Ausgabe 06/2013 - Schwerpunkt Motivation

Ein Doppelleben

- Zwischen dem Niemandsland der vom Altonaer Bahnhof in Hamburg nordwärts führenden Gleise und der A7 gibt es ein Gewerbegebiet mit Autowerkstätten, Großhändlern und Speditionen. Mit ihren baumbestandenen Straßen ist die Gegend im Sommer zwar grün, schön ist sie aber nicht. In Gewerbegebiete fährt man, wenn es sein muss.

Dennoch ist es hinter den Glasbausteinen einer nüchternen Betonhalle auf dem Hof der Schützenstraße 107 jahraus, jahrein abends länger hell als üblich. Auch jeden Sonnabend ist hier zur besten Wochenmarkt- und Latte-macchiato-Zeit etwas los. Selbst an Weihnachtsfeiertagen, an Neujahr und selbstverständlich mindestens einem der Oster- oder Pfingstfeiertage wird hier gearbeitet.

Hier wirkt Jürgen Renken, und - keine Sorge - es handelt sich nicht um einen Nerd, Workaholic oder schrägen Vogel ohne Frau, Freunde und Privatleben. Renken hat all das, gehört aber zu den Menschen, die neben ihrem eigentlichen Beruf noch einen zweiten brauchen. Weniger zum Geldverdienen, wobei seine Nebenbeschäftigung keine brotlose Liebhaberei ist: Renken ist einer der besten Restauratoren von Mahagoni-Motorbooten der Marke Riva. Selbst seine Rivalen in den Niederlanden, Berlin, Süddeutschland oder Italien nicken anerkennend.

Die übliche Arbeitszeit ist er mit der Planung und Einrichtung von Arztpraxen, Bars, Kantinen, Kinos, Restaurants, Wellness-Anlagen oder Werbeagenturen beschäftigt. Das ist sein Brotjob mit häufigen Abstimmungen, zahlreichen E-Mails und oft klingelndem Handy. Man kann sich da selten ganz auf eine Sache konzentrieren. Renken hat das so gewollt, weil sich in dieser Branche mit dem Entwurf von Interieurs und der Organisation von handwerklicher Arbeit eher Geld verdienen lässt als mit dessen Ausführung.

Die Sache hat nur einen Haken: Renken mag sein Handwerk. "Mein Großvater, Vater, Onkel und Bruder waren oder sind alle Tischler." Damals, als er in der elterlichen Möbelbaufirma lernte, beschäftigte sein Vater 120 Leute. Die Arbeit im Betrieb verlangte Unterordnung und etwas, das sein Vater als Haarschnitt akzeptiert hätte. Damals trug Mann das Haar auch noch nach der Sturm- und Drangzeit lang.

Renken beantwortete das väterliche Ultimatum auf seine Weise. Er entschied sich für seine Haare und ging, blieb nach dem Studium der Holzbetriebstechnik und Innenarchitektur in Hildesheim aber seinem Metier treu. Er tischlerte in Bremen Innenausbauten. "Das lief eine Weile, irgendwann aber nicht mehr", erinnert er sich. Zeit für etwas Neues. Renken zog nach Hamburg und gründete Ende der Achtzigerjahre eine Firma, die es Möbeldesignern ermöglichte, ihre Produkte zu präsentieren. Den Namen hatte er von der Post-Punk-Band Public Image Ltd. Leider hatte die Idee einen Nachteil: Sie funktionierte nicht. Also kehrte Renken zum Ladenbau zurück, jetzt als Gestalter und Organisator.

Mittlerweile hat seine Public Image Design GmbH mehr als hundert Objekte realisiert, Kinos, Spa-Anlagen, Anwaltskanzleien, Buchhandlungen oder Friseursalons, nicht allein in Hamburg, sondern überall in Deutschland. In Prag hat er eine große Freizeitanlage geplant, in London eine Boutique eingerichtet und in Paris eine Wohnung. Renken hängt das nicht an die große Glocke. Man muss ihn beharrlich danach fragen.

Der Unternehmer sitzt früher als die meisten am Schreibtisch seines Büros in der Deichstraße mit Blick aufs Nicolaifleet. Kurz vor sieben gibt es in der Innenstadt immer einen Parkplatz, und er kann schon mal mindestens zwei Stunden ungestört von Anrufen arbeiten.

Mit Fleiß, Einsatz und ein bisschen Glück wurde aus dem einstigen Rohrkrepierer ein Geschäft. Ende der Neunzigerjahre konnte Renken, dem es eigenen Worten zufolge zwischendurch "richtig dreckig gegangen" war, wieder an etwas anderes denken als an seine Firma. An sein Handwerk als Ausgleich zur Kopfarbeit, an die ungestörte Beschäftigung mit einer einzigen Aufgabe. Er musste nur eine Nische finden, wo solche Arbeit auch bezahlt wird.

Renken erinnerte sich an seine Bremer Zeit. Als Jugendlicher hatte er damals in der Werft von Hermann Claus Bekanntschaft mit eleganten offenen Sperrholzmotorbooten gemacht. Also beugte er sich im externen Lager seines Betriebs im Gewerbegebiet hinter den Gleisen über eine renovierungsbedürftige "Riva Junior" von 1968. Ein Mahagoniboot mit welkem Lack, erblindeten Chrombeschlägen und stotterndem Motor. In aller Stille verwandelte er es bis Sommer 2002 in eine sehenswerte Antiquität.

Diese Restaurierung war Renkens Visitenkarte in der speziellen bis pingeligen Szene der Riva-Liebhaber. Das ist eine Art Oldtimer-Club für norditalienische Wasserstraßenkreuzer, die von 1949 bis 1969 unter der Leitung von Carlos Riva für vermögende Leute entstanden, die sich gern in einem schwimmenden Edelholz-Cabriolet zum kernigen Klang amerikanischer Vintage-Achtzylinder den Fahrtwind um die Nase wehen lassen. Etwa die Hälfte der insgesamt 4000 klassischen Riva-Boote existiert noch, allesamt Liebhaberstücke.

Die obligatorischen Stehempfänge und Galadiners, den Small Talk im blauen Blazer zur weißen Hose überlässt Renken gern anderen. Er ist aus völlig anderem Holz als beispielsweise sein Konkurrent Norman Bauer von der Berliner Boat Lounge. Der umgängliche, gewinnende Bauer ist bei den Veranstaltungen als eine Art Riva-Nanny präsent. Ein prototypischer Außendienstler. Bauer bietet das Rundum-sorglos-Paket für die empfindlichen Boote mit kapriziöser Motorisierung. Renken ist der Tüftler, der seinen Kunden handwerkliche Perfektion liefert und annimmt, dass diese damit umzugehen wissen.

Entspannung durch Arbeit

Inzwischen ist aus der Feierabendbeschäftigung ein Betrieb mit zwei Angestellten geworden. Alexander Mühle-Corcoran und Johannes Schultze arbeiten jeden Tag hier. Renken ist ab 14 Uhr dabei. Die drei beschäftigen sich mittlerweile mit der zwölften Riva. Mal ist nur das Konzertflügel-Finish der 17 polierten Lackschichten gefragt. Manchmal das ganze Programm mit neuen Planken. Die intensive Beschäftigung mit solch einem Boot kann ohne Weiteres hunderttausend Euro und deutlich mehr kosten. Wenn Renken einen Kunden interessant findet oder mag, dann deckelt er auch schon mal das Budget und rechnet nicht alle Stunden ab.

Wie bei einem Möbelrestaurator herrscht in der Werkstatt meditative Stille. Geredet wird nur, wenn es sein muss. Jürgen Renken ist ein ernster Mann und das Handwerk anspruchsvoll. Ein abrutschender Stechbeitel oder ein verkanteter Hobel - der Schaden wäre groß. "Wir machen hier praktisch nichts zweimal", sagt er.

Als eine seiner Arbeiten, das letzte Exemplar der Tritone-Serie anlässlich der Hamburger Bootsausstellung frisch restauriert gezeigt wurde, sah sich Thomas Lütje, der langjährige Inhaber einer angesehenen Werft für gediegene Yacht-Sonderanfertigungen das glänzende Finish des klarlackierten Mahagonis lange aus vielen Blickwinkeln an, ging nach einer Weile kopfschüttelnd vom Messestand und sagte: "Das ist ja Wahnsinn. Ich möchte nicht wissen, wie viele Stunden da drinstecken! So ein Möbel darf man gar nicht mehr in die Elbe heben."

Das Exponat ist Ergebnis einer fast zweijährigen Beschäftigung und entsprechend enger Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Bootsrestaurator. Konrad Börries, der Eigner des Bootes lernte Renken dabei "als Handwerker kennen, der die Arbeit in seiner Werkstatt braucht, weil er da kaum Zugeständnisse an die heute übliche Optimierung von Arbeitsabläufen und sogenannte Benchmark-Mentalität machen muss. Ich glaube Renken ist ein unruhiger Mensch, der einen hohen Anspruch an seine Arbeit hat und beim Bootsbau Ruhe findet, ein Rebell und Ästhet zugleich." Der Berliner Verleger bewundert dessen Sorgfalt. "Sie wird selten geliefert, auch wenn sie bezahlt wurde. Man braucht dazu eine Haltung, die vielleicht mit der Anfertigung japanischer Messer vergleichbar ist." Börries verstand es übrigens, den Bootsbauer seines Vertrauens weitgehend nach eigenem Gusto machen zu lassen.

Renken geht freundlich mit Kunden um. Doch kann eine Klientel, die sich überwiegend oder ganz den schönen Seiten des Lebens widmet, anstrengend sein. So hat er vergangenes Jahr einen Auftraggeber gebeten, sein halb fertiges Boot wieder abzuholen. "Es mag ja manche Enttäuschung mit Handwerkern geben. Ich verstehe auch, dass Mikromanagement mit ständiger Abfrage des Arbeitsfortschritts gerade schick ist. Aber die Kontrolle muss in einem erträglichen Verhältnis zur eigentlichen Arbeit bleiben. Sonst macht es keinen Spaß", sagt er. "Ohne Vertrauen, dass hier konzentriert gearbeitet statt getrödelt wird, geht es nicht." Aus diesem Eklat sei ein "für beide Seiten zufriedenstellendes, vertrauensvolles Verhältnis" geworden. Der Kunde ließ locker. Das Boot blieb in der Halle. Übrigens trägt Renken auch mit Anfang 60 das Haar etwas länger als die meisten Altersgenossen. Das Leben mag sich ändern. Doch kann man sich bei entscheidend erscheinenden Gesichtspunkten treu bleiben.

Viele Menschen können und wollen mehr als das, wofür sie bezahlt werden. Für dieses Problem hat Renken mit seinem clever getakteten Doppelleben als Einrichter, Planer, Organisator und nebenberuflicher Restaurator kostbarer Boote seine persönliche Lösung gefunden. Und ist bereit, den Preis dafür zu zahlen.

Er sitzt am Schreibtisch, wenn andere schlaftrunken nach dem Wecker tasten. Er beugt sich während unwirtlicher Wintermonate mit klammen Fingern in der notorisch kalten und dunklen Werkstatt über seine Bootsbaustelle. Am liebsten allein in den kostbaren Stunden exklusiver Sonderschichten. Fast jeden Tag, außer sonntags. Da ruht Jürgen Renken sich aus. -

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