Ausgabe 06/2013 - Das geht

NeptuTherm

Meer Gras, weniger Heizkosten

• Im Sommer 2006 stand Richard Meier am Strand von Dénia und wartete vergeblich auf Wind. Der Architektur-Professor war zum Kitesurfen an die Costa Blanca gereist, stattdessen spielte er nun zum Zeitvertreib mit den filzartigen braunen Seegraskugeln, die sich am Strand stapelten. Die bestehen aus den abgestorbenen Blattrippen der Posidonia oceanica, die ab dem Frühjahr an vielen Mittelmeer-Stränden zur Plage wird. "Nicht einmal verbrennen kann man das Zeug", sagte ein Freund damals zu Meier.

Es war dieser Satz, der den Experten für Baustoffkunde aufhorchen ließ. Er packte ein paar Exemplare in seinen Koffer, um sie dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart vorzulegen. Die Prüfer waren überrascht: Die Seegrasfasern erwiesen sich tatsächlich als schwer entflammbar und dazu noch schimmelresistent. Dank eines Salzgehalts von 0,5 bis 2 Prozent verrotten sie zudem nicht. Inzwischen sind die Vorteile gegenüber herkömmlichen Dämmstoffen von verschiedenen Fraunhofer-Instituten bestätigt: Seegras ist 20 Prozent effektiver als Holzfaser, dem lange beliebtesten natürlichen Dämmstoff. Die Energiebilanz ist sogar 30-mal besser – trotz des Transportes aus Spanien, Tunesien oder Albanien. Außerdem fallen bei Seegrasfasern keine Entsorgungskosten an, denn sie können zur Auflockerung unter die Erde gemischt werden.

Sieben Jahre nach dem Spanienurlaub steht der 65-jährige Meier in der Lagerhalle seiner Firma Neptutherm in Karlsruhe, in der sich 1100 Säcke voll mit Seegraskugeln stapeln – genug, um fünf Häuser vom Dach bis zum Keller einzukleiden. "Über Siebe werden sie vom Sand befreit und mit einem großen Häcksler so zerkleinert, dass die Fasern möglichst lang bleiben", erklärt er.

Obwohl Dämmstoffe aus Seegrasfasern herkömmlichen Materialien überlegen sind, hat es Meier mit seinem Produkt nicht leicht. Bisher wird in Deutschland überwiegend mit Polystyrol, Glas- oder Steinwolle gedämmt; der Marktanteil ökologischer Materialien liegt bei weniger als fünf Prozent. Weil die Transportwege lang sind und das Seegras mit der Hand eingesammelt werden muss, gehört es mit 140 Euro pro Kubikmeter zu den teuersten Dämmstoffen. Die gleiche Menge Zelluloseflocken kostet in Baumärkten nur ein Drittel. "Wir sprechen ein spezielles Klientel an: die Post-Materiellen", sagt Meier. "Die Menschen, die sich für unsere Produkte interessieren, sind über 40, fahren Saab, kaufen im Reformhaus und sind bereit, etwas mehr auszugeben für ein nachhaltiges Leben."

Um die bei diesen Kunden notwendige Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, muss auch beim Einsammeln alles mit rechten Dingen zugehen. "In Tunesien beschäftigen wir Frauen, die zwischen der Orangen- und der Olivenernte keine Arbeit haben." Regelmäßig prüft Meier, ob die Arbeitsbedingungen wirklich fair sind - aber auch, wie lang die Transportwege sind und ob der Nachschub gewährleistet ist. Denn die Seegrasbälle sind unberechenbar: So gab es etwa an jenem Strand, an dem Meier sie entdeckte, schon im Jahr darauf keinen einzigen mehr. Der Grund: Die Meeresströmung hatte sich geändert.

Meier glaubt trotz aller Schwierigkeiten an die Zukunft der Posidonia als Dämmmaterial, für das er das europäische Patent hält. Bereits 2007 hat die Ikea-Stiftung das Potenzial des Stoffs erkannt und Meiers Idee mit dem Preis "Wohnen in der Zukunft" ausgezeichnet. Es folgten weitere Preise. Auch diverse Automobilhersteller und ein Chemie-Multi klopften schon bei ihm an. Seine Stelle an der SRH Hochschule Heidelberg hat er 2010 aufgegeben. Die Hälfte der 500.000 Euro für die Produktentwicklung hat er privat finanziert und drei Teilzeitkräfte eingestellt.

Den größten Pluspunkt seines Produktes sieht er in der Umweltverträglichkeit: Die Herstellung synthetischer Dämmstoffe verbraucht ein Vielfaches an Energie. "Die Deutschen dämmen wie die Weltmeister. Aber die ganze Dämmerei ist ja Unsinn, wenn man zur Herstellung des Materials mehr Energie verbraucht als für mehrere Jahren Heizen des gesamten Hauses", sagt er.

Die Firmenzentrale befindet sich in Meiers Wohnzimmer, von hier aus wurden seit der Gründung 15 Einfamilienhäuser, 9 Geschossdecken und ein historisches Schulgebäude gedämmt. Im ersten kompletten Geschäftsjahr, 2012, machte Neptutherm rund 75.000 Euro Umsatz und verbaute gut 600 Kubikmeter Dämmstoff. Das soll sich jährlich verdoppeln. "Um nach der langen Anlaufphase endlich Geld zu verdienen, müssen wir unseren Umsatz verfünffachen", sagt Meier. Sein Vorbild: die Firma Hock aus dem bayrischen Nördlingen, die nach eigener Aussage europäischer Marktführer bei Hanf-Dämmungen ist.

Der Nachschub an Seegras sollte dabei kein Problem darstellen: "Nach meinen Recherchen lassen sich rund um das Mittelmeer problemlos zwischen 20.000 bis 30.000 Kubikmeter Seegraskugeln pro Jahr ernten." ---

Kontakt: b1-link.de/neptutherm

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