Ausgabe 06/2013 - Schwerpunkt Motivation

Selbstzünder

"Nö, Tom. Da mach' ich nicht mit."
 Huckleberry Finn zu Tom Sawyer

1. Ermüdungserscheinungen im Dreißigjährigen Krieg

Manfred Lütz sieht eigentlich ganz harmlos aus. Ein weißbärtiger Herr in den besten Jahren mit guten Manieren und fester Stimme. Der Mann könnte auch Werbung für grünen Tee machen. Doch der Schein trügt, denn der Psychiater und Chefarzt des Kölner Alexandria Krankenhauses reizt ausgerechnet die unter uns, die ohnehin schon ganz fertig sind. Menschen, die am Burnout-Syndrom leiden.
Was für eine Gemeinheit!

Sicher, niemand weiß, ob tatsächlich bis zu neun Millionen Deutsche am Zustand der totalen Erschöpfung leiden, wie zuweilen behauptet wird. Aber Lütz zweifelt nicht – er hält das für Unfug: "Solche Rechnungen sind albern. Es gibt keine Burnout-Kranken, weil es keine Burnout-Erkrankung gibt."

Allerdings sagt der Nervenheilkundler nicht, dass den Leuten, die sich schlecht fühlen, nichts fehlt. Möglicherweise leiden sie an einer Depression, die als solche auch zu behandeln wäre. Oder jemand, der meint, an Burnout zu leiden, steckt in einer tiefen Lebenskrise, die Folge einer Scheidung, eines Todesfalls in der Familie, eines ungeliebten Jobs oder ekelhafter Kollegen ist. Und es kann auch sein, dass man schlicht zu viel gearbeitet hat. Man braucht Ruhe und Zeit, sich wieder zu besinnen. Doch für einen solchen Rat sei kein Burnout-Experte notwendig, sagt Lütz. "Das wusste meine Oma auch."

Gehören Unpässlichkeiten wie Konzentrationsschwierigkeiten, Nervosität, Kopfschmerzen und Schlafstörungen bereits zu den "klassischen Burnout-Warnsignalen" – wie es auf der Website Personalmanagement.info steht? Ist Burnout eine "neue Volkskrankheit" und funken wirklich "immer mehr Seelen SOS", wie der Vorstandsvorsitzende der Kaufmännischen Krankenkasse KKH, Ingo Kailuweit, im Vorjahr anlässlich eines Vortrags in Berlin behauptete? Wenn das stimmt, dann lebt die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem Funkloch. In ihrem Diagnoseklassifizierungssystem zählt sie "Ausgebranntsein" zur Klasse der "Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung". Soll heißen: Burnout ist keine Krankheit, sondern eine Befindlichkeitsstörung.

Stimmt dann wenigstens, dass der Druck noch nie so hoch war wie heute? Ist in der modernen Arbeitswelt der Zusammenbruch programmiert? Auch das kann man auf allen Kanälen hören. Ach was, sagt Lütz: "Im Dreißigjährigen Krieg waren die Leute auch rund um die Uhr für die Schweden erreichbar."

Die Statistik bestätigt ihn. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts betrug die Durchschnittsarbeitszeit in Deutschland 82 Stunden, sank um 1900 auf 60 Stunden, ein halbes Jahrhundert später war man bei 48 Stunden angelangt und seit den Neunzigerjahren bei 35 Wochenstunden. Man kann einwenden, dass alles stressiger geworden ist – doch waren Fabriken, Büros oder Gutshöfe früher wirklich gemütlicher als heute?

Tricksen wir uns selber aus, wie Lütz das in seinem Buch "Bluff! Die Fälschung der Welt" behauptet? Ist der Abbrand nichts weiter als eine große, medial inszenierte Selbsttäuschung? Dass das Burnout-Syndrom ein Kind der Aufmerksamkeitsgesellschaft ist, liegt nah. Auch bei totaler Erschöpfung geht es darum, eine gute Figur zu machen. Leute wie die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel oder der Hamburger Fernsehkoch Tim Mälzer gehören zu jener Prominenz, die ihre persönlichen Probleme bei der Lebensbewältigung durch den Gang an die Öffentlichkeit kurieren – die intellektuelle Meckel in Form eines ganzen Buches, der eher rustikale Mälzer in Form einer Talkshow-Beichte bei Johannes B. Kerner.

Immerhin: Im Gegensatz zu den meisten übrigen mitteilungsbedürftigen Burnout-Aktivisten haben Meckel und Mälzer sich selbst bei der Suche nach der Ursache für die Beinahe-Selbstverbrennung nicht ausgeschlossen. Das ist eher die Ausnahme. In der Regel werden andere für die Erschöpfung verantwortlich gemacht: die Firma, Kollegen, Kunden, Mitmenschen oder, wenn sich sonst nichts anführen lässt, das ganze "menschenverachtende neoliberale System". Darunter muss man sich nichts Bestimmtes vorstellen, man soll es gar nicht. Hauptsache, man kann nicht mehr.

2. Brandbeschleuniger

Früher hat das Sein das Bewusstsein bestimmt, heute ist es die Befindlichkeit. Und einige blasen in die Glut – natürlich nur, um Gutes zu tun für "diese armen Leute". Mit dem Burnout-Syndrom lässt sich prima Politik machen und Fürsorge für alle begründen. Demagogie gehört zu den typischen Begleiterscheinungen des Burnout. Die seelischen Brandblasen der einen sind gut für das Geschäft der anderen. Und so kommt es, dass "Burnout vor allen Dingen ein Marketingbegriff" ist, findet Psychiater Lütz. Marketing dient dem Absatz.

Selten ließ sich die Interessenübereinstimmung zwischen Politik und Geschäft so schön beobachten wie bei "Hart, aber fair" im November 2011. "Burnout – Modekrankheit oder echte Seuche?" fragten sich da die Journalisten um Frank Plasberg. Der renommierte Psychiater Klaus Dörner hatte darauf eine klare Antwort: "Burnout ist nicht nur eine Modekrankheit, er ist auch ein Geschäftsmodell. Die Kliniken haben Burnout-Tests auf ihren Internetseiten, um neue Kundschaft anzulocken und potenziellen Patienten klarzumachen: Du hast ein ernstes Problem. Da werden gesunde Menschen schnell zu Burnout-Patienten gemacht."

Verständlich, dass ein anwesender Klinikchef, der sich auf Burnout-Prävention spezialisiert hat, das nicht so toll fand. Und als Plasberg einen Film zeigte, in dem Therapeuten und Mediziner schnurstracks Journalisten, die als vermeintliche Burnout- Patienten auftraten, krankschrieben, ohne lange nachzufragen, nannte eine anwesende Vertreterin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi das wütend "eine Diskriminierung der kranken Leute".
Fakten stören. Es geht um einiges.

Die KKH beziffert allein die direkten Kosten für "psychische und Verhaltens- Störungen" in Deutschland pro Jahr auf 28,6 Milliarden Euro, dazu kommen 73,3 Milliarden Euro an indirekten volkswirtschaftlichen Kosten für Produktionsausfall, Verlust der Bruttowertschöpfung und Invalidität. Ein Behandlungsfall kostet auf dem Stand des Jahres 2011 rund 9300 Euro. Die Arbeitsunfähigkeitsrate infolge psychischer Erkrankungen beträgt quer durch alle Berufsgruppen 6,9 Prozent. Sozial- und Erziehungsberufe liegen mit deutlich mehr als zehn Prozent an der Spitze. Lehrer und Erzieher sind doppelt so erschöpft wie Menschen, die im Hoch- oder Tiefbau arbeiten, und ganz selten erreicht die verzehrende Flamme Ingenieure und Mathematiker.

Das legt nahe, dass Menschen in "helfenden Berufen" eine geringe Frustrationstoleranz haben. Sie erwarten nicht nur Lohn, sondern auch Lob, vielleicht sogar Liebe. Damit liefert man sich aber auch aus: Der Sinn der eigenen Arbeit hängt von dem Urteil anderer ab. Und das ist in allen Berufen, die mit Service und Wissen hantieren, stärker ausgeprägt als in der Produktion. Liegt es daran, dass die WHO glaubt, dass bis zum Jahr 2030 die psychisch bedingten Erkrankungen mit den Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den OECD-Ländern gleichziehen?

Vielleicht wissen die Versicherer längst, was hinter dem Burnout-Boom wirklich steckt. Im Kleingedruckten seines Vortrags verweist auch KKH-Chef Kailuweit darauf, dass es für Burnout "bisher keine eindeutige wissenschaftliche Definition" gibt und es sich damit um "keine anerkannte Krankheit" handle. Aber: "Die Symptome des Burnout geben Hinweise auf die Ursachen der psychischen Probleme, hinter denen sich anerkannte Erkrankungen verbergen können."

Warum nennt man dann das Kind nicht beim Namen? Weshalb wird aus einer Depression, die einer fachkundigen Behandlung bedarf, ein diffuses, von Ärzten und Gesundheitsbehörden kaum zu beschreibendes Bündel an Befindlichkeitsstörungen namens Burnout-Syndrom? Die Antwort findet sich in Kailuweits Powerpoint-Folie im nächsten Satz: "Im Gegensatz zu anderen psychischen Erkrankungen ist Burnout sozial akzeptiert."

3. Die Burnout-Kultur

Zum Trend kann nur werden, was auf der Grundlage eines festen Wertesystems wächst. Das Burnout-Syndrom verbreitet sich deshalb so epidemisch, weil es so gut zu unserer Kultur, zu unseren Werten passt. Was ist Arbeit? Leistung? Fleiß? Disziplin? Für wen tun wir etwas?

Burnout ist kompatibel zu dem, was uns heilig ist. Burnout ist keine Krankheit, sondern ein Syndrom. Das bedeutet in seinem griechischen Ursprung so viel wie Zusammenspiel. Beim Burnout-Syndrom spielt einiges zusammen: ein überholter Arbeitsbegriff, ein veralteter Leistungsbegriff, falsche Ideale, Konventionen und, vielleicht am wichtigsten, ein falsches Bild von sich selbst. Damit ist Burnout keine Krankheit, sondern ein Kulturphänomen. Das Ausbrennen durch Arbeit ist sozial akzeptiert. Depressionen oder eine andere psychische Erkrankung dagegen gelten in der Arbeitsgesellschaft als Stigma. Wer so etwas hat, ist in den Augen vieler immer noch ein Fall für die Klapse, selbst schuld, jemand, der vielleicht unser Mitleid, keinesfalls aber unseren Respekt verdient. Wer sich aber zu Tode rackert oder auch nur vorgibt, es zu tun, wer sich dieser Gesellschaft im Zustand völliger Erschöpfung präsentieren kann, der hat sein Bestes und damit alles gegeben. Ausgebranntsein ist eine Auszeichnung, Burnout wird zur Ehrensache.

In Japan gibt es das Phänomen des Karoshi, ein Begriff, der sich am besten mit Tod durch Überarbeiten übersetzen lässt. Karoshi ist damit nachhaltiger als der Burnout. Die Ursachen sind dieselben. Japan ist eine arbeitswütige Gesellschaft, die die Pflichterfüllung gegenüber Firma und Gemeinschaft über alles stellt. Wer nicht hart arbeitet, verrät somit Gesellschaft und Kultur. Karoshi geht darin so weit, dass der Körper keinerlei Möglichkeit der Regeneration mehr findet. Die Betroffenen arbeiten buchstäblich bis zum Umfallen.

Das erste Karoshi-Opfer wurde 1969 registriert. Es war die Zeit, in der weltweit traditionelle Werte – und damit auch die Leistungsgesellschaft – einem neuen, kritischen Blick unterzogen wurden. Karoshi ist in Japan mittlerweile eine anerkannte Erkrankung. An den verrückten Arbeitsbelastungen und den menschenverachtenden Hierarchien in japanischen Unternehmen hat das jedoch kaum etwas geändert. Die Todesursache bei Karoshi sind meist Herzinfarkt oder Schlaganfall, die auch in den übrigen OECD-Ländern die Liste der häufigsten Todesursachen anführen.

Der Weg dorthin wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen schnell zur "Managerkrankheit" erklärt, von der vor allem die sozialen Aufsteiger des Wirtschaftswunders betroffen waren. Die Opfer waren soziale Vorbilder, die Helden ihrer Zeit, Leute, die tüchtig anpackten. Wer sich dagegen Grenzen setzt, gilt als Memme, als Spielverderber, als Würstchen. Irgendwie ist es wie bei der Tour de France. Niemand wird gezwungen zu dopen. Jeder kann es lassen, er fährt dann nur nicht vorne mit. Aber jeder will, dass die anderen klatschen. Die soziale Anerkennung ist gerade in Krisenzeiten die härteste Währung. Und die bekommt, wer sich für die Gemeinschaft aufopfert oder wenigstens so tut.
Man kann das sozial nennen. Oder Gruppendruck und Fremdbestimmung.

4. Helden der Arbeit

Menschen mit Burnout-Syndrom, das sind immer auch Märtyrer der Arbeit. Und die dazugehörigen Krankheiten sind stets die Folge eines Arbeitskults, der sich im 20. Jahrhundert weltweit verbreitet hat. In der Sowjetunion und ihren Trabantenstaaten nannte man die Protagonisten "Helden der Arbeit". Erst vor Kurzem hat Wladimir Putin den Titel wieder eingeführt. Im August 1935 hatte Josef Stalin den russischen Kohlekumpel Alexei Grigorjewitsch Stachanow zum ersten Helden der Arbeit erklärt. Stachanow hatte angeblich die Arbeitsnorm in einer Schicht um fast 1500 Prozent übererfüllt. Die Helden der Arbeit, die sogenannten Stachanisten, galten von nun an als Elite, als Leistungsträger der sozialistischen Gesellschaft, als Vorbilder, denen es nachzueifern galt.
Das war im Westen nichts Neues.

Man muss nicht bei Adam Smith nachgeschlagen haben, um zu wissen, dass das Abrackern im Industriekapitalismus zum zentralen Daseinszweck wurde. Natürlich geht es um die Steigerung der Produktionsmenge, um mehr Leistung in weniger Zeit also. Aber das ist nicht der einzige und wohl auch nicht wesentliche Grund für die körperliche und geistige Erschöpfung der Belegschaften. Das setzt sich erst im Fordismus durch, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts auftaucht. Er ist der Kapitalismus der Fremdbestimmung.

Seinen Namen erhält das System durch den amerikanischen Autoindustriellen Henry Ford, der dafür bekannt ist, das Fließband in die Produktion eingeführt zu haben, und der die Massenproduktion von Konsumgütern revolutioniert. Fordistische Produktion besteht aber vor allem darin, dass alles, was mit dem Arbeitsprozess zu tun hat, strengen und engen Normen und Regeln unterworfen ist. Die Leistung des Arbeiters und bald auch des Angestellten unterliegt den "Grundsätzen der wissenschaftlichen Betriebsführung", wie Fords wichtigster intellektueller Vorarbeiter, der amerikanische Ingenieur Frederick Winslow Taylor, sein 1911 erschienenes Hauptwerk nannte.

Arbeiter und Angestellte hatten zu dieser Zeit noch sehr weit reichende Freiräume, wenn es um die Gestaltung ihrer Arbeit ging. Üblich war etwa, dass Arbeiter ihr eigenes Werkzeug mit in die Firma nahmen. Weil die Arbeitsteiligkeit mangels Normierung und Standardisierung noch lange nicht das heute bekannte Maß erreicht hatte, konnte ein erheblicher Teil der Arbeit nach eigenem Gutdünken gestaltet werden. Vorarbeiter organisierten mit ihren Kollegen meist, was wie getan werden sollte. Man übertrug, so Taylor, "dem Arbeiter fast die ganze Verantwortung für die Ausführung der Arbeit".

Die "Wissenschaftliche Betriebsführung" hingegen legte die Organisation jedes auch noch so kleinen Arbeitsschrittes in die Hand der Manager. Nur die totale, umfassende Organisation der Arbeit, all ihrer Handgriffe konnte die Effizienz in der Produktion verbessern. Das setzte sich schnell durch, zuerst bei Ford, dann in anderen Fabriken, schließlich in Büros. Es geht um die vollständige Verdrängung selbstbestimmter Arbeit durch fremdbestimmte Führung. Eigene Ideen, selbstbestimmtes Arbeiten – das stört den Plan. Das Wort Manager bedeutet in seinem Wortsinn so viel wie "führende Hand".

Im Fordismus ist das nicht symbolisch gemeint. Mitarbeiter werden geführt, und zwar bis ins kleinste Detail. Was sie wie und mit welchen Mitteln tun, entscheiden andere. Diese Art von Leistungsgesellschaft ist vor allen Dingen eine Kontrollgesellschaft.

5. Leistung, die Zündkerze der Gerechtigkeit

Der Fordismus ist oft totgesagt worden, doch tatsächlich scheint er quicklebendig zu sein. Immer wieder dringt das mechanistische Menschenbild dieser Ära durch. Man sagt zärtlich Gemeinschaft und meint Kontrolle. Man sagt Leistung und meint Fleiß. Eine tragische Verwechslung.

Das Wort Fleiß wurde, wenig verwunderlich, von den alten Germanen in Umlauf gebracht. Sie benutzten es als Synonym für Kampfeslust und Streit.

Das erklärt einiges. Fleißig sein heißt ja nicht, dass man etwas besonders gut macht, sondern nur besonders heftig. Fleißig sind auch die, die schnurstracks umsetzen, was andere ihnen sagen, ohne sich dabei auch nur das Geringste zu denken. Fleiß ist eine klassische Sekundärtugend. Deshalb gibt es auch den schönen und weisen Satz: Blinder Eifer schadet nur.

Wir leben in einer Fleißgesellschaft, nicht in einer Leistungsgesellschaft. Es ist keine Leistung, etwas zu tun, was andere einem vorschreiben. Leistung ist, wenn Arbeit und Tätigkeit Sinn stiften, wenn sie für den Menschen einen Zweck haben, der sich von selbst erklärt. Eine Leistungsgesellschaft bestünde demnach aus Menschen, die für das, was sie tun, brennen, und nicht von dem, was sie tun müssen, verbrannt werden.

Man muss lange googeln, um wenigstens ein paar halbwegs positive Wendungen des Wortes Leistungsgesellschaft zu finden. Leistung, das ist im Fußball, unter der Motorhaube, beim Marathon okay. Wer aber für seine Arbeit brennt, für das, was er tut, Begeisterung entwickelt, sich dafür einsetzt und diesen Sinn und Zweck – auch gegen große Widerstände – verteidigt, gilt abseits aller Innovationsrhetorik immer noch als Spinner, Querulant und Maniker.

Wer heute behauptet, dass Leistung die wichtigste Voraussetzung für Gerechtigkeit und Fairness ist, muss damit rechnen, dass man ihn einen neoliberalen Sack nennt. Soll man sich darüber ärgern? Kaum. Denn wenn es so wäre, dann wären auch alle Sozialrevolutionäre – von den Aufklärern über Karl Marx bis Ernesto "Che" Guevara – neoliberale Säcke. Worin sonst bestünde der gemeinsame Nenner ihrer Theorien, als darin, eine Leistungsgesellschaft an die Stelle alter Privilegienwirtschaft zu setzen? Leistung ist die Zündkerze der Gerechtigkeit. Den "Tüchtigen gehört die Welt", und die Tüchtigen sind nicht immer jene, die die Welt nur von ihren Eltern geerbt haben. Das Leistungsprinzip ist ein Herzstück der Emanzipation. Wer sich dafür aussprach, wollte immer das Beste aus den Menschen herausholen – zu ihrem eigenen Vorteil.

Die Leistungsgesellschaft orientierte sich nicht an der Vergangenheit, sondern am Hier und Jetzt. Und Leistung als Maßstab für gesellschaftliche Anerkennung und rechtmäßige Macht war auch die einzige Chance, verrostete Verhältnisse zu erneuern. Das Leistungsprinzip hat noch eine Seite, die in Organisationen von entscheidender Bedeutung ist: Sie dient der nüchternen, pragmatischen Erneuerung. Dass auf die alten Eliten im Zuge tiefgreifender Veränderung selten Verlass ist, weil sich die gern als Widerstandskämpfer gegen das Neue verstehen, ist bekannt. Zuweilen werden die Alten auch durch Umbrüche hinweggerafft.

Diese Lage fand bei seiner Machtübernahme im November 1799 auch der korsische Leistungsträger Napoleon Bonaparte vor, der sich in vielen Schlachten zum Ersten Konsul der französischen Republik, also zum Diktator, hochgedient hatte. Fleißig, eifrig hatte die Revolution die alte Führungsschicht umgebracht. Aber wer sollte nun deren Platz in Verwaltung, Regierung und Wissenschaft füllen? Napoleon propagierte als Lösung ein umfassendes Leistungsprinzip, die Herrschaft jener, die sich Verdienste um die Republik – und später, ab 1804, um das Kaiserreich machten. Wer etwas leistete, stieg auf, erhielt Ämter und Würden. Napoleon hat dieses Prinzip schon bald durch Vetternwirtschaft selbst hintertrieben. Aber die Zeiten hatten sich bereits geändert. Man hatte gesehen, dass man sich hocharbeiten kann. Leistung lohnte sich. Der Versuch des Adels, die alte Herrschaft nach Napoleons Niederlage wieder einzuführen, war nur mehr ein letztes Aufbäumen eines überkommenen Systems.

Hinter unserer Vorstellung von Demokratie, also der Herrschaft des Volkes, steckt vor allen Dingen die Meritokratie, die Idee von der Herrschaft der Leistungsträger, der Tüchtigen also, die sich im Hier und Jetzt Verdienste erwerben. Wer etwas leistet, soll etwas werden. Das ist die Grundlage unseres Weltbilds. Die Leistungsgesellschaft, das sind wir selbst.

6. Das fairste und gerechteste System von allen

In einer Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2011 fanden 62 Prozent der Deutschen, dass sich Leistung nicht mehr lohne. Es muss wieder gerechter zugehen. Nur Talent und Leistung sollen sich lohnen. Dabei müsse man bloß konsequent sein. Nicht nachlassen. Dann wird alles gut. Ist das so?

Der britische Soziologe und Autor Michael Young hat im Jahr 1959 einen bemerkenswerten Roman mit dem Titel "The Rise Of The Meritocracy 1870-2033" geschrieben, ein Meisterwerk des Gedankenexperiments. Er greift dabei auf den westlichen Common Sense nach 1945 zurück. Nach dem Krieg wird es endgültig Konsens, dass der Staat, die Gemeinschaft, sich gezielt auf Talentsuche und -förderung begeben muss. "Wir" können es uns nicht leisten, auch nur ein Talent ungefördert zu lassen, und auf gar keinen Fall dürfe man wichtige Positionen in Führung und Management mit Leuten besetzen, die nur durch Herkunft, Erbe oder andere Privilegien ins Amt geraten. Die Argumente kommen einem recht bekannt vor.

Young entwirft nun eine Welt, in der die Bevölkerung regelmäßigen Intelligenztests unterworfen wird. Zuerst brechen die Privatschulen zusammen, denn es bringt nichts mehr, die minderbemittelten Kinder reicher Eltern bis zur Reifeprüfung durchzuschleppen. Die ehemaligen Eliteschulen werden verstaatlicht. Begeistert entwirft die Labour-Regierung, die die Meritokratie unterstützt, ein Modell, bei dem das Einkommen direkt aus einem speziellen Intelligenz-Quotienten errechnet wird. Gleiches Recht für alle. Doch damit, so schreibt der "Spiegel" in seiner zeitgenössischen Rezension des Young-Romans, "zerstörte die Labour-Partei (...) ahnungslos auch sich selbst", denn die begabtesten und klügsten Arbeiterkinder würden nun in Oxford und Cambridge ausgebildet und könnten dann unter den ehrenvollsten Stellungen im ganzen Land auswählen – damit "beraubte sich die Arbeiterschaft ihrer natürlichen Führer".

Noch schlimmer: Der Glaube an die Gleichheit aller Menschen bricht zusammen. Nicht Herkunft, Religion oder Privilegien entscheiden, sondern nur Intelligenz. Jetzt treten die Unterschiede massiv und amtlich, wissenschaftlich sicher, zutage.

Und niemand bleibt, wo er ist. Die Meritokratie erneuert sich ständig. Im Alter lässt die Denkkraft nach. Die Eliten werden dann herabgestuft, etwa vom Manager zum Taxifahrer. Mehr als fünf Prozent gehören der Führungsschicht nie an.

Und der Rest? Die Meritokraten automatisieren die Produktion perfekt, eine Folge davon ist: Es gibt kaum noch Arbeit. Die weniger Schlauen sind froh, wenn sie sich als Dienstleister der meritokratischen Führungsschicht verdingen dürfen.

Besonders perfide ist, dass dieses absolut faire und gerechte System den Unterlegenen alle Hoffnung, jede Illusion nimmt. Der "Spiegel"-Rezensent hat es vor 54 Jahren so formuliert: Niemand konnte sich noch einreden, das "Opfer sozialer Ungerechtigkeit zu sein (...). Es ging ihnen nicht nur schlecht. Sie wussten auch, dass sie gar nichts Besseres verdienten."

Als sich die Schichten nach einigen Jahrzehnten meritokratischer Herrschaft gar nicht mehr verständigen können, beschließt die Elite, ihre Privilegien erblich zu machen. Dagegen revoltieren die Minderbemittelten. Sie fordern nun, dass auch Kriterien wie körperliche Kraft und Charakter mit ins Kalkül gezogen werden müssen. Damit endet Youngs Utopie von der gerechten Leistungsgesellschaft. Dass die Entwicklung der westlichen Welt in die Richtung des Youngschen Gedankenexperiments geht, hielten viele Experten damals für realistisch. So weit daneben lagen sie nicht.

7. Widerstand für alle

Die totale Gerechtigkeit scheitert immer an der Unterschiedlichkeit der Menschen. Leistungsgerechtigkeit lässt sich nicht von einer Partei, einem Staat oder einer Managementmethode festlegen, sondern nur von den Menschen, die sie liefern. Die Fremdbestimmung hört auf, wo diese Selbsterkenntnis anfängt. Das ist nichts groß Philosophisches.

Warum checken wir mitten in der Nacht unsere Mailbox? Weshalb schalten wir unser Handy am Wochenende nicht aus? Warum lassen wir uns überfordern, weil wir nicht unsere Maßstäbe anwenden, sondern nur jene, die andere an uns anlegen? Selbsterkenntnis ist bekanntlich der beste Weg zur Besserung – aber dazu muss man manchmal eben auch schlicht Diät halten. "Viele Menschen lassen sich so lange befördern, bis sie unfähig sind, das zu tun, was ihnen andere zutrauen", sagt Manfred Lütz. Das Problem dabei ist natürlich: Solche Chefs stecken nicht nur sich selbst, sondern auch andere mit dem an, was Burnout genannt wird. Dagegen ist nur gefeit, wer weiß, wann es genug ist. Das war und ist die wirksamste Waffe gegen Fremdbestimmung.

Manchmal muss man zum Widerstandskämpfer in eigener Sache werden, oder, wie es die Fachleute nennen, resilient sein. Widerstandsfähig heißt das auf Deutsch. Es ist die Eigenschaft, auch unter dem Druck von allen Seiten nicht zu brechen. Die Beraterin und Autorin Monika Gruhl hat "Das Geheimnis starker Menschen" (wie ihr Buch zum Thema Resilienz lautet) untersucht. Das Gefühl des Ausgebranntseins, der Ohnmacht ist fast "immer die Folge von Fremdbestimmung. Wir orientieren uns zu sehr an dem, was andere wollen und sagen."

In einer Welt, in der alle Aufmerksamkeit, Lob und Anerkennung fordern, bläst jeder bei jedem in die Glut. Diesem Druck zu widerstehen wird zu einer elementaren Tugend. Resilienz, sagt Gruhl, "ist eine Form von seelischer Elastizität, bei der man nachgeben kann, um dann wieder in Form zu kommen. Wenn der Druck zu groß wird, soll man nicht um jeden Preis standhalten – eben um nicht zu brechen."

Der Klügere gibt also auch mal nach. Das klappt am besten, wenn man nicht klammert und seinen Job oder sein Leben als unveränderlich sieht. Das Zauberwort für alle, die wirklich brennen wollen, ohne sich verheizen zu lassen, lautet: "Ich kann auch anders."
Das ist ein neuer Antrieb. Vom Abgebrannten zum Selbstzünder. ---

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