Ausgabe 01/2013 - Schwerpunkt Neugier

Asmae Bachbachi

Die Macht der toten Dichter

- "Der Mensch ist frei geboren und liegt überall in Ketten", hat Jean-Jacques Rousseau geschrieben. Asmae Bachbachi verehrt den französischen Philosophen, dessen Schriften sie an der Universität studiert. Und fürchtet ihn zugleich. Stundenlang könnte sie über seine Moraltheorie diskutieren, die nur dem eigenen Gewissen folgen sollte. Oder über Konventionen und Zwänge, die einen von Natur aus guten Menschen böse werden lassen. Aber jetzt muss sie sich sputen und nach Hause. Denn in Marokko gilt, dass eine gute Frau nachts nie ausgeht. Hier haben Männer das Sagen, auch sprichwörtlich: "Der Bart kommt vor dem Zopf."

Asmae Bachbachi will eine gute Frau sein. Deshalb läuft sie mit schnellen Schritten durch die engen Gassen der Altstadt von Fès, der ältesten unter Marokkos Königsstädten. Sie beachtet die Händler nicht, die links und rechts Süßigkeiten anbieten, Rosenwasser und Henna, silberne Teekannen, Ledertaschen und Djellabas, die traditionellen langen Gewänder; hat keinen Blick für den Messerschleifer, der den ganzen Tag auf dem linken Bein steht und mit dem rechten den Schleifstein antreibt, wie es die Männer in seiner Familie seit Generationen tun; für die Färber, die mit bloßen Händen Tücher in dampfende Bottiche tauchen. Oder für die Gerber, die frisch abgezogene Tierhäute in mit Wasser, Kalk und Taubendreck gefüllten Wannen bearbeiten - ein beliebtes Fotomotiv bei Touristen, die über den Gestank aber die Nase rümpfen.

Der Muezzin ruft zum Gebet, und Bachbachi strömen Menschen entgegen auf dem Weg zum Schrein des Stadtgründers Moulay Idriss II. Auch sie wird gleich beten, zu Hause, und die Gebete nachholen, die sie tagsüber versäumt hat. "Das ist nicht gut", sagt sie schuldbewusst. "Aber an der Universität ist immer so viel los, da finde ich einfach keine Ruhe." Die Mutter öffnet ihr die Tür. "Salam. Allah sei Dank, dass du wieder da bist."

Marokko im Herbst 2012. Oder soll man besser sagen: im Jahr 14 nach der Thronbesteigung von Mohammed VI? Der König steht über einer konstitutionellen Monarchie, ist jedoch mit einer politischen und wirtschaftlichen Macht ausgestattet, wie man es in Europa nur noch aus den Geschichtsbüchern kennt. Seine Legitimation beruft sich auf die direkte Abstammung vom Propheten Mohammed. Das macht den 49-Jährigen unantastbar und kann Kritiker schon für scheinbare Nichtigkeiten ins Gefängnis bringen.

Vor allem die jungen Frauen des Landes aber erkennen darin auch einen Vorteil. Schließlich hat "M6", wie sie ihn einem Popidol gleich nennen, nicht nur den Harem des Königshofs abgeschafft und mit der Ingenieurin Salma Bennani eine kluge Frau geheiratet, die ihr langes rotes Haar auch in der Öffentlichkeit unbedeckt trägt. 2004 krempelte er gegen den Widerstand erzkonservativer Kräfte auch Marokkos Familienrecht um.

Seither sind Frauen und Männer vor dem Gesetz gleichberechtigt. Keine Frau darf mehr gegen ihren Willen verheiratet werden; es braucht nicht einmal mehr einen männlichen Beschützer aus der Familie, der einer Eheschließung zustimmt. Kein Ehemann darf seine Frau mit nur drei Sätzen rechtsgültig verstoßen, und im Fall einer Scheidung wird der gemeinsame Besitz aufgeteilt. Über das Sorgerecht für die Kinder bestimmt ein Richter - wenn er fortschrittlich ist, nun auch zugunsten der Frau.

Die Moral aber wird immer noch vom Koran bestimmt. Seit der Wahl von 2011 haben islamisch geprägte Politiker die Mehrheit im Parlament und stellen den Regierungschef. Doch viele Konventionen verlieren ein wenig von ihrer Strenge. "M6 hat unheimlich viel für die Frauen getan", sagt Bachbachi. 25 Jahre alt ist sie und trägt modische Turnschuhe, Jeans, Pulli und eine kurze Jacke, die ihre Figur nicht verbirgt, aber auch nicht besonders betont. Ihr dunkles Haar hat sie zu einem Zopf gebunden, aus dem sich ein paar widerspenstige Locken kringeln.

Asmae Bachbachi ist die Erste in ihrer Familie, die eine akademische Ausbildung an der Universität bekommt. Dabei haben ihre Eltern weder lesen noch schreiben gelernt. Das ist nicht ungewöhnlich. Mindestens 40 Prozent der über 15-jährigen Marokkaner sind offiziellen Angaben zufolge Analphabeten, rund 13 Millionen Menschen. Zwar gilt seit 1963 eine allgemeine Schulpflicht. Außerhalb der wenigen Großstädte gibt es aber wenig anderes als Ackerbau und Viehzucht. Da werden vor allem Hände gebraucht, die zupacken können, schon früh, und keine, die Bücher halten.

Die Bachbachis dagegen haben alle ihre fünf Kinder auf höhere Schulen geschickt. Asmae kam am weitesten. So weit, dass sie für ihre Familie manchmal unerreichbar scheint, wenn sie vor dem Fernseher sitzt, aus dem Worte in einer unverständlichen, aber vornehm klingenden Sprache dringen. "Bonjour, ça va?" weiß Fatima, die Mutter, auf Französisch zu sagen. Sie kichert verlegen, verknetet die Hände in der bunten Schürze, die sie über der Hose trägt, und verschwindet eilig in der Küche. Guten Tag, wie geht's? Die Tochter hat es ihr beigebracht. Zusammen mit Kindern aus der Nachbarschaft, denen sie jeden zweiten Abend für ein kleines Entgelt Nachhilfestunden gibt. Sie spricht diese Sprache der eleganten Leute aus dem Fernsehen fließend. Das macht die Mutter stolz. Und es ist schön, dass diese eine Tochter noch zu Hause wohnt. Die anderen Kinder sind zu ihrem Bedauern viel zu früh gegangen, haben ihre eigenen Verpflichtungen. Asmae wird ihr noch ein bisschen bleiben. Sie hat die Aufnahmeprüfung geschafft und strebt jetzt einen Master in französischer Literatur an.

"Bildung für Frauen ist wichtig", sagt sie ernst. "Das steht auch im Koran. Schließlich sind sie für die Erziehung der nächsten Generation verantwortlich." Der Koran ist ihr Zeuge. Solange sie im heiligen Buch eine Rechtfertigung für ihr Tun findet, fühlt sie sich auf der sicheren Seite. Auf dem Boden ihres winzigen Zimmers liegt eine schmale Matratze, darauf ein Laptop und die Bücher ihrer Helden. Im Land von Rousseau, Molière und Hugo ist sie selbst noch nie gewesen. Ihr romantisches Bild von Frankreich hat vor allem eine Quelle: den französischen Film. In Europa gibt es Schüleraustauschprogramme und Erasmus-Stipendien. Ein Auslandsaufenthalt im Lebenslauf gehört zum Standard für junge Akademiker. Asmae aber bräuchte dafür ein Visum, ein gut gefülltes Bankkonto oder eine Einladung, die sämtliche Kosten des Aufenthalts absichert - auch für den Fall, dass sie nicht freiwillig wieder ausreist und abgeschoben werden muss.

Noch kennt die junge Frau kaum ihr eigenes Land. Nach Casablanca, in Marokkos Wirtschaftsmetropole, ist sie kürzlich zum ersten Mal gereist, zu ihrer jüngeren Schwester Zakia, die dort seit einem Jahr mit ihrem Mann lebt. Und mit einer Jugendgruppe war sie im Sommer in Ifrane. "Da ist es wie in der Schweiz." Asmae hat die Landschaftsbilder im Internet verglichen. Ihre äl tere Schwester Soad und der Schwager waren als Gruppenleiter dabei, "sonst hätte ich nicht mitfahren dürfen". Eine Familie in der Medina, die etwas auf sich hält, entlässt die Tochter aus der Obhut des Vaters und der Brüder nur in die eines Ehemannes.

Was jeden Tag zählt: die Grenzen beachten

Über den Dächern von Fès fängt ein Heer von Satellitenschüsseln Nachrichten, Klatsch, Liebesfilme und Dokumentationen aus aller Welt ein. In den engen Gassen darunter können sich Wissensdurst und Freiheitsdrang so schnell verlieren wie ein unerfahrener Tourist. Oder zwischen den Hausmauern stecken bleiben wie die Lastesel, die wie seit Jahrhunderten alle Transporte erledigen.

Fatima Bachbachi bereitet Couscous zu, wie jeden Freitag. Sie ist immer noch eine schöne Frau mit ihren 54 Jahren. Feingliedrig, mit einem schmalen Gesicht, aus dem sie das Haar mit einem Tuch verbannt hat, während sie Karotten schält, Zucchini schneidet und mit bloßen Händen Öl unter den Weizengrieß hebt. Als sie so alt war wie Asmae jetzt, war sie längst verheiratet, hatte eine sechsjährige Tochter und war mit ihrem ältesten Sohn Mohammed schwanger. Mohammed Bachbachi, der im Standesamt arbeitet und drei Jahre älter ist als Asmae, hat die Rolle des Familienoberhaupts übernommen, seit Hassan, der Vater, in einem 60 Kilometer entfernten Lebensmittelgeschäft Arbeit gefunden hat und deshalb nur alle zwei Wochen nach Hause kommt.

"Ich entscheide", sagt Mohammed Bachbachi. Seine Frau bindet sich rasch ein Kopftuch um, denn Ali, Mohammeds Bruder, wird zum Essen kommen. Einem Mann, der nicht mit ihr verwandt ist, darf sie sich nicht unbedeckt zeigen. Sie ist ihrem späteren Mann zufällig auf der Straße begegnet. Dem gefiel die scheue Frau mit dem Schleier, der sie als gläubige Muslimin auswies. "Religiosität ist das Wichtigste bei einer Frau", sagt er. Noch am selben Tag hielt er bei ihrem Bruder um ihre Hand an. Es folgten zwei Monate, in denen sie miteinander telefonieren durften, dann die Verlobung. Weitere vier Monate später war Hochzeit.

"In meiner Kultur gehört es sich, dass ich ihn respektiere", sagt Asmae Bachbachi über ihren Bruder. Wenn er nicht dabei ist, findet sie die Art seiner Brautwahl befremdlich. Doch in seiner Gegenwart wird sie still. Dass für die brandeins-Reportage auch Fotos von ihr gemacht werden, muss er nicht unbedingt wissen. Eine Frau wie sie hätte Mohammed sicher nie geheiratet, davon ist sie überzeugt. Er mache sich gewiss auch Sorgen, dass all das Wissen, das sie in sich hineinstopfe, hinderlich sein werde bei der Suche nach einem Mann. Aber die kluge Schwester ist auch eine Entlastung. "Es kommt schon vor, dass er mich nach meiner Meinung fragt. Und ich mache, was ich für richtig halte."

Mohammed hatte ihr nach ihrem Abitur zur Ausbildung als Sekretärin geraten. Asmae hielt die zwei Jahre bis zum Abschluss durch, doch die Arbeit gefiel ihr nicht. Sie war gut in der Schule, da war mehr drin, und die toten französischen Dichter, die über Freiheit schrieben, waren mächtiger als der große Bruder, den sie schließlich überzeugte. Jetzt trägt sie als einzige Frau der Familie kein Kopftuch, wenn sie aus dem Haus geht. "Eigentlich verlangt es die Religion", sagt sie, und der Zwiespalt gräbt sich für einen Moment als Falte in die Stirn. "Fitna", die Versuchung der Männer, ist allgegenwärtig. "Aber an meiner Universität sind auch Christen und Juden, und ich will keine Barriere zu ihnen aufbauen. Außerdem können die Männer im Fernsehen und im Internet ständig Frauen ansehen, die viel hübscher sind als ich."

An der Universität Sidi Mohammed Ben Abdellah in der Neustadt von Fès sitzen im Unterricht alle beisammen. Die Fakultät für Geisteswissenschaften Dhar el Mehraz ist in einer ehemaligen französischen Kaserne aus der Zeit des Protektorats untergebracht, ein U-förmiger Funktionsbau, von dem der Putz blättert, vier Stockwerke hoch, in der Mitte ein wenig Grün, wo sich jetzt in der Mittagspause ein paar Grüppchen unter der fahlen Wintersonne versammeln. Auf den Balkonen der rückwärtigen Seite haben sich einige Pärchen zum Plaudern vor den neugierigen Blicken zurückgezogen. Völlig harmlose Szenen, aber man könne nie wissen. "Marokkaner tratschen gern", sagt Asmae. "Und dann kann alles sehr schnell gehen."

Sie kennt den Preis für ihre Freiheit, die rote Linie, die ihre Neugier auf die Welt jenseits der Mauern der Medina keinesfalls überschreiten darf. "Ich vertraue meiner Schwester", hat Mohammed Bachbachi gesagt, und es klang wie eine Warnung. In der marokkanischen Gesellschaft, zumal der traditionell geprägten von Fès, steht mit der Ehre der Schwester auch seine eigene auf dem Spiel. Da kann der König so modern sein, wie er will. Schon ein Flirt, ein wenig Koketterie könnten alles zunichte machen. Asmae hat die Regeln akzeptiert. "Europäische Frauen waren früher auch marginalisiert. Jetzt ist es an uns arabischen Frauen, für Veränderungen einzutreten, aber das geht nicht von heute auf morgen."

Sie hat noch Glück, das weiß sie. Auf dem Land gibt es Mädchen, die nicht einmal wissen, dass Mohammed VI ihnen mehr Rechte gegeben hat. "Ich konzentriere mich voll auf das Studium", sagt sie und errötet leicht. Natürlich dürfe sie mit Kommilitonen sprechen. "Aber eine Beziehung, also ich meine so richtig, wie das in Europa üblich ist, das ist für mich ausgeschlossen."

Doch das Träumen kann ihr keiner verwehren. Und in diesen Träumen hat sie einen Mann, "der mich respektiert und der meine Interessen und Ansichten teilt". Und Kinder, am liebsten drei wie ihre ältere Schwester. Und Lehrerin möchte sie werden. Weil sie ihre Neugier weitergeben will. Und sich über Rousseau nur streiten lässt, wenn man ihn auch lesen kann. -

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Marokko - ein Land im Aufbruch

Jahrzehntelang unter französischem Protektorat stehend, gewann Marokko erst 1956 seine Unabhängigkeit. Die Versuche, Wirtschaft und Zivilgesellschaft von Grund auf zu modernisieren, brachten seither nur bescheidene Erfolge (Human Development Index: Platz 130 von 187; Deutschland: Platz 9). Was neben dem Fehlen eigener Energiereserven den Fortschritt bremst, ist vor allem ein schwerfälliges, ineffizientes Schul- und Bildungssystem. Dessen Mängel sind statistisch belegt: eine bestürzend hohe Analphabetenquote vor allem bei der Landbevölkerung und speziell bei Frauen; hohe Zahlen von Schul- und Studienabbrechern; Studiengänge ohne Bezug zur beruflichen Praxis und zum Arbeitsmarkt, weshalb es viele arbeitslose Akademiker gibt; Vernachlässigung von Mathematik, Naturwissenschaft und Technik. Die Regierung hat deshalb 1997 einen "Feldzug gegen die Unwissenheit" ausgerufen, um soziale Unruhen abzuwenden, die Landflucht zu stoppen und jungen Leuten bessere Chancen zu eröffnen: Der Anteil der unter 15-Jährigen liegt bei 28 Prozent (D: 13 Prozent), das Durchschnittsalter der Bevölkerung bei 27 Jahren (D: 45 Jahre).

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