Ausgabe 01/2013 - Schwerpunkt Neugier

Spielkinder

"Was ich nicht erschaffen kann, habe ich nicht verstanden."
Richard Feynman

- Richard Branson hofft auf den Nachwuchs. "Wir sollten mehr in junge Menschen investieren", sagte der Gründer der Virgin Group jüngst auf einer Konferenz in San Francisco. Ein solides Studentendarlehen allerdings schwebte ihm nicht vor. Vielmehr solle die Regierung junge Gründer mit einer Finanzspritze unterstützen und ihnen dabei helfen, ihre Geschäftsideen zu verwirklichen. Nicht dass er jemanden davon abhalten wolle zu studieren, beeilte sich der britische Milliardär hinzuzufügen. Aber so mancher lerne mehr, wenn er seinen Träumen freien Lauf ließe und ausprobierte, was in der Wirtschaftswelt funktioniere - und was nicht.

Versuch und Irrtum: ein Prinzip, das vielen Erwachsenen fremd geworden ist und das Branson gut kennt. Er war 19, als er seine erste Firma gründete, vier Jahre älter als Nick D'Aloisio.

Der war fünf, als ihn der Sternenhimmel über dem westaustralischen Perth beeindruckte. In klaren Nächten lässt sich das Kreuz des Südens gut erkennen, das durch die hellsten Sterne Acrux, Becrux, Gacrux und Decrux gebildet wird. Manche Menschen lädt der Blick in den Himmel zum Träumen ein, manche werden religiös, andere wollen wissen, was dahintersteckt. So wie Nick D'Aloisio. Seine Neugier, alles über die Sterne herauszufinden, sollte weite Kreise ziehen.

Er begann, seine Eltern auszufragen. Über schwarze Löcher, entfernte Galaxien und die Sterne, die das Kreuz des Südens bilden und auch auf der australischen Flagge abgebildet sind. Als sich dann die Eltern entschieden, nach London zu ziehen, hatte ihr aufgeweckter Sohn den australischen Sternenhimmel bereits in seinem Kopf kartiert. Und wusste schon mehr, als sie ihm erzählen konnten. Um seinen Wissensdurst weiter zu stillen, bettelte Nick D'Aloisio seine Eltern um einen Computer an - und konnte sich von nun an seine Fragen selbst beantworten. Schnell beherrschte er den Computer wie ein Profi. 2007 bekam er sein erstes Smartphone; ein Jahr später hatte sich der Zwölfjährige bereits das Programmieren von Anwendungen selbst beigebracht. Kurz darauf entwickelte er seine erste App: SoundStumblr. Die geobasierte Anwendung erkennt, wer in der nächsten Umgebung welche Musik hört.

Beim Büffeln für eine Prüfung im Geschichtsunterricht an der King's College School in London kam ihm eine Idee, die ihn zum jüngsten Menschen machen sollte, der bis dahin eine Finanzierung für sein Start-up an Land ziehen konnte: Unzufrieden mit den Suchergebnissen bei Google, entwickelte er eine App, die mehrere Hundert Nachrichtenquellen durchforstet, automatisch komprimiert und als 400-Zeichen-Meldung zusammenfasst. Die Smartphone-App taufte er Summly.

Die Verhaltensforschung fände für D'Aloisios Erfindungsdrang vermutlich eine eher schnöde Erklärung: Langeweile. Kinder haben schließlich endlos Zeit, die sie sich mit Spiel und Fantasie vertreiben - die Basis, auf der Neugier überhaupt erst gedeihen kann. Zuweilen artet das in endlose Warum-Fragen aus, die Eltern in peinliche Erklärungsnot bringen können. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz nannte das "Explorationsbedürfnis". Jede neue Erfahrung spornt ein Kind zu weiteren Lernaktivitäten an, durch die es sich allmählich in seiner Umwelt zurechtfindet. Das war früher nicht anders als heute.

Mittlerweile aber stehen mit Computern, Tablets oder Smartphones immer neue, interessante Spielgeräte bereit. Und während die oft gehetzten Erwachsenen noch über Google staunen, sind Kinder eher verärgert über die unübersichtliche Fundgrube Internet. Nick D'Aloisio sagt, dass er geradezu davon besessen sei, große Datenmengen überschaubar zu machen. In die Verlegenheit, mit unendlich viel Datenmaterial zu jonglieren, kam ein Fünftklässler in den Achtzigerjahren nicht. Egal wie neugierig er war.

Erst interessierten sich nur ein paar Fachzeitschriften für den raffinierten Algorithmus des Teenagers. Einen der Berichte las Solina Chau, Managerin des Investmentunternehmens Horizon Ventures. Der Private-Investment-Fonds des chinesischen Milliardärs Li Ka-shing hat bereits in Firmen wie Skype, Facebook und Spotify investiert. Solina Chau überzeugte Nicks Eltern, Summly marktreif zu machen, und legte dafür 300000 Dollar auf den Tisch. Im November 2011 wurden dann auch Prominente wie Ashton Kutcher und Yoko Ono auf den jungen Australier aufmerksam: Sie investierten rund eine Million Dollar. Nick D'Aloisio tingelt mittlerweile von Interview zu Interview, von Kongress zu Kongress. Im vergangenen Januar war er beim Münchner Digital-Kongress DLD des Burda-Verlags. Mit dem geschliffenen Akzent einer britischen Hochschule sprach er dort über seine App, deren erste Version 200000-mal vom Store geladen wurde und die er inzwischen mit einem Team weiterentwickelt.

Der Reiz des Experiments

Auch Adam Debreczeni war noch ein Knirps, als er zum ersten Mal einen Computer ausprobierte. Sein Vater, ein ungarischer Ingenieur, schrieb mit Kreide Befehle für das Betriebssystem DOS auf eine Tafel, und sein vierjähriger Sohn versuchte, sie in den Computer einzugeben. Damals lebte die Familie noch in Ungarn, und Debreczeni sprach kein Englisch: eine doppelte Herausforderung. Der Junge lernte spielerisch, wie ein Computer funktioniert. Heute ist er 20 und Chefdesigner der Firma Kiip in San Francisco, die seiner Aussage nach auf einen Wert von 35 Millionen Dollar geschätzt wird.

Kiip hat eine Methode entwickelt, Werbung und Smartphone-Spieler zusammenzubringen. Jedes Mal, wenn ein neues Level erreicht wird, werden per App Gutscheine oder Rabatte von Markenartiklern wie Pepsico oder Amazon.com verteilt. Der Spieler soll so motiviert werden, weiterzumachen und die werbetreibenden Unternehmen in guter Erinnerung zu behalten.

Debreczeni war fünf, als er mit seinen Eltern in die USA auswanderte. In seiner Highschool in Miami belegte er Kurse in Geschichte, Philosophie und Mathematik. In den Sommerferien wollte er sich einen Praktikumsplatz bei einem Softwareunternehmen suchen und schrieb Hunderte von E-Mails - viele immer wieder an ein und dasselbe Unternehmen. Wie bei einem Experiment: "Es war wie damals mit den DOS-Eingaben am Computer - entweder es funktionierte oder nicht. Ich veränderte meine Anschreiben in der Art, wie ein Programmierer versucht, den richtigen Code zu entwickeln." Was sollte auch passieren? Entweder blieb der Bildschirm schwarz, oder es tat sich etwas. Einen Praktikumsplatz habe er mit dieser Methode immer bekommen, sagt er.

Eine seiner Hospitanzen führt Debreczeni in die kleine Softwarefirma Vayner Media in New York. Tagsüber lernte er, Webseiten zu programmieren; die Nächte verbrachte er auf der Couch von Freunden. Und wann immer möglich, nervte er seine Kollegen mit unzähligen Fragen, setzte sich dann in eine Ecke und wandte sein erprobtes Versuch-und-Irrtum-System beim Design von Webseiten an. Seine Angewohnheit, unzählige E-Mails zu schreiben, behielt er bei. Ob Software-Entwickler, Chefprogrammierer oder Vorstandsvorsitzende - sie alle erhielten Nachrichten vom damals 16-Jährigen. Er suchte nach Antworten auf Softwareprobleme, bewarb sich um weitere Praktika. Daneben brachte er sich die gängigen Programmiersprachen bei, Objective-C, C++, Java. Einfach alles, was er zu fassen bekam. Dabei hält er es bis heute mit dem Physiker Richard Feynman: "Was ich nicht erschaffen kann, habe ich nicht verstanden."

Als er nach dem Schulabschluss Anrufe von Software-Startups bekam, war er zunächst unsicher: "Aufs College gehen oder einen Job annehmen?" Er fragte seine Eltern um Rat und schrieb sich an der University of California in Santa Cruz ein, in Kunst, Geschichte und Politikwissenschaften. Wenig später begann er bei Kiip als Chefdesigner. Er hat einfach zu viel Spaß daran, einem 50-jährigen Marketingmanager eines großen Konzerns zu erklären, wie die digitale Welt funktioniert.

Einer? Hunderte!

In Palo Alto gibt es viele solcher Geschichten und bereits eigene Konferenzen für sogenannte Teenage Entrepreneurs. Bei der Teens-in-Tech-Konferenz, vom damals 15-jährigen Daniel Brusilovsky 2008 gegründet, treffen sich jeden Sommer Hunderte von Highschool-Kids im Xerox Parc, um Projekte zu entwickeln und Investoren zu suchen; das Tablet unter dem Arm, das Smartphone in der Hand und oft die Mama im Schlepptau - als Chauffeur und Cheerleader.

Daniel Brusilovsky war 14, als er mit seinem Vater zum ersten Mal ein solches Treffen besuchte, und er war überzeugt, dass er nicht der einzige Jugendliche mit Technik-Interesse und guten Ideen war. Mit finanzieller Unterstützung seiner Eltern gründete er Teens-in-Tech. Mittlerweile wird es von Microsoft, General Motors und der Telefongesellschaft AT&T gesponsert. Den Kontakt zu den Geldgebern hatte Papa eingefädelt. Gelernt wird auf der Konferenz von Gründern, die von ihren Karrierewegen erzählen. Ihre Ratschläge an die Nachahmer lauten alle ähnlich: Bitte deine Eltern um Hilfe - aber lass dich nicht von deinem Weg abbringen. Glaube an dich - auch wenn du scheiterst.

Eine Botschaft, die James Maa, Student der Computerwissenschaften, gern hören wird. Bei einem Inkubatoren-Programm hatte er die Social-Media-App Bubbls entwickelt, die allerdings keinen Zuspruch fand. Der 18-Jährige will es weiter probieren. Und er redet auch offen über den Fehlversuch - was eher die Ausnahme ist. Zu den gescheiterten Ideen, die am Rand der digitalen Welt stranden, und den Kids, die dadurch aufhören, Fragen zu stellen, schweigt man lieber. Wie in der Schule, so gilt auch bei den Teens-in-Tech die Regel: Nur einer von hundert hat das Zeug zum Überflieger.

Zu den Voraussetzungen gehört ein finanzkräftiges Elternhaus, das den jungen Wunderkindern das teure Spielzeug kaufen kann. Die Kids, die ihre Neugier ausleben und nebenbei Firmen gründen, entstammen meist der gehobenen weißen Mittelschicht oder wohlhabenden, bildungsorientierten indischen und asiatischen Familien. Afroamerikanische oder mexikanischstämmige Gründer? Fehlanzeige. Bildung ist in den USA noch immer eine Frage des Geldes. Da können die Liebe und Unterstützung der Eltern und der jugendliche Wissensdrang noch so groß sein.

Kein Alkohol, dafür eine Million Dollar

Ohne den Reisezuschuss der Eltern hätte auch Stacey Ferreira kein Millioneninvestment ergattert. Sie und ihr Bruder Scott haben im Mai 2011 My Social Cloud gegründet, gedacht für den durchschnittlichen Internetnutzer, der verschiedene Plattformen besucht und keine Ahnung mehr hat, welches Passwort ihm das jeweilige Portal öffnet. Über die Social Cloud können sie nun Passwörter, persönliche Unterlagen und Fundstücke aus dem Netz ablegen und teilen.

Als die jungen Leute das Verfahren entwickelt hatten, war ihr größtes Problem, "wie wohl die Leute auf ein so junges Start-up-Team reagieren würden", sagt Stacey Ferreira. Sie wollten es wissen. Und während ihr zwei Jahre ältere Bruder das Programm entwickelte, kümmerte sich die 20-Jährige um Marketing und Kommunikation. Eine Firma zu gründen sei eigentlich nie ihr Ziel gewesen, sagt sie. Durch ihren Bruder sei sie so hineingerutscht. Und doch war es Stacey Ferreira, die aus der Idee ein echtes Unternehmen machte.

Im Juni 2011, gut einen Monat nach dem Startschuss, setzte sie sich in ihrer Studentenbude an den Laptop. Den ganzen Tag über hatte sie vergeblich nach Investoren gesucht. Nun wollte Ferreira, die gerade begonnen hatte, an der renommierten Steinberg School in New York City Musik zu studieren, einfach nur entspannen. Sie surfte drauflos - und entdeckte einen Tweet von Richard Branson: "Enjoy intimate cocktails with me in Miami on June 15th - $2,000 to charity. For details email: Community. investment@fly.virgin.com." Neugierig, was passieren würde, schrieb sie an die angegebene E-Mail-Adresse - und wurde prompt von Bransons Sekretärin eingeladen. Sie lieh sich Geld von ihren Eltern und buchte zwei Flüge nach Miami.

Das Treffen fand fünf Tage später in der Versace-Villa am Ocean Drive in Miami statt. Branson sei unkompliziert gewesen, habe locker mit den beiden Studenten geplaudert: "Zeit, um Herzklopfen zu bekommen, blieb da nicht." Cocktails gab es für sie zwar keine, schließlich ist Alkoholkonsum in den USA erst ab 21 erlaubt, aber es gab eine Finanzspritze in Höhe von einer knappen Million Dollar. Stacey Ferreira, die gern auf Nummer sicher geht, beschloss, Studium und Gründung unter einen Hut zu bringen. Aber es zeigte sich schnell, dass sie sich entscheiden musste, und sie sagte sich: "Das College läuft mir nicht davon. Die Investoren dagegen schon."

Warum sie es so weit gebracht hat? Stacey Ferreira denkt nicht lange nach: die richtige Idee, harte Arbeit, vor allem aber nie enden wollende Neugier. "Wenn ich gerade etwas gelernt habe, entstehen daraus eine Menge neuer Fragen, die ich beantwortet haben möchte." Im kommenden Jahr wollen sie und ihr Bruder eine zweite Investitionsrunde einläuten. Ein paar Investoren haben sich bereits angekündigt. An offenen Fragen wird es auch danach nicht fehlen. -

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