Ausgabe 06/2013 - Markenkolumne

Botox

Schön spritzen

• Wenn David Pyott, Vorstandsvorsitzender des amerikanischen Pharmakonzerns Allergan, Schauspieler mit maskenartigen Zügen sieht, die es mit Botox übertrieben haben, dann, sagt er, grause es ihn: „Das ist Anti-Werbung!“ Um zu ergänzen, dass man bei richtiger Dosierung „natürlich jünger“ aussehe – so wie er selbst, der mit 59 noch recht jugendlich daherkommt. Das verdanke er allerdings nicht allein dem Mittelchen aus seinem Hause, sondern guten Genen: „Meine Mutter hatte bis zu ihrem Tod kaum Falten.“

Wer weniger von der Natur gesegnet ist, kann sich heute glatt spritzen lassen – Millionen auf der ganzen Welt tun es. Pyott hat dieses Geschäft mit der Schönheit entdeckt und groß gemacht.

Als der weltläufige Schotte, der mit einer Bayerin verheiratet ist und perfekt Deutsch spricht, 1998 den Chefposten im kalifornischen Irvine übernahm, hatte Botox keine große Bedeutung für das Unternehmen. Allergan war damals auf Produkte für die Augenheilkunde spezialisiert. Botox half unter anderem gegen chronisches Lidzucken oder muskelverspannungsbedingtes Schielen. In Insiderkreisen war aber bereits bekannt, dass die Substanz auch Falten glätten kann. Augenärzte hatten das bei der Behandlung ihrer Patienten zufällig erkannt und experimentierten zu diesem Zweck mit Botox.

Pyott, der sich selbst als "Markenmensch" bezeichnet – er hat seine Karriere in der Schweiz beim Hersteller von Ovomaltine begonnen –, sah das ungeheure Potenzial und beantragte die Zulassung zu ästhetischen Zwecken. Als die amerikanische Food and Drug Administration 2002 grünes Licht gab, konnte „eine einzigartige Erfolgsstory“ (Pyott) beginnen.

Dazu trugen nicht unwesentlich Prominente bei, die Vorhut beim Kampf gegen das Altern. Und die Klatschpresse, die gern über eine gelungene beziehungsweise misslungene Runderneuerung von Celebritys berichtet. So mauserte sich Botox rasch zum Gattungsbegriff und eroberte den Massenmarkt. Typische Kundinnen sind heute laut Pyott „Soccer Moms“, also Mütter aus der Mittelschicht in den Vierzigern, die ein paar Jahre jünger aussehen wollen.

Mittlerweile gibt es einige Konkurrenzpräparate, aber Botox ist mit 77 Prozent Marktanteil weiterhin der Platzhirsch. Das liegt nicht nur an der starken Marke, sondern auch an großen Summen, die das Unternehmen in die Forschung steckt, um neue therapeutische Einsatzmöglichkeiten für das Nervengift zu entdecken, das für eine zeitweise Entspannung von Muskeln sorgt. In Deutschland wurde es beispielsweise zur Behandlung bei Inkontinenz und chronischer Migräne zugelassen. David Pyott prophezeit, dass der medizinische Umsatz den der Beauty-Branche bald überflügeln wird.

Um die Rohstoffversorgung muss sich der Allergan-Chef übrigens keine Gedanken machen: Der Konzern braucht pro Jahr für alle Anwendungen seiner Botulinumtoxine – mit einem Gesamtumsatz von mehr als 1,7 Milliarden Dollar – weniger als ein Gramm der Substanz. ---


Der belgische Mikrobiologe Emile Pierre Marie van Ermengem entdeckt das Teufelszeug 1895. Und nennt es, weil es in verdorbenen Fleischwaren entsteht, Botulinumtoxin (botulus = lat. Wurst, toxin = Gift). Es handelt sich um eines der stärksten Gifte und zählt zum "dreckigen Dutzend" der biologischen Waffen. Der amerikanische Augenarzt Alan Scott erkennt in den Siebzigerjahren die therapeutischen Möglichkeiten: Er setzt das Nervengift hochverdünnt gegen durch verkrampfte Augenmuskeln verursachtes Schielen (Strabismus) ein. 1989 wird es dafür in den USA zugelassen. 1991 verkauft Scott die Rechte zu einem Spottpreis von rund 4,5 Millionen Dollar an Allergan – und warnt heute vor möglichen Spätfolgen der Botoxbehandlung. Für den Pharmakonzern erweist sich das Präparat als Glücksgriff. Mit ihm macht das Unternehmen mittlerweile rund ein Drittel seines Umsatzes. Neben der Anti-Falten-Therapie sorgen mehr als 20 weitere medizinische Anwendungen für schöne Geschäfte.

Allergan, Inc.
Umsatz 2012: rund 5,8 Mrd. Dollar
Gewinn: 1,1 Mrd. Dollar 
Mitarbeiter: etwa 11.100

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