesma; die Preise sind marktübliche. Anfangs hatte Demblin die Inserate kostenfrei anbieten lassen, finanziert durch Subventionen. Dann fragte er sich: „Warum eigentlich? Da erweckt man wieder den Eindruck, Behinderte müssten dankbar sein, wenn sie einen Job finden.“

Auf der Website von Career Moves können Inserenten angeben, ob ihr Jobangebot auch für Körper-, Sehbehinderte oder Hör- und Sprachgeschädigte geeignet ist. Bewerber wiederum klicken bei der Suche auf das für sie zutreffende Icon: eine durchgestrichene Treppe, Note oder ein durchgestrichenes Auge. Dann wirft die Suchmaschine die passenden Angebote aus.

Der Online-Auftritt von Career Moves ist aber nur die Oberfläche. Dahinter steckt viel Aufklärungsarbeit: Mitarbeiter der beiden verknüpften Portale Careesma und Career Moves müssen die Jobs für Behinderte akquirieren. Zusätzlich führen sie entweder selbst Beratungsgespräche mit Managern oder vernetzen deren Personalabteilungen mit den zuständigen Behörden, die Fördermittel zuschießen können oder Arbeitsassistenten finanzieren.

„Selbstvertrauen gestärkt“: Willi Gölles an seinem Arbeitsplatz

Der 52-jährige Willi Gölles hat über Career Moves vergangenes Jahr eine Stelle als Sekretär in der Studiengangverwaltung einer Fachhochschule in Wien gefunden. Er leidet seit 1999 unter einer Dysfunktion der Netzhaut und kann Schrift heute nur lesen, wenn sie vergrößert wird und kontrastreich ist. Nachdem seine vorherige Stelle in einer Bank eingespart wurde, suchte er knapp zwei Jahre lang nach einem neuen Job. Sein neuer Arbeitsplatz ist mit einem Bildschirmlesegerät ausgestattet und der Computer mit einer besonderen Software, bezahlt vom österreichischen Bundessozialamt. Gölles sagt, er brauche natürlich manchmal länger, um einen Text zu lesen. Aber daran störe sich keiner. Was Career Moves für ihn so wertvoll macht: „Wenn man schon bei der Bewerbung weiß, ein Arbeitgeber rechnet wirklich damit, dass Menschen wie ich infrage kommen, stärkt es das Selbstvertrauen ungemein.“

Für geistige Behinderung gibt es auf der Website keinen Button. „Da liegt einfach jeder Fall anders“, sagt Demblin. „Das muss in Gesprächen geklärt werden. Nur ein Icon dafür anzubieten wäre nahezu unseriös.“ Vermittelt werden aber auch diese Menschen. Mc Donald’s etwa soll begeistert von ihnen sein. Es ist zum Vorteil beider Seiten: Die Behinderten kommen aus ihren beschützten Werkstätten heraus in einen echten Job. Und die Betreiber der Fast-Food-Imbisse finden treue Mitarbeiter, die viele Jahre bleiben, statt nur wenige Monate, wie viele in der Belegschaft.

Career Moves stieß in eine Marktlücke, obwohl es bislang nicht einmal einen Markt zu geben schien. Plötzlich aber suchten Firmen nach Möglichkeiten, ihre soziale Verantwortung zu demonstrieren. Außerdem wurde in Österreich die Pflicht eingeführt, in Betrieben ab 25 Mitarbeitern Behinderte zu beschäftigen. In Deutschland gilt diese Regelung seit Langem. Allerdings kann man sich hier wie da mit einer Ausgleichszahlung freikaufen. Genau das, will Gregor Demblin den Unternehmern klarmachen, ist nicht nur nicht nötig – sondern womöglich ein Fehler.

Will er Unternehmer überzeugen, dass Behinderte zu beschäftigen bald ein Wettbewerbsvorteil sein könne, erklärt er ihnen das so: „Wenn Sie es heute schaffen, je einen Mitarbeiter mit Bewegungseinschränkungen, Hörproblemen und Sehbehinderung zu integrieren, kann Ihnen morgen der demografische Wandel nichts mehr anhaben. Denn dann wissen Sie längst, wie altersgerechte Arbeit aussieht.“

In London hat er sich vor ein paar Jahren beim Bankenkonzern Barclays Group angeschaut, wie man gute Bedingungen für Alte und Behinderte schafft, etwa mit neuartigen Arbeitszeitmodellen. „Die sind darin unheimlich weit!“ Das hat handfeste Gründe: Barclays habe allein in Großbritannien 30 000 Mitarbeiter und könne nicht auf die Erfahrung und das Wissen der Älteren oder chronisch Erkrankten verzichten, sofern diese noch weiterarbeiten möchten.

Aus den ersten 100 Jobangeboten auf Career Moves im Jahr 2009 sind mittlerweile mehr als 8000 geworden. Demblin und Kowatsch haben den Architects-of-the-Future-Award gewonnen und den Sustainable Entrepreneurship Award und noch ein paar andere Preise mit wohlklingenden Namen und guter Reputation. In diesen Tagen wird Demblin zum Fellow bei Ashoka ernannt, einer der ältesten Non-Profit-Organisationen der Welt, die weltweit soziales Unternehmertum fördert. Sie hat ihren Ursprung in den USA.

Wie viele dieser 8000 Stellen auf seiner Plattform tatsächlich an Menschen mit Behinderungen vergeben wurden, weiß Gregor Demblin nicht. Diese Daten würden nicht erfasst. Eine eigene Umfrage habe ergeben, dass 83 Prozent der 250 befragten Unternehmen, die Behinderte eingestellt haben, dies wieder tun würden. Wiederum 60 Prozent wünschen sich aber, noch besser über die Integrationsmöglichkeiten von Menschen mit Einschränkungen informiert zu werden.

Demblin schmiedet längst Pläne, wie das gehen kann. Er will in Internetforen Arbeitgeber, Ministerium, Ämter, freie Träger und Verbände vernetzen. Informationen sollen leicht verfügbar sein, ein Austausch unkompliziert möglich werden.

Darüber hinaus sucht er nach einem Finanzierungsmodell, das ohne große Subventionen auskommt, und plant, in spätestens zwei Jahren nach Deutschland zu expandieren. Was, wenn ihm dort jemand zuvorkommt? Demblin sagt gelassen, damit werde sowieso keiner reich: „Und es geht mir wirklich darum, etwas gesellschaftlich zu verändern.“

Nötig scheint es. Denn bei einer dieser Preisverleihungen neulich passierte es wieder. Ein Medienmanager, den er gar nicht kannte, tätschelte Gregor Demblin den Kopf und sagte: „Gut gemacht.“ ---

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