Ausgabe 01/2013 - Schwerpunkt Neugier

Sag mal aaaaaaah!

Ein Arzt ist eine fesselnde, imponierende und manchmal auch verstörende Gestalt. Kinder erleben es vermutlich besonders stark, diese Ambivalenz aus Aura und Autorität, aus Heil und Schmerzen bringend. Grund genug, um sich dem Arzt und seinem Handwerk spielend und mit wohligem Schauder neugierig zu nähern. Im Spiel kann das Kind die Rolle des Patienten wie diejenige des Arztes einnehmen - und dabei auch noch den menschlichen Körper erkunden. Unentbehrlich für solche Expeditionen in die Erwachsenenwelt ist der Arztkoffer, das Königsutensil unter den medizinischen Spielsachen.

Es gibt ihn in vielen Dutzend Varianten, ähnlich wie in der Hausarztpraxis: als Tasche, Beutel oder Koffer, aus quietschbuntem Plastik, klassischem Karton oder unbehandeltem Holz. Ähnlich vielfältig sein Innenleben: Während beim speziellen Arztkoffer für Kleinkinder ab neun Monaten die Teile aus weichem Stoff bestehen, sind sie bei den meisten anderen aus Plastik, wie etwa beim günstigsten No-Name-Produkt oder beim konsequent in Kleinmädchen-Pink gehaltenen Barbie-Arztkoffer.

Der hier abgebildete Arztkoffer zeichnet sich durch eine Besonderheit aus, die die Neugierde der Kinder noch weiter anfachen dürfte: Während Spielsachen meist einen Ausschnitt der Erwachsenenwelt imitieren - sie sehen originalgetreu aus und hören sich mitunter auch so an, funktionieren aber nur in der Kinderfantasie - enthält der Koffer auch Originalteile, die direkt vom Roten Kreuz bezogen werden: Latexhandschuhe (in Kindergröße), Mundschutz, Tupfer und Spritzen in zwei Größen (aber ohne Kanülen). Aus der Hausapotheke kennt das Kind Mullbinden und Pflaster. Das Sahneteil des Koffers ist das 1816 erfundene und noch heute gültige ärztliche Wahrzeichen: ein funktionstüchtiges Stethoskop, mit dem das Kind sein eigenes Herz schlagen und den Darm gurgeln hören kann.

Manche Teile des Koffers sind eindeutig als Spielzeug erkennbar: Aus Holz etwa bestehen der Reflexhammer und das Thermometer, bei dem eine verschiebbare rote Holzkugel die Quecksilbersäule ersetzt. Beim Thermometer weicht der Arztkoffer von der medizinischen Realität am stärksten ab - nicht wegen der Holzkugel, sondern weil batteriebetriebene Ohrthermometer längst die traditionellen Quecksilbergeräte verdrängt haben. Ebenfalls klar als Spielzeug erkennbar sind die leere Medizindose, die mit Smarties oder anderem Pillenwerk gefüllt werden kann, der mit Zeichnungen zum Ankreuzen für Mini-Ärzte konzipierte Rezeptblock und die Namensschilder für Doktor und Schwester. Im Arztkoffer prallen nicht nur die Vorstellungen von Kindern und Erwachsenen aufeinander. Er vereint auch noch in anderer Hinsicht verschiedene Welten: Außen auf dem signalroten Kofferdeckel steht Notarzt, innen überwiegen jedoch Hausarzt-Utensilien. Diese werden ergänzt durch einen Arztkittel aus Textilpapier und OP-Hauben, die wohl als Referenz an den prototypischen Klinikarzt zu verstehen sind.

Zum echten Notarztkoffer fehlt ein Menge, und das ist auch gut so. Dessen Inhalt legt die DIN 13232 Notfall-Ausrüstung fest: 9 verschiedene Arten von Medikamenten sowie 53 Einzelteile, die etwa zum Absaugen und Beatmen sowie zur Notintubation dienen. Einem echten Hausarztkoffer dagegen, der nicht genormt ist und je nach Patient und Erfahrung vom Arzt zusammengestellt wird, kommt der kleine Spielebruder recht nahe. Was ein Hausarzt wohl meist zusätzlich einpacken würde, wären Kugelschreiber und Lampe ein Stauschlauch zum Abbinden des Armes, Sterilspray, kleine Röhrchen für Blutproben, eventuell ein Otoskop zur Untersuchung der Ohren sowie ein Blutdruckmessgerät.

Insgesamt ergibt der Koffer, gerade weil er verschiedene Welten und Arztbilder in sich vereint, ein stimmiges und kindgemäßes Bild des Medizinerberufs. Er stillt die Neugierde des Kindes ebenso wie er sie zum Teil auch weckt, und er bereitet Kinder spielerisch auf ihr Dasein als Patienten oder ihren späteren Traumberuf vor. Ein Teil aus dem Koffer wurde noch nicht erwähnt, obwohl es in seiner perfekten Schlichtheit in jede Medizinerwelt passt: das Holzstäbchen zum Runterdrücken der Zunge.

Also dann: Mund auf! Und sag mal - aaaaaah!

Mehr aus diesem Heft

Neugier 

Abenteuer Bulette

Wie macht man ein Produkt bekannt, auf das die Welt nicht gewartet hat? Eine Geschichte über die Psychologie der Werbung.

Lesen

Neugier 

Herz und Schmerz, Gift und Galle

Ein kleines ABC des Klatsches.

Lesen

Idea
Read