Ausgabe 10/2013 - Schwerpunkt Normal

Veganismus

Das kleine ABC des Veganismus

Anfang

Der Ausdruck vegan, eine Verkürzung des Wortes Vegetarian, wurde 1944 von dem Briten Donald Watson geprägt. Er war 1924 mit 14 Vegetarier geworden, fand diese Ernährung aber langfristig nicht konsequent genug. Um die Ausbeutung der Tiere durch die Menschen zu beenden, dachte er, müsse man auf alle tierischen Produkte verzichten, also auch auf Eier, Milch, Leder etc. Der engagierte Pazifist gründete die britische Vegan Society, die erste vegane Organisation überhaupt, und das Magazin »Vegan News«. Watson lehnte auch Zigaretten und Alkohol ab. Dagegen gab es aber schon Bewegungen.

Bewusstsein

Tiere haben eines, Menschen nicht – so sieht es zumindest die vegane Theorie. Denn Tiere empfinden Schmerz (Bewusstsein), wir aber nehmen das nicht wahr (kein Bewusstsein). Doch zeigt sich der Mensch einsichtig, entwickelt er ein höheres Bewusstsein und wird Veganer, gibt es für ihn Hoffnung. Lange war die Argumentation veganer Aktivisten und Organisationen von solchen semireligiösen Erweckungsfantasien geprägt. Das hielt ihre Popularität in engen Grenzen. »Ideologie

CO2

Inzwischen sind die Veganer argumentativ deutlich besser aufgestellt. Eines ihrer schweren Geschütze ist der ökologische Fußabdruck der Intensivtierhaltung. 78 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche werden direkt oder indirekt (durch Futtermittelanbau) für die Tierproduktion genutzt, außerdem entfällt auf sie ein erheblicher Anteil des weltweit produzierten CO2 und anderer Treibhausgase. Wie erheblich ist allerdings umstritten: mehr als 50 Prozent? Oder doch weniger als 10 Prozent? Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sieht in der Intensivtierhaltung jedenfalls ein großes Klimaproblem. Allerdings hilft es auch nicht, auf Biohaltung umzusteigen: Glückliche Biotiere erzeugen laut einer britischen Ökobilanz mehr Treibhausgase als die armen Viecher in den Fabrikställen (Ausnahme: Schweine und Schafe). Also, so der Veganer-Schluss: am besten gar keine Tierhaltung.

D, Thomas

So sieht es jedenfalls der Rapper Thomas D, Mitglied der Gruppe „Die Fantastischen Vier“. Er war lange Vegetarier und ist seit diesem Jahr Veganer. Er ist nicht der einzige Star, der sich öffentlich bekennt. Die vegane Szene hat seit einiger Zeit erheblichen Zulauf von Schauspielern, Models, Musikern, Sportlern und so weiter. Natürlich ersetzen Namen keine Argumente. Einerseits. Andererseits: Bryan Adams! Bill Clinton! Alle Veganer! Das macht schon was her. »Jugendkultur

Erfolg

Popularität wächst sprunghaft – das gilt auch für die vegane Ernährung. Es gibt nur Schätzungen, wie viele Menschen in Deutschland ohne tierische Produkte leben: Der Vegetarierbund Deutschland spricht von rund 600 000, die Vegane Gesellschaft von rund 800 000. Fakt ist aber, dass sich der Umsatz mit veganen Produkten von 2011 auf 2012 um 19,4 Prozent erhöht hat: von rund 194 Millionen Euro auf rund 232 Millionen Euro. Und das scheint noch lange nicht das Ende zu sein. In den Großstädten eröffnen laufend neue vegane Läden, Imbisse und Restaurants. Inzwischen gibt es sogar die passende Supermarktkette: Veganz. Bisher wurden vier Filialen in Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main eröffnet, Ende 2015 sollen es 21 in ganz Europa sein.

Fleischersatz

Der Umstieg auf fleischlose Kost war nie so einfach wie heute – denn selbst begeisterte Carnivoren können ihre Fleischeslust problemlos vegan befriedigen. Fleischersatz aus Getreide (Seitan) oder Soja wird zu Würstchen, Burgern, Hot Dogs, Schnitzel oder Braten verarbeitet. All das schmeckt nicht wirklich wie Fleisch, von der Konsistenz ganz zu schweigen – aber man gewöhnt sich daran. Kritiker sehen im Fleischersatz zwar einen Beweis dafür, dass Veganer ihre wahren Bedürfnisse unterdrücken. Doch selbst professionelle Köche halten dagegen, dass die gängige Fleischküche den kreativen Umgang mit Gemüse und anderen vegetarischen Lebensmitteln stark eingeschränkt habe. Es sei für niemanden einfach, Gemüse vom Beilagenstatus ins Zentrum der Ernährung zu befördern. »Passard, Alain

Globalisierung

Theoretisch schätzt auch der Veganer lokale Produkte. Doch es ist umstritten, ob es überhaupt möglich ist, sich in Nordeuropa mit seinen kalten Wintern und dem damit einhergehenden eingeschränkten Nahrungsmittelangebot konsequent ohne tierische Produkte zu ernähren. Dank der Globalisierung ist das aber kein Problem. Allerdings werden nicht nur Obst und Gemüse aus aller Welt eingeflogen, auch andere vegane Nahrungsmittel legen weite Wege zurück. Fry’s aus Südafrika zum Beispiel ist mit Fleischersatzprodukten global erfolgreich. Die „Chicken-Style Strips“ und ähnliche Fertigprodukte machen das vegane Leben bequemer – der ökologische Fußabdruck der weit gereisten Nahrungsmittel dürfte aber kaum kleiner sein als der eines Huhns aus der Nachbarschaft.

Hunde

Tierschutz steht bei Veganern ganz hoch im Kurs. Doch es gibt eine Ausnahme: den eigenen Hund. Zwar gibt es längst auch veganes Hundefutter, mit dem die Tiere der Fleischverächter ernährt werden können. Aber darf man einem Allesfresser das Fleisch vorenthalten, von dem er sich normalerweise ernähren würde? Ist das nicht gemein? Und was ist mit der Leine? Ist die eigentlich mit der Freiheit des Tieres vereinbar?

Ideologie

Ja, das Hundethema gehört zu den Untiefen des Veganismus. Der hat alles, was man von einer Ideologie erwartet. Vor allem natürlich: recht! Sowie ein geschlossenes Weltbild, das von Fleischlosigkeit bis Tierbefreiung reicht und weiter zu Antirassismus, -sexismus und gar -speziesismus, einer Theorie, nach der die Unterschiede zwischen verschiedenen Spezies, etwa Menschen und Hunden, soziale Konstrukte sind. Tja, Ideologien sind bekanntlich Religionen für Menschen, die nicht an Gott glauben können. Vielen Neu-Veganern dürften solche Ideen jedoch egal sein. Der aktuelle massentaugliche Diskurs ist deutlich bodenständiger, ...

Jugendkultur

… vor allem in der Jugendkultur. Früher kamen junge Veganer häufig aus der Straight-Edge-Bewegung, die sich aus dem Hardcore-Punk entwickelt hatte und ein gesundes, moralisches Leben propagierte. Heute dagegen kann man sich zu einem gefühlten Veganismus bekennen, der auf aufrichtigem Engagement, der Begeisterung für vegane Stars und dem Echo einer alten Liebe zu Kuscheltieren basiert. »Konsequenz

Konsequenz

Die hilft nicht nur bei jungen Leuten. Aber auch. In einer Welt, in der Probleme gern ignoriert oder mit faulen Kompromissen überdeckt werden, ist eine konsequente Lebensweise höchst attraktiv. Besonders für den Nachwuchs aus der Mittelschicht, die sich nur noch für den Erhalt ihres sozialen Status interessiert: „Sieh mal, Papa, wir können auch anders!“

Lupinen

Gehören zur Familie der Hülsenfrüchte. Die Samen sind sehr eiweißreich und können in der vegetarischen / veganen Ernährung Soja ersetzen. Lupinen sind ein gutes Beispiel für Innovation durch Beschränkung. Wer bestimmte Dinge nicht essen darf, wird mit der Zeit feststellen, wie viele Dinge er essen kann, mit denen er sich nie beschäftigt hat. Das macht Spaß!

Mangelernährung

Und es ist nötig. Wer versucht, sich wie früher zu ernähren, bloß ohne Tierprodukte, wird schnell krank werden. Das Nahrungsmittelangebot ist nun mal beschränkt, und einige Nährstoffe wie die Vitamine D und B12 kommen vor allem in Tierprodukten vor. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) kann eine vegane Diät insbesondere bei Babys und Kindern zu Mangelerscheinungen füh­ren. Erwachsene Veganer sollten daher über ein solides Wissen verfügen, um sich vollwertig ernähren zu können. Weil das nicht jeder hat, gibt es im veganen Shop auch Nahrungsergänzungsmittel. »Teuer

Natur

Deren Verwendung mag zunächst seltsam wirken, doch der Veganismus ist nicht rückwärtsgewandt. Sein Verhältnis zur Natur ist eher ambivalent. Einerseits soll sie geschützt werden, andererseits soll sich der Mensch von ihr befreien. Der primitive Mensch isst Fleisch – der zivilisierte nicht. »Ideologie

Optimierung

Das passt zum Megatrend Life Hacking, also Selbstoptimierung. Wer mit Feng Shui seine Wohnung und mit dem Bestseller „Die 4-Stunden-Woche“ seine Arbeit optimiert hat und vielleicht schon Daten zur Selbstvermessung sammelt, perfektioniert natürlich auch gern seine Ernährung. Vor allem, wenn das schön und gesund macht. »Versprechen

Passard, Alain

Seit vegetarische Restaurants in den Achtzigern mit dem Slogan „Auch Sekt ist vegetarisch“ warben, gehört die Lust am guten Leben zur Fleischlosigkeit dazu. Das gilt heute auch für die vegane Ernährung. Nirgends hat sich das Essen so drastisch verbessert wie in veganen Restaurants und Cafés. Und da ist immer noch Luft nach oben, wie der französische Drei-Sterne-Koch Alain Passard beweist. In dem gerade erschienenen Graphic-Kochbuch „In der Küche mit Alain Passard“ gibt es zwar auch einige Fleisch- und Fischgerichte, aber die überwältigende Mehrheit der Rezepte ist vegetarisch, einige sogar vegan. Und eine bessere Reklame für veganes Essen als Passards „Gemüse Sushi“ ist schwer vorstellbar.

Qualität

Noch sind vegane Lebensmittel Nischenprodukte, die meist von kleinen Unternehmen hergestellt werden, deren Gründer zur Szene gehören. Im Gegensatz zum Angebot im normalen Supermarkt muss man deshalb das Kleingedruckte auf den Packungen nicht lesen – Qualität und Zutaten werden schon in Ordnung sein. Aber das hat natürlich seinen Preis. »Teuer

Rohköstler

essen vorwiegend oder ausschließlich unverarbeitete oder zumindest nicht erhitzte Nahrungsmittel. Im Vergleich dazu ist die vegane Ernährung ein Schwelgen im Exzess. Und wer selbst Rohkost exzessiv findet, kann noch Frutarier werden. Die ernähren sich ausschließlich von Obst, Nüssen, Samen und Getreide. Steve Jobs war in den Siebzigerjahren einige Zeit Frutarier. Für einen Trend hat das bisher nicht gereicht.

Spiritualität

Wer sich mit dem veganen Lebensstil beschäftigt, beschäftigt sich automatisch mit viel mehr: mit der Nahrungsmittelindustrie und der Politik, mit den eigenen Wünschen und Gewohnheiten, mit Geschmack und Genuss. Das führt zu Fragen wie: Was will ich? Was kann ich? Wer bin ich? Und kann in der Folge zu einer Klarheit führen, die ans Spirituelle grenzt. Das erklärt die Schwärmerei so mancher Neu-Veganer. Man darf sie also ruhig ernst nehmen.

Teuer

Wer sich vegan und trotzdem bequem ernähren will, sollte über ein solides Einkommen verfügen. Ein Schokodessert aus dem Kühlregal kann um die 3 Euro kosten, ein Stück Kuchen 4,50 Euro, eine Handvoll Schokotrüffel 9,50 Euro, ein Hanf-Drink (0,2 Liter) mehr als 2,50 Euro. Von Nahrungsergänzungsmitteln für 50 Euro und mehr ganz zu schweigen. Selbst Jan Bredack, der Gründer der Supermarktkette Veganz räumt ein, dass die Produkte teuer sind. Er erklärte in der Tageszeitung die »Welt«: „Grob gesagt muss man (…) bei uns ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zum Preis im gewöhnlichen Supermarkt einkalkulieren.“ Und der Vergleichssupermarkt ist eher Edeka als Aldi.

Überfluss

Ein Glück, dass die neuen Veganer in der Regel nicht arm sind. Jan Bredack war früher Vertriebschef bei Mercedes-Benz, Kirsten Mulach, die Gründerin des Hamburger Cafés Fairy Food, ist ehemalige Fernsehredakteurin, Jean-Christian Jury, der Gründer des hochgelobten Berliner Restaurants La Mano Verde, hat zuvor weltweit gastronomische Konzepte entwickelt. Und wie die Macher, so die Konsumenten. Früher waren Veganer wütende Menschen, die sich wenig leisten konnten. Heute treffen bei Veganz Manufactum-Taschen auf Büro-Kostüme oder junge Lifestyle-Accessoires. Im Westen also nichts Neues: Auf Überfluss folgt Überdruss – und der mündet in der Beschränkung.

Versprechen

Der vegane Lebensstil verbessert die Haut und hält das Altern auf, er macht leistungsfähiger und sorgt für ein reines Gewissen, er macht wacher und glücklicher und zufriedener und … Mit dem Trend kommen die Erlösungsfantasien. Auch nichts Neues.

Welthunger

Interessanter ist das zweite schwerwiegende Argument der Veganer: Die ganze Welt kann nicht so viel Fleisch essen, wie es heute in den westlichen Industrieländern üblich ist. Verbreitet sich das bei uns normale Ernährungsmodell weiter, führt das zwangsläufig zu Hungersnöten in der Dritten Welt. Vieles spricht für diese These. »CO2

XXS

Beziehungsweise: Weniger ist mehr. Noch so ein Megatrend, der prima zum veganen Leben passt. Mit dem Smart zu Veganz und danach zu Hause die Sprossen an einem Küchenblock dünsten, der so spurlos im fast leeren Loft ruht – ist das nicht nah an der inneren Einkehr eines Zen-Mönchs?

Yoga

War auch mal Trend. Galt auch mal als Allheilmittel. Schauspieler, Musiker, Models und so weiter bekannten sich öffentlich zum Yoga. Und teuer war es. Heute gibt es überall Yoga-Studios, kleine und große, billige und teure. Menschen machen Yoga oder eben nicht. Und niemanden interessiert das. So geht das mit Trends, die im Kern durchaus sinnvoll sind. Und so wird es auch mit dem Veganismus gehen.

Zukunft

Es wird strikte Veganer geben, die bequem und lecker mit Produkten aus ihrem Supermarkt leben. Es wird Veganer geben, die sich das nicht leisten können und die mit günstigen Produkten aus normalen Supermärkten sowie viel Mühe in der Küche ebenfalls strikt vegan leben werden. Es wird Menschen geben, die mal vegan leben und mal vegetarisch, aber vermutlich nie wieder mit Fleisch – dessen Attraktivität nimmt deutlich ab, wenn man sich erst mal entwöhnt hat. Es wird Menschen geben, die ab und zu vegane Cafés oder Restaurants besuchen, weil es da einfach lecker ist. Und es wird viele Fleischfresser geben, die von all dem nichts mitbekommen werden. Weil längst wieder irgendetwas anderes in ist. ---

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