Ausgabe 10/2013 - Schwerpunkt Normal

Der Maßstab

1. ICH BIN NICHT VERRÜCKT!

Es gibt Zeiten, in denen schlechte Witze mehr über die Gesamtlage aussagen als ernste Analysen. Patient: „Herr Doktor, Herr Doktor, ich bin nicht verrückt, ich bin ganz normal.“ Psychiater: „Aber natürlich. Das sagen alle Verrückten.“

Die Pointe ist erstaunlich lebensnah. Es klingt heute verrückt, wenn jemand behauptet, er oder irgendetwas um ihn herum seien normal. Natürlich ist nur die Abweichung. Das Normale hingegen ist eindeutig abweichendes Verhalten, und wer es für sich reklamiert, muss eigentlich eine Klatsche haben. Willkommen im Zeitalter der Vielfalt, Bauabschnitt I.

Normal ist heute ein Begriff, der eher die Abweichung definiert. Die Vielfalt wird mittlerweile so geschätzt, dass kaum jemand so sein will wie der Verrückte im Witz, also normal. Auch nicht irre, klar, aber eben anders. Das ist nicht schlecht in einer Welt, in der es darum geht, die alten Normen und Regeln hinter sich zu lassen und sich auf den persönlichen Unterschied zu konzentrieren.

Nun zur schlechten Nachricht: Unterschiede sind nur erkennbar, wenn es einen gemeinsamen Nenner gibt, einen Maßstab, an dem man seine eigene Position messen kann. Anders als früher wird es nicht darum gehen, sich dieser Norm zu unterwerfen. In der offenen Gesellschaft, in der es um Vielfalt und Unterscheidung geht, braucht man den Maßstab wieder in seiner ursprünglichen Funktion: um seinen eigenen Kurs festzulegen. Normalität als Orientierung, nicht als Begrenzung. Und da sieht es jetzt gar nicht so gut aus. Denn dieser Maßstab fehlt uns. Die alte Normalität wollen wir nicht mehr – und eine neue haben wir nicht gefunden. Leben wir wirklich, wie die zeitgeistige Kritik behauptet, in einer neuen Ära des Egoismus? Oder haben die Kritiker einfach nicht verstanden, was wirklich los ist? Dass viele Verrückte nichts lieber wären als normal.

2. NORMALVERBRAUCHER

Wir kennen die Behauptung: Früher war alles besser. Das ist Quatsch. Aber war früher wenigstens nicht alles übersichtlicher, also auch normaler? Da stimmen deutlich mehr Menschen zu. Normal ist, woran wir uns gewöhnt haben. Das macht die Vergangenheit so hübsch übersichtlich – und die Gegenwart so irritierend.

Normal ist, was ordentlich aussieht. Das lateinische Stammwort normalis bedeutete ursprünglich „nach dem Winkelmaß“ und wies in der Antike darauf hin, dass Steine in eine eckige Form gebracht wurden. Normalität reduziert das Material zwar, erleichtert aber die Verarbeitung, erlaubt Planungen und Übersicht. Ein zutiefst menschliches Bedürfnis, das in Zeiten großer Umbrüche stets Sehnsüchte weckte. Nur war früher gar nichts normal. Alles war gefährlich, unsicher, vage. In so einer Welt sind Normalität und ein fester Standard etwas sehr Erstrebenswertes, ein Winkelmaß fürs Leben. Ein wenig Normalität, also etwas Berechenbarkeit! Am Ende des Zweiten Weltkriegs war das zum Traum geworden.

Der Normalverbraucher war das neue Normalnull nach dem verlorenen Krieg, eine dünne Existenzlinie, etwas, an dem man seine Existenz neu ausrichten konnte. Das Existenzminimum war damals etwas grundlegend anderes als heute, nämlich ein Lebensfundament aus 1550 Kalorien. Das liegt gut 700 Kalorien unter dem, was heute einen männlichen Durchschnittserwachsenen am unteren Rand des Body-Mass-Index hält. Aber mehr stand einem Erwachsenen nach dem Krieg an zugeteiltem Essen nicht zu, dafür gab es Lebensmittelkarten. Normal war weniger, als man fürs Überleben brauchte. Jeder musste sich abseits der offiziellen Kanäle etwas organisieren, um zu überleben.

Der Regisseur Robert Stemmle drehte in den Ruinen der Großstadt seinen Spielfilm „Berliner Ballade“, in dem der junge und spindeldürre Gerd Fröbe die Rolle des „Otto Normalverbrauchers“ einnimmt. Er spielt einen Kriegsheimkehrer, der in die umfassende Mangelwirtschaft seiner Heimatstadt zurückkommt und davon träumt, von hübschen blonden Damen unentwegt mit Kuchen und Sahnetorten gefüttert zu werden. Der Hunger macht den Titelhelden krank, auch an seiner Seele, aber der Nervenarzt, den Otto in seiner Not aufsucht, kann nicht helfen. Der Psychiater ist selbst ein Verrückter im eigentlichen Wortsinn, einer, den das Chaos seiner Zeit neben sich gestellt hat. Jeder muss sich nun selbst helfen.

Und auch das ist normal, geradezu vertraut: Alle versprechen Orientierung, aber keiner kann sie geben. So wird unser Held von Ideologen behelligt, die ihm ihre Überzeugung als Normalität verkaufen wollen. Doch Otto kennt den Trick schon, das war der, der ihn und Millionen andere in den Krieg geführt hat. Er entlarvt das – und wird von den Menschenrettern verprügelt. Immerhin und zum guten Schluss: Die Kuchenfee aus Ottos Sahneträumen wird Wirklichkeit, sie heißt Eva, auch weil sie am Anfang einer neuen Normalität steht. Das „kleine Glück“, das damals für viele als Synonym für alles Erstrebenswerte gilt, ist die normale Reaktion auf die Katastrophe, die beim Drehen des großen Rades eingetreten ist.

Otto Normalverbraucher trifft den Geist der Zeit: Man will etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf, ein bisschen Frieden und in Ruhe gelassen werden. Der Rest ergibt sich, da ist man ganz zuversichtlich. Wenn nur erst der Magen voll ist, wenn erst der nächste Tag gesichert ist, dann wird sich alles andere schon einspielen. Das ist eine ganz andere Vorstellung von Normalität, keine ewige Sicherheit, sondern eine, die darauf baut, dass man eine Chance hat, es anders zu machen als bisher. Stemmles Film ist so optimistisch wie seine Titelfigur. Für die, die nun links das große Rad drehen wollen, das auf der rechten Seite gerade gebrochen ist, steht fest, dass Otto Normalverbraucher ein Spießer ist, ein Reaktionär. Wahr hingegen ist, dass Fortschritt und Rückschritt immer nur Momentaufnahmen der Geschichte sind. Normal ist, was man braucht. Die Normalität, die Otto und seine Generation einfordern und die sich bald zur gesellschaftlichen Realität des „Wirtschaftswunders“ der jungen Bundesrepublik entwickeln wird, braucht einen ruhigen, festen Hintergrund, um überhaupt zur Ruhe zu kommen. Was man damals normal nannte, war ein Mindeststandard, weit entfernt von den Komplettlösungen, die wir heute fordern. Wenn man ein Fundament baut, dann darf nichts wackeln, da ist ein exaktes Winkelmaß gefordert. Die Normalität, die zur Grundlage der alten Gesellschaft wurde, war nötig. Demokratie und Wohlstand brauchten diese Ruhe, um sich zu entwickeln.

3. OPTIONEN

Nichts von dem, was heute zu tun ist, übersteigt die Aufgaben, die andere vor uns bereits erledigt haben, gar nichts ist mühsamer als das, was schon getan ist. Vielleicht ist das aber auch gleichzeitig das Problem. Normalitäten sind das Zeichen eines Systems, das hoch entwickelt ist, wohlständig und das es sich einfach leisten kann, eine Vielzahl an Möglichkeiten zu bieten. All die Milieus, die Gesellschaften, die Subkulturen und Moden, die Ideen und Differenzen sind untrennbar mit einer Welt verbunden, in der niemand mehr um seine nackte Existenz kämpfen muss. Eine Alternative gibt es nur dort, wo etwas übrig bleibt. Das ist kein Zufall, sondern ganz normal in einer entwickelten Gesellschaft.

Die Jahre des Wirtschaftswunders, das Mitte der Sechzigerjahre deutlich abebbte, boten eine überschaubare Zahl an Maßstäben: Männer beherrschten unbestritten die Welt, Frauen hatten hübsch und brav zu sein, die Haarlänge bei Jungs war mit dem Hemdkragen limitiert, und wer sich daran nicht hielt, riskierte Prügel. In der sich entwickelnden Konsumgesellschaft war aber das enge Normal, das sich aus dem Ruhebedürfnis der Nachkriegszeit heraus entwickelt hatte, nicht mehr zu halten: Der Konsumkapitalismus brauchte Differenzierung, die Leute wollten Abwechslung.

Das ist das Alternativprogramm zum alten Normal, also zur Kultur der Anpassung und Vereinheitlichung, die einerseits das Leben übersichtlich, allerdings auch bedeutend trostloser macht. In den späten Sechziger- und Siebzigerjahren hatte die Gesellschaft im Westen einen Wohlstand angesammelt, der groß genug war, ein neues Wagnis einzugehen. Das ist ein bisschen wie beim Glücksspiel. Wer nur einen Jeton hat, der kann nur auf eine Möglichkeit setzen. Die durch materielles Wachstum verbesserten Optionen, die man in der Konsumgesellschaft vorfand, machten aber das Spiel nicht mehr so riskant wie in früheren Zeiten. Man konnte eine Alternative entwickeln. In der Adenauer-Zeit war das Bewahren wichtig, in der Brandt-Ära das Experimentieren. In dieser Phase verlor das Normale auch den Alleinvertretungsanspruch. Was als Maßstab und Norm für eine Biografie galt, veränderte sich, ohne dass die alte Einheit durch eine neue ersetzt worden wäre. Aus „der Gesellschaft“ mit einem klaren Oben, Unten und einer breiten Mitte wurden Milieus, Teile, Vielfalt.

Man wollte alles sein, nur nicht normal.

4. MACH MAL PAUSE

Cool war, wer sich anders gab. Nicht unbedingt, wer anders war.

Im Rückblick sind die Sechziger- und Siebzigerjahre deshalb so unglaublich komisch. Wir sehen Menschen, die sich untertags brav in den alten Hierarchien der Firmen und Behörden einfinden und deren Weltbilder sich kaum von denen ihrer Eltern unterscheiden. Es sind Äußerlichkeiten, die den Unterschied machen: lange Haare, eine andere Musik, eine offensiv genutzte Jugendsprache, eine subversive Mode. Was man damals in der Gesellschaft beobachten konnte, gibt es in Unternehmen immer noch. Nennen wir es das Wochenendseminarsyndrom.

Was da passiert, kennen wir alle. Von Freitag bis Sonntag besuchen Menschen, die in ihrer Organisation immer wieder zum Mitmachen, zu Opportunismus und Anpassung erzogen werden, ein Seminar. Und dort sollen sie dann kreativ sein, offen, anders eben, alles, nur nicht normal. Das Problem aller Organisationen, die sich ihre Normalos züchten, ist ja, dass sich diese Spezies nicht so sehr durch Innovationen und Veränderungen hervortut. Denn das bedeutete den mehr oder weniger offenen Konflikt mit den herrschenden Verhältnissen. Eigensinn und Kreativität sind die Wurzel allen Übels in der Organisation – sie sind aber dummerweise unverzichtbar, wenn man nicht untergehen will. Deshalb gibt es die Ausnahme von der Regel, das Wochenendseminar (das natürlich ebenso gut unter der Woche oder als längeres Projekt laufen kann). Man ist anders, um am Montag wieder normal zu sein.

In den frühen Siebzigerjahren war das Wort „Pause“ sehr populär. Jeder machte irgendwie Pause, das war in: „Pause vom Alltag“, „Pause vom Ich“. In den Wochenendseminarsystemen machte man eben Pause von der Normalität. Pause bedeutet in seinem griechischen Ursprung so viel wie Stillstand. Präziser geht es eigentlich nicht. Man bleibt stehen, um die Normalität wieder zu ertragen. Es war nie Sinn der Wochenendseminare, kreative Potenziale freizusetzen – im Gegenteil. Der Zweck war, die Normalität, die Routine erträglicher zu machen, indem man – durch die Pause – etwas Abwechslung schuf. Diese Kultur haben sich viele Organisationen bis heute erhalten, und deshalb wirken sie auch, wie vieles, was in den Sechziger- und Siebzigerjahren gemacht wurde, vorwiegend komisch.

Und klar, Veränderungsbeauftragte werden jetzt protestieren. Normalität? Bei uns? Gibt’s nicht. Hier herrscht permanente Revolution. Wir erfinden uns täglich neu.

Echt? Ist es mehr als jener bereits notorisch gewordene Vielfaltsaktionismus nach Art der Wochenendseminare? Hier wird mit dem Hintergrund gewackelt und behauptet, es handle sich um Bewegung. Was früher Maßstab war und Leitlinie, wird so lächerlich gemacht. Das hat natürlich auch seinen Sinn. Wo alles künstlich unscharf gehalten wird, kann die Unternehmensleitung unverbindlich und willkürlich handeln. Es gibt zwar hehre Regeln, aber niemand hält sie für die Realverfassung – und das hat mit der eigentlichen Normalität nichts mehr zu tun. So geht es dann auch den Produkten und Dienstleistungen, den Ideen und dem Wissen aus solchen Wackelbuden. Alles ist unscharf, und die Relationen stimmen nicht mehr.

Das ist so, wenn der Maßstab fehlt.

5. MASSSTAB

Wenn das geschieht, und das tut es immer öfter, wird aus der an sich wichtigen Erkenntnis, dass man sein Handeln immer wieder prüfen soll, ein andauerndes Zweifeln an allem. Und das hat mit konstruktiver Kritik nichts mehr zu tun. Nichts ist mehr normal. Alle sind auf der Flucht. Rette sich, wer kann. Menschen ertragen das nur, wenn sie keine Alternative sehen, die ihnen erlaubt, solchen Verhältnissen zu entkommen. Und auch wenn alle von Vielfalt reden – wirklich ernst meint es kaum jemand. Das macht die echte Vielfalt lächerlich und liefert Alibis für alle, die nichts ändern wollen. In Zeiten, in denen die Sehnsucht nach einfachen Antworten wächst, ist das gefährlich.

Es entsteht der Eindruck: Die Zukunft ist enttäuschend. Und deshalb wird das alte Falsche beschworen, die Einheit, die Übersichtlichkeit und mit ihr auch all die Ein-falt, die dazugehört. Hätte man jetzt nur eine verbindliche Leitkultur! Eine klare Anleitung, eine starke Hand. Hach! Bekannte Klagen also, an denen sich zeigt, wie sehr wir noch in der alten Welt stecken, in der Normalität nicht der Maßstab für die eigene, persönliche Differenz war, sondern ehernes Gesetz, bei der jede Abweichung schwer bestraft wurde.

Diese Ordnung war Zucht. Wir sind Kinder dieser Normkultur.

Nun ist im Prinzip nichts schlecht daran, wenn sich Menschen an einem Durchschnitt orientieren, an einem Wert, der ihnen Gelegenheit gibt, ihre eigene Position genauer zu bestimmen. Dazu ist ein Body-Mass-Index ebenso nützlich wie Leitkulturen und Moden – wenigstens solange wir all diese Maßstäbe nur zur Kalibrierung unserer eigenen Persönlichkeit nutzen, also zur besseren Unterscheidbarkeit von der Norm. Doch das geschieht nach wie vor selten. Die meisten wollen sich am Maßstab nicht orientieren, sie wollen so sein wie er. Wir machen uns, ohne Not, zu Normalverbrauchern. Und es ist nur auf den ersten Blick paradox, dass das besonders klar wird, wo wir das Abweichende loben.

Wir sind so sehr zur Anpassung und Norm erzogen, dass uns alles, was ein bisschen anders ist, sofort als solches auffällt. Nur dass wir eben heute nicht, wie zu Großvaters Zeiten, das andere grundsätzlich als Störung empfinden und ausknipsen wollen, sondern im Gegenteil die Abweichung kritiklos loben und preisen.

Das Gegenteil von falsch ist nicht automatisch richtig. Das zeigt zum Beispiel die Affirmative Action, auf Deutsch unglücklich mit „positive Diskriminierung“ übersetzt. Die Idee der Affirmative Action ist eng verwoben mit dem Kampf der Regierung John F. Kennedys gegen die Rassentrennung im Süden der USA zu Beginn der Sechzigerjahre. War es ausreichend fair, den jahrhundertelang unterdrückten Afroamerikanern einfach nur die gleichen Startchancen zu geben wie anderen? Das Prinzip der Affirmative Action verneint das klar. Wer lange Zeit Nachteile erlitt, braucht mehr Hilfe beim Start. Gleichheit ist eben nicht gerecht. Das ist differenziertes Denken – das allerdings dann auch konsequent die Hinwendung zum einzelnen Fall, zur Person braucht, weil sich sonst aus dem Werkzeug der fairen Unterscheidung ein neues Stereotyp, eine gefährliche Normalität entwickelt.

Schwule und Lesben seien besonders kreativ und künstlerisch begabt – eine These, für die es ebenso wenig stichhaltige Beweise gibt wie für die besonderen Talente von Frauen gegenüber Männern, wenn es um Führung und Menschenkenntnis geht, auch wenn diese längst als Tatsache gehandelt werden. Das ist diskriminierend wie alles, was sich nicht an der Leistung und der Person des und der Einzelnen darstellen lässt. Fairness ist Differenzierung, alles andere ist nicht normal.

Genau diesen Job will man sich mit der Umkehrung der alten falschen Regeln durch neue falsche Regeln ersparen. Das allerdings ist nicht normal, sondern schlicht der einfachste Weg, um sich die mühsame Arbeit der Differenzierung zu ersparen. Willkommen im Mainstream, der Mitte, dem Hauptstrom also, von dem jeder glaubt, dass er damit nichts zu tun hat – man ist doch nicht normal und denkt nicht, was alle denken!

Der Mainstream sind immer die anderen. Ganz gleich, ob es um Politik, Ökologie oder Methoden geht, und ganz gleich, wie mehrheitsfähig die eigene, vermeintlich exklusive Haltung dazu auch ist. Beispielsweise halten sich Kapitalismuskritiker für eine kleine wissende Minderheit, die tapfer gegen den trägen Strom vertrottelter Konsumbürger ankämpft.

Wahr ist, dass es sich bei dieser „wissenden Elite“ um ungefähr den Haufen handelt, der in dem Monty-Python-Klassiker „Das Leben des Brian“ die Behausung des vermeintlichen Propheten belagert, um ihm, gegen seinen Willen, zu huldigen. Als Brian verzweifelt versucht, an ihre persönliche Kritikfähigkeit zu appellieren, passiert Folgendes:

Brian: „Ihr seid doch alle Individuen!“ Alle im Chor: „Ja, wir sind alle Individuen!“ Brian: „Und ihr seid alle völlig verschieden!“ Alle: „Ja, wir sind alle völlig verschieden!“ Nur eine Stimme piepst: „Ich nicht!“

Toll, das klingt nach Widerstand! Dabei ist es nur ein Trottel, der einem Trottelkollektiv gegenübersteht. Sie alle halten einfach immer das Gegenteil für richtig und normal.

Heute erinnert vieles an „Das Leben des Brian“. Der Film erklärt auch, warum es zuweilen so flott geht mit dem Übergang von der alten Einheitsgesellschaft hin zur Individualisierung – weil nur alte Klischees und Vorurteile gegen neue getauscht werden und dabei die alte Normalität einfach umgepolt wird. Was früher richtig war, ist jetzt falsch. Weiß ist das neue Schwarz. Der alte Mainstream war intolerant und selbstgerecht. Der neue Mainstream ist all das auch – und belügt sich auch noch selbst.

6. AVANTGARDE

Wer über das neue Normal redet, darf zur Avantgarde nicht schweigen. Der Begriff ist ein wenig aus der Mode gekommen, was daran liegt, dass sich heute so viele zu dieser Schicht zählen, dass sie an Exklusivität verliert. Das Normale steht auch hier unter Druck.

Ursprünglich, das sollte man erwähnen, bestand die Avantgarde aus Verrückten. Sie stellte die Reitertruppe, die der Armee vorauseilte und dabei ihr Leben ließ. Dafür brauchte man also Menschen mit einer recht einschlägigen psychischen Disposition.

Im 19. Jahrhundert wurde die Avantgarde, das mutige Vorauskommando der neuen Zeiten, zur Vorreiterin ihrer Sache, die sich Tradition und Normalität mutig in den Weg stellte und ihr Ding machte. Es ist nicht überraschend, dass das Establishment jeder Zeit sehr schnell mit der Avantgarde aneinandergeriet. Dennoch entwickelte das Bürgertum ein Gespür dafür, wie die Jungen und Wilden den eigenen Plänen dienlich sein konnten. Ihre Ideen, so zeigte sich schnell, waren gut fürs Geschäft. Andererseits passten die Avantgardisten nur sehr begrenzt in die von engen Regeln geprägte bürgerliche Industriekultur. Daraus entwickelte sich schon früh die Vorstellung, dass wahres Talent mit abweichendem Verhalten einhergeht, was man von Künstlern ja schon gewohnt war. Der verrückte Wissenschaftler, der merkwürdige Ingenieur, der sonderbare Tüftler ergänzten nun die Palette. Je intelligenter jemand zu sein schien, desto wunderlicher war er auch. Talent ist eben nicht normal, die Ausnahme. Aber ist es deshalb schon verrückt?

Heute gehören nicht nur Aktionskünstler, Musiker, Bildhauer, Dichter und Philosophen zur Avantgarde, die man nicht für normal hält, sondern auch Computerpioniere, Webunternehmer und Naturwissenschaftler, ganz besonders Mathematiker. Je ferner das Thema vom Leben des Durchschnittsbürgers, desto verrückter scheint es zu sein. ADHS ist das kleine Einmaleins in dieser Welt, Asperger und Borderline gehören mehr oder weniger zum Bildungskanon (siehe Interview mit Fritz B. Simon, Seite 102).

Auch diese Ausnahmen sind ein offensichtlicher Beweis für die Regel. Die neue Normalität ist eine Inflation des anderen. Solche Einsichten waren lange Jahre politisch unkorrekt, und wer Fragen stellte, was noch normal sei, erhielt mindestens die Antworten, die wir vom Anfang dieser Geschichte kennen.

Ganz besonders, wenn es um den mentalen, den psychischen Zustand des Normalen ging. Also das, was man früher verrückt nannte. Kaum ein Buch hat in den USA in den vergangenen Jahren so viel Aufsehen erregt wie Allen Frances’ Buch „Saving Normal“, auf Deutsch unter dem Titel „Normal – Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“ erschienen.

Der Psychiater Frances ist nicht irgendwer: Lange Jahre war er einer der führen-den Autoren des sogenannten „DSM“, des „Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen“, die »New York Times« zählt ihn zu den wichtigsten Vertretern seines Faches. Seine Kritik ist umso wirksamer: Die Pharmaindustrie, Ärzte, Verbände, die Medien, sie alle arbeiten an dem, was Frances als zunehmende Pathologisierung von Normalen anprangert. Die Zahlen sprechen für sich: Gut die Hälfte der US-Amerikaner gilt nach den Richtlinien der DSM als psychisch gestört. Und auch in Europa steigen die Fallzahlen rapide, sie liegen bereits bei mehr als 40 Prozent, das Gleichziehen mit der Neuen Welt ist nur eine Frage der Zeit.

Egal ob man Frances’ Kritik im Ganzen folgt – seine Beobachtung trifft zweifellos zu: Die diagnostische Inflation nützt Pharmakonzernen, Ärzten, Therapeuten und anderen professionellen „Helfern“, die heute ausschwärmen, um Differenz erst energisch zu fordern, um sie dann eiligst einer kostenpflichtigen Behandlung zuzuführen. Je scheinbar vielfältiger die Welt wird, desto mehr geben wir dafür aus, wieder „normal“ zu sein, obwohl immer unklarer wird, was das sein soll. Das gilt nicht nur für psychische Erkrankungen.

Das kann man allerdings nur zum Teil jenen anlasten, die damit ihre Geschäftsmodelle befeuern – auch hier bestimmt die Nachfrage ganz entscheidend das Angebot.* Diese Vielfalt schert über einen Kamm, denn sie hat immer den gleichen Zweck: jede auch nur gefühlte Abweichung zur Krankheit zu erklären. Eine neue Willkür: Normal ist, was den Experten gerade recht ist.

7. SCHULDIG

Am 24. August 2012 erklärte das Osloer Amtsgericht den Angeklagten Anders Behring Breivik für zurechnungsfähig und verurteilte ihn wegen 77-fachen Mordes zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Damit wandten sich die Richter gegen den Antrag der Staatsanwaltschaft – und folgten dem Wunsch des Angeklagten, der alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um nicht für verrückt erklärt zu werden.

Der Berater und Autor Reinhard K. Sprenger ahnt, weshalb für politisch motivierte Straftäter die Frage der Normalität eine so große Rolle spielt: „Wenn ein Verrückter etwas tut, ist es ein Unglück. Gewicht erhält eine Wahnsinnstat wie Breiviks Morde dadurch, dass sie von einem ,Normalen‘ ausgeführt wurde, also von jemandem, der scheinbar aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Pathologisierung ist Entlastung, Abwertung, Entschuldigung. Normal sein hat hingegen immer den Anspruch: Ich habe es bewusst getan, weil ich es für richtig hielt. Das heißt dann für den Täter immer auch: Es war richtig.“

Das mag völlig durchgeknallt klingen, ist aber eine Logik, die nicht nur in solchen Verfahren immer wieder anzutreffen ist. „Der Anspruch auf Normalität ist oft mit einer aggressiven Haltung verbunden. Denken Sie sich nur jemanden, der sagt: ,Das ist doch nicht normal!‘ “, sagt Sprenger. Man kann die Faust auf dem Tisch hören.

Und auch dort, wo die Aggression vordergründig fehlt, wo es um Macht geht, ist immer auch das Vorrecht auf die Deutungshoheit des Normalen im Spiel, weiß Sprenger: „Die Politik definiert das Normale – das ist ihr Geschäftsmodell.“

Aber leben nicht wenigstens Unternehmen von etwas ganz anderem? Ist nicht Differenz der wichtigste Faktor, um am Markt zu bestehen und Erfolg zu haben? Beim Unternehmer sei es wohl so, sagt Sprenger, und beim Manager sollte es so sein, denn er ist „die soziologische Figur des Normalitätsabschaffers, der ständig auf der Suche nach Defiziten ist, die sich beseitigen lassen. Das ist sein Job. Was kann ich verbessern, was optimieren – der Status quo ist, theoretisch betrachtet, der größte Feind des Managers.“

Theoretisch, sagt Sprenger. Praktisch sieht es dann in den Organisationen doch anders aus, denn dort gehen jene entfernten Verwandten des Beraters Sprenger ein und aus, die Unternehmensberater, die für ihn „die natürlichen Feinde des Managements sein müssten“, denn sie fungieren, so der Bestsellerautor deutlich, „als Krankheitsüberträger des Normalen, die es von einem Klienten zum nächsten übertragen“.

Reinhard K. Sprengers These ist verblüffend einfach: „Unternehmen leben von der Differenz, davon, dass sie eben nicht so sind wie der Wettbewerb. Und dann holen sie sich Berater, die nach Mustern suchen und auch so arbeiten, die in unterschiedlichen Unternehmen die immer gleichen Kausalitäten herstellen und am Ende einen Standard empfehlen.“ Die unausbleibliche Folge: Statt Differenz als wichtigstem Betriebsmittel kehre die Norm ein. Und statt Unternehmen finde man dann, so Sprenger, „beraterindizierte Organisationsklone vor“.

Statt das Normale herauszufordern, wird es angefordert. Und statt in den Unternehmen die Vielfältigkeit und Differenz herauszufordern, wird nur darüber geredet, während im Hintergrund der Status quo gesichert wird.

All das ändere aber nichts daran, dass „Differenzierung eine Großfähigkeit der Zukunft ist. Das New Normal ist, die Organisation um diese Differenzierung herum zu konstruieren.“

Normal ist, was erkennbar anders macht – und das auch nutzt. Thomas Perry, einer der Geschäftsführer der Mannheimer Marktforscher Q – Agentur für Forschung, hält das für die wichtigste Aufgabe in Unternehmen und Gesellschaft überhaupt: „Wir setzen die Vielfalt aufs Spiel, wenn wir uns nicht auch um einen gemeinsamen Nenner bemühen.“ Der allerdings dürfe nicht dem alten Irrtum huldigen, alle und alles gleich zu machen, sondern müsse die „Vielfalt zum neuen Standard“ erheben – und nicht, wie das immer wieder versucht wird, die alte Einheit zu beschwören. Der Westen sei da weiter, als wir denken, sagt Perry: „Wir leben in Gesellschaften und bauen Unternehmen, die auf Vielfalt und Unterschied ausgerichtet sind – immer stärker, immer facettenreicher.“

Die neue Normalität, sagt Perry, sei bereits auf der Welt. Und er malt ein optimistisches Zukunftsbild: „Es wäre eine zivilisatorische Großleistung der westlichen Demokratien, sich bewusst zu machen, wie weit wir schon gekommen sind – und zu zeigen, wie der Laden funktionieren kann.“

Leitbild hat man das früher genannt. Klingt heute ganz schön verrückt. Ist aber normal. ---

* vgl. brand eins 06/2013, b1-link.de/selbstzuender

Mehr aus diesem Heft

Normal 

Deutsches Haus

Das hierzulande meistverkaufte Eigenheim heißt Flair 113. Erfunden hat es Jürgen Dawo. Der Trick des ehemaligen Finanzbeamten: Er verkauft keine Immobilien, sondern Sicherheit.

Lesen

Normal 

Zwischen Daumen und Zeigefinger

Ohne die winzigen Erfindungen der Firma A. Raymond blieben Autos auf der Strecke. Porträt einer nur scheinbar Unscheinbaren.

Lesen

Idea
Read