Ausgabe 10/2013 - Wirtschaftsgeschichte

Philipp II. von Spanien

Der Schuldenkönig

• Ein König braucht viel Geld, erst recht, wenn er ein Großreich regieren will. Das galt insbesondere für Philipp II., im Jahr 1527 in Valladolid als Sohn Karl V. geboren, Herrscher über Spanien, die Kolonien in Amerika, die Niederlande, die Freigrafschaft von Burgund, die Königreiche Sizilien und Sardinien und das Herzogtum Mailand.

Ein solch weitläufiges Herrschaftsgebiet hat naturgemäß viele Feinde, erst recht, wenn sein König nicht müde wird, die Nachbarn zu piesacken. Der Erzkatholik Philipp II. zettelte zahlreiche Kriege an, gegen die Türkei und die Niederlande und schließlich gegen England. Mit der Folge, dass seine Armeen einen Großteil der Staatseinnahmen verschlangen.

Doch der Monarch konnte sich derlei Abenteuer erlauben. Schließlich wurde ab 1540 reichlich Silber aus den Minen Mexikos und Perus nach Spanien verschifft, was die Kreditwürdigkeit des Königreichs sicherte.

Für den Herrscher war das ein Segen, denn er lebte auf Pump. Das Schuldenmachen lag in der Familie. Schon sein Vater lebte vom Kredit der Geschäftsleute, und er war dabei recht einfallsreich: So hatte er die sogenannten Juros eingeführt, einfache Rentenpapiere. Die Juros übertrugen demjenigen, der sie gekauft hatte, Einkünfte des Staates. Juros auf die Silberminen der amerikanischen Kolonien waren besonders beliebt.

Viele glaubten, man könne mit diesen Papieren schnell reich werden. In Cervantes’ Novelle „Das Zigeunermädchen“ sagt eine Figur, man solle Geld anlegen, „wie jemand, der einen Juro auf das Gras der Estremadura besitzt“.

Die spanischen Anleihen waren für die Gläubiger ein gutes Geschäft, da die Risikoprämien sehr hoch sein konnten, die Zinssätze schwankten zwischen 5 und 14 Prozent. Zwar gab es zu jener Zeit noch keinen organisierten Wertpapiermarkt, aber die Juros wurden schon gehandelt. Ihre Kurse schwankten wie die von heutigen Staatsanleihen. Wenn Philipp II. in finanzielle Nöte geriet, sanken die Kurse schon einmal auf unter die Hälfte des Nominalwerts.

Doch 1557 war der König zahlungsunfähig. Die Staatspleite traf vor allem die traditionellen Bankiersfamilien aus Augsburg: die Fuggers und die Welsers. Beide zählten schon unter Karl V. zu den wichtigsten Finanziers des spanischen Königshauses. Durch die Geldgeschäfte waren sie in der Vergangenheit in den Besitz der Weidegebiete der Ritterorden von Santiago, Calatrava und Alcántara sowie der Quecksilberminen von Almadén gekommen. Im Gegenzug hatten sie der Krone einige Schulden erlassen. Bislang war es ihnen mit solchen Deals immer geglückt, größeren Schaden abzuwenden. Aber diesmal wurden sie zum Aderlass gezwungen.

Sie mussten akzeptieren, dass kurzfristige Schuldtitel in Höhe von sieben Millionen Dukaten in Papiere mit längerer Laufzeit und einem Zinssatz von fünf Prozent getauscht wurden. Für die Bankiers aus Süddeutschland ein herber Verlust. Zwar konnten sie das fehlende Geld verschmerzen, aber ihre Kreditwürdigkeit sank dadurch beträchtlich. Fortan mieden sie Geschäfte mit dem spanischen Königshaus.

Infolgedessen verschob sich das Finanzzentrum im ausgehenden Mittelalter. Bislang wurden Staatsanleihen in Antwerpen gehandelt, doch die dortigen Anleger fühlten sich geprellt. An ihre Stelle traten Geschäftsleute aus Genua. Sie hofften, so an die Silberschätze aus den amerikanischen Kolonien zu kommen.

Bald merkten auch sie, dass Philipp II. ein unzuverlässiger Partner war. 1560, 1576 und 1596 war er abermals pleite. Sein Glück war es, dass er so hoch verschuldet war, dass er seinen Gläubigern die Bedingungen zur Tilgung der Außenstände diktieren konnte. Regelmäßig änderte er kurzerhand die Konditionen, zu denen er das Geld zurückgab.

1582 kam ihm eine neue Idee, wie er den spanischen Staatshaushalt entlasten konnte: In einem Schreiben an seine Gläubiger kündigte er an, die Zinsen in Höhe von sieben Prozent für eine Anleihe zu senken. Den Inhabern des Papiers stellte er frei, ob sie es behalten und dafür einen neuen Zinssatz kassieren wollten, der nicht in dem Schriftstück genannt wurde. Oder ob sie sich ihre Vorschüsse im Nominalwert zurückgeben lassen wollten.

Der Staat war knapp bei Kasse. Einnahmen mussten sofort in den Schuldendienst gesteckt werden. Philipp II. unterzeichnete mehr als 400 Kreditverträge, immer wieder fand er Finanziers, die ihn mit frischem Geld versorgten. Es lockten hohe Zinsen und Gewinne aus den Silberminen, was einige Anleger blind machte für die Risiken.

Die Bankiers aus Genua machten sich dabei für Philipp II. unentbehrlich. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts kämpften die spanischen Truppen in den Niederlanden gegen den sich ausbreitenden Protestantismus. Doch die Soldaten kannten ihren König besser als dessen Geschäftspartner: Sie verlangen ihren Sold in Gold – weshalb der Monarch immer mehr Geld aufnehmen musste.

Als er 1598 starb, beliefen sich die Zinszahlungen Spaniens auf die Hälfte der staatlichen Einnahmen. Manche Kredite sind bis heute nicht abbezahlt. Zumindest wenn man dem polnischen Parlamentsabgeordneten Marek Poznanski glauben mag. Der hat im August 2012 nachgerechnet, was aus einem Kredit wurde, den die Königin von Polen vor 400 Jahren Philipp II. gewährt hatte. Damals hatte die aus Italien stammende Bona Sforza der spanischen Krone 430 000 Golddukaten geliehen. Philipp II. brauchte das Geld für seinen Krieg gegen Frankreich, in dem es um die Herrschaft im Königreich Neapel ging. Von der Summe zahlte Spanien damals aber nur zehn Prozent zurück. Umgerechnet 55 Millionen Euro stünden noch aus, so der Abgeordnete.

Poznanski forderte die polnische Regierung dazu auf, das Geld von Spanien einzutreiben, zumal das Gerücht umgeht, Philipp II. habe Bona Sforza in ihrem Exil in Bari vergiften lassen, um seine Schulden abzuschütteln. Spanien jedoch steht auf dem Standpunkt, die alte Rechnung sei verjährt. ---

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